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Gerald Uhlig

Gerald Uhlig im Gespräch mit Francisca Ricinski
Auch im tiefsten Dunkel noch ein Lachen
  Gespräch
   
Gerald Uhlig-Romero wurde 1953 in Heidelberg geboren und studierte am Wiener Max-Reinhardt-Seminar Musik und Schauspiel. Danach arbeitete er als Schau­spieler und Regisseur an zahl­reichen deutsch­sprachigen Theatern. Zusammen mit Yoko Ono insze­nierte er 1996 im Saarland und Berlin John Lennons und Yoko Onos Musical New York Story.
  Uber 60 Stücke hat Gerald Uhlig bislang verfasst und mehrere Bücher veroffentlicht, darunter: Alphabet der Fische. Gedichte und Zeichnungen. (Lardon-Verlag 2004); Berliner Melange-Geschichten aus dem Cafe Einstein Unter den Linden (Heyne Collection 2006); Und trotzdem lebe ich. Mein Kampf mit einer rätselhaften Krankheit (DVA 2009) und zuletzt den Roman stoff.wechsel (epubli 2011).
  1996 gründete er in Berlin das Cafe Einstein Unter den Linden und die Galerie im Einstein, wo er seither Werke inter­nationaler Foto­künstler sowie seine eigenen bild­neri­schen Arbeiten und Instal­lationen aus­stellt. Der Autor, Theatermacher und Bild­künstler leidet seit Kindheit an dem seltenen Morbus-Fabry-Syndrom.


Francisca Ricinski: Die heillose Krankheit, die ein halbes Jahrhundert nach Ihrer Geburt als eine terra incognita der Medizin noch im toten Winkel der Wissen­schaft stand, nistete sich in Ihrem früh­kindlichen Bewusst­sein ein und schritt fort oder setzte nur kurzweilig aus. Vitalorgane wurden massiv angegriffen, der Energie­zentren und -bahnen beraubt, der Lebens­odem beinah ausgelöscht, und trotzdem leben Sie! Glück oder die richtige Strategie?

Gerald Uhlig: Für die richtigen Strategien war ich in meinen Anfängen zu sehr ein unwis­sender Traum­tänzer mit brennenden Händen und Füßen. (die 70er Jahre waren auch die Jahre der Ideale und blödsinnigen Illusionen). Ich mußte mich zudem mit ganz anderen Dingen auseinandersetzen: die Schmerzen ertragen lernen …, den Zufall verstehen lernen …, häufig das Fenster offen lassen, denn nur so bekommst du den Wind des kleinen Glücks in dein Zimmer

F. Ricinski: Was dem Kind, das Sie waren, geschah, war bloß eine Laune, ein faux pas der Natur, der zufällig über Sie hereinbrach. So würden jedenfalls Verfechter der Evolutionstheorie die eingetretenen Anomalien auslegen, ohne aber die geistige Kraft der Schwächeren, die ihnen Siegchancen einräumt, in Betracht zu ziehen ... Und obwohl ich die Antwort schon ahne, da ich über Ihre Einsichten und Überzeugungen aus Darwins Dame der Evolution und anderen Kunstwerken und Statements Bescheid weiß, frage ich dennoch: Betrachten Sie diese misslungene Mutation in Ihrem Fall bloß als einen natürlichen Vorgang der Evolution, in ihrem Anstreben nach Vollkommenheit?

G. Uhlig: Eine Laune der Natur, ein kleiner zufälliger Fehler im Bauplan, mehr ist es nicht! Vollkommenheit? Der Mensch kann immer nur beginnen, nie vollenden.

F. Ricinski: Haben Sie all diese Bekümernisse überlebt, weil Sie, ein, sozusagen, abgefallener Schwächling, sich angepasst haben?

G. Uhlig: Ich habe überlebt, weil ich ab und an ein sturer Bock sein kann und weil ich mein Gehirn in seiner Funktionsweise kenne. Ich bin ein Hypochonder und ein Placeboclown .Die überleben immer.

F. Ricinski: Lag es auch an dem beharrlichen Widerstandskämpfer, der seinen fragilen Zustand annahm und dem scheinbar sinnlosen Dasein einen höheren Sinn verleihen wollte?

G. Uhlig: Ich war ein Einpersonen-Widerstandskämpfer der schnell begriff, dass die Evolution die eiskalte Poetin alles Gewordenen ist. Sie wacht über die Spieltische unseres Seins. Krankheit, Gesundheit, Sexualität, Tod, ständige Verän­derungen und einige andere Befind­lich­keiten sind ihre Mitspieler. Wir Menschen sind biolo­gische Experimente, unsere Emotionen Nerven­reizungen, nicht mehr, nicht weniger. Sinn? Das Leben ist eine völlig sinnlose Reise. Und der etwas höhere Sinn ist simpel: Jeder will doch erfahren, dass er von den anderen bejaht, geliebt, anerkannt und respektiert wird und dafür tun wir jeden Mist. Meine Strate­gie war folgende: Ich änderte meine Identität so gründlich, dass ich mich selbst auf der Straße häufig nicht mehr wieder erkannte. Damals, als junger Mann, war für mich die Un­ordnung meines Geistes heilig. In meiner Kunst wollte ich nichts anderes, als allen sagen, dass der Vater ent­thront werden muss, auf das ich, der Sohn herr­schen möge. Aber dann, später, bin ich wieder zur Gegenseite übergelaufen, und wurde selbst zu dem Feind, den ich einst hasste. Ich habe mein eigenes Selbst aufgezehrt.

F. Ricinski: Wie abgetrennt vom Euter der Erde und unschuldig vertrieben, von einem feurigen Schmerz­ring zum nächsten und von einer Demütigung zur anderen, bis in die Hölle, so stelle ich mir Ihre frühere Gestalt vor. Nicht die Hölle von Dante und auch nicht allein die von Sartre in Huis clos (L'enfer c'est les autres), wollen hier gemeint sein, sondern Ihre eigenen Höllenfahrten im Leib, ob Schicksal oder aleatorisches Geschehen ...
  Auch sein künstlerisches Gestalten sei aus nichts anderem gekommen als aus eigenem Schmerz, gestand Antonin Artaud, ein begna­deter Theate­rmacher wie Sie. Ließe sich in einem ähnlichen Satz der Grund oder die Achse Ihres Seins abzeichnen?

G. Uhlig: Alle Philosophie oder Kunst beginnt damit, dass man sich ungesunde Gedanken macht! Ich wollte ja auch nichts anderes, als von den anderen bejaht, geliebt, ja respektiert werden. Ich war, wie gesagt ein Ein-Mann-Rebell, ein Desperado, der die Kunsthallen überfallen hat mit seiner Kunst, die für mich auch immer die Sucht nach dem Geliebtwerden, nach der Umarmung des Erfolgs war. Bis heute empfinde ich mich als ein Mängelwesen, das der kindischen Illusion verfallen ist, man könne sich allein vom Applaus ernähren.

F. Ricinski: Zumindest brauchten Sie nicht, wie die Akteure im alten Rom, „valete et plaudite“ zu rufen ... Und der Beifall, den Sie reichlich erhalten, wirkt er nicht wie ein Nähr­stoff? ... Vor wenigen Jahren wurde endlich der Code dieser rätsel­haften Krankheit entschlüsselt und der von Ihnen ererbte Gendefekt als Morbus Fabry diag­nostiziert. Gelang es den Ärzten, den Degra­dierungs­verlauf Ihres leid­geprüften Körpers zu unter­brechen oder sogar zu stoppen? Wie entriegelte und entfaltete sich das Leben eines „Privile­gierten“ unter den Kranken nach dieser Spät­erkennt­nis der Forschung und dank einer unver­hofften Therapie­chance?

G. Uhlig: Nein, der Körperkrimi hört nicht auf. Seit neuestem macht mein Herz was es will. Es schlägt zu langsam, zu schnell, bleibt stehen. So wurde meinem Herzen vor ein paar Wochen eine kluge Maschine zur Seite gestellt (eingepflanzt),welche das Herz durch elekro­magnetische Impulse diszi­pliniert. Die Maschine ist weitaus intel­ligenter als mein Evo­lutions­muskel. Fabryleute sterben im Durch­schnitt zwi­schen ihrem 40. und 50. Lebens­jahren. Ich bin nun 58 und hoffe noch, mein neues Filmprojekt miterleben zu können.

F. Ricinski: Und das Rauschen des Todes, die Angst und die Schatten des Zweifels – sind sie noch vernehmbar, oder setzen sich immer mehr entfesselte Bilder, Töne und Worte durch?

G. Uhlig: Ich habe mein Leben als eine Komödie der Evolution angenommen. So will ich es auch in meinem Film erzählen. Drama und die Leute laufen einem ja sonst aus dem Kino oder schlagen das Buch zu. Alle bestehen wir aus Angst, 80% Wasser und 100% Zeit. Keiner will die natür­lichen Wahrheiten sehen, aus denen wir bestehen, am aller­wenigsten bei sich selbst, alle wollen wir uns ablenken, sind nichts als Touristen in unserem eignen Leben. Mehr Wahrheit können wir nicht ertragen.


Gerald Uhlig
Und trotzdem lebe ich:
Mein Kampf mit einer
rätsel­haf­ten Krank­heit
DVA 2009
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F. Ricinski: Um das Leben ertragen zu können, muß man den Tod an­nehmen. Scheinbar haben Sie diese Maxime von Sigmund Freud schon lange begriffen und verin­ner­licht – und auch dass die Gebärende einer Persönlichkeit das Leiden ist. Ist der Tod aber das eigent­liche Ziel des Lebens, wie der Wiener Psycho­analitiker es behauptet, nur der Tod?

G. Uhlig: Der Tod ist nicht nur das Endziel des Lebens, die Angst vor ihm hat unsere gesamte Kultur entstehen lassen und geprägt. Das Leben ist nichts anderes als das Warte­zimmer des Todes. Leben ist immer ein gefährdetes Projekt. Aber wir können nie tiefer fallen, als es die Natur für uns Menschen vorgesehen hat. Trotzdem, auch bei allen Wellness­medita­tionen, nur der Tod erlöst uns von unserer Todesangst.

F. Ricinski: Könnte man, so selten es klingt, von einer positiven Rolle der Krankheit für Ihr Wesen sprechen? Oder anders gefragt: Ist die Kunst Ihre andere, pertinente Antwort auf die Sackgassen und Labyrinthe des Lebens, im Sinne von Schiller, der An die Freunde schrieb: „Aber hat Natur uns viel entzogen,/ war die Kunst, uns freundlich doch gewogen,/ unser Herz erwarmt an ihrem Licht.“

G. Uhlig: Viele um mich herum haben Tumore, andere liegen in meinem Alter bereits mausetod am Schreib­tisch. Aber auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot und hat viel­leicht sein Leben verpasst. Ein kurzes, authenti­sches Leben kann manch­mal erfüll­ter sein als ein langes, und man kann um einiges glück­licher leben, wenn man Frieden mit seinem Leben, seinen Krank­heiten und dem Tod macht. Es gibt so viele gesunde Schwach­köpfe, die lustlos durch ihr Leben stolpern, und Menschen mit Krank­heiten und Behin­derungen sind nicht selten Lebens­künstler mit praller Lust am Dasein.

F. Ricinski: Irgendwann wären Biografen auf Ihre ergreifende, beispielhafte Lebens­geschichte gestoßen, die sie dann akribisch für uns und die Nachwelt fest­gehalten hätten. Vor wenigen Jahren griffen Sie aber selbst zur Feder und schrieben mit schöpferischem Druck über Ihr Dasein, wie in einer intuitiven Über­einstimmung mit St. Augustin, an der Stelle, wo er uns Menschen als das Gedächtnis von uns selbst definierte.
  Und trotzdem lebe ich. Mein Kampf mit einer rätselhaften Krankheit ist also Ihre Autobiographie und noch mehr als das, finde ich. Es sind zu­sammen­gebun­dene Fäden einer Chronik des Leidens, dessen ursäch­licher Kern sich erst spät, sehr spät durch­leuchten ließ. Und sie ist die Offen­barung eines wandlungsfähigen, in sich hinein­hörenden Menschen mit der „doppelten Staatsbürgerschaft eines Kranken und eines Gesun­den“, wie Susan Sonntag sagen würde, ist ein Schrei in extremen Tonlagen und Klangfarben, inständig, der sich langsam zu einem disso­nanten, dennoch ver­söhnlichen, heil­samen Gesang entwickelt. War es diese schwere Stoff­wechsel­störung, die Ihnen eine sinnliche Perzep­tion der innersten Szenarien ermög­lichte und Sie später dahin brachte, Befreiung und Trost, eine Steigerung des Erträg­lichen und virtuelle Kom­muni­kations­brücken bei den Künsten zu suchen?

G. Uhlig: Anfangs fand ich die Kunst toll. Man konnte irgendetwas behaupten und morgens lange schlafen. Ich habe für das Entstehen meiner Kunstwerke und Texte alles verwendet, was mir brauchbar erschien, so wie es doch auch die Dame Evolution bei der Auswahl neuen Lebens macht: Eine Collage aus Atomen, Nukleinsäuren, Genen, Erin­nerun­gen, Proteinen und Begierden. Und jedes ent­standene Kunstwerk oder jeder entstande Mensch will doch nichts anderes, als sich in der Welt behaupten. Nur, so­lange meine Kunst keine Krank­heiten heilen kann, bin ich für mich als Künstler gescheitert. Heute interes­siert mich weniger die Kunst als die Wissenschaft, die Forschung, Dinge, die sich erkennen und beweisen lassen.

F. Ricinski: Warum gerade eine Autobiografie?

G. Uhlig: Es ist völlig egal, ob wir unsere Geschichten erfinden, oder selbst erlebt haben: Sie müssen nur eines: gut unterhalten.

F. Ricinski: Eine Frage der Genauigkeit oder, im Gegenteil, der Vorzug verzweigter Erinnerungen, mutmachende Option?

G. Uhlig: Wir basteln unsere Biografien nach dem Stoff, der sich in unseren Gedanken, Erin­nerungen und Gefühlen eingenistet hat. Mit den Erin­nerungen kann man wunder­bar in der eigenen Geschichte spazieren gehen. Dabei wird man ihr nie so begegnen, wie sie wirk­lich war! Ich bin mit Geschichten angefüllt, die mir das Leben gebracht hat. Jeder von uns besteht letztlich aus einer Vielzahl kleiner Geschichten. Der Mensch ist nun mal das Tier, das sich Geschichten erzählt, jede Familie hat ihre eigene Geschichte, ihre eigene genetische Geschichte und in jedem von uns liegt ein tiefes Verlangen, seine eigene Geschichte zu erzählen. Die Vor­stellung, zu sterben, ohne seine Geschichte zu Ende erzählt zu haben, gibt uns doch das furchtbare Gefühl, niemals gelebt zu haben. Solange ich lebe, werde ich erzählen. Ob Fiktion, oder aus dem eigenen Erleben heraus, das spielt keine Rolle. Wer lebt, erzählt.

F. Ricinski: Sie haben erst nach der Nieren­trans­plantation damit angefangen. Bedeutete dieser ausgesuchte Moment ein Wendepunkt in Ihrer Lage – hinter Ihnen der Abgrund und vor Ihnen ein offener Weg, gepflastert mit Neu­hoffnung?

G. Uhlig: Hoffnung ist ein Begriff, der in meinem Leben so nicht vorkommt. Ich habe Angst, keine Aufgabe zu haben. Ich hasse es, nichts mit mir anfangen zu können. Ich muss immer wissen, was ich als nächstes zu tun habe. Ich muss was zu tun haben, weil ich sonst die Übersicht über mich verliere. Ich vergesse mich ohne an einem Projekt zu arbei­ten.

F. Ricinski: Und trotzdem lebe ich – ein Buch, das den Leser, auch den mit intakten Genen, berührt und erbaut. Das „nackte“, unbepuderte Hervortreten verlangte wahrscheinlich von Ihnen eine Menge Überwindung und Mut. Kam die „Mut­maschi­ne“ beim Schreiben zum Einsatz oder war es doch nicht so ein Hemmnis oder unbe­hagliches Unternehmen?

G. Uhlig: Ich habe selten Hemmungen, da sich bei mir sehr früh der Gedanke eingenistet hat, dass ich nichts zu verlieren habe. Mit dieser Mentalität hätte ich eigentlich mehr Erfolg haben müssen. Aber ich bin auch ganz schon bequem.

F. Ricinski: Werden durch Schreiben und während des Schreibens grundsätzlich Glücks­stoffe ausge­schüttet?

G. Uhlig: Selten. Ich sitze lieber am Kaffeehaustisch und rede, oder ich flirte, lese gerne Zeitung. Schreiben ist für mich Überwindung und Schwerstarbeit. Sprache bedeutet für mich gekonnter Tanz und Rhythmus. Beim Schreiben muss ich ständig korrigieren und nachbessern. Ein furchtbarer Aufwand.

F. Ricinski: Wenige Jahre danach machten Sie sich als „nur Schriftstehler der Dinge“ an eine andere Gattung heran, obwohl, wie Ihr Protagonist Peter Baaks meinte, die Literatur nur halbfähig sein soll, ein Leben zu erfas­sen, seine Wahr­heiten als Gescheh­nisse zu stehlen. Aus welchem Bedürf­nis heraus schrieben Sie den Roman „stoff.wechsel“?

G. Uhlig: Damit ich etwas zu tun habe. Und da mir mein Gehirn ständig Geschichten diktiert, und mir mein „Selbst“ und mein“ Ich“ ab und an abhanden kommen, muss ich mich während des Schreibens an mich zurückerinnern. Letztlich könnte ich auch reisen oder schwimmen oder spazieren gehen oder flirten, was ich am liebsten tue. Nur darüber berichtet keiner. Wenn ich einen Roman schreibe, ist die Möglich­keit größer, dass man über mein Gehirn in Aktion berichtet. Eigentlich bin ich ein genetisch behindertes Luxus­wesen.

F. Ricinski: Vielleicht auch, um „den erretteten und weiter­ent­wickelten Wahnsinn“ Ihres Lebens abzuschließen und „ihn als Literatur zwischen zwei Buchdeckel zu quetschen“?

G. Uhlig: Unser Drama: Kinder zufällig erzeugt; reinlich erzogen; mit ererb­ten Göttern belastet, ererbte Denkfehler im Gehirn. Weiter­entwickler ererbten Wahn­sinns. Bis zum countdown.


Gerald Uhlig
stoff.wechsel
epubli 2011
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F. Ricinski: Ende 2011 erschien bei epubli Verlags­gruppe Holtz­brinck stoff.wechsel. Ohne dass dieser Titel einen obses­siven oder leitmotivischen Begriff be­inhaltet, wirkt er doch wie ein Signal­wort, das ein wieder­keh­ren­des, bedeu­tungs­vol­les Thema Ihrer Schreib­kunst ankün­digt. Durch den Punkt, den Sie innerhalb des Wor­tgefüges augen­fällig gesetzt haben, wurde die enge Bezie­hung der zwei Teile Ihrer Syntagme vorüber­gehend unter­brochen, und so kann jedes Wort, bevor man die sinngebende Einheit (als Metabolismus) wieder­her­stellt, auch für sich bestehen. Und so führt dieser Ein­dring­ling der Inter­punktion zu einem sub­tilen Sin­nes­wandel, wie z.B. von dem aufge­nom­menen Stoff im Körper zu der ide­ellen Grund­lage Ihres Romans – dem Er­zähl­stoff. Auch an anderen Stellen spielen Sie mit den Wörtern, gestalten Sie neu, und diese Neigung ent­schärft für einen Au­gen­blick die Ernst­haftig­keit eines Begriffs im Kontext. Wie bedienen Sie sich grund­sätz­lich der Sprache, wie gehen Sie mit diesem Thesau­rus um? Wie verstehen Sie als Autor des 21. Jahr­hunderts ihr zu dienen?

G. Uhlig: Meine Mutter hat sehr darauf geachtet, dass wir Kinder ein gutes Deutsch sprechen. Ihr habe ich mein Sprach­ver­mögen zu verdanken. Mit der Kraft meiner Augen und der der Sprache habe ich meine Straßen und Kontakte gebaut. Ich sehe mich als Jongleur des Alphabets. Ich spiele mit der Sprache. Dann wieder zwingt es mich zu einer Genauig­keit, die mir höchste Konzentration abfor­dert. Ich kämpfe ständig gegen meine Bequem­lichkeit, gegen meinen Kaffee­haus­müßig­gang. Hätte ich den Ruhm wie Marcel Duchamp, ich würde nie wieder ein Kunst­werk machen, kein Buch mehr schreiben, sondern nur noch Schach spielen. Letzt­lich erlege ich mich selbst, wenn ich mir nicht end­lich eine Ruhe gebe.

F. Ricinski: Es geht in diesem Kurzroman um die symbolische Reise durch sich und sein Selbst, mit lauten und unter­schwel­ligen Anklagen einer ab­leh­nenden Seele, hervor­gerufen durch das schlaf­lose Gedächt­nis des Leidens. „Stoff.wechsel“ ist keine direkte Autobiographie mehr, sondern eine Suite von Lebens­sequenzen und -stationen eines Prota­gonisten, der in der dritten Person von sich wie über einen Fremden erzählt. Und diese Verfremdung, mit Introspektionen, Rück­blenden und Über­blendungen oder Projektionen, bietet dem Leser neben der Erfül­lung eines höheren literarischen Anspruchs weitere Mög­lich­keiten der Selbsterkennung oder verglei­chenden Nach­denkens über Mäander und Abgründe des eigenen Daseins. Die frei gespon­nennen Fäden seiner Erzählung (meist ein innerer Monolog) kreuzen sich mit dem beißenden, ungestümen Ton der Diskurse. Peter Baaks prangert damit das unnzu­mutbare Verhalten der Erwach­senen an, die seinem Herzen Angst und Unfrieden einflößten und ihn als andersartig und von minderem Wert betrachteten: Nur ein klein wenig Inter­esse an seiner kleinen Person hätte ge­reicht, ihn „aus dem Schlamm dieses bestimmten Gefühls, er sei ein Nichts, eine Null­nummer der Schöpfung, ein Loch in der Natur, heraus zu ziehen“. (Freud hatte recht, denn viele Störungen im reifen Alter wurzeln in der Kindheit). Auch mit seinen ekel­erre­genden, geschwät­zigen Zeit­genossen und über­haupt mit der Spezies Mensch rechnet er auf seine sarkas­tische Weise ab. Wie ver­zweifelt sollte er gewesen sein, um sich zu wünschen, im Labor seiner eigenen Welt einen anderen homo sapiens ent­stehen zu lassen?! Kein Golem zum Glück und auch kein Homunculus, und den­noch die schauer­volle Vision eines künst­lichen Geschöpfs. Wäre dies eine bessere Alter­native für ihn und die Gesell­schaft gewesen?

G. Uhlig: Ich habe mir beigebracht, die Schönheit sehen zu können, wenn ich gegen­wärtig bin. Das ist sehr viel. Dumm­heit und Tumb­sein ekeln mich, auch das Stoff­wechsel­geschehen meiner Mit­menschen. Ich brauche eine Menge Abstand. Massen können mich zum Erbre­chen bringen. Sorry …

F. Ricinski: Kein eigenes Stoff­wechsel­geschehen wird im Roman aus­drück­lich beleuchtet und doch schwingen Saiten Ihrer Seele mit, auto­bio­grafische Züge lassen sich mancherorts leichter vermuten. Baaks Mutter hatte ihm immer gesagt, er solle sich nie damit abfinden, nur ein Hamster zu werden. Wie schafften Sie es, der Unwill­kommene auf dieser Welt, Geisel eigener dunkler Gedanken und Empfin­dungen, Sie, der aus jeder „Normali­tät“ Getriebene, mit den Ernie­drigungen und den erschüt­ternden Traumata in sehr jungen Jahren fertig zu werden?

G. Uhlig: Ich bin eben mit diesen Geschichten nicht fertig geworden. Bis heute nicht.Und wie ich im Roman sage: Aus der Absurdität der Dinge habe ich mein bisschen Licht und Ich und Selbst gebastelt. Aber noch heute bin ich enttäuscht von mir, so wenig zustande gebracht zu haben .Da ist mir meine Krankheit auch kein Trost.

F. Ricinski: Also haben Sie sich, so wie Baaks sich vor­stellte, ein Selbst aus dem Staub der Dinge erschaffen ... Jedenfalls konnten Sie auch ohne eine Mut­maschine das Gefühl erstellen, mitten­drin zu sein, von vielen geachtet, bewundert ..., und das hält und hält an! Was für ein seltenes, seltsames Lebe­wesen sind Sie, Gerald Uhlig, das allen negativen Erfah­rungen zum Trotz, immer noch sagt, dass man die Menschen lieben und Ihnen helfen muss?

G. Uhlig: Sage ich das? Ich liebe die Menschen nicht. Ich liebe meine Tochter. Und die hat leider meine Krankheit geerbt. Sie liebe ich über alles.

F. Ricinski: Nichts und niemand kann, was Ihnen bzw. Ihrem alter ego passiert ist, ungeschehen machen. „Du sollst immer ein Stück Himmel über deinem Leben bewahren“, rät aber ein anderer Kranker, ein Asthmatiker namens Proust. Wie sieht Ihre eigene Läuterung aus?

G. Uhlig: Auch im tiefsten Dunkel noch ein Lachen.

F. Ricinski: Trieb die Arbeit an diesem Roman die Heilung Ihrer Seele voran?

G. Uhlig: Kunst, Literatur heilt nie.Tröstet nicht einmal. Wenn das DNA-Alphabet Fehler hat, heilt nichts. Ein Fehler im Bauplan bleibt auf immer ein Fehler im Bauplan. Hat jemals ein Psychologe geheilt? Nein. Nur das Vergessen heilt. Ich lebe durch Vergessen.

F. Ricinski: Trug sie zu einer Besänftigung oder sogar zu einem versöhnlichen Umgang mit den Schatten Ihrer Vergangenheit bei, oder tun Sie sich immer noch schwer damit?

G. Uhlig: Durch meine lieblose Kind­heit leide ich manchmal unter dem Wal­hol­syndrom: Stehe ich nicht jeden Tag in der Zeitung, gibt es mich nicht .

F. Ricinski: Und der folgende Satz gehört Ihnen: „Ständiges Klagen und Schuld­zu­weisungen seien ver­geudete Lebens­zeit“.

G. Uhlig: Kann ich immer wieder unterstreichen.

F. Ricinski: Der Begegnung mit der jungen Malerin, die einen Misanthropen wie Baaks in einen unwiderstehlichen Erregungszustand versetzt, und dem vollzogenen Geschlechtsakt im Schlafwagen folgte Johannas Selbstmord. Schon im Prolog des „Stoffwechselsromans “, der „wie ein Krimi beginnt“, macht sich die Mehrdeutigkeit Ihres Ausdrucks bemerkbar: „Weil sie das Talent hatte, glücklich zu sein“, klang die etwas paradoxe Antwort des Schrifttstehlers auf seine eigene Frage nach dem Motiv von Johannas Selbst­mord. „Baaks' Haar wurde von einer Sekunde zu anderen schneeweiß“. Der Farbstoffwechsel ist also als Effekt eines unmittelbaren Schock­erleb­nisses zu verstehen. Damit setzten Sie dieses Geschehen ins Jetzt. Genau so gut könnte es aber das Zeichen seiner eingetretener Alterung in einer extrem ver­dichteten, verzahnten Vergangen­heit und Gegenwart sein, weil er von dem Subjekt seiner Begierde getrennt und der Transfer sinn­licher Energie abge­brochen wurde.

G. Uhlig: Sie sind eine sehr kluge Beobachterin. Ich bin fasziniert.

F. Ricinski: Über einen zufälligen Mitreisenden erfuhr Baaks aber, dass Johannas Selbstmord schon vor acht Jahren statt­gefunden hatte, und diese Mitteilung verun­sicherte den Geschäftsmann. Die zeitlichen Umstände und die angenommene Wirklichkeit ihres Todes werden plötzlich relati­viert. Wann genau und ob es überhaupt so passiert war, und wer die weibliche Gestalt sein konnte – wirft Fragen auf, aber vieles bleibt zwiespältig, diffus. Und es ist gut so, auch wenn dadurch die Charaktere nur aus großen Um­rissen bestehen, sogar ein wenig surreal wirkend. Mal dehnt sich die Zeit in diesem Roman aus, mal flutet sie über und mal komprimiert sich, wird übergestapelt, einge­froren, beinah auf­gelöst.

G. Uhlig: Erstaunlich, wie ähnlich Sie mit der Autorin der FAZ zu stoff.wechsel. sind. Falls es Sie interessiert: newsroom

F. Ricinski: Wenn manch vereinbare Eindrücke oder Betrachtungen vorkommen, liegt es, wenn nicht an den Zufall, wahrscheinlich an die Offensichtlichkeit bestimmter Text­merkmale & Teilaspekte Ihres Romans. Auch ein ähnlich geübtes Leserauge, ähnliche Fähigkeit oder Art, einen Text zu erfassen, literarische Affinitäten etc. würden solch unbeab­sichtigte Annähe­rungen bzw. Ent­sprech­ungen erklären. Hatten Sie vor, mit „stoff.wechsel“ implizit ein Buch über die Zeit zu schreiben?

G. Uhlig: Ja. Es ist ein Buch, das nur heute funktioniert, denn wen interessiert morgen noch das Mittelalter von heute ...Wir sind schnell, und können hoffent­lich bald den bio­logi­schen Körper abschaffen. Es ist zum anderen die Geschichte einer Herz­trans­planta­tion.(ein kaltes Herz will gegen ein warmes Herz getauscht werden. (Das wäre meine nächste O.P.) Die Story spielt während eines Narkose­traums. Ich hatte diesen Traum bei meiner Nieren-Trans­plan­tation und habe immer aus der Tiefe Mutter gerufen. Ferner gibt es Ähnlichkeiten mit der Bio­graphie von Steve Jobs (war unbeab­sichtigt). Nahe Zukunft: Es wird nicht mehr lange dauern, bis das erste Bild für eine Milliarde Dollar versteigert wird.

F. Ricinski: Was bei Proust über den Geschmack ausgelöst wurde, nämlich die Suche nach der verlorenen Zeit, entsteht bei Uhlig im Auge des Reisenden, auf der Netzhaut. Zum Beispiel, dass die wieder­keh­rende Illusion eines kleinen Jungen auf dem Gang des Zuges nichts anderes sei als die Visua­lisierung von Baaks' kind­lichem Ich. Erlebten Sie eine sinn­liche Wahr­nehmung der Zeit wie einst Marcel Proust? Wie betrachten Sie die Zeit, die allein durch die Kraft der Erin­nerung und Ein­bildung wirkt oder beein­flusst wird?

G. Uhlig: Die Zeit richtet uns dahin. Das Alter ist die Demütigung der Zeit. Die Zeit ist nichts anderes als ein Kratzen an der Wand der Todeszelle des Lebens. Erinnerung ist abge­standene Zeit. Und wenn man seine Erin­nerungen verliert, verwandelt man sich in Jemanden, den man noch nicht mal kennt. Und der, den man kannte, verschwin­det. Meine Gedanken waren auf einmal so wild, dass ich plötz­lich von meinem eigent­lichen Ziel abge­schnit­ten war und meine Sätze klangen so, als würfelte ich nicht bei Tag im Licht, sondern im Dunkeln. Meine Gedanken trockneten am unteren Rand aus, Stück für Stück verdampften sie, und ich kehrte zurück in den Ozean ohne Erinnerung, ohne Zeit. Mein Gehirn begann Ballast abzuwerfen, ich vergaß mich selbst, ehe die Welt beginnen konnte, mich zu vergessen. Plötz­lich hatte ich das Gefühl, dass ich den Sonnenaufgang am Horizont nicht mehr erkennen konnte. Ich fand im Spiegel der Wellen mein Gesicht nicht mehr. Wenn ich die Wände meines eignen Ichs zu erfühlen versuche, fiel mich diese große, namenlose Trauer an. Ich konnte nur noch die Luft atmen, die ich vorher abgekocht hatte. Ich hatte nie gelernt ein Ich zu sein, das ohne die Gunst des Publikums überleben konnte.

F. Ricinski: Die erotische Episode mit Baaks und Johanna erinnert mich an ein anderes literarisches Paar, dessen Los und Hingabe sich mit ähnlicher Intensität ereignet. Auch die Beweg­gründe von Faust (denn an seine Liebesgeschichte will ich hier anknüpfen), der von Helenas Schön­heit betört ist, sein Vorgehen, und auch die Leitidee, dass Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereinen können, unterscheiden sich nicht allzu viel von dem, was in Ihrem Roman geschildert ist.

G. Uhlig: Es ist alles geschrieben, neues unter der Sonne gibt es nicht mehr!

F. Ricinski: Nicht mehr oder noch nicht?! ... Faust bracht Helena in einen kleinen Wald, um dort den Augenblick mit ihr auszukosten. Der Liebesakt von Johanna und Peter findet an einem weniger poetischen Ort – nämlich im Schlaf­wagen, statt, aber auch sie geniessen das volle Glück. Beide Paare fühlen sich jenseits aller Zeiten und Räume der Welt. Anschließend wirft sich Johanna, die junge anziehende Frau, vor den Zug. Die mythische Helena verabschiedet sich von Faust und löst sich auf. Wo Sie sich künstlerisch mit Darwins Theorien beschäftigen, bestätigen Sie die Sexualität als einen Weg der Evolution. In diesem Zusammen­hang: Würde Johanna eher den Weiblichkeitsarchetyp verkörpern, des Lebens Grundpfeiler? Oder ist sie nur eine Erscheinung, eine heiße Wunschvorstellung? Stimmen Sie diesem Parallelwagnis zu oder ist dieser Exkurs zu abwegig?

G. Uhlig: Johanna verkörpert für mich das Prinzip der Dame Evolution und als solche kehrt sie im Roman auch wieder zurück. Sie ist das Leben selbst, die Sexualität, der Tod, der Zufall, die Schönheit. Unsere Wirklichkeit, unser Geworden­sein, all das steckt in diesem dünnen Romanchen. Er wiegt genausoviel wie ich 55g. (55 kg)

F. Ricinski: Und auch der zufällig reich gewordene, ältere Baaks, dessen Libido sich wie ein Feuer entfachte, wollte vielleicht gar nicht das dauerhafte Glück besitzen, sondern dem Augenblick das Höchste entreißen, stehlen und, Faust ähnlich, es festhalten. Es ist schön, dass auch hier nicht alles verdeutlicht wurde, die Tür für die Auslegung offen bleibt: Zauber und Gegenschlag, Binden und Lösen oder anders gesagt, das Binom von Eros und Tod.

G. Uhlig: Das ist wieder sehr klug von Ihnen formuliert!

F. Ricinski: Spiegelt diese Schilderung bzw. Andeutung einen unvermuteten romantischen Bestandteil Ihres Wesens, der mit Ihren anderen Persön­lichkeits­zügen koexistiert, oder handelt es sich eher um die exklusive Sichtweise Ihres Helden und bewusst einge­setzte Romantikelemente oder Ausläufer der früheren Literatur­strömung?

G. Uhlig: Ich habe soetwas wie einen literarischen Krimi versucht. Auch bin ich kein Literatur­wissen­schaftler. Dinge wollen aus mir heraus. Und ich lasse es zu. Zudem irgendetwas muss ich ja tun, im Vergehen der Zeit.

F. Ricinski: Weder das Thema Ihres Romans noch die Erzähl­technik sind neu. Noch zu wenig Inno­vatives, Uner­hörtes, Provokatives, wie es in Ihren anderen Kunst­sparten und -werken der Fall ist. Jen­seits manch abge­flachter, leicht redun­dan­ter Abschnitte und Gemein­plätze, eines vereinzelten déja-vu-Gefühls, schwingen jedoch ein elo­quenter Parlando- und ein fein nuancierter Ton mit. Die Unter­tei­lung in 41 Kapitel mit vorstehenden Leitsätzen und Résumées weist zwar auf die Klarheit einer klas­sischen Struk­turierung des Textes hin, aber ansonsten ist Ihr Roman ein modernes Gemisch aus realer, fiktio­naler und surrealer Darstellung, ein Durch­weben von Damals, Nirgends und Jetzt, mit Stac­catos und Sprüngen, Erzähl­fluss inter­ruptus, eine Hybride im besten Sinne des Wortes. Und ob die Fiktion in ent­sprechender Propor­tion zu den anderen Bereichen steht oder nicht, ein Roman setzt die Erfin­dung voraus, und sie ist in „stoff.wechsel“ vorhanden. Gerade durch das einge­willige Collagieren und weil Ihr Roman so unein­heit­lich bleiben wollte, ent­wickelte er sich zu einem einzig­artigen Buch.

G. Uhlig: Danke.

F. Ricinski: Werden wir demnächst mit einem Buch überrascht, dessen Thema sich neu anhört, und wo Sie die Sprache und die Stilmittel kühner einsetzen?

G. Uhlig: Mein neues Buch ist schon längst im Entstehen. „Die Erfindung eines Kaffee­hauses“ könnte es heißen. Stilmittel kühner? Bin ich zu anbie­dernd in meinen Gedanken und damit in meiner Sprache? Sie meinen, da ist es wieder: Der Junge will um alles in der Welt geliebt werden.

F. Ricinski: Ach wo! Wie lässt sich von Ihnen die Aufgabe eines modernen Schrift­stellers, der Sinn seines Werkens und Werkes näher erläutern? Denken Sie wie Adorno, dass es heute Aufgabe der Kunst sei, „Chaos in die Ordnung zu bringen“? Ist sie ein Spiel mit ernsten Problemen, wie Kurt Schwitters meint?

G. Uhlig: Chaos und Ordnung organisieren sich selbst. Da brauchen wir keine Kunst. Das ist der Herzschlag der Natur. Wir Menschen sind nur chaotische Statisten.

F. Ricinski: Die Aprikosenbäume gibt es, die Aprikosenbäume gibt es, jubelt Inger Christensen zu Beginn ihres Langgedichts „Alphabet“. Die Alphabete gibt es, beschwört sie. Und den Regen der Alphabete gibt es, und ein Gehirn im Innern der Sinne ... Uhligs Olivenbäume gibt es auch, und sein Alphabet, auch wenn es anders aussieht als z.B. das Anemonenalphabet der großen dänischen Dichterin, aber in einem analogen „Innern der Sinne“ vernetzte das Gehirn seltene Namen und Sätze aus zusammengerückten Buchstaben. Ölbäume mit den Wurzeln in die Erde verankert und, anstelle der Steinfrüchte, Leuchtschriften an den Ästen befestigt, das sind die ursprünglichen Komponenten einer singulären poetischen Idee gewesen, die Sie zwei Jahre später in Form einer begehbaren Installation vollendeten. Die lebendigen und die dinglichen Teile stehen vordergründig in keinem kausalen, erkennbaren Zusammenhang, es waren Ihre Fantasie und die vielen Gedanken an die mitbetroffenen „Kinder(n) des Seltenen Alphabets“, die aus einer ungewöhnlichen Assoziation von Natur, Wissenschaft, Werbekunst und Lichttechnik etc., ein besonderes Kunstwerk mit einer nachvollziehbaren Aussage schufen. Warum haben Sie den Ölbaum der immergrünen Zypressen oder der anderen Bäumen bevorzugt? Vielleicht weil er schon in der Mythologie und auch in der Bibel, in der Antike als Lebensbaum steht?

G. Uhlig: Die Olive ist ein sehr positiv be­setzter Baum. Und in seiner Ent­wicklungs­geschichte auch sehr alt. Und da leuchtet aus ihm heraus die Mutation. Weit sichtbar.

F. Ricinski: Natürlich wachsen die Bäume nicht in den Himmel, d.h. auch diese Aus­stellung in der Galerie des berühmten Berliner Café Einstein konnte keine seltene Krankheit heilen, aber die „Stimme der Kunst“ verschaffte sich vermutlich mehr Gehör für die ungenügend beachteten Nöte und Sorgen als ein elaborierter Vortrag, machte Mut und gab „rastlose Hoffnungen“, wie Inger Christensen einen solchen Zustand so zutreffend ausdrückte. Noch lange sei nicht alles verloren, auch wenn vieles dagegen spricht oder anders aussieht, schien diese Instal­lation nicht nur den Kranken, sondern allen Anwesenden zu sagen. Welche positiven Auswirkungen hatte Ihr „seltenes Alphabet“ in der Öffentlichkeit und bei den Medizinern und Forschern?

G. Uhlig: Die Ausstellung“seltenes alphabet“ wurde auf die Insel Mainau eingeladen und war dort fast fünf Monate zu sehen. Sie soll, wenn Brüssel bezahlt, durch ganz Europa tingeln. Aber das obliegt anderen Kräften.

F. Ricinski: Ich glaube, zu dem Gehalt Ihres seltenen Alphabets und zum Gesamtwerk, überhaupt zu Ihrer Persönlichkeit passt kein besseres Motto als das dreizehnte Gedicht des „Alphabet“ dieser großartigen Lyrikerin! Wollen Sie einige Verse davon hören? Also: „ich schreibe wie ein vom tode gezeichneter/herbst schreibe wie rastlose hoffnungen,/wie lichtstürme quer durch nebelhafte erinnerung /...ich schreibe wie der wind/ schreibe in der luft/ wie die pflanzen schreiben/ mit stielen und blättern ...“ Hält sie nicht etwas wie einen rotierenden Spiegel vor Ihren Augen? Konnten Sie sich darin wiedererkennen?

G. Uhlig: Ich bin ein Chamäleon. Ich kann mich in vielem wiedererkennen. Mein Problem: In zu vielem. Vielleicht deshalb, weil es mich einfach nicht gibt und ich dies, im Gegenteil zu vielen anderen, auch zugebe.

F. Ricinski: Nun lasst uns die Uhren zwanzig Jahre zurückstellen, zu der Stunde, als in der Neuen Nationalgalerie von Berlin Ihre szenische Performance „Das Lied der Karpfen“ begann. Da ging es, so viel ich weiß, um die effekt­volle, provo­kative Hommage an Otto Dix, anhand seiner Früh­bilder des Krieges und Elends, und der religiösen Inhalte seines späteren Werkes. Biographie­bezüge, verwoben mit Ihren eigenen Insertionen, trugen zu der Komplexität Ihrer Show bei. Leider befand ich mich nicht unter den Zuschauern, dennoch konnte ich mir dieses auf­fallend wilde Spek­takels vorstellen. Das Ganze wirkte – nicht wahr? – wie eine Trans­position der Dix-Werke in einem Format großen Ausmaßes – als hätten sich die einzelnen Bilder von der Wand abgelöst und in die Happening-Räume hinein­begeben. Insbe­sondere haben mich die Dramatik der natura­listischen Szenen im Schluss­teil erschüt­tert. „Hier muß ein Herz zu finden sein, hier muß eine Seele zu finden sei. Nirgendwo finde ich ein Herz, eine Seele, weder im Krieg noch im Bordell“, beklagte sich der Kunstjäger, während er in den Einge­weiden eines mexi­kanischen Haifischs wühlte. „Nur Gehirn, Blut, Gedärme“... So klang das Drama um das entseelte, seiner Illusionen und Träume beraubte Wesen. Der Künstler, der an sich ständig versucht, dem Leben seine Geheimnisse zu rauben, schreckte hier nicht mehr davor, einen unge­schützten Leib zu plündern. Und am Ende durften sogar die Zuschauer sich ein Stückchen Haifleisch herausschneiden.
  War mit dieser Einladung zu einer kollektiven Zerstückelung die Teilhabe aller an der Kunst gemeint? Aus Tatenlosen „Mittäter“ zu machen? Und das Opfertum eines Künstlers vielleicht? Oder war es nur ein gelungener Gag? Musste unbedingt ein ver­spotteter Gott her, um das Opus zu krönen?..

G. Uhlig: Ich bin fasziniert von Haien. Diese Hommage in der Neuen National­galerie galt auch der Verbeugung vor dieser Kreatur, die über Millionen Jahre existiert. Der Kunstjäger tötet dieses Tier, das nur frißt, zu überleben. Im Gegensatz zum Kunst­jäger, der immer frißt. Was mich ein wenig traurig macht ist, dass ich einige Zeit vor Damien Hirst den Hai zum gehei­ligten Kunst­mahnmal erhoben habe, er aber dann später damit Weltruhm erntete. Das ist eben der Unter­schied zwischen London und Berlin. In Berlin sind noch nie gute, orginelle Leute entdeckt worden.Es gibt hier keine Bedeutungs­macher. Berlin kauft immer nur fertiges ein.

F. Ricinski: Ihre Hai-Darstellung (in „Das Lied der Karpfen“) weist bei weitem mehr Originalitat auf und eine komplexere Symbolik als Damien Hirsts ikonische Präsentation des in Formaldehyd eingelegten Tigerhaies. Und vor ihm gab es auch der Hai von Eddie Saunders, der von der Kunstwelt auch nicht richtig wahr­genommen wurde, abgesehen von Hirst, der keine Hemmungen zu haben schien, sich von Werken anderer Künstler inspirieren zu lassen ... Nicht nur der Hai, auch der Karpfen scheint ein wesentlicher Ver­treter Ihrer Vor­stellung von der Welt und ihrer bzw. unseres gemein­samen Ursprungs zu sein. Warum gerade dieses Korre­lations­verhältnis von Menschen und Karpfen? Stellen Sie sich vielleicht auch eine gemein­same Rückkehr, eine Rückführung vor, trotz einer uralten Weisheit, die „non bis in idem“ lautet?

G. Uhlig: Der Karpfen lebt und wühlt im Schlamm. Ist das nicht der Ort, von wo wir einst herkommen? Und auch dorthin geht die Reise wieder zurück, in die atomare Geheim­gesell­schaft der kleinen, kleinsten Teilchen. Die Erde nimmt immer wieder das auf, was sie einst hervor­gebracht hat.

F. Ricinski: „Geben Sie mir ein Museum und ich fülle es!“ Dieser Satz von Picasso lässt sich in Ihrem Fall wunderbar paraphrasieren: „Geben Sie mir ein Wasser­becken und ich fülle es“... Im Halbdunkel des Berliner Zoo-Aquariums schafften Sie in der Tat diese museale Einrichtung einer einst intakten Natur, und füllten es mit verschie­denen Lebe­wesen und Objekten, die Sie selbst dafür anfertigten. Eine Menge konzep­tueller Arbeit steckt in dieser Kunstoper, aber auch ein Szenario verfüh­rerischer Sinnlichkeit. Und auch hier eine Ambivalenz in der Darstellung, mit einer deutlichen Botschaft und einer subtilen. Manche Sequenzen, ob singbar, geräuschvoll oder skurril komponiert, wiesen auf eine geduldige Wahr­nehmung und Toleranz gegenüber dem Anderen.
  Zwar wurde die Idee einer gemeinsamen Herkunft angedeutet, aber das Wissen um eigene Menschen­schuld an der Zerstörung natürlicher Lebens­räume schwebte mit. Über das spürbare Entgleiten aus dem natür­lichen Gleichgewicht klagten Sie mit Hilfe einer Suite absurder Insze­nierungen von Personen und vor allem durch das Aufstellen Ihrer skurrilen Kunst­objekten, wie der Hammer­fisch oder die Schirm­qualle, und gleich­zeitig ließen Sie durch die Magie der Metaphern und Farbbilder oder akustischer Sugges­tionen einen Hauch von Nostalgie und Hoffnung auf ein friedliches Mit­einander wehen. Wie auf Ulysses' Irrfahrt ertönten Laute von Walen, allerdings aus den Laut­sprechern, mittei­lungs­bedürftige Frauen und Männer rezi­tierten und sangen ihr Lamento oder übertönten alles andere mit ihrem schallendem Lachen, eine grazile Undine saß wie am Ufer und wartete, aber niemand und nichts konnte das desolate Spektakel in einer Weise verschönern oder ihre Welt und sich retten. Noch nicht ... Und doch scheint diese Kunstoper, die „Von Menschen und Karpfen“ erzählt, das poeti­schste aller Ihrer Werke zu sein, so weit ich beurteilen kann, mit so geschwind wechselnden Sinnes­eindrücken. Statt auf „Gehirn, Blut und Gedärme“ trafen hier das betrachtende Auge und das Ohr auf das Wasser als Wiege des vielfältigen Lebens. Welche Resonanz hatte diese Performance beim jungen und sehr jungen Publikum?

G. Uhlig: Meine Oper wurde generationsübergreifend wahr­genommen und von den Medien sehr gut angenommen, die Unterwasseroper wurde zu einer kleinen Pilgerstätte für Meditierende.Ich saß ja jeden Abend mit Sauer­stoffflasche auf einem Stuhl im Becken des Zackenbarschs. Dieses Bild hieß „Männerfreundschaft“.

F. Ricinski: Letztendlich sind die Bücher, die Musik, die Kunstwerke etc. unsere wahren Reichtümer, die den schöpferischen Geist des Menschen bescheinigen. Eine Kunst aber scheint alle zu überragen: ars vivendi, die Lebenskunst eben, d.h. die Fähigkeit, sein Leben zu meistern. „Leb als wolltest du täglich sterben, schaff als wolltest du ewig leben“. Ein Lebenskünstler ist laut Lexikon jemand, der unter widrigen Umständen stets in der Lage ist, das Beste aus seinem Leben zu machen. Nachdem ich so vieles über Sie erfahren durfte, kann ich ohne zu zögern ausrufen: Ah, Gerald Uhlig-Romero, Sie sind ja ein Lebens­künstler, und was für einer! Nach welchen Maßstäben und Gesichts­punkten gestalten Sie Ihr jetziges Leben? Was wünschen Sie sich, in diesem Leben noch zu erreichen? Und bis es eintritt, werden Sie weiter künstlerisch tätig sein und an den Tag glauben, da Ihr Kunstwerk eine erste Krankheit heilen wird?

G. Uhlig: Jeder Tag kann der letzte sein. Meine Tochter so lange unterstützen, bis sie losfliegt. So oft als möglich das Meer aufsuchen.
Da meine Kunst keine Krankheit heilen wird und ich an Morbus Fabry sterben werde, war meine Kunst umsonst. Ich blicke der Leere, dem Nichts aufrichtig ins Gesicht. Durch den Ruhm hätte ich mich etwas mehr ablenken können, aber er war mir nicht vergönnt.

F. Ricinski: An dieser Stelle fliehen meine Gedanken an Ovids „Ars amatoria“ (Die Liebeskunst) und an das alte Carpe-diem-Sonett von Ronsard (Pflücke die Rosen des Lebens, bevor sie verwelken!) Und sogar an die Epikureer und an die Zen-Praktiker, die für ein Leben im Hier und Jetzt sind, indem sie sich ganz auf den gerade vorhandenen Augenblick konzentrieren. Ob sie die richtige Lebenskunst proklamieren oder beherrschen? Was für eine ars vivendi haben Sie letztlich für sich ausgewählt?

G. Uhlig: Ich persön­lich bin ein Dilettant, der ganz gut reden kann. Aber mein Geist, meine Gedanken, alles sind begabte Dilettanten geblieben. Ich hätte mehr aus mir machen können! Oder etwas anders formuliert: In unseren Breitengraden hat man die Möglichkeit, viel aus seinem Leben zu machen, aber man muss auch die Verantwortung für alles ertragen, was man nicht daraus macht oder gemacht hat. Denn die Faulheit, die Bequem­lichkeit, die Unkonzen­tration, die immer auch in unseren Seelen schlummert, verhindert meist, das Wasser aus seinem eigenen Brunnen zu schöpfen.

F. Ricinski: Wo sehen Sie eventuelle Vorzüge oder Schranken der Lebenskunst unserer Zeit?

G. Uhlig: Wir haben das Blut intel­ligent gemacht und können in ihm lesen.Wir können bereits 1500 genetische Fehler im Vorfeld der Geburt feststellen und so vielen Lebe­wesen ein leid­volles Leben ersparen.(es gibt ca. 7000 seltene Krank­heiten) Das sind so gute Vorzüge unserer Zeit. Ich unter­stütze dieses Programm, wo es nur geht. Wir brauchen keine Krank­heit, die Lebensreise ist schon schwer genug!!! Und dass es auch dem letzten Erden­bewohner klar wird: Nicht Gott hat den Menschen gemacht, sondern der Mensch Gott.

F. Ricinski: Kann man überhaupt von einer allgemeinen Lebenskunst reden?

G. Uhlig: Ja. Es gibt nur ein Ziel für die Veranstaltung Leben: Das Erkennen der Schönheit!

F. Ricinski: Für ein Leben im Jetzt plädieren Sie auch, da wir nur eine Lebens­zeit haben. Wie passt diese Auffassung zu einem Axiom der Sinnlosigkeit wie „Das Leben ist eine atem­beraubende Reise vom Nichts zum Nichts

G. Uhlig: ...ins Nichts? Dazu habe ich Jahre gebraucht, dieses heraus­zufinden.Ich kann mit unseren Wahrheiten gut leben. Wir müssen sterben. Es gibt keinen Gott. Das Alter ist furchtbar. Nichts was wir tun hat einen Sinn. Sex, Romantik und Kinder zeugen sind kein Programm unseres Willens oder unsere Freiheit, sondern einzig das Diktat der Evo­lution, das sie uns aufzwingt. Der Mensch ist eine peinliche Gestalt, solange er nicht seine Wahrheit erkennt. Übrigens: Ich bin nicht zynisch verbittert, ich freue mich so auf den kommen­den Frühling.

F. Ricinski: Und über Sätze wie „Entschleunigung, dieses Wort kann ich nicht oft genug sagen. Wir sind uns einfach entronnen“ hätte ich gerne von Ihnen mehr erfahren. Und über vieles mehr ... Ob Ihr Herz immer noch ein Hai ist, der niemals schläft ...

G. Uhlig: Wieso wissen sie soviel über mich und meine Sätze?

F. Ricinski: Jetzt sind Sie der Fragende ... Weil ich intensiv recherchiert habe. Und wie Sie eine mediale Präsenz sind, war es nicht schwer, viele Dinge uber Sie zu erfahren. Das Wesentliche erfuhr ich unmittelbar aus Ihrem Werk. Und den Rest taten meine eigene Empathie und die Vorstel­lungs­kraft, gekoppelt mit viel Neugierde und Bewunderung ... Vor drei Jahren fand die Uraufführung von „Darwins Dame“ statt. Es gefiel mir die über­zeugende Darstellung eines Wissen­schaft­lers, der an sein Werk glaubt und dennoch in seiner Intimität von harten Fragen und Zweifeln geplagt ist. Darf überhaupt jemand den Besitz einer vollständigen und endgültigen Wahrheit für sich beanspruchen?

G. Uhlig: Ich würde sagen, nein.

F. Ricinski: Haben Sie mal gedacht, dass auch Darwins biologische Erklärung unserer Welt und Herkunft eine Ergänzung oder Revision brauchen könnte?

G. Uhlig: Darwin und seine Zeitgenossen haben das Prinzip Leben erkannt. Endlich, nach dem wir für unser Nichtwissen die Götter eingesetzt haben, die noch zum Teil heute herumtoben. Und Darwin war zum Glück stark genug, seine Wahrheiten in die Welt zu bringen, obwohl umringt von christlichen Fanatikern.

F. Ricinski: Sollen wir, wie er, Abschied von der christlichen bzw. humanistischen Ethik nehmen, sollen die Stärkeren nicht den Schwächeren beistehen, sondern bekämpft oder beseitigt werden?

G. Uhlig: Dringender Abschied ist angeraten. Humanistische Ethik ist auch nur ein Trick der Evolution. Das findet jeden Tag an jedem Ort der Welt statt, dass der Stärkere sich durchsetzt. Durch Empathie für andere erhöhe ich meine eigene Über­lebens­möglich­keiten. Schlage keine Türe zu, kann ich allen jungen Menschen nur raten.

F. Ricinski: Kann man Ihres Erachtens die Frage, was der Mensch seiner wahren Natur nach eigentlich ist und was ihn zu einem mitfühlenden, empathischen und sozialen Wesen macht, beant­worten, solange man an seine Theorien und Lehren ewig gebunden und selbst undurch­lässig bleibt? Was ist mit unserer Fantasie, unseren Begabungen, woher kommen sie? Und Nervenzellen für Mitgefühl besitzen wir auch, versichern uns die Neuro­biologen. A propos: Kennen Sie das Buch „Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstil unsere Gene steuern“ von Joachim Bauer?

G. Uhlig: Die Epigenetik ist mir vertraut. Ich glaube, wir sind gerade dabei, den Menschen völlig neu zu sehen zu lernen, dafür haben wir sehr kluge Maschinen gebaut, die uns helfen könnten.(Gerade die Hirnforschung, die Genforschung sind ein großes Stück voran­gekommen, mit vielen Klischees von unserem Wesen aufzuräumen.) Ich glaube, wir hatten eine ganz schön romantische und gefühlige Vorstellung vom Homo sapiens. Nur diese würde uns schnell aussterben lassen, wir müssen sehr schnell sehr viel intelligenter werden.(da hilft keine Poesie, kein Kunstwerk) wenn wir (bald 10 Milliarden Menschen) überleben wollen. Die Religionen müssten als erstes schnellsten raus aus den verengten Hirnräumen, wir müssen lernen sehr vernüftig unsere Gefühle in den Griff zu bekommen, denn sie verursachen das meiste Unglück.

F. Ricinski: 1996 gründeten Sie in Berlin das Café Einstein und die dazu gehörige Galerie, wo Sie seither die eigenen bildne­rischen Arbeiten, Fotos und Instal­lationen sowie die Werke bedeu­tender Künstler der Gegenwart ausstellen, und auch zu Lesungen, Insze­nierungen und Vorträgen einladen. „Ohne Austausch mit den Mitmenschen hätten Pythagoras, Newton, Darwin und Einstein nicht einmal das Einmalens beherrscht“, erkennt Peter Baaks in „stoff.wechsel.“ War ein solches Bedürfnis nach Kommuni­kation und Austausch mit­entscheidend für die Gründung Ihres Kaffee­hauses?

G. Uhlig: Der damalige Hunger nach Geist, denn das Kaffeehaus ist und war immer ein geistiger Ort. Ein Ort der Klarsicht. Ein Ort der Erkenntnis. Ein Ort der Atheisten.

F. Ricinski: Einstein ist für Ihr Leben und Schaffen kein zufälliger Name. Eine Collage mit blauem Fisch und Einsteins Formel, die in Ihrer Galerie ausgestellt wurde, ist nur ein kleines Beispiel davon. ... Warum tauften Sie das Café und die Galerie auf den Namen von Einstein? Im Gedanken an die Zeit ohne Anfang und Ende? Als Hommage an die menschliche Mentalkraft oder als gezielte Verehrung eines genialen Physikers, der wunderbar Violine spielte?

G. Uhlig: Dieser Mensch hatte das (oder was ich in ihn hineinprojeziere), was ich am Menschlichen verehre: Gelassen­heit, Konzentration, Poesie, Erkennt­nis und die Musik. Ich bin stolz, dass das Einstein auch ein Ort der Nobelpreisträger geworden ist. Über die Nobel­preisträgerin Linda Back habe ich bei einem gemeinsamen Abend­essen im Einstein erfahren, das ich aufgrund meiner Symptome Morbus Fabry habe. Meine Ärzte konnten mir das nicht sagen. Die haben versagt.

F. Ricinski:­ Sie sind “hungrig nach dem Leben“ und dort können Sie sehr wahr­scheinlich diesen Hunger immer wieder stillen. Alles, was zum Leben gehört, trifft man dort. Liebe­volle Beobachtung von Menschen bringt Anregung, neue Ideen für Ihre Kunst. Sie sprechen von Ihrem Café wie von einer sozialen Skulptur. Inwieweit passt der Begriff „soziale Plastik“von Beuys zu Ihrer sinn­lichen Oase?

G. Uhlig: Alle Gesellschafts­schichten sind in diesem Bienen­korb zuhause. Da der Mensch nur für die Kommuni­kation und die Wechsel­wirkung aus­gestattet ist – mit Augen, Armen, Beinen, Sprache – ist ein Ort wie das Kaffee­haus das Zentral­gestirn für die menschliche Gesellschaft.

F. Ricinski: Soll jeder Besucher Ihrer Einrichtung aufgerufen sein, sich von der „Flamme“ der Kunst und des Herzens ergreifen zu lassen, um dort und vielerorts ein soziales Miteinander mitzugestalten?

G. Uhlig: Ich wünsche mir, dass alle sich wohlfühlen, denn, wenn du dein Kaffee­haus gefunden hast, hast du auch dein Zuhause gefunden.

F. Ricinski: Solche Worte denkt und spricht kein Misanthrop aus ... Vielleicht geschieht es Ihnen in einem Augenblick der Entschleunigung am Meeresrand, die „andere“ Wahrheit uber sich (an)zu erkennen. Ich wünsche es Ihnen!

Francisca Ricinski    29.02.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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