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Herbert Hindringer
Distanzschule

Und besteht auf das richtige Licht – neue Gedichte von Herbert Hindringer

Herbert Hindringer | Distanzschule
Herbert Hindringer
Distanzschule
Gedichte
yedermann 2007

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Wieder überzeugt der yedermann Verlag mit junger deutscher Lyrik. Nach Kasnitz, Achim Wagner, Heuer, Fellner und Fiebig präsentiert er ein weiteres Buch von Herbert Hindringer, der bereits 2003 hier mit einem Lyrikband auf sich aufmerksam machen konnte. In Distanzschule versammeln sich Gedichte über Ungleichungen, Höhenluft und Herrgottswinkel, Landschaften übersee und im Umfeld, geliebte Frauen und Magengeschwüre, Irrtum und Geräusch, das zurückbleibt.

Aus der Ferne wird Nähe, Hamburg Hindringers neue Heimat. Das Leben hier ist jung und in einer ersten, brüchigen Balance, in der Nähe spielt viel eigene Musik. Das alles hat seinen eigenen Takt. Hindringer notiert, was dieser zerschneidet und umschreibt die Fliehkräfte in der Bewegung der Zeit. Und findet im Hintergrund Sinn. Der wird genutzt, um Zeilen zu brechen, und Zeilenbrüche werden genutzt, um Sinn zu teilen oder neu zu vermählen. In Hindringers sorgsam angezählten Rhythmen treiben erzählerische Passagen die Bewegung voran, Satzchiffren, entbeint aus privatem Handgemenge, lassen Vertrautes in schönen Wundern kollabieren, begleitet von vielen und raschen Assoziationen. Die wiederum bilden Ketten und Staffeln, kleine Sinnlawinen manchmal, die sich eigene Wege suchen. Zur Sache kommen die Vorstellungen (dieser Satz könnte von Hindringer sein – es ist die Art seines Spiels, es sind die Fundstücke seines Weges) und zur Vorstellung kommt die gemeinsame Sache. Weil es das auch heute noch gibt unter den Dichtern: die Verschwörung vor keiner der Wahrheiten in die Knie zu gehen in Anbetracht der poetischen Möglichkeiten, die sie enthalten. „die mutter ist nicht die hintertür / aber sie kann leise zuschlagen“.

Das alles ist nicht laut. Es ist manchmal bewusst in die Nähe des Lapidaren gerückt. Da Poesie alltagstauglich und im Zufall möglich ist („und was vergeht, war nicht für uns gemacht“). Der Moment soll selbst entscheiden, ob er das Zeug zum Gedicht hat. Aus der geschulten Distanz überstreicht die Zuwendung ein breiteres Feld, die in Hindringers Fall nicht ohne Zärtlichkeit ist. Er besteht auf das richtige Licht, das Übrige bleibt zwischen den Zeilen vorhanden.

geschlossene fenster

auf der lauteren seite der hörigkeit
so eine art konferenzschaltung
in zungenrichtung ein himmelfahrtskommando
ohne steuerknüppel ins ziel

ich bin ohne traumstrand
und mache keine anstalten
zu ferienhäusern für verirrte

auf der trockenen seite von zweisamkeit
reicht mir die tapete schon bis zum kinn

du hast gesagt, hast du gebrüllt
dass du nicht mehr weiter weißt
also bleib auch endlich stehen
und fall nicht dauernd um

die art von sitzgelegenheit
die einen dick macht
wenn man immer nur die selben vorwürfe hört

woran man ganz schön zu knabbern hat
an der rückseite des vergessens


Viele Gedichte muss man mehrmals lesen, sie sind sehr genau getuned und getimed, andere ähneln manchmal Zufallskaskaden, was dann die Anstrengung nimmt und eine sympathische Leichtigkeit verbreitet. Irgendwie hat Hindringer Spaß an seinen Gedichten und verheimlicht das nicht. Unerwartete Lichter flackern wie nebensächlich aus einer freundlichen Tiefe herauf – „es gibt dinge im leben / die kann man beschreiben / aber nicht beschriften, hat er behauptet“ und manchmal sind die Sätze pure Melodie, „die ferne kommt von dort und weiter weiß man nicht“ und dürfen so stehen bleiben auch in der schnellen modernen Welt. Das tut gut. Ein Band, der viel Lesevergnügen bereitet und Herbert Hindringer als jemanden ausweist, mit dem zu rechnen sein wird in den nächsten Jahren.

Herbert Hindringer im Poetenladen
Distanzschule | Kritik von Simone Kornappel

Frank Milautzcki   21.02.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen
 

Frank Milautzcki
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