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Nancy Morejón

Gespräch mit mit Ineke Phaf-Rheinberger n
»Ich glaube nicht an große, sondern an konzentrierte Gedichtbände«
  Gespräch
Nancy Morejón  

Nancy Morejón, geboren 1944 in Havanna, gehört zu den wichtigsten Autorinnen Kubas. Ineke Phaf-Rhein­berger übertrug ihren Gedicht­band Ruhm­reiche Land­schaft ins Deutsche. Der nach­fol­gende Beitrag, der ins Werk Nancy Morejóns einführt, basiert auf dem Nach­wort, das Ineke Phaf-Rhein­berger für Ruhm­reiche Land­schaft schrieb.



Nancy Morejón wurde 1944 in Havanna geboren, sie ist Dichterin, Essayistin, Jour­nalistin und Über­setzerin. An der Uni­versität von Havanna studierte sie Fran­zösisch und schloss ihr Studium mit einer Arbeit über Aimé Césaire ab. Nancy Morejón gehört zu den bedeutendsten Auto­rin­nen Kubas. In diesem Jahr erhielt sie den Ehren­doktor der Cergy-Pontoise Uni­versität Paris.
Ineke Phaf-Rheinberger: Nancy, gerade hast du den Titel Doktor Honoris Causa an der Universität Cergy-Pontoise in Paris, Frankreich, am 27. Januar 2009 überreicht bekommen. Was bedeutet diese Ehrung für dich? Baut sie eine Brücke zu deinem Studium der französischen Literatur und Sprache an der Universität Havana in den sechziger Jahren? Im Allgemeinen verweist man sehr wenig auf den Einfluss der französischen Literatur in deinem Werk, die Verbindung mit Aimé Césaire einmal ausgenommen. Und auch mit Glissant und Chamoiseau, die du auf Spanisch übersetzt hast. Gibt es für dich einen Unterschied zwischen dem Französischen Frankreichs und dem der Karibik?

Nancy Morejón  | Carbones silvestres
Nancy Morejón
Carbones silvestres
Poesía
Letras Cubanas 2005
Nancy Morejón: Diese Ehrung bedeutet viele gute Dinge, unter anderem die Anerkennung dafür, dass die Zeit vergeht, und die Sicherheit meiner literarischen Berufung, deren Existenz ich meiner ununterbrochenen Beschäftigung mit der französischen Literatur verdanke. Und vor allem jene Literatur, die in den sogenannten über­seeischen Gebieten geschrieben wird und gerade nicht die in Frankreich, obwohl niemand verneinen kann, dass sie dort geboren wurde und, aus kolonialen Gründen, in unserem Amerika landete, vor allem in der Karibik und Kanada wie auch in anderen Ländern von Afrika, Asien und Ozeanien. Sie ist der Gipfel jener These, die Diversität als Zentrum der Wieder­begegnung begreift, der Verständigung, der Leidenschaft, der Gewalttätigkeit und des Schutzes. Und es bedeutet die Anerkennung für eine Anstrengung, Brücken zu bauen zwischen Autoren, die sehr unter­schiedlich sind. Das literarische Werk in französischer Sprache von Frantz Fanon, Aimé Césaire, Édouard Glissant, Patrick Chamoiseau, Marie Chauvet, Simone Schwartz-Bart, Maryse Condé, Gisèle Pineau, Ernest Pépin, Nicole Cage Florentiny, Marie Célie Agnant und Yannik Lahens, und noch von vielen anderen mehr, zeigt, dass es eine antil­lianische Identität gibt, eine karibische, die eine enorme Präsenz von alltäglichen Gewohnheiten ins Gedächtnis bringt, im Sinne der Zuge­hörigkeit zu einem Universum, das durch verschiedene Systeme der Sklaverei und durch die unver­besserliche Vermischung der Formen, Kulturen, Melodien und Bilder markiert ist, die unser Angesicht heute und auch in einer Zukunft bestimmen, die offen­sichtlich gemischt sein wird. Weder mein Werk noch meine Ehrung lassen sich ohne die Präsenz dieser antil­lianischen Autoren deuten.

I. Phaf-Rheinberger: Gerade bin ich dabei, deinen Gedichtband Carbones silvestres (2005) ins Deutsche zu übersetzen und es sind bereits zwei Gedichte aus diesem Band im Internet publiziert: Elegie und Lesen in der Bibliothek von Fordham. Kannst du mir einige Details über die Zusammen­stellung dieses Gedichtbandes erzählen?

N. Morejón: Carbones silvestres (Wilde Kohlen) wurde in der professionellen kubanischen Kritik kaum wahrgenommen, aber sehr wohl von den Lesern. Vielleicht ist das so, weil der Band publiziert wurde während der Internationalen Buchmesse, die man mir und Ángel Augier 2006 gewidmet hat. Ich hatte zu diesem Anlaß ungefähr elf Titel publiziert, darauf ist vielleicht dieser Mangel an Aufmerksamkeit zurück zu führen. Meine Philosophie des Gedichtes wiegt schwerer als die Zusammenstellung eines Buches. Ein Gedicht zu schreiben ist wichtiger als einen Band oder ein Buch zusammenzustellen. Der Kubaner Eliseo Diego und der Italiener Cesare Pavese hatten darüber einige Ideen, die sich gegenseitig ergänzten. Auf ein Gedicht folgt nicht automatisch ein anderes durch das Gesetz der Gravität, sondern durch einen viel tiefhaltigeren Sinn. Ich schreibe Gedichte und dann stelle ich Bücher zusammen, als wären es wirkliche Familien. Manchmal entstehen richtige Kernstücke und aus verschiedenen Texten werden verschiedene Bände. Ich glaube nicht an große, sondern an konzentrierte Gedichtbände. Nur Anthologien lassen eine größere Zahl von Gedichten zu. In Carbones gibt es Gedichte, die in den sechziger Jahren geschrieben und bis heute nicht publiziert wurden. Ist das wichtig? Der rote Faden ihrer Themen und Vorschläge ist es, was ihren langsamen oder atemberaubenden, intimen und leidgeprägten Gang bestimmt. In diesem Gedichtband ehre ich die Ästhetik von Roberto Fernández Retamar und zolle auch einen elegischen Tribut an Nicolás Guillén.

I. Phaf-Rheinberger: Der Einfluss des Nationaldichters Nicolás Guillén in deinem ganzen Werk ist eine Tatsache, über die du oft gesprochen hast. Trotzdem, ich sehe die Präsenz der Metapher von Arthur Rimbaud in deinem Werk, in den Metaphern, die mit Schiffen und Wasser zu tun haben. Offensichtlich gibt es auch eine persönliche Identifikation mit seinem Werk. Ich bitte dich um einen Kommentar dazu.

N. Morejón: Wie ich schon oft gesagt habe, viele meiner wichtigen Gedichte würden ohne Nicolás Guillén gar nicht existieren. Das ist nun wirklich eine Tatsache. Trotzdem, nicht alles in meinem Werk ist mit Guillén verbunden. Es gibt Themen, die sich von seinen zentralen Themen entfernen oder vielleicht ist es so, dass sie ähnlich sein könnten, aber dass meine Annäherung an diese Themen sich einer ganz unterschiedlichen Herangehensweise verdankt. Die Frage des Geschlechts ist wichtig und auch der Altersunterschied. Obwohl wir in der gleichen Epoche lebten, als Protagonisten von zwei Generationen, die gleichzeitig lebten, aber sich zum Glück ganz anders äußerten, stehen wir dem literarischen Handwerk nicht auf die gleiche Art und Weise gegenüber.

Was die metaphorische Sprache angeht, ist es sicher so, dass Rimbaud, dessen Poesie ich teilweise übersetzt habe, in meiner Jugend mehr als attraktiv war. Mitten in der revolutionären Konvulsion der sechziger Jahre war meine Devise: das Leben verändern; genauso wie der stürmische junge Mann aus Charleville es forderte. Mein Leben, wie auch das meiner unmittelbaren Umgebung, veränderte sich auf schwindelerregende Art und Weise. Und ich war mir dessen nicht bewusst, dass ich jene Liebe für die Poesie, für die Notwendigkeit der Veränderung, die seine Lektüre beinhaltet, bejahte. Über Rimbaud trat ich in die Zwischenräume eines widerhallenden Afrikas, die in seinem geteilten Schicksal auf dieser Seite des Ozeans eine neue Dimension bekamen. Das reale Afrika von Rimbaud führte mich an der Hand von Frantz Fanon zum mythischen, multiplen und vereinten Afrika, das Afrika von Aimé Césaire. Und mit Hilfe dieses Regenbogens trat ich den Weg an, der zur antillianischen Literatur französischer Sprache führte, die ich so sehr liebe und von der ich so viel gelernt habe.

I. Phaf-Rheinberger: Im Gedicht Kalligramm sprichst du vom Fall der Mauer in Berlin. Was bedeutet diese Metapher in einem Gedicht, in dem du über Onkel Tom und über die Golden Gate Brücke in San Francisco redest? Es ist zwar sehr suggestiv, aber sicher schwer nachvollziehbar für viele Leser.

N. Morejón: Das Prinzip, das die Poesie regiert, ist die Metapher, die Bilder, die sich durch ständige Kontrastierung untereinander generieren. Das grundsätzliche Prinzip der Antinomie ernährt das poetische Geschehen. In diesem Falle verwandelt sich das historische Ereignis, das wir während der zweiten Hälfte des Jahres 1989 durchlebten, in ein poetisches Ereignis, in ein epochales Geheul, um auf jene Art und Weise das Erdrückende mancher historischen Ereignisse zum Ausdruck zu bringen. Eine absurde aber zerstörerische Mauer markierte praktisch das Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Mauer der Insel Kuba kann sehr wohl auch die Mauer von Berlin sein, und auch die Blockade, die uns vernichten wollte, ohne es zu schaffen, während eines halben Jahrhunderts. Das Gedicht spuckt einige Wahrheiten aus und betont die Wichtigkeit der Poesie als letzte Rettung vor einer Landschaft, in der wir zwar die Hauptrolle spielen, die wir verstehen, aber die wir uns noch nicht angeeignet haben. Und die Moral ist, dass ein kurzes Gedicht, wie schlecht es auch sein mag, immer eine Waffe ist, die wir benutzen, um ein bisschen besser zu sein, ein bisschen weniger egozentrisch, wie das Lied es sagt.

I. Phaf-Rheinberger: Du warst lange Zeit Direktorin des Karibischen Studienzentrums in Casa de las Américas in Havanna. Im April des letzten Jahres hat man dich zur Präsidentin des Schriftstellerverbandes der UNEAC (Unión de Escritores y Artistas Cubanos) gewählt. Was ist der Unterschied zwischen beiden Funktionen? Gibt es ein allgemeines Interesse für die karibische Literatur unter den kubanischen Schriftstellern? Oder an welchen Autoren orientieren sie sich?

N. Morejón:Genau gesagt habe ich seit drei Jahren eine beratende Funktion in Casa de las Américas und bin nicht mehr als Direktorin des Karibischen Studienzentrums tätig, das jetzt von meiner Kollegin Yolanda Wood geleitet wird. Deshalb fühlte ich mich, als ich während des VII. Kongresses des Schriftstellerverbandes zur Präsidentin gewählt wurde, am Ende der Lektüre jener Kurzgeschichte von Borges mit dem Titel: El jardín de los senderos que se bifurcan (Der Garten der Pfade, die sich verzweigen). So ist es. Präsidentin des Schriftstellerverbandes zu sein ist eine neue Erfahrung, eine multidimensionale Erfahrung, die zweifellos mit angenehmen und mit unangenehmen Aufgaben, verständlichen, unverständlichen, immer am Rande meiner professionellen Interessen einhergeht. Die Karibik zu studieren, die höchsten Werte ihrer Zivilisation zu verbreiten, ihrer Kunst und ihrer Literatur, ist etwas, das einen Teil meines Daseins ausmacht, das immer bei mir ist, das sich unter keiner Bedingung von mir trennen lässt. Das Zentrum in Casa de las Américas wie auch die Casa Caribe in Santiago de Cuba haben sich als entscheidende Faktoren für die Verbreitung der karibischen Kultur auf der Insel behauptet. Publikationen, Ereignisse aller Art, die Realisierung von plastischen und visuellen Werken, ergeben eine ganz klare Bilanz. Ich kann dir sagen, dass in der Casa de África in der Altstadt am 28. Mai ein Buch vorgestellt wird, das noch viel mehr dazu sagen wird. Es hat einen ungewöhnlichen Titel, der gerade deshalb sehr zum Thema passt. Es handelt sich um den Band El Caribe en Cuba; Cuba en el Caribe der Autoren Marta Guzmán und Rolando Álvarez, erschienen in den Reihen der Fernando Ortiz Stiftung, in ihrer Kollektion La Fuente Viva, die vom Dichter Miguel Barnet geleitet wird. Das Buch, mit einem Vorwort von Yolanda Wood versehen, markiert einen wirklichen Markstein in den kulturellen Studien der spanischsprachigen Karibik.

I. Phaf-Rheinberger: Nancy, deine Gedichte sind ungeheuerlich visuell und du wiederholst oftmals Metaphern, die sich auf einen Turm, eine Hand, einen Balkon oder eine konkrete Straße in Havanna beziehen und anhand derer der Leser sich orientieren kann. Und oft begegnen wir uns in deinem poetischen Nachmittag, dem Moment, in dem das Erschaffen der Fiktion für dich beginnt. Ist es ein glücklicher Nachmittag, also?

N. Morejón: Ineke, du hast eine der scharfsinnigsten Fragen formuliert, die mir je gestellt wurden. Meine natürliche Umgebung ist Havanna und in jedem Text, den ich schreibe, ist sie anwesend wie die Uhr der kantianischen Stadt. Ich schreibe Gedichte, Artikel, kurze oder lange Essays und, manchmal, Dokumente, die schnell geschrieben werden müssen. Trotz­dem, ich habe keine narrative Fiktion geschrieben außer einer Geschichte für Kinder und einer anderen für Erwachsene. Ich dachte, dass ich vielleicht, und schon auf der Schwelle dieses meines Alters, versuchen würde einen Roman zu schreiben, eine Gattung von großer Intensität, wie Mario Benedetti, an dem wir uns in dieser Stunde seines Verschwindens oft erinnern, mir einmal gestand. Ich hatte immer eine Vision von dieser Idee, aber sie hat sich nicht verwirklicht. Das Wichtigste ist es aber doch, zu schreiben. Vielleicht überrascht mich das Leben mit der Notwendigkeit, eine Kurzgeschichte, eine kurze Novelle, einen Roman zu schreiben, kalt oder warm. Es macht nichts aus ... Der Nachmittag ist sowieso glücklich nahe der Infanta-Straße, wo gerade Umgestaltungen vorgenommen werden, gegenüber Manglar, der Straße der ersten negros curros*, auch wenn ich nicht auf der Terrasse meiner Träume in Berlin bin.

I. Phaf-Rheinberger: Herzlichen Dank für das Gespräch.


* Negros curros, seit dem 19. Jahrhundert die Bezeichnung für Afrokubaner, die aus diesem Stadtteil kommen und sich auf eine besondere und leicht erkennbare Art und Weise bewegen und sprechen.

Ineke Phaf-Rheinberger   15.06.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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