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monika rinck
das gegenteil von verführung

dieses dörren, ist das jetzt noch protest gegen den fortgang der zeit –
oder dieses unmerkliche wachstum trotz schlechter behandlung,
seit jahren hab ich den gammligen rest aus den tassen – will hier
einer noch kaffee – in die töpfe gekippt oder sie wurden wochenlang
gar nicht gegossen, lockere, holzige stängel in so etwas wie erde.
dass sie weiterhin wachsen oder so tun: sie parodieren das leben.
und in meinen rücken stemmen sie stumm ihre kippligen schwerter,
ausgehebelt beim transport von einem büro in das andre. sie lehnen
in ecken, betreiben tristesse und photosynthese. was eben noch
den prozessor kühlte, verbrauchen jetzt unsere achtstündigen lungen.
was ist denn das fürne pflanze? die hat heidrun mitgebracht, man hat
schon hunde ohne fell gezüchtet, hat man, aber pflanzen ohne blätter?
vor diese pflanze stell ich mich hin und sage in das surren der rechner:
"einst ruhe ich ewige zeit." und denke das draußen, ein wehen, zärtlich,
die blätter, die blätter, bewegt im verbund und unter ihres-irisgleichen,
und diese eine hässliche pflanze hier als erlösergestalt, sodass wir alle,
alle auferstehen in eine nicht mehr brauchbare zeit, in der wir nicht säen,
nicht ernten, nur ausharren im gegenteil von verführung. alle sagen:
morgen bringe ich torf mit. es kommt der morgen, keiner bringt torf mit.

Monika Rinck      09.01.2007      Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht
zum fernbleiben der umarmung. kookbooks 2007

 

 
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