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Pawel Sanajew
Begrabt mich hinter der Fußleiste

Schrecken ohne Ende

Pawel Sanajew | Begrabt mich hinter der Fußleiste
Pawel Sanajew
Begrabt mich hinter der Fußleiste
Roman
Kunstmann 2007

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Großmütter, meint man, seien herzensgute, großzügige, fürsorgliche Wesen, die sich voller Inbrunst um ihre Kindeskinder kümmern, sie verwöhnen und beschützen. Dass es aber neben diesen Märchenbuch-Omas auch noch eine ganz andere Spezies gibt, weiß Pawel Sanajew in seinem Debütroman Begrabt mich hinter der Fußleiste zu berichten. Der 1969 in Moskau geborene Drehbuchautor und Synchronisator veröffentlichte seine Geschichte zunächst vor nunmehr zwölf Jahren in einer Literaturzeitschrift, bevor sie in Buchform monatelang auf der russischen Bestsellerliste stand.

Enkel der sagenhaften Großmutter ist der Zweitklässler Sascha Saweljew, den seine Mutter laut Aussage der Großmutter gegen einen Giftzwerg und Erbschleicher eingetauscht hat. Seit seinem vierten Lebensjahr lebt er mit seinen Großeltern in einer Zweizimmerwohnung in Moskau und bekommt hautnah zu spüren, was das Leben – die Ehe, der Verlust eines Kindes, Psychiatrieaufenthalte – aus einem Menschen mit Verstand und Charakter machen können: ein wild um sich schlagendes, missgünstiges Geschöpf, das nur noch aus Bitterkeit und Tollwutsanfällen besteht.
     In welchem Klima Sascha aufwächst, wird von Anfang an deutlich: »Du stinkst schon nach Aas. Riechst du es nicht?, Du gottverdammtes stinkendes Miststück!, Du Miststück! Du Hundesohn!« Nichtsnutz, Halunke, Kretin, Kanaille, ein Schwall von Schimpfworten geht täglich auf den Jungen nieder, für den sie nach eigenen Angaben überhaupt nur jeden Morgen die Augen öffnet, den allein sie mit ihren Tausenden von homöopathischen Mittelchen vor dem heimtückischen Staphylococcus aureus beschützen kann.
     Die Großmutter fällt verbal über ihren Enkel her, wie über ihren Ehemann, den sie für ihr Schicksal verantwortlich macht. Das Zusammenleben der beiden Alten ist vergiftet, aber sie bilden ein unerklärliches, unverbrüchliches Bündnis gegen ihre gemeinsame Tochter, das Flittchen, wie auch Sascha sie nennt.
     Der Junge sieht seine kleine, wachsende Welt mit den Augen seiner Großeltern und entfremdet sich zusehends von seiner Mutter, die ihn regelmäßig und nur unter Aufsicht der Großmutter besuchen darf. »Nur mit meiner Mutter war ich gern zusammen. Nur sie erzählte interessante und lustige Dinge, nur ihr hörte ich gern zu, nur sie machte mir Geschenke, die mir gefielen.« Sie nimmt ihm seine von der Großmutter geschürten Ängste, bei ihr zu Hause hinter der Fußleiste will er begraben sein, um sie sehen zu können und nicht von den Würmern gefressen zu werden. Sie ist seine einzige Hoffnung, das weiß auch der Leser, der Mutter und Sohn allzu gern von der Großmutterlast befreien würde.

Der Titel ist originell; vom Cover blinzelt herausfordernd ein sommer-sprossiger Rotschopf; ein russischer Bestseller findet nicht allzu oft den Weg in die deutschen Buchregale; der Verlag annonciert tragikomische Verve, und doch erfüllen sich die hochgesteckten Erwartungen nicht. Komisch sind weder die salatgrünen Unterhosen der Großmutter noch die wenigen Erlebnisse des Jungen mit Gleichaltrigen oder die Tatsache, dass ein 8-Jähriger seine Mutter »Flittchen« nennt, weil er es nicht besser weiß. Über allem schwebt die tyrannisch-brutale Großmutter, deren Flüche und Unflätigkeiten den Leser sehr schnell ermüden. Dieses Szenario von einer etwas anderen Familie ist auch nicht besonders tragisch, sondern einfach nur traurig. Der flapsige Ton wirkt aufgesetzt, allzu sehr auf Effekthascherei bedacht. So viele Ausrufezeichen! Und auch die Sprache entschädigt nicht für den schleppenden Fortgang der Geschichte. Es wird schnörkellos erzählt, ohne die Handlung mit der Kraft des Wortes zu unterstützen.

Angesichts der zunehmenden familiären Gewalt gegen Kinder, ob nun von Eltern oder Großeltern ausgeübt, kommen die Verniedlichung der Großmutter, die Verharmlosung von Kindheitsschrecknissen einer Verhöhnung gleich. Oder sollte man gerade deshalb lachen, weil es so viel Elend gibt?

Daniela Rhinow     22.05.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Daniela Rhinow