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Ruth Cerha
Der Gesang der Räder in den Schienen

Magische Begegnungen

Ruth Cerha | Der Gesang der Räder in den Schienen
Ruth Cerha
Der Gesang der Räder
in den Schienen
Luftschacht 2007

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Den biographischen Angaben zufolge ist Ruth Cerha Musikerin durch und durch. Dass die Wiener Autorin auch mit Worten spielen und kunstvoll Geschichten komponieren kann, stellt sie in ihrer ersten Veröffentlichung eindrucksvoll unter Beweis. Das Besondere an den sechs Erzählungen ist die Nähe zu den Figuren, die nicht durch fragwürdige Plots oder besonders lässige bzw. exaltierte Wortgebilde verstellt wird. Cerha porträtiert (Überlebens-) Künstler, die aufbrechen, innehalten, reflektieren, beobachten. Sie schildert nicht vordergründig wie auch immer geartete sexuelle Beziehungen, die gerade auslaufen oder erst beginnen, sondern vielmehr die Tücken der immerwährenden, kaum abzuschüttelnden familiären Bindungen, flankiert von zahlreichen Zufalls-Begegnungen, die in der Schwebe bleiben und somit einer gewissen Magie nicht entbehren.

In der vielleicht lyrischsten Erzählung trifft der passionierte Maler Rembrandt in einem Wiener Linienbus auf Mia. Sie spricht ihn an und er ist sofort fasziniert von ihrer Erscheinung, ihrer natürlichen Neugier, die nicht in anstrengende Anhänglichkeit mündet. Schon bei der zweiten Begegnung legt sie vertrauensvoll ihren Kopf in seine Hände. Ihre unverabredeten Rendezvous finden fortan in Bussen statt: Sie lenkt sein Augenmerk auf die Mitreisenden und den Blick aus dem Bus hinaus, er eröffnet ihr die Welt seiner Malerei. Sie bereichern einander und verlieren sich wieder aus den Augen. Mia legt die Kreativität des Künstlers kurzzeitig lahm, um ihn schließlich aus der Distanz zu einem Porträt der geheimnisvollen Fremden zu inspirieren. Rembrandt, der bis dato einzig dunkle Fabelwesen malte, hält Mia auf Leinwand fest. „Seine Hände sehnten sich so sehr nach dem Material, dass sie weh taten, er öffnete und schloss sie einige Male, um den Schmerz zu vertreiben.“ Dem Leser wird auf wunderbare Weise die Kraft der Kunst und zwischenmenschlicher Momente vor Augen geführt.

Ebenso eindringlich ist die Begegnung zwischen einer Wienerin, die in den USA vergeblich ihren Freund gesucht hat, und einem Amerikaner am Flughafen von New York. Die anfängliche Skepsis der Ich-Erzählerin weicht einer Sympathie für den aufmerksamen Begleiter, die über den gemeinsamen Flug nach Wien hinausgeht und in einem fast spirituell anmutenden Nachmittagabend ihren Ausdruck findet. Die Nähe zwischen den beiden ist genauso selbstverständlich wie perspektivlos, aber – wie es scheint – ein kleiner Meilenstein in der persönlichen Biographie.

Die Erzählungen sind insgesamt sehr abwechslungsreich. Der Leser lernt zum Beispiel außerdem einen Musiker kennen, der von seiner Freundin erfährt, dass die Wahrheit Vertikal ist. „Die Wahrheit ist wie eine Wand ..., eine Wand zwischen mir und dem, was möglich ist.“ Und dem titelgebenden Gesang der Räder in den Schienen lauscht in einem Berliner Abbruchhaus ein junger Mann, der den Tod seines Vaters zu verwinden sucht.

Die atmosphärische, authentische Dichte sowie die sprachliche Ausgewogenheit erzeugen Spannung und Lesevergnügen gleichermaßen. Auch wenn die letzten beiden Erzählungen etwas an Reiz verlieren, ist der Band künstlerisch wertvoller als etwa die letzten Veröffentlichungen von Paul Brodowsky oder Franziska Gerstenberg.
Ruth Cerha, geboren 1963 in Wien, Ausbildung in Klavier, Violine und Tonsatz. Studium der Psychologie und Gesangsunterricht. Tätigkeit als Musikerin, Sängerin und Komponistin in verschiedenen Bands. Ruth Cerha hat zwei Kinder und lebt und als Klavierpädagogin in Wien.
Ruth Cerha beim Luftschacht Verlag  externer Link

Daniela Rhinow   16.10.2007Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-AnsichtSeite empfehlen  empfehlen

Daniela Rhinow