poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 
Sibylle Luithlen

Das neue Kind

Das Kind kam im gleichen Sommer in das Dorf wie ich.
Es sei zu den Brenners gekommen, erzählte mir mein Cousin, in dessen Garten­haus ich damals übergangsweise wohnte, weil die älteste Pflege­tochter der Brenners volljährig sei und eine Ausbildung in der Stadt mache, und weil die Brenner ihre drei Pflegekinder voll bräuchte, sonst reiche das Geld hinten und vorne nicht. Kaum sei ein Pflegekind weg, würden sie sich beim Jugendamt melden und sich ein neues zuteilen lassen.
Wir saßen auf seiner überdachten Terrasse und tranken Bier, hatten schon alle Familiengeschichten aufgewärmt und uns all die Anekdoten unserer Jugend in Erinnerung gerufen.
Eines der Pflegekinder sei vor Jahren beim Martinsumzug überfahren worden, sagte mein Cousin und schnippte mit seinem Feuerzeug den Kronkorken von einer Bierflasche, zum Glück von jemandem auf der Durchfahrt, sagte er, jemandem von weit her, es hätte einen Aufschrei gegeben, man habe einen Radar aufgestellt und ein neues Schild mit „Achtung Kinder“. Das Komische sei gewesen, dass zur Beerdigung nicht nur die ganze Schule gekommen sei, sagte er, sondern die Lehrerin und mehrere Kinder geweint hätten. Sie hätten Bilder gemalt und den Teddy des Kindes unter einer Art Käseglocke auf das Grab gestellt. Selbst Frau Brenner soll geweint haben, dabei hatte man vorher nichts als Beschwerden über das Kind gehört.
Wir tranken Bier, mein Cousin aß saure Gurken, und ich überlegte laut, ob die Eltern des Pflegekindes juristisch etwas gegen Brenners hätten unternehmen können.
Apropos juristisch, sagte mein Cousin. In welchem Semester bist du eigentlich. Oder zählst du nicht mehr. Er lachte hämisch.
Ich gab eine komplizierte Antwort, sagte etwas von Staatsexamen und Repetitorium und erkundigte mich, wie es denn weitergegangen sei, mit den Brenners und den Pflegekindern.
Frau Brenner habe das Bett des Kindes frisch bezogen und dem Jugendamt den freien Platz gemeldet, sagte er und kippelte mit seinem Stuhl nach hinten, so sei das bei denen, aber die Frau vom Jugendamt habe von Pietät geredet, habe gesagt, die Brenners nähmen keine Hunde zu sich, sondern Menschen, und hat ihnen erst nach einem halben Jahr wieder eins gegeben. Es muss ihnen ein riesiges Loch in die Kasse gerissen haben, sagte mein Cousin. Wenn er zu viel getrunken hatte, sagte Herr Brenner, das Balg sei sogar zu dumm gewesen sei, auf sich aufzupassen.

Das neue Kind hatte einen englischen Namen und kam mitten in den Sommerferien.

Was ist eigentlich mit deinem Job in dem Fahrradladen, fragte mein Cousin mich eines samstags wieder, und ich sagte, der Laden würde gerade umgebaut, und hoffte, dass ich ihm das letzte Mal die gleiche Antwort gegeben hatte. Ich stand aus meinem Liegestuhl auf, um weniger Ärger zu erregen, und mein Cousin warf mit einen unfreundlichen Blick zu, kramte in seinen Hosentaschen, zog einen Geldschein und einen Zettel heraus und sagte, du könntest mal einkaufen gehen.
Die Leute sollten wohl sehen, dass ich ihm mit einem umgebauten Kinderwagen die Kästen Bier vom Rewemarkt nach Hause karrte, dass er mich Samstagvormittag beim Metzger in der Schlange stehen lassen konnte. Und die Leute fragten mich, ob es stimme, dass ich bald Anwalt wäre, ob ich zur Erholung bei ihnen im Dorf sei, ob jemand wie ich nicht in die Großstadt gehöre, und ich sagte, nicht direkt Anwalt, sagte, dass ich einfach mal ausspannen wollte und fürchtete, dass die Leute mir nicht glaubten. Und ich hörte Frau Brenner von dem neuen Kind schwärmen, absolut unkompliziert, sagte sie, lässt nichts liegen, gibt keine frechen Antworten, wäscht sich, isst alles, was man ihm vorsetzt, wirklich absolut unkompliziert. Die Leute sagten, dass hätten sie nun aber auch mal verdient, und kamen auf frühere Pflegekinder zu sprechen, die kriminell oder gewalttätig oder sonst wie eine unverdiente Belastung für die Brenners gewesen waren, die zwar Geld, aber doch auch nicht besonders viel für sie bekamen, und Frau Brenner seufzte und sagte, wegen des Geldes allein, niemals, aber man gibt ja auch einem Kind ein Zuhause. Einige Leute murmelten etwas Zustimmendes, und man verständigte sich darüber, wie schwer diese Kinder es hatten und wie froh man war, dass man immer ein Zuhause und also einen Platz gehabt hatte und dass man manchen Leuten das Kinderkriegen schlicht verbieten müsste. Das sagte der Nachbar meines Cousins. Oder sterilisieren, schlug eine Frau mit bunten Haaren vor, dass sei heute ein kleiner Eingriff. Er würde es verbieten, wiederholte der Nachbar, und die Frau fragte spitz, wie er das denn bitte durchsetzen wolle. Einen Moment war es still in dem Laden, dann rief die Verkäuferin, so, bitte, Frau Silch, und trocknete sich die Hände an der Schürze ab, und die Frau, die mit Frau Silch angesprochen worden war, kaufte Schweinegeschnetzeltes und Leberwurst.
Frau Silch, das sind die mit dem Hund, erklärte mir mein Cousin. Den Hund kannten alle, er wurde von Herrn Silch zwei Mal am Tag mit Maulkorb und Stachelhalsband die Landstraße herunter, durch die Felder bis zur Schonung und von dort aus im Halbkreis zurück nach Hause geführt. Der Hund hatte mal jemanden angefallen, auf Wiederholung des Vorfalls stand Einschläfern.

Ich sah das Kind zum ersten Mal auf dem Weg zum Getränkemarkt. Es drückte sich an einer Hausmauer herum, kaute Kaugummi, grinste, als ich es grüßte. Ich ging weiter, drehte mich nach einer Weile um; es folgte mir und blieb nun stehen. Grinste demütig. Schob sich in einen Hauseingang, als könnte ich es dort nicht sehen.
Der Getränkemarkt war zu, dabei war es längst nach drei, durch die Glastüre sah ich den Schlüssel von innen stecken. Ich rief dem Kind zu, ob es Herrn Wendlich habe weggehen sehen, und es schüttelte den Kopf, grinsend. Ob es vielleicht wisse, wo Herr Wendlich sein könne? Wieder schüttelte es den Kopf, schob sich mit ausgestreckten Armen an der Hauswand entlang wie Jesus am Kreuz, kaute sein Kaugummi, sagte nichts. Ich stellte die leere Kiste ab, sah mich ungeduldig um, suchte nach einer Klingel oder einer Telefonnummer, fand weder das eine noch das andere. He, komm mal her!, rief ich ihm zu und suchte meine Hosentaschen nach Kleingeld ab. Es kam langsam näher, mit kleinen, misstrauischen Schritten, beobachtete mich, als sei ich ein Vulkan, der jeden Augenblick ausbrechen könnte. Willst du dir einen Euro verdienen?, fragte ich, warf das Geldstück ein paar Mal hoch und fing es wieder auf. Da drehte es sich um und rannte weg.
Als ich nach Hause kam, fuhr mein Cousin mit seinem Lieferwagen vor, drehte im Aussteigen das Radio aus und steckte sich eine Zigarette an. Ich hätte Arbeit für dich, sagte er und schlug mir etwas zu feste auf die Schulter, und ich sah auf seine weiß gesprenkelten Hände, sein ebenfalls gesprenkeltes Gesicht und kam auf Herrn Wendlich zu sprechen, der seinen Laden einfach am helllichten Tag zugemacht habe. Ob das öfter passiere.

Es war ein heißer Sommer. Nachts ließ ich alle Fenster des Gartenhäuschens offen stehen, lag lange wach und dachte darüber nach, wie es dazu hatte kommen können, dass ich mich von meinem Cousin als Kistenschlepper und Einkäufer missbrauchen lassen musste. Tagsüber saß ich meistens im Liegestuhl unter dem großen Nussbaum, las Krimis, hörte auf das Summen der Wespen, die sich um die im Gras verrottenden Mirabellen scharten, das Gezwitscher der Vögel, das Motorengeräusch vorbeifahrender Mofas. Manchmal machte ich einen Gang durchs Dorf, das heißt einen Gang die sich kurvig den Berg herabziehende Landstraße entlang bis zu dem „Willkommen“-Schild; dort drehte ich um und ging den Berg wieder herauf. Ich versuchte auf diesen Gängen nicht zu denken; manchmal half ich mir, in dem ich etwas zählte; Autos, Straßenlaternen, Briefkästen an der Gartenmauer und Briefkästen am Haus, eiserne Fußabtreter oder bunte Glaskugeln auf Holzstecken in den Gärten.

Der Asphalt glühte in der Mittagshitze, die Schatten der Häuser hatten sich fast bis zu den Mauern zurückgezogen, manche Rollläden waren herunter gelassen, es war still. In der Kurve glänzte die Straße, als wäre sie nass, die Luft darüber flimmerte. Auf dem Rückweg geriet ich ins Schwitzen, obwohl ich in dem schmalen Streifen Schatten ging, obwohl die Straße nur leicht anstieg und ich nichts trug als ein dünnes Hemd und eine Sommerhose. Aus einem der Häuser kamen Stimmen, aus einem anderen ein Radio, dann war es wieder still. Irgendwoher ein fernes Brummen, hoch oben zog ein Flugzeug einen wolkigen Streifen über das Blau, ein Knurren, und plötzlich, noch ehe ich mich umsehen konnte, von links die geifernde Bestie in ihrem Zwinger aus Stahl. Der Zwinger stand in einem betonierten Hof mit einem Trog voller Blumen, die Bestie sprang darin herum und fletschte ihre Zähne durch die Lücken zwischen den Stäben. Ich blieb stehen, schwach in den Knien. Plötzlich stand auch sie still, zitternd vor Anspannung, und knurrte leise. Widerliches Vieh, sagte ich in die Stille dieses trotz der Hitze wie eingefroren wirkenden Dorfes, dann noch mal: widerliches Vieh. Nichts rührte sich, nur das leise Knurren, die wie zum Angriff gespannte Haltung. Dann brach das Geifern wieder los; der Hund drehte sich um sich selber, sprang gegen die Stäbe, schnappte in die Luft. Und da sah ich es: das Kind hockte tief im Schatten, einen langen Stock in der Hand, und stach durch die Stäbe hindurch nach dem Hund. Es lachte, es sah glücklich aus.
Warum bist du nicht zu Hause, fragte ich, und da war es wieder, dieses Grinsen, als wäre es mir etwas schuldig. Es ließ den Stock fallen, kletterte über den Jägerzaun und verschwand durch den Garten der Silchs. Der Hund beruhigte sich und rollte sich in einer Ecke zusammen, Stille breitete sich aus, eine Stille bis zum Horizont.

Wenn beim Bäcker, beim Metzger oder in der Schlange beim Rewemarkt nicht über das neue Pflegekind der Brenners gesprochen wurde, so über die Temperaturen. Seit dreißig Jahren nicht mehr so heiß, sagten die Leute, überhaupt der heißeste Sommer seit 1920, nein, seit Beginn der Temperaturmessung; man erinnerte sich an andere heiße Sommer, die weit in eine gemeinsame Kindheit zurückreichten, wetteiferte mit selbst gemessenen Temperaturen im Schatten und in der Sonne, zu jeder Tageszeit und sogar nachts.
Oft, wenn ich unter dem Nussbaum saß, dachte ich über das Kind nach statt über mein Studium, das es bald nicht mal mehr auf dem Papier geben würde, oder über den Fahrradladen, der in Wirklichkeit pleite war. Ich spekulierte darüber, warum es zu Brenners gekommen war, statt bei seinen eigenen Eltern zu leben, und fragte mich, was an ihm war, dass ich es vom ersten Augenblick an nicht gemocht hatte.
Ich hätte Arbeit für dich, wenn dir dein Arsch nicht zu fein wäre, sagte mein Cousin mal wieder an einem Abend und warf in der Garage mit lautem Krachen Bretter auf einen Stapel.

Die Begeisterung der Brenners über das Pflegekind mit dem englischen Namen hielt nicht lange an; es sei unehrlich, erzählte Frau Brenner eines Samstagvormittags beim Bäcker, es habe den Autoschlüssel versteckt und dann den Verdacht auf ihre Tochter gelenkt. Es glaube, dass es mit seinem Grinsen überall durchkomme, aber bei ihr nicht, und auch bei Frau Silch und dem Nachbarn meines Cousins nicht, darüber waren sie sich einig. Sie kauften Butterstreusel und Pflaumenkuchen und Eifeler Kruste, und noch im Hinausgehen sagte Frau Silch, Sie sind schon mit ganz anderen fertig geworden, Frau Brenner, und Frau Brenner warf den Kopf in den Nacken und sagte: weiß Gott.
Die Kinder, die nicht in Urlaub gefahren waren, verbrachten ihre Tage im Freibad, nur das neue Pflegekind der Brenners ging nicht mit. Weil es nicht schwimmen könne, sagte Frau Brenner; man halte es zu seinem eigenen Besten von ihnen getrennt, die Kinder würden es nur quälen, sagte die Metzgerin; damit es den Hund ärgern könne, sagte Frau Silch. Es drückte sich in dem immer gleichen schmutzigen T-Shirt im Dorf herum, stand an den Zäunen, grinste, und wenn man es ansprach, lief es weg. Dann verschwand auf dem Sommerfest Geld, und das Kind bekam eine Woche Hausarrest, obwohl es keine Beweise gegen es gab. Schaden kann es nicht, sagte Frau Brenner und reckte das Kinn, als müsse man ihr so ansehen, dass sie im Recht war.
Auf meinen Gängen durch das Dorf hielt ich trotzdem Ausschau nach ihm; rechnete damit, es hinter einer Kurve oder in einer Garageneinfahrt zu entdecken und mit meinem harmlosen „guten Tag“ zu verjagen. Das Dorf war nicht mehr das gleiche ohne die Anwesenheit des Kindes; ohne zumindest die Möglichkeit seiner Anwesenheit. Ich kam von diesen Gängen mit dem Gefühl zurück, dass etwas fehlte.
Seit mein Cousin mir Arbeit geben wollte, ging ich so oft wie möglich spazieren.

An einem der ersten bewölkten Tage sah ich es wieder vor dem Hundezwinger: es hatte ein Stück Salami auf den Boden gelegt, gerade so weit weg, dass der Hund nicht dran kam. Er scharrte mit der Pfote auf dem Beton, er jaulte und leckte sich das Maul, und das Kind hockte da, lachte, schob die Wurst näher und zog sie wieder ein kleines Stück zurück, wenn es fürchten musste, dass der Hund sie erreichte.
Mach, dass du nach Hause kommst, sagte ich, und das Kind warf mir einen ängstlichen Blick zu, überdeckte ihn mit seinem Grinsen und verschwand.
Das Wetter blieb trüb, die Schule fing wieder an, und mein Cousin kam auf die Idee, sich in dem Gartenhäuschen eine Werkstatt einzurichten. Ich erfand immer neue Gründe, warum ich noch nicht zurück in die Stadt gehen konnte, und mein Cousin sagte: Wenn es kalt wird, gehst du ganz von alleine. Und falls du bleiben willst: er machte eine Kopfbewegung in Richtung seines Lieferwagens.

Die Leute im Dorf fragten nicht mehr danach, ob ich lieber Anwalt oder Richter würde, sie sagten auch nicht mehr, dass jemand wie ich in die Großstadt gehöre, und fingen an, mich zu duzen. Sie bezogen mich in ihre Gespräche über die Klimaerwärmung und Brenners Pflegekind ein, und ich sagte: es ist verschlagen. Wir standen in der Schlange vor der Post, Evchen stempelte langsam wie immer, und alle nickten, verschlagen, das traf es genau. Manche kommen schon so auf die Welt, da machste nix, seufzte Herr Silch. In den Gesprächen über das Kind tauchte das Wort verschlagen immer häufiger auf, auch die Lehrerin sagte es, denn seit das Kind in der Klasse war, waren mehrere Sachen verschwunden. Und immer war es das Pflegekind der Brenners, das im Umfeld der verschwundenen Gegenstände gesehen worden war; wenn es zur Rede gestellt wurde, grinste es und schwieg. Es würde ja protestieren, sagte die Lehrerin und nahm das Schweigen für ein Schuldgeständnis, sagten die Brenners und auch Frau Silch, deren Hund das Kind mit Steinen und Stöcken traktierte, sooft es konnte.

Der Unfall ereignete sich am Abend, und noch ehe der Notarzt da war, wusste es das ganze Dorf. Schweigend standen die Menschen im Halbkreis um die Einfahrt der Silchs herum, sahen auf das blutende Kind, auf Frau Brenner, die neben ihm kniete und versicherte, es sei keine lebenswichtige Ader getroffen, sie hatte Sanitäterin gemacht. Herr Silch war mit dem Hund im Haus verschwunden, kein Laut war daraus zu hören, und Frau Silch weinte laut und sagte immer wieder, wie konnte das passieren, wie konnte das nur passieren.
Es dämmerte, über den Dächern färbte sich der Himmel, das Kind war nur noch ein dunkler Umriss auf dem Beton, ebenso das Blut. Das Schweigen war drückend, und als endlich in der Ferne das Martinshorn zu hören war, war es eine Erleichterung.
Die blauen Lichter zuckten im Kreis, das Kind wurde in den Wagen gehoben, Frau Brenner stieg hinterher, alles ging sehr schnell. Die Leute blieben stehen und sahen in die Richtung, in die der Wagen verschwunden war, immer noch sprach niemand. Herr Silch kam aus dem Haus und schwemmte mit einem Eimer Wasser das Blut weg. Vorstellung zu Ende, sagte er und nahm seine Frau mit ins Haus.
Als erstes ging Herr Brenner mit den Kindern, dann Evchen, und dann löste sich die Versammlung auf.

Das Kind habe viel Blut verloren, sei aber außer Lebensgefahr, wurde erzählt, ihm sei Haut transplantiert worden, es werde lebenslange Narben davon tragen. Schön sei es eh nicht gewesen, sagte die Metzgerin. Es hätte den Hund eben nicht immer ärgern dürfen, man müsse auch den Hund verstehen, fand der Nachbar meines Cousins, aber mein Cousin fand, der Hund gehöre in die Wurst. Es kam die Presse, der leere Zwinger wurde fotografiert und die Einfahrt der Silchs, und zwei Wochen lang wurde über fast nichts anderes gesprochen. Dann stand fest, dass das Kind nicht wiederkommen würde und dass das Jugendamt Anzeige gegen die Silchs erstattete, obwohl die Brenners bereit gewesen waren, auf eine Anzeige zu verzichten.
Noch bevor der Prozess begann, ging Herr Silch eines Sonntagmorgens mit dem Hund und einer Schubkarre seinen üblichen Weg die Landstraße herunter, stellte die Karre an der Schonung ab, befahl dem Hund, sich hinzulegen und tötete ihn mit einem Kopfschuss aus seinem Jagdgewehr. Den Kadaver wickelte er in eine Decke und fuhr ihn in der Schubkarre nach Hause.

Dann wurde es kalt, und mein Cousin zeigte mir, wie man verputzte, welche Vorstreichfarbe man auf welchem Untergrund verwenden musste und wie man streifenfrei strich. Nach den ersten Tagen hatte ich Rückenschmerzen, Muskelkater im rechten Arm, und meine Hände brannten von den Lösungsmitteln. Daran gewöhnt man sich, sagte mein Cousin und warf mir in dem Spiegel über dem Waschbecken einen spöttischen Blick zu. Daran gewöhnst du dich; schneller, als du denkst.

Sibylle Luithlen   26.03.2009     Druckansicht   Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Sibylle Luithlen
Prosa
Über Literatur