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Artur Becker

Im Gespräch mit Tom Bresemann
»Jeder Ort eignet sich für die Dichtung«
  Gespräch        Literatur und Peripherie

»Die Kindheit hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin: ein Suchender voller Sehnsüchte.« Artur Becker in poet nr. 15
Gespräch in poet nr. 15   externer Link


Artur Becker, 1968 geboren als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Masuren), lebt seit 1985 in Deutschland. Schreibt Romane, Erzählungen, Gedichte und Aufsätze, auch als Übersetzer tätig. Der neue Roman von Artur Becker Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Nieder­gang erschienim Frankfurter Verlag weissbooks.w im Herbst 2013.


Tom Bresemann: Du beschäftigst dich mit langen Gedichten. Nach Walter Höllerers Thesen zum langen Gedicht wird in ihnen und ihrer »Art sich zu bewegen und da zu sein ... die Republik erkennbar, die sich befreit«. Sind lange Gedichte für Dich Metropolen des Sprechens?
A. Becker: Eigentlich komme ich ja vom Gedicht her – das will heißen, dass ich dort in meiner Kindheit in Polen von Poesie und von Dichtern umgeben gewesen bin. Es war ganz natürlich, dass wir Gedichte ge­schrieben und über sie gesprochen haben. Ein Prosa­autor war jemand, der im Ausland lebte oder zum Kanon der polni­schen Literatur gehörte: Es waren hohe Berge und Elfenbeintürme, die uns verdächtig vor­kamen. Ich fing relativ spät an, Prosa zu schreiben, da war ich Mitte Zwanzig, bedenkt man, dass ich da schon seit gut zehn Jahren Gedichte geschrieben habe. Ich hatte immer den Erzähler latent in mir, ich erkannte es aber erst später. Ich trug ihn in mir, doch er musste geweckt werden. Das war also der Anfang: in wenigen Worten.
  Walter Höllerer hat sicherlich recht, vor allem mit der Republik. Ein Dichter erschreibt sich nicht die Welt, er gründet seine eigene Republik, in der seine Themen und Probleme, seine ontologischen Fas­zina­tionen und Erkenntnisse wohnen – sowie Ge­schich­ten. Hinzu kommt noch, dass man im Laufe des Aufbaus dieser poetischen Re­publik seine Haltung immer wieder verfeinert, revi­diert … kultur­ge­schicht­lich und poetologisch. Ich glaube, dass das der Grund bei mir ist, dass ich dann den Zu­gang zu meinen langen Gedichten fand, die manchmal sogar zu Poemen werden. In meinem neuen Gedicht­band, dessen Ver­öffent­lichung für 2014 geplant ist, gibt es ein langes Poem von 18 Seiten, in dem ich von meiner kleinen Heimat erzähle. Ich erzähle auf drei Ebenen: privat (autobiografisch), historisch (universell irdisch) und meta­physisch (himmlisch trans­zenden­tal). Der Gesang, gepaart mit dem Poem, also die Minne­sänger­tradition und natürlich die griechischen Dichter, die auf dem Hof und auf der Straße Unterhaltung und Bildung geboten haben – das ist sicherlich eine Art der Dichtung, die ich sehr bewundere. In der ich mich wohlfühle.
T. Bresemann: Was interessiert Dich daran?
A. Becker: Im Prinzip stehe ich auch so wie sie auf der Straße und singe, vor meinem Publikum natürlich, trage meine Lieder, Gesänge und Poeme vor. Ich erzähle und dichte. Andersherum betrachtet, spiegelt das Schreiben auch die geistige Kondition, psycho­logische Kondition und Neigung des Autors wider: Ich bin im Kopf und in meiner Seele blumig, bunt­scheckig, barock, schwerfällig zu Anfang und dann auf gerader Strecke und später in den scharfen Kurven mit zu­nehmender Geschwin­dig­keit eine tollwütige Maschine, die alles erzählen und nichts ver­gessen will. Die Bilder über­rumpeln mich, und ich muss aufpassen, dass ich mein Ziel im Auge behalte: Die von uns gebaute Wirklichkeit muss de­maskiert werden, damit die Schönheit der Welt wenigstens ein bisschen sichtbar wird. Und ich komme mit der Vergäng­lichkeit und der Zeit nicht klar. So wird die Literatur zu einer Art Rettungsring.
T. Bresemann: Bartoszyce, der Ort, mit dem sich deine Romane beschäftigen, stellt zweifelsohne den Mittelpunkt der Welt dar. Was zeichnet ihn vor allen anderen Metro­polen aus?
A. Becker: Bartoszyce und Ermland und Masuren, meine Heimat, sind in der Tat mein Truppenübungsplatz, Polygon klingt schöner, militä­rische Ausdrücke gefallen mir in diesem Fall nicht. Eigentlich denke ich ähnlich wie Georg Büchner, den wir dieses Jahr feiern, sehr realistisch. Denn jeder Ort eignet sich für die Dich­tung, und Romane, die ich schrei­be, sind Dichtung, weil ich ähnlich wie Faulkner und Steinbeck oder S. Lenz und G. Grass von meiner Heimat eine Geschichte erzähle, die nicht enden will. Da ist aber ein Paradoxon zu erkennen, zumindest für mich. Auf der Suche nach der Wirklichkeit, nach Biografien, Schicksalen und Geschichten aus meinem Land, stellte ich mehr und mehr fest, dass meine Heimat zerbrechlich und grund­sätzlich schwer zu fangen ist, wie ein wildes Tier. Die Entzauberung des Gewöhn­lichen: Es geschieht auf dem Papier, im Buch, und sobald dieses Buch das Licht der Welt erblickt, wird das Unge­wöhn­liche wieder so furchtbar gewöhnlich, verräterisch. Fiktion wird zur Wirk­lich­keit. Dieser komplizierte Prozess lässt sich viel­leicht dann besser verstehen, wenn man bedenkt, dass ich meine Kind­heits­ein­drücke in meiner Heimat nicht verarbeiten konnte. Die Nabelschnur wurde in Deutschland und durch die Emi­gration gekappt – der Prozess der Reife und des Heran­wachsens hat in der Fremde stattgefunden. Das hat(te) zur Folge, dass ich in meinen Bü­chern und Romanen etwas nach­holen musste und will, was eigent­lich in der Heimat hätte geschehen müssen.
T. Bresemann: Empfindest Du das Schreiben an Deinen Romanen also als endgültiges In-die-Welt-Hinausziehen, als Erwachsenwerden im Auserzählen?
A. Becker: Es gibt schlaflose Nächte und lange nachdenkliche Tage, weil der Wunsch groß bleibt, alles, was man in seiner Kindheit erlebt hat, zu erzählen. Diese Methode und dieser Zustand der Psyche sind nichts Neues. Denken wir bloß an I. B. Singer, der seine Juden aus Warschau und polnischer Provinz zu Helden seiner Romane gemacht hat. Die meisten meiner Geschichten spielen dort in Masuren, und das wird sich sicherlich nicht gra­vierend ändern. Aber selbst die Romane oder Ge­schichten, die ich noch in Planung habe und die hier in Westeuropa oder in den USA spielen sollen, haben den Kontext der Emigration. Ich weiß nämlich, dass ich die Psycho­logie meiner Figuren besser verstehe als diejenige, die ich nur beobachtend erfahren habe: Ein Roman in Berlin aus meiner Feder müsste etwas mit mir und meiner Heimat, mit der Emi­gration und mit der Geschichte meines Landes zu tun haben, dann würde ich glaub­würdig sein: und zwar für mich! Ich muss meiner Biografie und meinem Land treu bleiben, das ist nicht nur eine Pflicht, meine Hausaufgabe, sondern auch die Überzeugung, dass ich mit meinen hauseigenen Figuren am besten das Universelle unseres Daseins beschrei­ben kann. Mittlerweile, da ich seit 1985 in Deutschland lebe, habe ich natürlich auch hier eine Vergangenheit, die mir sehr entgegenkommt – erzählerisch … Aber ich kann mich nicht von meiner Obsession befreien: Heimat und Emigration, Grenzgänger und Unan­gepasste – das ist meine kleine Welt. Und Bartoszyce ist für mich eine Art Schule und psychiatrische Anstalt gewesen.
  Die Kindheit hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin: ein Suchender voller Sehnsüchte. Ich glaube auch, dass bei mir der Motor die Liebe ist. Letztendlich habe ich in Bartoszyce in erster Linie die Liebe erfahren, unter schweren Bedingungen der Provinz und des katholisch-sozia­listischen Staates, eines Regimes also. Aber ich will eben nicht ur­teilen, sondern alle Generationen, die ich kennengelernt habe, sprechen lassen, damit sich der Leser selbst ein Bild von unserer Existenz machen kann. Denn die Themen, die die Literatur ausmachen, sind bei mir alt ge­blieben: Hass, Liebe, Verrat, Ausbeutung, Verschwörung, Schönheit und Gift des Universums, und eben die homo­zentri­schen Themen – Freiheit, die Wahl zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und Atheismus, dem Sakralen und Absurden.
T. Bresemann: Man begegnet Dir auf Lesungen, Festivals und Konferenzen, du schreibst Romane, Gedichte, Essays und Kritiken, lebst im ICE zwischen Berlin, Frankfurt und Verden. Wie bedeutet es Dir zwischen den vielen Welten unterwegs zu sein?
A. Becker: Diese Reise im ICE nimmt ja kein Ende … Ich habe unser Deutschland in den letzten Jahren gewaltig bereist und aufgesogen wie einst meine Heimat Polen, wo ich bereits als 15jähriger in den Zügen saß und viel unterwegs war. Ich glaube nicht, dass Internet, Globa­li­sierung und die Öffnung der Gren­zen in Europa das Reisen interes­santer oder irgendwie natür­licher gemacht haben. Das ist eine zeitgeistige Perspektive, keine universelle. Ich habe das Reisen sozusagen im Blut, mit der Mutter­milch getrunken, und es ist schon seltsam, dass ich mit 45 darüber nach­denke, mehr Ruhe zu finden, herzustellen. Das ist auch eine Illusion. Das Reisen ist zur Droge geworden. Vielleicht bin ich ein mittel­alter­licher Gaukler, der von Dorf zu Dorf zieht und sein Programm vorstellt, wie in dem Film Das siebente Siegel von Ingmar Bergman.
T. Bresemann: Du bezeichnest dich selbst als Kosmopolen. Was meinst Du damit?
A. Becker: Die Erfindung des Kosmopolen ist bei mir sicher­lich ein Ergebnis der Emi­gration heute und hier, der Begriff ist ja mittlerweile gut sechzig Jahre alt und kommt von Andrzej Bobkowski, dem polnischen Schrift­steller, der in Guatemala gelebt und in den Kreisen der polnischen Emigranten­zeit­schrift »Kultura« aus Paris gewirkt hat. Ich bin nicht nur ­Kosmopole, ich wohne in Kosmopolen, und ich kenne Deutsche, die Kosmopolen sind. Das ist meine Erweite­rung des Begriffes von Bobkowski. Ein weites Feld. Aber ich kann mich eben nicht nur als deutsch­sprachiger und deutscher Autor definieren, ich bin mir selbst gegenüber und anderen Autoren sehr skeptisch, wenn sie einen ähn­lichen biogra­fischen Hinter­grund haben und unbedingt als deutsche Autoren angesehen werden wollen. Ich kann eben den Schub­laden nicht trauen. Sicherlich, ich freue mich darüber, ein Teil der deutsch­sprachigen Literatur zu sein, doch gleich­zeitig kann ich den polnischen Hinter­grund nicht aus­blenden, und ich gehe eher in die Richtig des »Kosmo­polismus« bzw. der Meta­literatur und der inter­nationalen Literatur. Das war eben zwischen 1985 und 1989 meine größte Entdeckung, dass die Sprachen und Nationen vergänglich und zer­brechlich sind und dass die Literatur in jeder Sprache entstehen kann – so kann ich auch von meiner Heimat und meinen Figuren erzählen, obwohl ich es nicht in meiner Mutter­sprache tue. Seltsam, aber als ich 1985 in die BRD kam, musste ich nur die neue Sprache erlernen. Wir waren uns sehr ähnlich, wir lasen Albert Camus, hörten Pink Floyd und hatten Angst vor dem Atom­krieg. Und der Zweite Weltkrieg saß uns im Nacken, und wir verstanden die Grausam­keiten nicht, die er mit sich gebracht hat. Wohl­gemerkt: Ich traf natürlich Wohl­gesinnte und Verwandte, geistig und lite­rarisch und musikalisch und poetisch. Das war für mich ein Schock bzw. ein großer Sieg des Menschen. Lassen wir nämlich an dieser Stelle das hochtrabende Wort »Europa« sausen …
T. Bresemann: Vielen Dank für das Gespräch.
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Literaturmagazin
poetenladen, Leipzig Herbst 2013
232 Seiten, 9.80 Euro

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Tom Bresemann
Lyrik
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