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Heidegger in der Waschmaschine
Gerhard Zwerenz

Ossietzky 25/2005

 Martin Heidegger Der im Pariser Intel­lek­tuel­le­nmilieu seit einiger Zeit betrie­bene Höllen­sturz Heide­ggers ver­setzt seine völ­kisch-deut­schen Gesang­vereine derart in Auf­regung, daß aus der philo­sophi­schen Fach­zeit­schrift FAZ fast all­wöchent­lich Choräle zur Ver­teidi­gung er­klin­gen. War Richard Wagner der omnipotente Musikus, wenn auch leider Anti­semit, ist Heide­gger der unüber­treff­liche Geistes­riese, wenn auch leider ein priva­ter und profes­soraler Hitle­rianer, der den Führer führen wollte. Unser Vor­schlag für die nächste Buchmesse: Genie und Nazi in einer Person.
     Die neue Aufklärungswelle erreicht allerdings in Paris Tsunami-Höhen. Angefangen bei Sartre bis hin zu Derrida lebten alle französischen Denker von Nietzsche und Heidegger, doch jetzt wird der verunglückte Nietzscheaner in frechen Büchern glatt der Dekonstruktion unterzogen, so daß nicht viel mehr übrigbleibt als ein Braunhemd mit Drang zur Waschmaschine.
     Den vorerst letzten Streich gegen den schaumschlagenden Weltdeuter führte Emmanuel Faye in seinem bei Albin Michel in Paris edierten 600 Seiten dicken Wälzer Martin Heidegger. L' Introduction du nazisme dans la philosophie, in dem er die Aufklärung weit übertrifft, die der Heidegger-Biograph Victor Farías 1987 mit Heidegger et le nazisme im seit Sartre heideggerseligen Paris immerhin begonnen hatte.
     Die aufgescheuchte Gouvernante FAZ sorgt sich um die armen genasführten Heideggerschüler aller Länder und memoriert die Namen – ach ja, Gadamer lehrte ihn, Hans Jonas ernüchterte sich an ihm, Günther Anders und Herbert Marcuse achteten ihn wenigstens punktuell, Hannah Arendt betete ihn an und schlief mit ihm, nur die Zwangspause des Dritten Reiches wegen hygienischer Abstinenz einhaltend. Der FAZ-Meisterschüler Henning Ritter verteidigt nun seinen Geistesvater nicht schlecht, indem er ihn erst noch tiefer in die braune Jauche taucht, um ihn mit Hilfe des Weißen Riesen nach dem Waschgang um so strahlender herauszuziehen. So prächtig klappt die Entnazifizierung immer noch unter unseren deutschen intellektuellen Überfliegern. Denn die wahren Faschisten, wir erfahren es Tag für Tag im maßgebenden Zentralorgan vom Main, sind die Antifaschisten.

 Emmanuel Faye: Heidegger, l'introduction du nazisme dans la philosophie Inzwischen dreht sich das Heidegger-Karussell lustig weiter. Gerade entdeckte die Frankfurter Rundschau anhand der Briefe des Philosophen an seine duldende Frau, daß für ihn »Ehebruch Geistesnahrung« gewesen sei und die Korrespondenz »vom Experiment der Freien Liebe Zeugnis« ablegt. Da kann Heideggers FAZ-Adept Henning Ritter mit seiner Liebe nicht zurückstehen. Am 29. 10. 05 färbt er den braunen Denker auf einer ganzen Zeitungsseite in einen Grünen um und bezichtigt den französischen Demonteur Faye, Heidegger »eine Verhexung des Verstandes« zu unterstellen. Faye gehe sogar noch weiter und der deutsche Ritter interpretiert ihn entsetzt mit den Worten: »Wenn man einmal begriffen habe, daß Heideggers Werk ein Pendant zum Hitlerismus und Nazismus im Denken sei, müsse man sich entscheiden, ihm heute mit derselben Entschlossenheit entgegenzutreten wie einst der deutschen Barbarei.«
     Kein Wunder, daß Faye bei Ritter gar keine guten Karten hat. Der kulturelle Urvater dieser Zeitung, der aus der Weimarer Republik siegreich zu den Nazis übergelaufene Friedrich Sieburg mag zwar verstorben sein, doch die Erben wissen es zu richten. Der FAZ-Großvater Sieburg, als er sich nach dem 1945er Desaster in dem Edel-Blatt wieder aufrichten durfte: »Der Kritiker ist ein Moralist.« So steht's jedenfalls in Die Lust am Untergang aus dem Jahre 1961. Von der Entschlossenheit gegen die Barbarei war nichts zu verspüren. Das Manko zeugt und erbt sich fort.
     Kürzlich wurde ich bei einer Lesung in Berlin auf die postmodernen französischen Philosophen von Glucksmann bis Derrida und Lyotard angesprochen, die in Distanz zu Sartre und doch in seinem großen Schatten dessen Denktradition zu Nietzsche und Heidegger übernahmen. Unsereinem muß dieser Umweg als Holzweg erscheinen. Mag das postmoderne Paris seinem Jahrzehnte hindurch hochgelobten Heidegger nun den Heiligenschein per Dekonstruktion fortnehmen und mögen die FAZ-Gespenster ihre Ikone Martin zum Grünen umlackieren, wir benötigen keinen Umweg zu Nietzsche, Marx, Freud, jedenfalls keinen Abstecher zum Lobredner des Führers. Da lohnt es sich, mal wieder ein vergessen gemachtes Buch aufzuschlagen. Darin steht zum Beispiel: »Der Zynismus Heideggers ist hinter seinem mit Dunkelheit poetisch sein wollenden Wortschwall verdeckt.« Diese und andere Lichter werden aufgesteckt in Die Zerstörung der Vernunft von Georg Lukács. Wie hell doch den kleinen Dunkelmännern zum Trotz alte Wahrheiten im neuen Lichte glänzen können. Die Scharnierfunktion Heideggers, des Staatsrechtlers Carl Schmitt und des stahlgewitternden Eisenfressers Ernst Jünger ins Auge fassend urteilt Lukács: »Wohin geht diese Philosophie? Sie behält ihre extrem vernunftfeindliche Wesensart aus dem Präfaschismus.« Das wurde vor mehr als einem Halbjahrhundert geschrieben und ist doch so frisch wie vom jüngsten Tag.
     Inzwischen drehte sich das Verblödungskarussel weiter. Gerhard Schröder ließ sich mit einem »Zapfenstreich« genannten Tsching­darassa­bum der Bundeswehr verabschieden, die einge­schmuggelte Moritat von Mackie Messer paßt durchaus ins neue Kriminellenmilieu gehobener Kreise. Vom Himmel her erklang allerdings Donnergrollen, wahrscheinlich Bertolt Brechts grimmiger Protestfurz. Unter den 700 geladenen Gästen befand sich ein schweigsames Skelett. Es soll sich um Schröders Vater handeln, der sein Heldengrab in Rumänien, wie BILD berichten wird, zur Teilnahme am Zapfenstreich, den er von früher her noch gut kannte, für kurze Zeit verlassen durfte. Nächsten Sonntag soll er bei Christiansen zu sehen sein. Sprechen darf er auch dort nicht. Denn tote Soldaten werden bei uns gefeiert und betrauert. Zu sagen haben sie nach ihrem Tode so wenig wie vordem. So will's der modische Patriotismus der neuen sozialchristlichen Einheitspartei.

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Ingrid und Gerhard Zwerenz und der Zweiwochenzeitschrift Ossietzky 25/2005.

 

Gerhard Zwerenz
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