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Bloch über Sartre über Heidegger
 

Ossietzky 22/2005

Ernst BlochJean-Paul SartreMartin Heidegger


 
 
Sartre hätte in diesem Jahr seinen 100. und Ernst Bloch seinen 120. Geburtstags begehen können. Ist es vorstellbar, daß die beiden, im Himmel oder in der Hölle, gemeinsam feiern? Eher nicht. Auf Erden hat der Jüngere den Älteren nicht wahrgenommen, obwohl er sich gern und ausgiebig von deutschen Philosophen anregen ließ – Hegel, Husserl, Heidegger, dreimal H also, ein Gesetz der Serie, im Schlagschatten des letztgenannten taucht noch ein Mann mit dem Initial H auf, Hitler. Alle Heidegger-Adepten werden nun in Tränen oder Wut ausbrechen. Zu ihrem Sankt Martin später mehr.

Zuerst ein Blick in meine Notizen von der letzten Leipziger Bloch-Vorlesung am 17.12.1956: Darin heißt es über den Franzosen: »Sartre, geboren 1905 – bedeutender Dramatiker.« Touchez – das ist schon ein Seitenhieb, an vorderster Stelle wird der Bühnen-Autor genannt, nicht der Philosoph. Danach geht es weiter mit dessen Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“. Bloch dazu: »’L’etre et le néant’. Was bei Heidegger die Angst, ist bei Sartre Nausea – La nausée: Es ist zum Kotzen. Im Ekel ist Kraft. Ihn zu überwinden, bedarf es der Résistance. Vorhanden ist die Freiheit zu wählen. Faschismus ist die Unfreiheit schlechthin. Dagegen: Ich kann das Wählen wählen, mein Wollen wollen. Was hindert, wird in Seiendes aufgespalten, ins An sich Seiende. Für kleine Individuen bringt das ein wenig Licht in die Finsternis. Gesucht wird das Ethische. Was wir treiben, hat jedoch keinen Anschluß an die Welt. Unsere Freiheit der Wahl bedeutet: Wir können alles wollen und können doch nichts erreichen. Eine Wahl, die inhaltliche Moral besitzt, ging gegen den Faschismus.« Aufgeschrieben habe ich eine Instant-Fassung, selbstverständlich waren Blochs Sätze viel länger, mehr davon konnte ich, angespannt zwischen Hoffen und Bangen, nicht fixieren. Wir fühlten uns animiert und beschleunigt nach Chruschtschows fulminanter Stalin-Kritik, doch witterte man schon besorgt die Ausbremser. Unser Ikarus auf dem Katheder verbrannte sich weiter die Flügel mit seiner Vorlesung: »Der (Faschismus) wird am Ende gleichgesetzt mit dem Bolschewismus, d. h. die Feinde werden verwechselt, siehe ‚Die schmutzigen Hände‘. Gesucht: Der bekannte 3. Weg. Seit Amerika faschistische Züge zeigt, wieder Änderung. Für den soziologisch nicht sehr geschulten Kopf verwirrend. Also ist Sartre ein naiver Politikus, das Ganze umrahmt vom Nihilismus, der Welt selber sind Schweinehund und Edler völlig gleichgültig. Der Anschluß an den dialektischen Materialismus ist von daher sehr weit.«

Sartres berühmtestes Drama um einen politischen Mord, „Les mains sales“, steckte der SED quer im Hals, in der Abwertung des Stücks zeigt sich der deutsche Philosoph auf Parteilinie, ebenso im knappen Satz über den vom Franzosen gesuchten »bekannten 3. Weg« zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Für „Die schmutzigen Hände“ gab es ganz konkrete Hintergründe. Simone de Beauvoir hatte in Paris einen Sekretär Leo Trotzkis kennengelernt, der ihr Details aus den letzten Jahren des 1940 auf Stalins Befehl im mexikanischen Exil getöteten russischen Revolutionärs erzählte. Ihr Bericht inspirierte Sartre zu seinem auch heute noch häufig aufgeführten Drama, das nur partiell an den realen Fall Trotzki erinnert. Sartres Analyse des individuellen Terrors, eines parteistrategisch begründeten Mordes traf aber exakt zu, der Vorwurf »naiver Politikus« schlägt hier auf Bloch selbst zurück, der dieses Thema damals lieber noch aussparte.

In einer anderen Frage hätten sich die beiden Denker begegnen können. Hier schlug der Professor ganz neue Töne an, Überschrift: »Probleme der Fortentwicklung des Marxismus nach Marx.« Das wurde sein Schwanengesang an der Pleiße. Für die SED galt der historische und dialektische Materialismus als unveränderbar und abgeschlossen. Ernst Bloch riskierte in der Aufbruch­stimmung nach dem 20. Parteitag der KPdSU im Jahr 1956 neue Aspekte, wobei er sich mit dem Lenin-Wort vom »Träumen nach vorwärts« wappnete und dem Hinweis, daß Lenins philosophischer Nachlaß voller »nahrhafter Notizen« stecke. Der russische Theoretiker habe mehrmals angemerkt, »die Grenzen zeitlicher und regionaler Art bei Marx müßten beachtet werden, gesellschaftliche Schranken seien ins Kalkül zu ziehen, das mache den echten Marxisten« aus. Diese Sätze provozierten die Genossen erheblich, hielten sie sich mit ihrer fertigen ML-Wissenschaft doch für perfekt und im Besitz absoluter Wahrheiten. Der aufmüpfige Professor stichelte weiter: »Auch das Beste kann durch ständige Wiederholung abgedroschen werden, kurzum: Der Marxismus ist per definitionem Erneuerung, dazu gehört Mut, revolutionärer Elan, keine Routine, sondern materialistisch begriffene Hoffnung.« Und noch eins drauf: »Die Märtyrer des Marxismus sind nicht für ein durchorganisiertes Produktionsbudget gestorben.« Das sagte der Philosoph in einem Staat, der das höchste Ziel in der Erfüllung diverser Zwei- und Fünfjahrespläne sah und es doch nicht schaffte, weil er die Ökonomie verabsolutierte und das Individuum, den »subjektiven Faktor« in der Gesellschaft vernach­lässigte. Von einem ständig er­neuerungs­bedürftigen Marxismus zu sprechen, war 1956 in der DDR ein Wagnis. Sartre äußerte sich ähnlich, wenn er den »faulen Marxismus« in der Kommunistischen Partei Frankreichs beklagte, eine Lehre also, deren Vertreter im Gewesenen verharrten und nicht weiterdenken wollten. Damit machte er sich bei den französischen Kommunisten, mit denen er immer mal wieder zusammenarbeitete, nicht eben beliebt, doch waren die Konsequenzen in Paris nicht so verheerend wie in Leipzig. Einen Lehrstuhl konnte Sartre nicht verlieren, weil er keinen innehatte.

Diametral entgegengesetzt hingegen ist das Urteil des deutschen und des französischen Philosophen über einem dritten: Martin Heidegger, zu dem Sartre sich auch noch bekannte, als nach 1945 dessen fatale Nähe zum Nazismus publik wurde. Die entwerte nicht, sagte Sartre, Heideggers frühere Schriften. Ganz anders Bloch über den ungeliebten Kollegen: »Hauptnichtdenker Heidegger – den Nazis bis zum bitteren Ende treu. Er hat Ahnen gesucht: Kierkegaard, Sokrates, Augustin. Scheinhaft anthro­pologischer Charakter des Existentialismus. Zwischen diesen ‚Ahnen‘ liegen gesellschaftliche Abgründe. Introvertierte Irratio soll geschaffen werden. Kommt von Husserl her, Umschlag von Wesenheiten zur Befindlichkeit, in der ich bin. Erlebnisserei bei verdunkelter Außenwelt. Worte werden zu Tode gehetzt, etymologisch falsch, berüchtigte Heidegger-Sprache. Raunende Weisheit. Je tiefer, um so weniger verstanden, es muß gefühlt werden – Philosophieren zum Hysterischen hin.« Das Urteil »Hauptnichtdenker« ist hart; vergegenwärtigt man sich jedoch, was Heidegger so von sich gegeben hat – zum Beispiel »Hitler ist mehr als die Idee, denn er ist wirklich« –, wird er damit noch recht gut bedient, denn hinter dieser Aussage Heideggers kann kein Denken stecken, nur Gefühl.

Die beste Therapie gegen Sartres Heidegger-Manie lieferte Heidegger selbst, als er ihn Anfang der fünfziger Jahre aufsuchte. Die ganze Zeit hindurch jammerte der Deutsche wegen eines satirischen Textes, den der französische Philosoph und christliche Existentialist Gabriel Marcel über ihn verfaßt hatte. »Da von nichts anderem die Rede war«, berichtet Simone de Beauvoir in ihrem Buch „Der Lauf der Dinge“, »ging Sartre nach einer halben Stunde weg.« Später erzählte er der Lebensgefährtin, »daß Heidegger dem Mystizismus verfalle«, und fügte hinzu: »Dabei plagen sich vierzigtausend Studenten und Professoren den ganzen lieben langen Tag mit Heidegger ab, stellen Sie sich das vor!«

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Zwerenz und der Zweiwochenzeitschrift Ossietzky 22/2005.

 

Ingrid Zwerenz
Aufsatz