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Nur eine Frau?

Ingrid Zwerenz über Marta Feuchtwanger und ihre oral history
Vor zwanzig Jahren starb Lion Feuchtwangers Frau
 

Marta Feuchtwanger | Nur eine Frau
Marta Feuchtwanger
Nur eine Frau
Droemer Knaur, Tb 2001
Ganz gewiss zählt Marta Feuchtwanger nicht zu den Dichter-Witwen, die man besser hätte verbrennen sollen. Es wäre gemein, denn das Leben schickte die 1891 geborene jüdische Münchnerin schon durch genügend Feuer. Grund genug, wenn auch ungewöhnlich, an den 20. Todestag dieser bemerkenswerten Frau zu erinnern, die am 25. Oktober 1987 starb. Seit 1912 verheiratet mit dem später weltberühmten Lion Feuchtwanger, stand sie an seiner Seite die von Geldmangel, existentieller und beruflicher Unsicherheit geprägten Anfangsjahre durch, eine Karriere voller Stolpersteine. Einige legte er sich selbst in den Weg, die meisten brachte dem deutsch-jüdischen Schriftsteller seine literarische und politische Arbeit ein. Bayern tat sich schwer mit dem kritischen Autor, ein Münchner Beamter äußerte das bereits im Jahr 1927 sehr deutlich, nachzulesen in Marta Feuchtwangers Buch „Nur eine Frau“, erschienen 1983, der Mann sagte: „Und überhaupt sind Sie hier sehr unbeliebt. Wir hätten Sie schon längst ausgewiesen, wenn Sie nicht beide hier geboren wären.“

Frühe Vorübungen in der süddeutschen Metropole, die dann zur „Hauptstadt der Bewegung“ und judenrein wurde? Dieser fatalen Fakten erinnert man sich nicht gern, wie der scheidende Ministerpräsident Stoiber Ende September bei Maybrit Illner exemplifizierte, als er seinen geliebten Freistaat „das älteste deutsche Kulturland“ nannte. Kein Hauch von Kulturschande? Alles in bayerischer Butter? Ohne Schrammen in der Geschichte? Um nicht ungerecht zu sein, selbst die CSU-Provinz ehrt inzwischen ihren Landsmann LF – mit toten Dichtern lebt sich's eben leichter.

Gedenktafeln für ihn gibt's in München, Berlin erinnert seit 1990 in der Regerstraße 8 per Inschrift ans ehemalige, 1933 durch die SA geplünderte Wohnhaus von „Marta und Lion Feuchtwanger“ – Schlusssatz: „Sie kehrten nicht mehr zurück“. In Person wurden beide in Deutschland nie mehr heimisch, blieben weiter in den USA, ein großes coming home aber bereitete das Leseland DDR Feuchtwangers Werken. Der 1958 verstorbene Autor bekannter historischer Romane konnte nicht ahnen, dass seine ihn um fast drei Jahrzehnte überlebende Ehefrau Marta sich später als Meisterin der oral history – mündlicher Geschichte – erwies. Aus Teilen der 32 in Californien besprochenen Tonbänder, das ergab 2000 Seiten, entstand ihr Buch, an dem mir bloß der Titel „Nur eine Frau“ nicht gefällt, was soll das „Nur“?

Hier eine Probe ihrer oral history – es geht dabei um „Moskau 1937 – Ein Reisebericht für meine Freunde“, ein LF-Werk, in West wie Ost im höchsten Maße umstritten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, die BRD fand die SU-Schilderungen viel zu positiv, die DDR bei weitem nicht positiv genug. Der Band wurde erst 1993 vom Aufbau-tb-Verlag wieder gedruckt, ergänzt durch Materialien aus Feuchtangers KGB-Akte. (sic!) Was seine Frau im folgenden Zitat wiedergibt, ist so frisch und unmittelbar, wie es ihr der Moskau-Rückkehrer wohl damals erzählte und enthält mehr Details, als der Autor später aufschrieb: „Dann wurde Lion überraschenderweise aufgefordert, Stalin zu besuchen. Bei dem Gespräch war (…) der Chefredakteur Tal von der ‚Prawda‘ anwesend, der fließend deutsch sprach. Stalin war ungemein liebenswürdig, er fragte Lion, ob er seine Pfeife rauchen dürfe. Als Lion antwortete: ‚Ich habe gerade eine schwere Erkältung hinter mir‘, legte Stalin die Pfeife aus der Hand. Lion, über seine Eindrücke befragt, rühmte die Schönheit der Stadt, lobte das Theater und fragte beiläufig, ob es Stalin nicht störe, dass seine Bilder in allen Straßen riesengroß angebracht seien. Stalin antwortete: ‚Man muss sehr laut schreien, um in Wladiwostok gehört zu werden.‘ Dann kam die Rede auf die Prozesse. Lion sagte, dass er Radek persönlich kenne, und fragte ob man die Angeklagten nicht begnadigen könne (...) Stalin erklärte, er habe alle schon einmal begnadigt, als sie sich in der Verbannung in Sibirien befunden hätten. Sie seien Trotzkisten und unverbesserlich. Und unwillkürlich zündete er sich seine Pfeife an.“ Da hatte sich Lion aber was getraut, den hochexplosiven Josef Wissarionowitsch vom besänftigenden Rauchen abzuhalten und zur Milde für von Stalin als Feinde definierten Genossen aufzufordern.

Plastisch, präsent, pointensicher wie im Erzählen und bei ihren tv-Auftritten, im ZdF z.B. als „Zeugin des Jahrhunderts“ erlebte man Marta F. auch in ihren Briefen. Seit 1977 hatte sich eine sporadische Korrespondenz zwischen uns ergeben, bis in die Mitte der achtziger Jahre. Sie freute sich der Erfolge für die LF-Bücher und deren Verfilmungen. Die Athletin, körperlich durchtrainiert, noch mit über 80 Jahren schwamm sie jeden Morgen im Pazifik, der sich direkt vor ihrem Wohnhaus, der Villa Aurora, erstreckte, nahm auch scharfe Attacken auf das von ihr betreute Feuchtwanger-Lebenswerk sozusagen sportlich, bis auf zwei Fälle. (Brief vom 26.7.78): „Es hat mich schmerzlich berührt, dass atavistische Vorurteile noch immer (…) mitschwingen (…) Da sind vor allem Hans Mayer und Marcel Ranicki, beide früher in der DDR. Ranicki hatte über LF überschwengliche Kritiken dort veröffentlicht, vor allem über seine sprachschöpferische Wirkung, und ist dann in der Bundesrepublik davon abgerückt.“ Das lasse ich jetzt unkommentiert so stehen zum Weiterdenken.

Als Schlusswort eine KGB-Notiz zum angeblich so linientreuen fellow traveller Feuchtwanger: „Ironisch erklärte er mir, er möchte doch zu gern sehen, wie man in der UdSSR einen Bericht von ihm abdruckt, in dem unser Leben ‚so ungemütlich‘ dargestellt sei, wie es seinem Eindruck entspreche. So schön es in der Sowjetunion auch sei, er ziehe es doch vor, in Europa zu leben.“ Parbleu, da geht aber einiges sehr ironisch durcheinander, irre ich mich nicht, zählte ja die SU wie auch das heutige Russland in großen Teilen zu Europa.

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Zwerenz. Zuerst erschienen in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ am 20.10.2007.

Marta Feuchtwanger
Nur eine Frau
Droemer Knaur 1985, Tb 2001
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Ingrid Zwerenz     10.11.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Ingrid Zwerenz
Aufsatz