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Das ästhetische Problem der Banalität

Sigrid Löffler im Gespräch mit André Hille
Sigrid Löffler
Sigrid Löffler ist Jurorin beim Preis der Leipziger Buchmesse
Foto: Leipziger Buchmesse
Sigrid Löffler gehört zu den bekanntesten Literaturkritikerinnen des Landes und ist Herausgeberin der Zeitschrift Literaturen. Die grande dame der deutschsprachigen Literaturkritik über das Problem der jüngeren deutschen Literatur, den Bedeutungsverlust der Kritik und Geschenke im Leben.

Erschienen im Kulturmagazin
kunststoff (März 2008)  externer Link

André Hille: Was erwarten Sie von Literatur?

Sigrid Löffler: Es gibt viele unterschiedliche Arten, wie Literatur das eigene Leben bereichern kann. Es gibt die eskapistische, das heißt, ich möchte gern vor der Realität in andere Welten ausweichen. Vielleicht sind die anderen Welten bereichernder und ermöglichen ein Alternativleben, das man in der Wirklichkeit nicht hat. Man liest zur Selbstintensivierung, man liest natürlich auch zur Unterhaltung, man liest aber auch, um Wissen zu erwerben, um von der Welt und von anderen Menschen etwas zu erfahren, man liest, weil man, vor allem als Journalist, sprachlich etwas lernen möchte – es gibt also die unterschiedlichsten Gründe und ich denke, ein mixtum compositum aus all diesen Gründen ergibt die Leidenschaft für die Literatur.

A. Hille: Können Sie als Kritikerin noch Bücher mit dem Blick der Nicht-Kritikerin lesen?

S. Löffler: Es gibt eine gewisse déformation professionelle, das lässt sich nicht leugnen. Wenn man so lange als Kritikerin gearbeitet hat wie ich, dann liest man natürlich immer mit dem Bleistift in der Hand und immer mit dem kritischen Blick, andererseits heißt das noch lange nicht, dass man nicht auch mit großem Vergnügen liest, ich denke sogar, dass der Bleistift in der Hand die Intensität der Zuwendung zu einem Text noch erhöht.

A. Hille: Kann Sie Literatur noch überraschen?

S. Löffler: Man erwartet doch eigentlich immer die große Offenbarung vom nächsten Buch, so wie man als Theaterkritiker ins Theater geht und erwartet, dass die nächste Aufführung die ganz große wird. Wenn das nicht so wäre, wenn ich nur noch Erwartbares lesen würde oder glauben würde, dass die Literatur mich nicht mehr überraschen kann, dann sollte ich als Kritiker sofort den Beruf aufgeben.

A. Hille: Sie sind Redaktionsleiterin, Mitglied in diversen Jurys, moderieren Veranstaltungen. Wie bewältigen Sie dieses Pensum?

S. Löffler: Das Pensum ist in der Tat gewaltig. Ich habe das Glück, dass ich einen verständnisvollen Ehemann habe, der leidgeprüft ist und eine Frau neben sich duldet, die immer liest – Gott sei Dank liest er selber auch. Ich habe keine Kinder und kann mich dem Beruf ganz widmen. Sie würden staunen, wie viel leere Minuten, leere Viertelstunden es in jedem Tagesablauf gibt, die man mit Lesen sehr gut füllen kann.

A. Hille: Es gibt in Deutschland ein dicht gewebtes Netz aus Stipendien und Preisen, wobei sich nicht selten eher die Preisgeber mit den Namen der Autoren schmücken als umgekehrt. Was haben Sie als aktive Gestalterin dieser Landschaft dazu für ein Verhältnis?

S. Löffler: Ich denke, dass die deutsche Literaturlandschaft tatsächlich geprägt ist durch ein außerordentlich reichhaltiges und großzügiges Alimentationssystem. Viele Autoren gäbe es gar nicht, kämen sie nicht in den Genuss dieser vielen Stipendien, Stadtschreibereien und Arbeitsstipendien, das ist grundsätzlich etwas ganz Großartiges. Manchmal denke ich aber auch, dass es junge Autoren dazu verführt zu glauben, Autorsein wäre ein Brotberuf, denn es kommt unweigerlich der Zeitpunkt, wo sich ein Autor sagen muss: Jetzt habe ich alle verfügbaren Preise bereits einkassiert, ich habe auch alle verfügbaren Stipendien einmal genossen, und was jetzt? Das ist der Moment der Wahrheit, der kann für Autoren, die in einem gewissen Alter sind, sehr gefährlich werden, denn bis dahin konnten sie sich ja darüber hinwegtäuschen, dass sie auf dem Markt nicht so erfolgreich waren, weil immer irgendein Stipendium oder ein Literaturpreis zur Stelle war, der das abgefedert hat. Aber ich kenne genügend Autoren, die sich dann einem schrecklichen Erwachen gegenübersehen und sagen: Meine Bücher gehen nicht gut, der Verlag wartet nicht auf meinen zehnten und elften Roman und das Publikum noch viel weniger, was tue ich jetzt?

A. Hille: Manche Autoren werden herumgereicht, die Autoren, die im Alimentationssystem drin sind, freuen sich, die nicht hineinkommen, sind neidisch. Ist dieses System gerecht?

S. Löffler: Gerecht ist so ein System nicht, kann es seiner Natur nach gar nicht sein, weil es ja um solche Unwägbarkeiten wie die Bewertung von literarischer Qualität geht. Die wird von der einen Jury so bewertet, von der anderen anders. Richtig ist, dass es Autoren gibt, die man gerne herumreicht. Die haben eine gewisse Windschlüpfrigkeit, die können elegant auftreten, die sind beredt, die kann man gut herzeigen, und wenn die einmal gut herzeigbar sind, dann sind sie immer herzeigbar, und wenn sie einmal auf der Liste der Goethe-Institute sind, dann geht das Reisen los. Aber es gibt natürlich auch Autoren, die diese Art von medialer Gewandtheit nicht haben. Aber in der Tat ist heute, wenn man in diesem Beruf, wenn es denn einer ist, reüssieren will, diese mediale Gewandtheit gefordert, das ist eine Voraussetzung, wenn man sich auf dem Markt halten will.

A. Hille: In einem Ihrer letzten Artikel rechnen Sie zum Teil recht hart mit der deutschen Gegenwartsliteratur ab, Sie reden von Mittelmaß, von Lethargikern als Romanhelden. Hat der westliche Autor nichts mehr zu erzählen, fehlt die existenzielle Erfahrung?

S. Löffler: Nein, das ist nicht eine Frage des deutschen Westens, das ist im deutschen Osten nicht anders. Die Generation, die jetzt zu den ersten literarischen Ehren kommt, ist so oder so in einer politisch windstillen Epoche aufgewachsen und hat relativ wenig erlebt und daher auch relativ wenig oder Vorhersehbares zu erzählen. In der Tat ist das große ästhetische Problem der jüngeren Erzähler dieses, dass sie eine banale Existenz auf nicht banale Weise schildern sollen.

A. Hille: Ist es also grundsätzlich unmöglich, in einer saturierten Gesellschaft noch gute, existenziell berührende Prosa zu schreiben?

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S. Löffler: Nein, es gibt ja auch Autoren, die sich dieser Langeweile entziehen, die anderswohin fahren, die auch versuchen, die Welt von heute hereinzuholen, denken Sie an Trojanow, der die dritte Welt hereinholt, denken Sie an Ransmayr, der ja auch ein großer Weltwanderer ist, auch Raoul Schrott in gewisser Weise – das sind natürlich Leute, die versuchen, diese doch etwas provinzielle Enge des heutigen Deutschlands zu überwinden.

A. Hille: Reisen als letzte Möglichkeit, doch noch große Literatur zu schreiben in Deutschland?

S. Löffler: Es ist eine Möglichkeit, aber sicher nicht die letzte. Man kann auch in die Literatur reisen, es ist durchaus möglich, dass man Literatur über Literatur schreibt. Nabokov ist ein wunderbares Beispiel dafür, der hat weniger über die Realität geschrieben, als über die Erfahrung mit Literatur. Ich würde mir manchmal wünschen, dass die jüngeren deutschen Autoren etwas belesener wären.

A. Hille: Oder man geht, wie die Amerikaner, in die Psychologie. Das scheint aber in der deutschsprachigen Literatur auch nicht besonders stark ausgeprägt zu sein.

S. Löffler: Es ist doch kein Wunder, dass sehr viele jüngere Autoren jetzt die Großelterngeneration und den Krieg entdecken, dass so viele jetzt fragen: Was hat mein Großvater im Krieg gemacht und was hat die Großmutter davon gewusst? Dass so viele über Flucht und Vertreibung schreiben. Das ist ein Versuch, in eine ungewissere, aber auch abenteuerlichere Zeit auszuweichen, aber das ist auch eine Flucht vor der Banalität der heutigen Existenz und der Versuch, die eigene Literatur durch eine aufregendere, gefährlichere, wenn auch kriminellere Vergangenheit zu bereichen.

A. Hille: Die Laienkritik im Internet bricht sich immer mehr Bahn, gibt es da eine Enttäuschung, dass die Deutungshoheit der Kritik abhanden gekommen ist?

S. Löffler: Das braucht man gar nicht psychologisch zu bewerten. Es ist eine schlichte Tatsache, dass es einen bestimmten Renommeeverlust der Kritik gibt, dass die öffentliche Geltung der Kritik, auch der Literaturkritik, deutlich abgenommen hat. Es gibt keine Großkritiker mehr, das braucht man nicht bedauern, das ist einfach so.

A. Hille: Wenn Sie im hohen Alter einmal auf ihr Leben zurückblicken, was möchten Sie dann erreicht haben?

S. Löffler: Ich blicke eigentlich nicht in dieser Art auf mein Leben. Ich habe unglaubliche Dinge geschenkt bekommen, zum Beispiel, dass ich in einem Alter, in dem die meisten schon in Frühpension gehen, offeriert bekommen habe, eine neue Zeitschrift zu gründen, Literaturen, und dass ich diese Zeitschrift zum Erfolg geführt habe, erachte ich als ein Geschenk. Wenn ich dazu beitragen konnte, dass die Leute überhaupt noch lesen und dass sie Spaß haben an Literatur, und wenn ich diese Freude an Literatur einigen Leuten vermitteln konnte, dann, denke ich, habe ich etwas erreicht.

A. Hille: Vielen Dank für das Gespräch.
 

André Hille    06.03.2008    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

© Kulturmagazin Kunststoff Heft 9 (März 2008)

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