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Wunsch nach Ästhetik

Thomas Podhostnik im Gespräch mit André Hille
Thomas Podhostnik
Thomas Podhostnik
Foto: Philipp Buchholtz

Der Leipziger Autor Thomas Podhostnik hat, neben seinem Beruf als Regisseur, einen schmalen Roman geschrieben, der in diesem Frühjahr im Wiener Luftschacht Verlag erschienen ist. In „Der gezeichnete Hund“ verarbeitet Podhostnik seine Kindheit in einer slowenischen Gastarbeiterfamilie. André Hille (Kulturmagazin Kunststoff) hat mit ihm über seine Heimat Dresden, die Beziehung zwischen Mensch und Tier und die Arbeit an seinem Roman gesprochen.

André Hille: In diesem Frühjahr erschien Ihr erstes Buch Der gezeichnete Hund im Wiener Luftschacht Verlag. Wie ist bisher die Resonanz?

Thomas Podhostnik: Es sind einige kleine Rezensionen erschienen, aber bei kleinen Verlagen dauert es einfach länger, bis die Bücher in der Presse ankommen. Aber ich finde Rezensionen, auch wenn sie positiv sind, ohnehin immer etwas belastend. Ich schreibe gerade an etwas Neuem und sehe dadurch das, was ich schreibe, in einem neuen Blickwinkel. Seltsamerweise kann ich auch nur schwer mit Lob umgehen, es besteht die Gefahr, dass man dazu neigt, das erste Buch formal zu reproduzieren, und das ist, glaube ich, der falsche Weg.

Thomas Podhostnik | Der gezeichnete Hund
Thomas Podhostnik
Der gezeichnete Hund
Luftschacht, Wien 2008
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A. Hille: Woran arbeiten Sie gerade?

Th. Podhostnik: Ich stehe noch ganz am Anfang. Ich habe tatsächlich eine Figur aus dem ersten Buch genommen. Im ersten Buch geht es um die eine der drei zentralen Figuren und im zweiten nun um die zweite. Das war von vornherein so angelegt.

A. Hille: Warum dann nicht gleich als Roman mit drei Erzählsträngen?

Th. Podhostnik: Ich bin ein extremer Langsam­schreiber, so lange wollte ich nicht warten.

A. Hille: Man hat das Gefühl, dass Sie sich in Der gezeichnete Hund mit der Sprache Stück für Stück der Figurenwelt erarbeiten.

Th. Podhostnik: Ja, die Sprache ist bei den Texten, die ich schreibe, zentrales Element. Die drei Personen sind zum Beispiel keine Personen aus Fleisch und Blut, das sind Sprachfunktionen, wenn man es ganz nüchtern ausdrücken will.

A. Hille: Welche Funktionen würden Sie ihnen zuordnen?

Th. Podhostnik: Sivo, der Hauptfigur, zum Beispiel habe ich aller sprachlichen Mittel beraubt, so entsteht eine Form von Sprachlosigkeit und auch Sprachunwillen. Was ihn dazu treibt, so zu sprechen, wie er es tut, ist der fehlende Resonanzraum. Er hat niemanden, dem er etwas erzählen will oder von dem er glaubt, dass er ihn verstehen würde, deshalb dieses stark zurückgenommene Sprechen. Ich habe mir darunter immer eine Verhörsituation vorgestellt, wo jemand nur etwas sagt, wenn er gefragt wird. Er spricht zwischen den Zähnen hindurch. Plav hingegen ist ein völlig anderer Charakter, er ist jemand, der mit seiner Sprache, die er sehr gut beherrscht, ständig provoziert, und hat das Bedürfnis, andere an die Wand zu reden. Er ist die ständige Provokation, geht immer zu weit und schadet sich damit eigentlich nur selbst.

A. Hille: Und seine Freundin macht mit in seinem Spiel. Sie ist in der Abhängigkeit gefangen.

Th. Podhostnik: Genau. Das macht auch die Spannung der Figur aus. Er hat scheinbar etwas, was andere Leute an ihn bindet und das versuche ich im nächsten Buch herauszuarbeiten, was diesen Menschen, diese Figur ausmacht. In seinem Handeln liegt ja keine schlechte Intention, sondern im Gegenteil, etwas sehr Didaktisches.

A. Hille: Seine Kraft wirkt anziehend und darin fühlen sich andere aufgehoben und nehmen dafür die Schmähungen und die Schmach in Kauf. Er braucht die Leute, um sich zu stabilisieren, und die anderen brauchen ihn.

Th. Podhostnik: Genau. So etwas gibt es immer wieder. Rainer Werner Fassbinder ist zum Beispiel eine solche Figur, ein unsympathischer Mensch, ein ständiger Provokateur, offen gesagt, ein Arschloch, aber trotzdem hatte er einen Kreis von Menschen um sich gesammelt, die ihn wirklich lieben. Deshalb hat die Figur Plav auch unglaublich Spaß gemacht. Man setzt sich morgens hin und fragt: Was stellt er heute an? Sivo zu schreiben war hingegen schwer. Ich habe zweieinhalb Jahre an diesen 100 Seiten gearbeitet und das war wahnsinnig anstrengend.

A. Hille: Wegen der starken Verknappung?

Th. Podhostnik: Ja. Und diese Verknappung war auch das, was mir den Spaß am Schreiben genommen hat.

A. Hille: Ist das ein Prozess des Zusammenkürzens gewesen oder haben Sie wirklich jeden Satz gemeißelt?

Th. Podhostnik: Der Vorgang des Meißelns, der Bildhauerei, trifft es ziemlich genau. Weil ich ja auch aus einem mir sehr bekannten Leben erzähle, war gerade dieses Herausmeißeln von Szenen, die einen Verlauf, eine Geschichte ergeben, extrem schwierig. Ich bin nicht derjenige, der etwas runterschreibt und dann rauskürzt, sondern ich bin jemand, der wirklich dahockt, einen Satz hinschreibt und diesen Satz dann lange anschaut. Ich stelle mir die Szenen im Kopf sehr genau vor und überlege dann, wie ich das mit minimalen Mitteln erzählen kann. Hinzu kommt, dass es so etwas wie einen unbefriedigenden Zustand eines Absatzes gibt, und dann wird vorgeschoben und zurück, neu geschrieben, bis irgendetwas für mich die Szene als fertig erscheinen lässt. Diesen Arbeitsprozess fand ich sehr anstrengend. Ich bin stark gealtert, die Haare sind mir ausgefallen (lacht). Danach habe ich wirklich gedacht: Das wars. Du hörst jetzt auf zu schreiben, das macht dich nicht glücklich.

A. Hille: Warum macht man es trotzdem?

Th. Podhostnik: Irgendwann treibt es einen dann doch wieder an diesen Platz. Ich richte mich da sehr heimisch ein und schlussendlich mag ich es dann doch, an diesem Platz zu hocken, zu schreiben und meinen Kaffee dazu zu trinken.
A. Hille: Was verbinden Sie dann mit dem Schreiben? Ist es eine Art Sprachfindung, eine Art Aneignung von Welt durch Sprache, wie bei der Hauptfigur?

Th. Podhostnik: Schwierig. Es hat auf jeden Fall auch etwas mit einem Wunsch nach Ästhetik zu tun. Ich habe mich von klein auf für Kunst interessiert, für Gemälde oder für Literatur. Ich hatte immer ein großes Bedürfnis nach Ästhetik. Vermutlich ist es dann also doch das Herumbasteln. Es macht mir einfach Spaß, Sachen zu ordnen – ich weiß nicht, ob das zu plump ist –, bis sie mir gefallen.

A. Hille: Letztlich ist also Kunst nichts anderes, als Ordnung in eine unordentliche Welt zu bringen?

Th. Podhostnik: Genau. Joyce hat etwas in der Art gesagt: Literatur ist die Ordnung intelligibler Materie nach ästhetischen Gesichtspunkten. Man bringt ja nicht nur die Sprache in eine Form, sondern all das, was die Sprache beschreibt, die Dinge, auf die sie hinweist. Man ordnet all das zu einem Gesamtkunstwerk, das allerdings erst im Kopf des Lesers entsteht.

A. Hille: Kunst als Puzzle?

Th. Podhostnik: Ja, und das ist, glaube ich, auch das, was einen zurücktreibt, dieser Spaß ist etwas ganz Kleines, was ganz Persönliches, das Gefühl, etwas schön hinzubekommen. Was diese Schönheit nachher ist, ist eine andere Frage. Eine Freundin von mir fand viele Stellen in dem Buch zum Beispiel eklig.

A. Hille: Ekel habe ich nun gerade gar nicht empfunden.

Th. Podhostnik: Ich eigentlich auch nicht.

A. Hille: Und was haben Sie geantwortet?

Th. Podhostnik: Sie ist Lehrerin. Ich habe erst mal gefragt, was sie denn ekelhaft gefunden habe, und ihr dann geantwortet, dass das die ganz normale Welt außerhalb von Schulen sei.

A. Hille: Der Text umfasst gerade einmal 100 Seiten. Auf dem Umschlag vermeidet der Verlag die Gattungsbezeichnung, aber im Klappentext steht dann „Roman“. Zeugt das von einer Unsicherheit gegenüber der Einordnung?

Th. Podhostnik: Das ist auf meinem Mist gewachsen.
    Ja, das ist etwas schade. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn die Gattungsbezeichnung gar nicht vorkommt. Auf der anderen Seite umspannt diese Familiengeschichte einen relativ großen zeitlichen Rahmen, und in dieser Umfassenheit, in dem, was erzählt wird, ist sie formal schon wieder ein Roman, wenn sie nicht so schmal wäre. Peter Weiß prägte die Bezeichnung „Mikroroman“, wunderschön, aber da es Peter Weiß schon gemacht hat, kann ich es schlecht nachmachen.

A. Hille: Sie haben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert. Wäre das Buch ohne das Institut dasselbe?

Th. Podhostnik: Das ist schwierig zu sagen. Ich habe irgendwann das erste Kapitel vorgestellt und es gab eine sehr positive Resonanz. Das hat mich überrascht, weil der Text sehr persönlich war und anders als die Texte, die dort vorgestellt werden. Vielleicht würde ich ohne das Institut jetzt noch daran schreiben. Positive Resonanz gibt einem natürlich eine Bestätigung und Mut, daran weiterzuarbeiten.

A. Hille: Also eine Art Beschleunigerfunktion?

Th. Podhostnik: Genau. Ich glaube sowieso, dass das die Hauptfunktion des Instituts ist: Ermutigtwerden oder nicht, Weitermachen oder nicht. Bei manchen geht die Beschleunigerfunktion ja auch in die andere Richtung.

A. Hille: Das Gefühl der Fremdheit, das diesem Buch zugrunde liegt, wie persönlich ist das, wie stark zieht sich das durch Ihr Leben?

Th. Podhostnik: Das kann man sicher nicht eins zu eins nehmen, aber dieses Sich-fremd-in-der-Welt-Fühlen würde ich schon als ein sehr grundlegendes Gefühl bezeichnen. Ich weiß gar nicht, ob das unbedingt mit der Gastarbeitermentalität zusammenhängt oder ob das etwas Charakter­liches ist, was einen auch zum Schreiben, zur Kunst treibt. Dass man die Dinge nicht als zu einem gehörig sieht, sondern als etwas, das man erst begreifen muss.

A. Hille: In diesem Buch gibt es viele negative Erfahrungen, Demütigungen der Eltern usw. Gab es gar keine positiven Gegengewichte?

Th. Podhostnik: Bestimmt, aber die sind ja literarisch nicht zu verarbeiten (lacht). Nein, auf jeden Fall. Ich führe ein sehr interessantes und entspanntes Leben, ich habe auch ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Familie, die zwar in Slowenien lebt, aber wenn man zusammen ist, ist es sehr positiv.

A. Hille: Also liegt es daran, dass die negativen Erfahrungen besser ausbeutbar sind für Kunst?

Th. Podhostnik: Zum einen das, zum anderen haften sie einem länger im Kopf. Die eine Verletzung, die behält man immer.

A. Hille: Vielen Dank für das Gespräch.
Thomas Podhostnik geboren 1972 in Radolfzell, Ausbildung als Regieassistent am Teatro Nacional de Cuba (Havanna), Studium der Soziologie und Politik, Absolvent des deutschen Literaturinstituts Leipzig. Thomas Podhostnik ist für seine Texte mit mehreren Preisen und Stipendien ausgezeichnet worden, unter anderem: Stipendiat des Neunten Klagenfurter Literaturkursus (2005), Literatur-Förderungspreis des Landes Kärnten (2005), Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg (2006) sowie Stipendiat der Villa Decius in Krakau (2006).

André Hille    30.07.2008    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

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