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Choreographische Qualitäten

Martina Hefter über ihren neuen Roman

Ein Gespräch mit André Hille
Martina Hefter

Foto: Marie-Luise Marchand

Martina Hefter beschreibt in ihrem neuen Roman Die Küsten der Berge das Leben einer Familie. Es sind genau beobachtete Szenen eines Familienalltags. Doch gegen jede Art der autobiografischen Schreibens oder der Psy­cho­logisierung wehrt sich die Autorin.

André Hille: Die Erzählerin in Ihrem neuen Roman Die Küsten der Berge kommt aus einer kleinen bayerischen Stadt P. im Allgäu, sie hat zwei schulpflichtige Töchter, macht beim Schwiegervater auf Rügen Urlaub und lebt in Leipzig. Wer Sie kennt, meint darin die Autorin wiederzuerkennen. Erzählt hier Martina Hefter?

Martina Hefter: Nein, Martina Hefter ist in diesem Text überhaupt nicht anwesend. Ich habe vielleicht Grundzüge aus meiner Lebenskonstellation genommen, mehr nicht. Ich wollte einfach über eine ganz normale Familie schreiben, die es so tausendfach gibt. Klar sind von mir einige Erfahrungen drin, aber es hat mit mir nichts zu tun.

Martina Hefter | Die Küsten der Berge
Martina Hefter
Die Küsten der Berge
Roman
Wallstein 2008
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A. Hille: Wäre es denn schlimm, wenn es mit Ihnen zu tun hätte?

M. Hefter: Nein, das wäre nicht schlimm. Aber was ich nicht schreiben wollte, ist eine ganz persönliche Verarbeitung von Familiengeschichten.

A. Hille: Nein, eine Verarbeitung ist es nicht. Aber bei einem Bereich von fiktiv bis autobiografisch schlägt das Pendel eher zu letzterem aus.

M. Hefter: Ich wehre mich absolut gegen diese Unterscheidung. Was ist autobiografisch? Wo fängt das Erfundene an? Selbst wenn ich über mich eine Geschichte erzähle, fange ich immer irgendwann an zu erfinden. Das Auto­biografische gibt es nicht.

A. Hille: Alles Niedergeschriebene ist immer Fiktion?

M. Hefter: Ja. Außer, man will wirklich ganz vorsätzlich seinen Lebenslauf schreiben, aber sobald man versucht, etwas literarisch zu schildern, wird es immer fiktional.

A. Hille: Warum führen Sie den Leser dann auf diese Spur? Warum nicht ein Sohn und eine Tochter?

M. Hefter: Es wäre mir albern vorgekommen. Warum soll ich, nur damit der Leser nicht auf meine Spur kommt, einen Sohn hinzuerfinden?. Hans-Ulrich Treichel verfährt ähnlich mit seinen Texten. Komischerweise muss ich mich, wenn ich einen neuen Roman geschrieben habe, immer gegen die Auto­biografie wehren.

A. Hille: Erstaunlich ist aber, dass Autoren wie Sie oder Treichel diese Diskurse anziehen. Während man zum Beispiel bei einem historischen Roman gar nicht darauf kommt.

M. Hefter: Ich denke, es gibt immer die Tendenz, den eigentlichen Text zu vergessen und nach dem Autor zu schauen, und das möchte ich nicht. Gerade bei diesem Text ist das besonders die Aufgabe des Lesers. Der muss akzeptieren, dass es ein fiktionaler Text ist. Das ist das gleiche, als hätte ich einen historischen Roman geschrieben.

A. Hille: Ihr neuer Roman lebt vor allem von sehr genauen Beobachtungen. Hätte der Roman auch den Untertitel „Eine Poetisierung des Alltags“ tragen können?

M. Hefter: Das Wort Poetisierung mag ich nicht so gerne, das hat immer eine Färbung – zauberisch oder so ähnlich. Aber wenn Sie darunter verstehen, dass man die Dinge unter einem anderen Blickwinkel sieht, oder auch ganz banale Dinge zu etwas Außer­gewöhnlichem werden können, dann stimmt das.

A. Hille: Neben der Familie ist die Freundin aus P. ein wichtiges Gegenüber der Erzählerin. Ist sie ein Alter ego der Erzählerin?

M. Hefter: Ja, damit habe ich auch gespielt. Das ist vielleicht die personalisierte Form einer Sehnsucht. Aber ich hatte auch eine ganz konkrete Figur im Kopf. Insofern kann man das deuten wie man möchte.

A. Hille: Sehnsucht wonach?

M. Hefter: Die Hauptperson ist eher jemand, soweit man das charak­te­risieren kann, der sich statisch verhält, nicht so erkundungsfreudig ist. Sie erkundet vielleicht die kleinen Dinge um sie herum. Die Freundin wäre dann jemand, der das genaue Gegenteil ist und dabei ein gewisses Risiko an den Tag legt. Das hat mich immer interessiert, Menschen, die extrem risikobereit und unängstlich sind.

A. Hille: Also eine Art unausgelebte Phantasie, das radikale Ausbrechen ohne Rücksicht auf Verluste?

M. Hefter: Ja, genau. Ich denke sogar, dass in dieser Freundin der autobiografischste Anteil steckt. Nicht, wie ich bin, aber wie ich gern wäre.

A. Hille: Es heißt an einer Stelle: „Es gibt Menschen, in denen reifen die Fluchtpläne von Geburt an.“ Wo liegen die Ursachen für solche Pläne?

M. Hefter: Wenn man sich das Elternhaus der Freundin anschaut, ist es kein besonders angenehmes. Man hat nicht viele Möglichkeiten gehabt, keinen Zugang zur Stadt. Man wusste gar nicht genau, wonach man sich eigentlich sehnt, man hat nicht einmal die Chance gehabt zu erfahren, was man überhaupt machen könnte. Das fing bei dem Beruf an. Und das ist eine ganz niederschmetternde soziale Geschichte, die im Leben der Freundin steckt.

A. Hille: Vom Allgäu kommt die Erzählerin nach Leipzig, ist auf Rügen im Urlaub. Das ist ein großer ästhetischer Kontrast, aber vor allem ein geografischer. Sind das zwei Seiten der Autorin?

M. Hefter: Ich glaube nicht. Ich würde mich keinem dieser Landesteile extrem zugehörig fühlen. Manchmal bin ich versucht zu sagen: Jetzt spricht die Allgäuerin in mir. Dann gibt es diese Rügen-Sehnsucht. Aber die Rügen-Sehnsucht gab es schon im 19.Jahrhundert. Zu dieser Zeit war das DIE deutsche Insel. Dass mein Schwiegervater wirklich dort lebt, ist ein reiner Zufall. Klar kann man das schön ausdeuten. Es ist schön symbolisch. Mir kam es ganz gut zupass, als Muster für diesen Roman, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich damit soviel zu tun habe.

A. Hille: Aber wenn man sich dieser ganzen Symbolik verschließt, was bleibt dann zu deuten?

M. Hefter: Ich glaube, ich wollte nichts deuten. So schreibe ich nie. Jeder kann für sich herausziehen, was er will. Aber ich hatte überhaupt keine Deutungsabsicht. Ich habe mich an Mustern orientiert, für mich war die Sprache wichtig, Musikalität, Rhythmus und Klangmelodie, das ist mir wichtiger, als eine Botschaft zu transportieren.

A. Hille: Sie sprachen von der Umsetzung von Mustern. Welche Muster?

M. Hefter: Mich interessieren auch immer choreographische Qualitäten, Bewegungsmuster, das Reisen. Ein ganz wichtiges Muster ist der Irrgarten, das Labyrinth. Es geht ja permanent um das Verlaufen, die Kinder laufen weg, verirren sich im Kaufhaus.

A. Hille: Die ganze Erzählkonstruktion ist so angelegt, eine Klammer in der Klammer in der Klammer usw.

M. Hefter: Ja, genau, sehr verschlungen, aber man kommt wieder raus.

A. Hille: Was ist das für eine Art des Erzählens? Ein assoziatives Erzählen?

M. Hefter: Sicher auch. Das finde ich beim Schreiben sehr reizvoll. Das geplante Erzählen interessiert mich nicht so sehr. Ich mag es gerne, beim Schreiben umherzuschauen. Ich habe eine kleine Aussicht aus dem Fenster, dann fliegt mir etwas zu, und ich finde es schön, das zu verfolgen. Der ganz normale Alltag läuft ja auch relativ ungeplant ab.

A. Hille: Also ist es überinterpretiert, in dem Buch einen starken Kontrast der Heimaten und der Identitäten zu sehen?

M. Hefter: In dem Buch ist sicher eine Fremdheit an jedem Wohnort thematisiert. Es ist schon auch latent angelegt, dass eine ostdeutsche und eine westdeutsche Biografie zusammenwachsen, aber ich wollte das in dem Buch auch nicht überthematisieren.

A. Hille: Das Buch beginnt mit einer langsamen Annäherung an die Stadt Leipzig, auf der anderen Seite redet das Paar ständig vom Weggehen. Woher diese Erdenschwere?

M. Hefter: Ich weiß es nicht. (lacht) Aus Gesprächen mit anderen Leuten weiß ich, dass es ganz normal ist, dass man die Dinge im Alltag aussitzt, das ist nichts Besonderes.

A. Hille: Weil die Flucht letztlich auch zu nichts anderem führt?

M. Hefter: Ja. Obwohl diese Familie ja jetzt nicht in so schlimmen Verhältnissen lebt, dass eine Flucht unabdingbar wäre.

A. Hille: Geht es um das Fliehen an sich?

M. Hefter: Möglich. Und eigentlich wartet man doch immer. Wenn man sich zum Beispiel eine neue Wohnung sucht, zieht man doch nicht sofort um, sondern wartet. Sollen wir jetzt wirklich? Vor allem, wenn man Kinder hat. Das war mir ganz wichtig in diesem Buch, dass es um eine Familie geht. Mit Kindern kommt man eben nicht mehr so leicht weg. Und es kann schon sein, dass das zu einer gewissen Unruhe führt.

A. Hille: Sie nähern sich diesen Themen sehr über die Sprache. Sind die Inhalte zweitrangig?

M. Hefter: Nein, das auf gar keinen Fall. Was ich aber selber nicht gern lese, und dementsprechend bin ich nicht daran interessiert, das zu schreiben, sind psychologische Handlungsverwicklungen oder ganz außer­gewöhnliche Handlungen. Dostojewski zum Beispiel hat mich immer gelang­weilt. Mir ist der Umgang mit Sprache wichtiger. Trotzdem ist das Buch ja durchaus erzählt, es gibt eben nur keinen außergewöhnlichen Vorfall in der Geschichte.

A. Hille: Hat nicht eine gut erzählte Handlung den gleichen Rang wie ein „Sprachroman“? Letztlich kommt man in der Prosa nie ohne Handlungs­momente aus.

M. Hefter: Es gibt ja in Küsten der Berge einen Handlungsbogen, er ist eben nur sehr flach gehalten. Der Bogen ist die Nacht, in der sie sich erinnert. Ich will das andere auch nicht abwerten. Es ist vielleicht eine Frage der Weltsicht oder des Interesses. Ich misstraue der Psychologie generell. Man findet es sehr oft in Romanen, dass man Leuten etwas zuschreiben oder sie extrem charakterisieren will. Dadurch entstehen dann die Probleme, oder sie werden dadurch erklärt. Ich empfinde das als willkürlich. Und das gefällt mir nicht.

A. Hille: Aber das hängt doch vom Standpunkt ab. Jemand, der eher psychologisch arbeitet, empfindet vielleicht Ihre Art des Schreibens als willkürlich, weil ständig beobachtet wird, aber das Beobachten zu nichts führt.

M. Hefter: Was man empfindet, steckt doch schon in der Art der Beobachtung. Es wäre für das Buch ganz schlecht, wenn ich solche Emotionen ausgesprochen hätte. Dann hätte ich auch die Sprache ändern, aus der Sprache fallen müssen. Es war mir ganz wichtig, dass die Sprache so durchgehalten wird. Wenn man etwas erklären will, muss man ja immer auch ein Stück aus der Sprache herausfallen, man muss sie benutzen, um etwas zu überbrücken. Und das macht mir keinen Spaß. Ich denke, das ist eine Art von Buch, mit der manche nicht zurechtkommen werden. Aber das ist mir auch klar.

A. Hille: Vielen Dank für das Gespräch.
André Hille    26.09.2008    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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