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H. M. Naqvi

Gespräch mit Anja Kampmann
»Es geht nicht darum, wo du herkommst, es geht darum, wo du bist«
  Gespräch

Foto: Tapu Javeri
 
Welche Rolle spielen Orte für das Schrei­ben – seien es gegen­wär­tige, ver­gan­gene oder ste­tig wech­selnde? Manch­mal kom­men die Orte sogar zum Autor, manch­mal sucht er sie auf. Sechs Au­toren­gespräche in poet 10 geben Aus­kunft. An dieser Stel­le das Gespräch mit H. M. Naqvi. Erschienen in poet nr. 10 | poetenladen 2011
H. M. Naqvi, geboren 1974 in London, verbrachte seine Kindheit in Karatschi, Islamabad, Algier und New York. In Georgetown und an der Boston University studierte er Wirtschaft und Anglistik. Nach seinem Abschluss 1996 unterrichtete er Creative Writing an der Boston University. Er gewann den Phelam Prize for Poetry und vertrat Pakistan auf dem National Poetry Slam in Ann Arbor/ Michigan. Zur Zeit lebt und arbeitet er in Karatschi und New York. Home Boy ist sein erster Roman und erhielt den DSC Prize for South Asian Literature.


Anja Kampmann: Lieber Husan Naqvi, in deinem Roman Home Boy zeichnest du die sich verändernde Realität dreier junger Pakistani nach, die sich in der Zeit des elften September in New York befinden. Warum hast du einen Ort wie New York als Schauplatz für deinen Roman gewählt, welche Kontraste haben dich interessiert?

H. M. Naqvi: Es wurde nach 9/11 davon gesprochen, dass die Zivi­­li­sation angegriffen worden sei. Es war also zu diesem Zeitpunkt New York – nicht Berlin, nicht London, nicht Peking –, das die moderne Zivilisation im kollektiven Bewusstsein dieser Zeit repräsentierte. King Kong zum Beispiel ist am Empire State Building hochgeklettert, nicht an den Petronas Towers oder am Burdsch Chalifa.
  In angespannten Zeiten verändern sich die Dinge, die eine Zivilisation bestimmen. In diesem Sinne hätte es keinen Sinn gemacht Home Boy in irgendeiner anderen Stadt spielen zu lassen.

A. Kampmann: Ist New York als Ort der Erzählung für dich auch interessant, weil jeder in der Stadt ein eigenes Konzept von ihrer Wirklichkeit haben muss?

H. M. Naqvi: Wirklichkeit ist vielfältig, zusammengesetzt aus Interpretationen. Orte werden individuell und kollektiv zur gleichen Zeit erfahren. Wir vergessen das oftmals.

  H. M. Naqvi
Home Boy
Roman
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A. Kampmann: Eine Art für die Charaktere, Pakistan als Heimat- oder Bezugsort lebendig bleiben zu lassen, ist die »expatriate pakistani community«, die ständig im Ausland lebende Gemeinschaft, die sich bei dir eben in New York zusammenfindet.

H. M. Naqvi: Die Protagonisten sind Teil der Stadt New York und sie sind zugleich bestimmt von einem kultu­rellen Register, das sich durch Küche, Verhaltens­weisen und tradierten Ritualen auszeichnet. Diese Dualität kann in den Namen erkannt werden – jeder hat zwei Namen – das ist eine Art von mir zu zeigen, dass sie zugleich mit zwei Welten umgehen.

A. Kampmann: Verschiedene Themen wie das Tragen des Kopftuchs oder die Bedeutung des Dschihad thematisierst du wie beiläufig, indem du sie innerhalb persön­licher Begeg­nungen aufzeigst. So eröffnest du die Möglich­keit, sie vor dem persönlichen Hinter­grund der Figuren zu diskutieren. Was hat dich dazu veranlasst, diese Themen in einen persön­lichen Bezug zu den Figuren zu setzen?

H. M. Naqvi: Der Islam ist im öffentlichen Diskurs zu einem Monolith reduziert worden, aber natürlich ist der Islam so unterschiedlich wie jede Religion. Und in Home Boy nimmt jede Figur den Islam verschieden wahr.
  So, wie Home Boy die Erfahrung Moslem zu sein verschieden­artig zeigt, wird auch die Immi­granten-Erfahrung auf eine komplexe Art gezeigt. Jeder Charakter hat eine andere Beziehung zu seinem Land und zu den USA. Die Figuren sind nicht nur zeitlich verschieden, sondern auch in ihren legalen und kultu­rel­len Bedin­gungen sowie ihrem sozialen Verhalten.

A. Kampmann: Chuck, die Hauptfigur, arbeitet einige Zeit erfolgreich als Investment-Banker an der Wall Street, bevor er scheinbar grundlos gefeuert wird.

H. M. Naqvi: Das New York der Jahrhundertwende definiert sich durch den Finanzsektor. Auf diese Art spiegelt Chucks Erfahrung das Leben der Stadt. Er hat diese hochfliegende, hochbezahlte Anstellung an der Wall Street. Er spielt den sprichwörtlichen »master of the universe«. Als die Tragik einschlägt, ändert sich sein Leben. Er ist genötigt, sich in einer anderen Realität zu behaupten. Er ist genötigt, die Teile zusammen­zusammeln, sich selbst zusammen­zusammeln, und schwierige Entscheidungen zu treffen. Er muss erkennen: Wenn du zu Essen brauchst, stell etwas zu Essen auf den Tisch, tu das, was praktisch ist.

A. Kampmann: Im dramatischen dreizehnten Kapitel gibt es eine Szene, in der der Protagonist zum ersten Mal sehr direkt von Pakistan spricht. In einem Bewerbungs­gespräch wird er über die Realität seines Landes befragt. In zehn Zeilen zeichnet er ein Bild von Kriegen, Flüchtlingen, Kämpfen. Sein potentieller Arbeitgeber reagiert darauf jedoch kaum.

H. M. Naqvi: Pakistan, das sechst­größte Land der Welt, wird im Diskurs tatsächlich oft auf ein paar Wörter und Schlagzeilen reduziert. Das ist bescheuert, das ist gefährlich. Pakistan ist kompliziert, verschieden, reich. Chuck versucht dies den Amerikanern zu vermitteln. Vor 9/11 war das eigentlich nicht so wichtig. Wie Rakim einmal betonte: »Es geht nicht darum, wo du herkommst/ Es geht darum, wo du bist«. Aber auf einmal war Chucks Heimatland von Bedeutung.

A. Kampmann: Vielen Dank für das Gespräch.
 

Dieses Gespräch
und weitere Gespräche
zum Thema in poet nr. 10.



poet nr. 10
Literaturmagazin
poetenladen, Leipzig Frühjahr 2011
272 Seiten, 9.80 Euro

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Anja Kampmann
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