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Axel Kutsch

So ist es. Ist es so?
Kommentar zur gegenwärtigen Situation der deutschsprachigen Lyrikszene

Die deutschsprachige Lyrik boomt. Zahlreiche junge Talente und Zeitschriften, die ihnen eine Plattform für Gedichtveröffentlichungen und ein Forum für ausgiebige Debatten bieten, sind in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Man könnte auch mit Karl Kraus sagen: „Die Lyriker vermehren sich wie die Bisamratten.“ Der Kritiker Michael Braun hat vor kurzem festgestellt, daß die Lyrik derzeit die aufregendste und mit der größten medialen Aufmerksamkeit bedachte Gattung innerhalb der Gegenwartsliteratur sei (Saarländischer Rundfunk, Zeitschriftenlese April 2008 ). So ist es. Ist es so?

Ob Braun mit seiner Ansicht im Hinblick auf die Medien Recht hat, darf mit mindestens einem Fragezeichen versehen werden. Allerdings ist nicht zu verkennen, daß Gedichtbände wieder öfter in den Zeitungen besprochen werden als noch vor einigen Jahren. Und immerhin widmete die ZEIT der Lyrik in einer Ausgabe sechs Seiten (ist schon etwas her und war teilweise eine Lachnummer). Doch kommt dieses wieder erwachte mediale Interesse auch bei den Lesern an? Wenn man die Auflagen- und Verkaufszahlen betrachtet, kann die Antwort nur lauten: Nein. So ist ein junger Autor, der einen der renommiertesten deutschen Lyrikpreise erhalten hat, schon froh, daß 200 Exemplare seines Gedichtbandes verkauft worden sind. Ein Kleinverlag, der vom sogenannten „großen“ Feuilleton in den Himmel gehoben wird, startet mit 300er-Auflagen, wobei es dann auch in der Regel bleibt. Mediale Aufmerksamkeit hin, mediale Aufmerksamkeit her – das Interesse der Leserschaft an Poesie ist marginal. In der breiten Öffentlichkeit führt Lyrik weiterhin ein Schattendasein. Daran ändern auch die meist gut besuchten Poetry Slams nichts, bei denen die Zuschauer vorwiegend ihren Spaß haben wollen. Zusätzliche Leser werden solche Veranstaltungen der Lyrik kaum bringen. Und was die Zeitschriften betrifft, so drehen sie fast ausnahmslos in der Insider-Nische ihre Runden.

Bei Michael Brauns Feststellung, daß die Lyrik derzeit die aufregendste Gattung der Gegenwartsliteratur sei, kann man sich das Fragezeichen getrost schenken. Aber bei allem Jugendkult, der momentan betrieben wird – daran haben auch längst arrivierte Autoren mit neuer erfrischender Poesie ihren Anteil. Und überhaupt: Die jüngste deutschsprachige Lyrik wird nach wie vor von einer Wiener Autorin geschrieben. Sie hat die 80 bereits überschritten und heißt Friederike Mayröcker. So mancher der mitunter überschätzten jungen Lyriker sieht im Vergleich mit ihr alt aus. Junge Lyrik ist keine Frage des Alters.

 

Axel Kutsch  06.05.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen Diese Seite weiterempfehlen

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