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April 2008
Zeitschrift für Ideengeschichtemanuskriptelettre international
 
Zeitschriftenlese  –  April 2008
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk
Als einer der ersten Denker der Neuzeit hielt es der französische Philosoph Blaise Pascal für eine blanke Anmaßung, das stolze Wort „Ich“ zu verwenden. Lange vor der Infragestellung der Subjektivität durch die Lyrik der klassischen Moderne hatte Pascal bereits Mitte des 17. Jahrhunderts sein Misstrauen gegen dieses prekäre Personalpronomen formuliert. Später waren es dann Dichter wie Paul Valéry, die das Unbehagen am „Ich“ systematisierten. „Das Ich“, so schrieb Valéry, „ist vielleicht nicht mehr als eine begriffliche Konvention, ... eine Konvention, die so leer ist wie das Verbum ›sein‹“.
In der literarischen Spätmoderne angelangt, lässt sich mittlerweile der Grad der Empfindlichkeit gegen das „Ich“ als Qualitätskriterium für moderne Lyrik geltend machen. Für ein gültiges Gedicht der Gegenwart gilt damit jener Satz Durs Grünbeins über Pascal, der in dem neuen Heft, der Nummer 1/2008 der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ nachzulesen ist: „Wie musste ein Satzbau beschaffen sein“, so überlegt hier Grünbein in seinen klugen Betrachtungen über Pascal, „in dem man an der Sireneninsel des Ichs vorbeikam, unbeschadet und mit voller Bedeutungsfracht?“
Wie man sich dem leichtfertigen Gebrauch des Wörtchens „Ich“ nachhaltig widersetzen kann, wird seit bald fünfzig Jahren in der österreichischen Literaturzeitschrift „manuskripte“ vorgeführt. Seit 1960 hat der Lyriker Alfred Kolleritsch diese Zeitschrift zu einem Forum für sprachskeptische Literaturkonzepte ausgebaut, bei denen die Widerstandsbereitschaft gegen das geläufige Sprechen und gegen instrumentelle Sprachverwendung bis heute nicht nachgelassen hat. Die neue Ausgabe, die Nummer 179 der „manuskripte“, enthält eine subtile spracharchäologische Dankrede des Lyrikers Peter Waterhouse anlässlich der Verleihung des Erich Fried Preises, der ihm im November 2007 in Wien übergeben wurde. Waterhouse nutzt diese Dankrede zu einer sehr kritischen und doch sympathetischen Betrachtung der Shakespeare-Übersetzungen Erich Frieds. Dabei beschäftigt er sich zunächst nur mit der politischen Widmung, die Fried im Jahr 1971 seiner Übersetzung von Shakespeares Drama „Othello“ vorangestellt hat. Diese Widmung ist gegen den damaligen englischen Innenminister gerichtet, der im September 1970 die Ausweisung des deutschen Studentenführers Rudi Dutschke aus England verfügt hatte. Der Titel von Waterhouse´ Dankrede formuliert zunächst einen schroffen Widerspruch gegen eine der berühmtesten Gedichtzeilen Frieds, nämlich gegen den elementaren Refrain aus dem Liebesgedicht „Was es ist“. „Es ist nicht, was es ist“, setzt Waterhouse in die Überschrift, ohne aber das Liebesgedicht Frieds zu erwähnen. Stattdessen knüpft Waterhouse seine Reflexionen zur Unsicherheit des Ich-Sagens an einige Beobachtungen zu Frieds „Othello“-Übersetzung. Schon bei der Person Othellos, so lautet der Befund, fangen die Unsicherheiten an. Es bleibe unklar, ob Othello ein Venezianer oder aber ein Mohr, ein Maure, ein Bewohner Mauretaniens oder Nordafrikas sei. Poesie wie Übersetzung sind für Waterhouse immer im Übergang – es gibt keine fixe, unverrückbare Bedeutung und keine unbezweifelbare Identität. So treten bei Fried die Wörter für „lügen“ und „liegen“ in Dialog miteinander: „to lie“ korrespondiert mit „to lie“, „Lügen“ kann also „Liegen“ bedeuten und umgekehrt. Die besondere Fähigkeit eines Gedichts aber, ohne Lüge zu sprechen, erkläre sich aus dem „sprachlichen Ineinanderschieben“ von Gegensätzen. „Das Gedicht“, so resümiert Waterhouse, „vermag Gegenteile aneinander zu binden, ja und nein, jemand und niemand, oben und unten.“
Der Protest Frieds gegen die Ausweisung des missliebigen Intellektuellen Dutschke gilt im übertragenen Sinn auch für die Arbeit des Übersetzers. Denn für einen Übersetzer ist die Ausweisung des Fremden im jedem Fall unerträglich – besteht doch seine Arbeit darin, das Fremde und das Eigne in ein produktives Verhältnis zu setzen.
In polemischer Brillanz übt der Schweizer Lyriker Felix Philipp Ingold in einem weiteren „manuskripte“-Beitrag harsche Kritik an einigen Neuübersetzungen literarischer Klassiker. Die vielgerühmten Neuübersetzungen Dostojewskijs und Ossip Mandelstams sind für ihn nur Beispiele für einen unfreiwilligen Rückfall hinter die exzellenten Leistungen der Vorgänger. Ingold analysiert sehr schlüssig das Dilemma, vor dem jede Neuübersetzung eines Klassikers steht. Die bereits gefundenen Übersetzungs-Lösungen werden – so sein Argument – zur Belastung für den Neuübersetzer, da dieser alles dafür tun muss, um seine Überlegenheit unter Beweis zu stellen. Ingold exemplifiziert seine Überlegungen an der Neuübersetzung der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson durch die Schweizer Essayistin Gunhild Kübler. Die 1830 in Massachusetts geborene Dichterin, die den Lyrikern unserer Tage längst zur Kultfigur entrückt ist, kehrte um 1860 dem großbürgerlichen Glanz ihres Elternhauses den Rücken zu und verschwand in ihrem Zimmer, um dort ein poetisches Werk von gewaltigem Umfang und bezwingender Intensität zu schaffen. Nach ihrem Tod im Mai 1886 fand man in diversen Kommoden insgesamt 1775 Gedichte, von denen zu ihren Lebzeiten gerade mal sieben veröffentlicht worden waren. Gunhild Kübler hat all diese Dickinson-Gedichte übersetzt – und muss sich nun von Ingold vorhalten lassen, sie habe den „genialischen Eigensinn“ der Dichterin eingeebnet und die „dunklen Laut- und Sinnballungen in plausibel wirkende Aussagen aufgedröselt“.

Dieses strenge Urteil zu Küblers Dickinson-Übersetzung wird von den Herausgebern und Autoren der Kulturzeitschrift „Neue Rundschau“ ganz und gar nicht geteilt. Das neue umfangreiche Sonderheft, die Nummer 1/2008 der „Neuen Rundschau“ will eine „Lyrikosmose“ dokumentieren, deren Energiezentrum die Gedichte Emily Dickinsons bilden. Über vierzig deutsche, spanische, slowenische und amerikanische Lyriker sind in diesem Heft vertreten – und führen dort ein diskretes Gespräch über die Möglichkeiten des Gedichts. Ausgangspunkt dieses Heftes war das Lyrikfestival „MainPoesia“, das im vergangenen Sommer im Frankfurter Literaturhaus stattfand und damals ein kleines Symposion über die Dickinson-Übersetzung Gunhild Küblers ins Zentrum stellte. Einige Übersetzungs-Varianten kreisen dabei um ein berühmtes Dickinson-Gedicht, das die absolute Hingabe der Dichterin an die Poesie vergegenwärtigt. Marcus Roloff übersetzt das so: „ICH HAUSE in der Möglichkeit – / Im Poesie-Gehäuse – / Wo Fenster viel´ – Nach oben – für die Schleuse.“ Die faszinierendste Übersetzung desselben Poems, die dem Heft als Motto voransteht, stammt aber von Paul Celan: „Mein Haus, das ist die Möglichkeit, / – schöner als Prosa ist's –, / mehr Fenster als andre hats, / an Türen ists ihm über.“
Wer sich die ästhetisch ambitioniertesten Literaturzeitschriften dieser Tage anschaut, kann nur bestätigen, was die Trend-Scouts des Literaturbetriebs von den Dächern pfeifen: Die Lyrik ist derzeit die aufregendste und mit der größten medialen Aufmerksamkeit bedachte Gattung innerhalb der Gegenwartsliteratur.

Aber es gibt schon noch Zeitschriften, die der selbstbewussten Behauptung vom „Poesie-Gehäuse“, das „schöner als Prosa“ ist, entgegentreten – indem sie den Blick erweitern in Richtung auf die schmerzhaften gesellschaftlichen Realitäten.
„Politik und Verbrechen“: So hieß vor 45 Jahren eine epochale Essaysammlung des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger. „Politik und Verbrechen“ ist in diesen Tagen auch das Schwerpunktthema einer europäischen Kulturzeitschrift, in der seit vielen Jahren die besten europäischen und amerikanischen Essayisten und Reporter die substantiellsten Analysen zu den Konfliktgeschichten und Turbulenzen der internationalen Politik schreiben. Ich meine „Lettre international“, das mit Heft 80 wieder einmal einen überaus lesenswerten Streifzug durch die politischen und ästhetischen Brennpunkte der Gegenwart vorlegt. Was diese Zeitschrift vor ihren wenigen Konkurrenten auszeichnet, ist die Unbestechlichkeit und die Weite des Blicks und die jedem ideologischen Starrsinn abholde Souveränität der Analyse. Im neuen Heft findet man zum Beispiel detaillierte Mikroanalysen des politischen Verhängnisses im Irak und in Tschetschenien, vor allem aber illusionslose Befunde zur Aussichtslosigkeit der Kriegsstrategie der USA im Irak. Zwei amerikanische Journalisten, Michael Massing und Seymour Hersh, belegen in materialreichen Studien die Verrohung der Kriegshandlungen – und die Unabsehbarkeit eines friedlichen Endes.
Neben den Analysen zur internationalen Politik enthält dieses Heft auch hervorragende Untersuchungen zum Illusionismus der westdeutschen Linken, die auf den Helden-Mythos der Roten Armee Fraktion hereinfiel. Wolfgang Kraushaar kann in einer peniblen Untersuchung des Besuches von Jean Paul Sartre in Stammheim die vorsätzliche Selbstverblendung der linken Widerstands-Aktivisten nachweisen. Den schönsten literarischen Beitrag hat Christian Linder beigesteuert, der an zwei kaum bekannte Bücher des Schriftstellers Alfred Andersch erinnert. In seinen Reisebüchern „Wanderungen im Norden“ und „Hohe Breitengrade“ hat Andersch seine Utopie von der „Freiheit in der Wildnis“ beschrieben. Es geht um eine elementare Sehnsucht nach dem existenziellen Ausnahmezustand, die Andersch zuerst in seiner Desertions-Erzählung „Die Kirschen der Freiheit“ und später eben in seinen Reisebüchern über die Einsamkeit des Nordens beschrieb. Andersch imaginiert in seinen Erzählungen über den hohen Norden den Stillstand der Zeit und träumt von fast mystischen Offenbarungen. Und so kommt der Erzähler schließlich in Spitzbergen seinem Ideal nahe – dem Verschwinden in der absoluten Leere.

Auch die eingangs schon erwähnte „Zeitschrift für Ideengeschichte“ profiliert sich mit ihrer analytischen Intelligenz und konkurriert dabei immer stärker mit ihrer universalhistorischen Perspektive mit dem guten alten „Merkur“. In ihrer jüngsten Ausgabe bemüht sich die Zeitschrift um ein systematisches Verständnis des Phänomens „Exil“. Systematisch heißt in diesem Fall: Neben exemplarischen Fallgeschichten einzelner Exilanten werden auch streng begriffstheoretische Erörterungen zum historisch-politischen Erfahrungskern des Zustands „Exil“ publiziert. Der Zeitschriftenleser kann nicht verhehlen, dass die tragische Geschichte von der Verfolgung und Ermordung des jüdischen Dandys Otto Katz seine Aufmerksamkeit mehr fesselte als die allzu schwerfälligen Ausführungen zum Exil-Begriff. Otto Katz jedenfalls war einer der bestgehassten Doppel- und Dreifach-Agenten im Auftrag angeblich diverser Geheimdienste. Für die Amerikaner blieb er stets ein stalinistischer Spion, von den Schergen Stalins wurde er wahlweise als „trotzkistischer“ oder auch „zionistischer“ Bösewicht verdächtigt und schließlich vom stalinistischen Marionetten-Regime der Tschechoslowakei im November 1952 gehängt. Die eindrücklichste Beschreibung des Zustands „Exil“ stellt in diesem Heft jedoch ein Gedicht von Hans Sahl bereit. Es lautet:

Exil

Es ist so gar nichts mehr dazu zu sagen.
Der Staub verweht.
Ich habe meinen Kragen hochgeschlagen.
Es ist schon spät.

Die Winde kreischt. Sie haben ihn begraben.
Es ist so gar nichts mehr dazu zu sagen
Zu spät

Zeitschrift für Ideengeschichte, H. 1/2008  externer Link
C.H. Beck Verlag
c/o Deutsches Literaturarchiv Marbach, Schillerhöhe 8-10, 71672 Marbach
130 Seiten, 12 Euro.

manuskripte, H. 179   externer Link
Sackstraße 17, A-8010 Graz
166 Seiten, 10 Euro

Neue Rundschau, Heft 1 /2008  externer Link
S. Fischer Verlag, Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main
278 Seiten, 12 Euro

Lettre international, Heft 80   externer Link
Erkelenzdamm 59/61, 10999 Berlin
130 Seiten, 11 Euro

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Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese April 2008

Michael Braun
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