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Rainer Maria Gerhardt

Umkreisung. Das Gesamtwerk

Dichtung – ein lebensgefährliches Beginnen
Zur Wiederentdeckung des Dichters Rainer Maria Gerhardt

Rainer Maria Gerhardt | Umkreisung
Rainer Maria Gerhardt
Umkreisung. Das Gesamtwerk
Uwe Pörksen (Hg.)
mit F. J. Knape u. Y. Quester
Wallstein Verlag 2007

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Er gehörte zu den leidenschaftlichen und kompromisslosen Dichtern, denen auf Erden nicht zu helfen war. „Dichtung ist heute ein lebensgefährliches Beginnen“, hatte er 1951 in einem seiner visionären Poesie-Manifeste verkündet. Dass dieser Satz wörtlich zu nehmen war, zeigte sich drei Jahre später. Der gerade 27jährige Rainer Maria Gerhardt, der genialische Kopf einer jungen Künstlergruppe aus Freiburg, sah keinen Ausweg mehr und entschied sich am 27. Juli 1954 für den Freitod. Sechs Jahre lang hatte er für seine Utopie von moderner Dichtung seine ganze Existenz aufs Spiel gesetzt. Für den Traum einer Zeitschriften- und Verlagsgründung hatte er sich hoffnungslos verschuldet, so dass er schließlich mit seiner Familie, seiner Ehefrau Renate Gerhardt und seinen Söhne Titus und Ezra, unterhalb der Armutsgrenze lebte.
Sein Unternehmen war gewaltig: Im Alleingang wollte er die in idyllisierender Geschichtsferne verkrochene deutsche Nachkriegslyrik revitalisieren, indem er ihr die Energien der angloamerikanischen Moderne zuführte. Um 1950 regierten in der Nachkriegslyrik noch die „Bewisperer von Gräsern und Nüssen“, wie Gottfried Benn spottete, Dichter, die sich in eine heile, naturfromme Welt und in die Requisitenkammer der Mythologie flüchteten. Mit dieser harmlosen Poesie aus dem Blumentopf wollte Gerhardt nichts zu tun haben. Aber auch die deutsche Galionsfigur der lyrischen Moderne, den Medizyniker Gottfried Benn, betrachtete er mit einigem Misstrauen. Zwar hatte Benn in seinem epochalen Essay „Doppelleben“, in dem er den „Stil der Zukunft“ skizzierte, noch voller Respekt die Bemühungen des „Freiburger Kreises“ um Gerhardt erwähnt. Zwar gab es auch gemeinsame ästhetische Obsessionen, etwa den „Montagestil“, den Benn wie Gerhardt gleichermaßen enthusiastisch anpriesen. Aber bald kam es zu Animositäten, als sich Gerhardt eine Majestätsbeleidigung leistete, indem er Benn der „sentimentalen Rückgriffe“ bezichtigte.

Rainer Maria Gerhardt, am 9. Februar 1927 in Karlsruhe geboren, stammte aus einer Künstlerfamilie. Nach einer schweren Erkrankung seines Vaters und dem Wegzug der Mutter nach Berlin wuchs Gerhardt bei seiner Großmutter auf, deren Wohnhaus 1942 in Karlsruhe ausgebombt wurde. Alles deutet zunächst auf einen bürgerlichen Lebensweg jenseits der Kunst. Noch in Karlsruhe begann Gerhardt eine Lehre bei einer Lebensversicherung, die er nach der Zerstörung der Karlsruher Wohnung in Wien fortsetzte, bis er 1944 zur paramilitärischen Ausbildung an die Weichsel einberufen wurde. Nach dem Abitur in Wien und dem Beginn seines Studiums in Freiburg ging alles sehr schnell. Im Januar 1948 trat er erstmals mit einer Gruppe junger Dichter, Maler und Musiker in einem Hörsaal der Freiburger Universität auf. Mit der Unbeirrbarkeit eines von seiner Mission überzeugten Propheten machte sich Gerhardt daran, die kulturell unterversorgten Nachkriegsdeutschen mit seinem kühnen poetischen Programm zu konfrontieren. Und dieses Programm hatte zwei Götter: Ezra Pound und Arno Schmidt. Gemeinsam mit seiner Frau Renate, der Tochter eines Studienrats aus Bühl, stürzte sich Rainer Maria Gerhardt als erster deutscher Pound-Übersetzer auf dessen Hauptwerk, die „Cantos“. In der Auseinandersetzung über diese eigenwillig-spröden Übertragungen, von Benn als „saumässig“ disqualifiziert, kam es bald zum Zerwürfnis mit Benn und dem Limes-Verleger Max Niedermayer, dem Gerhardt die Übersetzungen angeboten hatte.

Zuvor hatte Gerhardt noch ein weiteres Tor zur lyrischen Moderne hin geöffnet. Im Dezember 1950 begann er seinen „transatlantischen Dialog“ mit den amerikanischen Poeten Charles Olson und Robert Creeley – ein Projekt mit Langzeitwirkung. Die aus dieser freundschaftlichen Verbindung entstandenen Korrespondenzen haben tiefe Spuren in der amerikanischen Literaturgeschichte hinterlassen. Eine Zeit lang plante Gerhardt sogar, von Südfrankreich aus, dem damaligen Wohnsitz Creeleys, sein Projekt der Modernisierung der Lyrik fortzuführen. Aber das scheiterte ebenso wie all seine Versuche, seine Zeitschrift „Fragmente“ als neue „Revue für internationale Dichtung“ zu etablieren. Bereits 1952 mussten die Gerhardts ihre Wohnung aufgeben und waren über viele Monate auf ein Nomadendasein im Zelt angewiesen. Im Juli 1954 hielt der zunehmend depressive Gerhardt dem Druck nicht mehr stand.
Nach seinem Tod geriet sein Werk in die Mühlen von Erbstreitigkeiten – und sank dann zurück ins Vergessen. In den 1960er Jahren waren es Walter Höllerer, Helmut Heißenbüttel und vor allem der Freiburger Benn-Archivar Fritz Werner, die eine Neuausgabe von Gerhardts faktisch verschollenen Werken anregten. Sechsmal scheiterte der Versuch einer Werkausgabe, meist an der Zögerlichkeit der Erben. Als dann 1988 der Öko-Poet Helmut Salzinger gemeinsam mit Stefan Hyner eigenmächtig nicht nur einen großartigen Reprint von Gerhardts Werken vorlegte, sondern auch die Wirkungsgeschichte Gerhardts in Amerika dokumentierte, wurde die Ausgabe von den Gerhardt-Söhnen juristisch gestoppt. Es dauerte dann nochmal sechzehn Jahre, bis der Freiburger Sprachwissenschaftler Uwe Pörksen die Gerhardt-Erben zu überzeugen vermochte.
Es sind faszinierende Texte und aufregende Dokumente, die nun Uwe Pörksen in dieser materialreichen und kundig kommentierten Werkausgabe zusammengetragen hat. Zum ersten Mal werden nicht nur die Gedichte und Funk-Essays Gerhardts vollständig ediert, sondern auch die fordernden, zunehmend schroffen Briefe, mit denen der selbstbewusste Dichter den Rest der literarischen Welt von seiner Mission überzeugen wollte. Nach der Lektüre dieser Briefe ist kaum mehr von der Hand zu weisen, dass sich Benn den Titel für seinen 1951 publizierten Gedichtband „Fragmente“ doch ziemlich unbekümmert von Gerhardts Zeitschrift geborgt hatte. Wie leidenschaftlich schon der junge Gerhardt der Poesie zugetan war, erhellen die Briefe, die der Siebzehnjährige an seine Mutter schrieb, nachdem er im September 1944 zum Reicharbeitsdienst eingezogen wurde. Voller Ekel vor den militärischen Ritualen besingt der junge Mann die einsame Schönheit von Hölderlin- und Trakl-Gedichten: „in düsteren und stolzen Farben halten sie noch die letzten Reste einer wahrhaftigen Menschlichkeit.“ Nach der Veröffentlichung dieser spektakulären Werkausgabe des tragischen Dichters Rainer Maria Gerhardt ist eins klar: In der Literaturgeschichte der Nachkriegszeit müssen einige Linien neu gezogen werden.
Rainer Maria Gerhardt (1927-1954) wurde in Karlsruhe geboren und studierte in Freiburg seit 1947 Germanistik und Psychologie. Mit seinem ehrgeizigen Projekt des fragmente-Verlages versuchte er, der deutschen Literatur neue Impulse aus der amerikanischen und französischen Moderne zu geben. Mit 27 Jahren nahm er sich das Leben.

Michael Braun   24.10.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Michael Braun
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