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Februar 2008
MerkurmanuskripteOstragehege
 
Zeitschriftenlese  –  Februar 2008
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk
Wenn sich kirchliche Würdenträger öffentlich als Kunsttheoretiker exponieren, dann stehen sie sofort unter dem Verdacht der Inkompetenz. Ein Kardinal, der die Deutungshoheit über Kunstwerke beansprucht – das wird in der religionskritischen Öffentlichkeit sofort zum Skandalon. Als der Kölner Kardinal Joachim Meisner im September 2007 in einer Rede vor einer „Entartung der Kultur“ warnte, war die Empörung groß. Und diese Empörung war berechtigt, hatte Meisner doch in seiner Polemik gegen die von der „Gottesverehrung abgekoppelte Kultur“ einen demagogischen Begriff verwendet, der aus der Kulturpolitik des Nationalsozialismus stammt und aus diesem Kontext auch nicht sinnvoll herausgelöst werden kann. In der erhitzten Debatte über diese Entgleisung Meisners sind aber einige aufschlussreiche Argumente untergegangen, die eine ganz unerwartete Nähe und Affinität zwischen den Befürwortern moderner Kunst und der Meisnerschen Kunstreligion offenbaren.
In einem fesselnden Essay in der Februar-Ausgabe der Kulturzeitschrift MERKUR hat nun der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich schlüssig dargelegt, dass es viele verblüffende Parallelen gibt zwischen der alten Kunstreligion, wie sie Meisner vertritt, und den modernen Kunsttheorien, die Bildwerke oder Installationen wie etwa die berühmten Domfenster Gerhard Richters als Erscheinung reiner Transzendenz feiern. Kardinal Meisner zitiert in seiner Rede den Romantiker Eichendorff, weil er wie dieser von einem Kunstwerk erwartet, dass es ein „Zauberwort“ trifft, „damit das stumme Dasein anfängt zu singen“. „Der Widerschein des Göttlichen im Irdischen“, so Meisner, „schützt den Menschen vor der Diktatur der Zwecke und des Nutzens...“ Die Kunst soll also als Gottesbeweis fungieren. Im schroffen Gegensatz dazu stilisieren die Bewunderer von Richters Domfenstern die abstrakten Farbquadrate, die dort nach einem Zufallsprinzip angeordnet sind, zur reinen Erscheinung einer ästhetischen Spiritualität und des Heiligen selbst. Obwohl sie vom gottesfürchtigen Kunstverständnis des Kardinals nichts wissen wollen, bedienen auch die Kritiker Meisners kunstreligiöse Motive – nur mit dem Unterschied, dass sie das Kunstwerk selbst zur göttlichen Instanz erheben und von seiner Bindung an ein höheres Wesen nichts wissen wollen. Die formalen Entscheidungen des Künstlers, also die Gestaltungsidee Gerhard Richters, für das Domfenster nur abstrakte Farbquadrate zu verwenden, lassen sich letztlich als Anspruch deuten, Kunst in ein unendliches Transzendenzgeschehen zu verwandeln.
Mit der Frage nach der Kunstfreiheit und nach den Grenzen, die sie berührt oder überschreitet, befasst sich noch ein weiterer Essay im MERKUR. Remigius Buna versucht in einer sehr nüchternen rechtstheoretischen Analyse all jene Alarmisten zu widerlegen, die im höchstrichterlichen Verbot von Maxim Billers Roman „Esra“ einen bedenklichen staatlichen Eingriff in die Kunstfreiheit erkennen wollen. Buna beharrt nicht nur auf der Differenz zwischen gerichtlichen Entscheidungen und staatlichen Interventionen, sondern verweist auch auf den Zusammenprall zweier unveräußerlicher Rechte: Das Recht auf eine freie künstlerische Darstellung kollidiert im Fall „Esra“ mit dem Recht auf den Schutz der Persönlichkeit und der Intimsphäre. Zwei Frauen, die eine davon war die frühere Lebensgefährtin des Schriftstellers Biller, hatten gegen den Roman „Esra“ geklagt – und hatten in letzter Instanz vor dem Bundesverfassungsgericht obsiegt. Die Gegner des Romanverbots verweisen dagegen auf die Freiheit der Kunst und die Fiktionalität der Darstellung. Der Essayist des MERKUR hält hier ganz kühl dagegen: „Angesichts der einfachen, empirisch belegbaren Tatsache, dass der Roman als Beschreibung realer Personen verstanden werden kann, ist die Annahme einer reinen Sphäre der Kunst ein fragwürdiger Gutmenschen–glaube.“
Mit diesen beiden Essays, die weitab vom kritischen Konsens unserer intellektuellen Matadore liegen, folgt der MERKUR wieder einmal seiner nonkonformistischen Passion. Die Lust an der Widerrede, an der Aushebelung liebgewonnener Meinungen ist den allermeisten Kultur- und Literaturzeitschriften leider abhanden gekommen. Man kann sich nur noch auf wenige Periodika verlassen: auf SINN UND FORM etwa, eine Zeitschrift, die sich eine schöne Unberechenbarkeit irgendwo zwischen philo­sophischem Konservatismus und grimmigem Spätmarxismus bewahrt hat. In der neuesten Ausgabe von SINN UND FORM, dem Heft 1/2008, treffen so schroff gegensätzliche Temperamente wie der ironische und doch auch grimmige Sozialist Volker Braun und der bekennende Konservative Ulrich Schacht aufeinander. Der eine erzählt eine exemplarische Geschichte vom Verschwinden der Arbeit im Spätkapitalismus, der andere zeichnet in einem langen Gedicht ein pathetisches Bild von der „Abend Landschaft Dresden“ und dem darin glimmenden „Schwelbrand Geschichte“. Zwischen diese beiden literarischen Antipoden hat man ein Gespräch mit dem deutschen Ausnahmedichter Durs Grünbein platziert, der für seine klassizistischen Neigungen in jüngster Zeit viel Schelte geerntet hat. Der diskursive Ertrag dieses Gesprächs zwischen Hans-Jürgen Heinrichs und Durs Grünbein ist leider sehr gering. Das liegt in diesem Fall an der eitlen Manier von Heinrichs, die eigenen Fragestellungen mit einem derart bildungsstolzen Name-Dropping aufzuladen, dass dem Gesprächspartner nur noch das Abnicken der ihm zugeworfenen Stichworte übrig bleibt. Das Gespräch kommt kaum in Gang, weil Heinrichs schon den Versuch einer differenzierten Entfaltung von Gedanken sofort unterbindet, um zum nächsten Bildungs-Apercu zu switchen. An einer Stelle gelangt Grünbein dennoch zu der gattungstheoretisch sehr konservativen Formel, dass Dichtung „in wenigen Zeilen ein Maximum an Seelenleben ausdrückt“.
Dass ein bedeutender Autor in poetologischen Zusammenhängen eine Kategorie wie das „Seelenleben“ bemüht, ist sicherlich eine Überraschung. In der Lyrik-Debatte war in jüngster Zeit nur noch von Prozessen der Sprachreflexion oder der angemessenen Bildfindung die Rede, keinesfalls aber von innerpsychischen Dingen wie dem „Seelenleben“. Dass die neue poetologische Streitlust nicht durchweg mit Erkenntnisgewinnen verbunden ist, hat kürzlich der Dichter und Übersetzer Felix Philipp Ingold in einer scharfen Polemik in Heft 177 der Literaturzeitschrift MANUSKRIPTE vor Augen geführt. Ingold moniert „einen neuerdings in der deutschsprachigen Lyrik gepflegten intellektuellen Plauderton“ – und übt dann sehr herbe Kritik an der vermeintlichen Sprachvergessenheit einiger lyrischer Jungstars. Den bewusstlosen Umgang mit Sprache will Ingold ausgerechnet an zwei der intelligentesten Vertreter der Jungen Lyrik bloßlegen: an Gedichten von Monika Rinck und Ron Winkler.
Die derart Attackierten sind um eine Antwort nicht verlegen. Ron Winkler etwa erläutert im aktuellen Magazin des POETENLADENS, der Nummer 4 von POET, seine Vorlieben für die Ironie und die Sachlichkeit. Die Ironie, so Winkler, sei ein „grandioses Instrument poetischer Feinmechanik“, das der stets drohenden „sprachlichen Selbstveredelung“ des Autors entgegenwirke. Und auch die Sachlichkeit ist für ihn ein probates Gegenmittel, um die expressiven Fügungen der traditionellen Gedichtsprache mit nüchternen Wissenschaftstermini zu konterkarieren. Mit solchen hilfreichen Arbeits-Interviews wird das Magazin des POETENLADENS immer mehr zu einem ernsthaften Konkurrenten jener jungen Literaturzeitschriften, die so gerne den Entdeckerehrgeiz für sich reklamieren.
Die schönsten, weil materialreichsten Arbeitsgespräche mit Schriftstellern findet man seit Jahren in der Dresdner Literaturzeitschrift OSTRAGEHEGE, in der Axel Helbig vielen bedeutenden Autoren der Gegenwart die erstaunlichsten Selbstauskünfte entlockt. In den vergangenen OSTRAGEHEGE-Nummern waren das die Gespräche mit Brigitte Oleschinski und Hans-Joachim Schädlich – Gespräche, die für jede Arbeit über das Werk dieser Autoren unverzichtbar sind.
Dagegen fallen die gutwilligen Bemühungen einiger Periodika aus dem Umfeld der vielgelobten Jungen Magazine ausgesprochen dürftig aus. So möchte etwa die Aachener Literaturzeitschrift SIC in ihrer neuen Ausgabe, der Nummer 3, einen, wie es im Editorial heißt, „bunten Reigen“ an experimentierfreudigen Gedichten und Prosatexten feilbieten. Die seltsam disparate Auswahl wird angepriesen als Mixtur aus „munterem Gezwitscher, hehren Arien und poppigen Reminiszenzen“ – das ist offenbar als Kompliment gemeint. Man kann diese Disparatheit aber auch als Konzeptlosigkeit verstehen. Da hilft auch die originelle graphische Gestaltung des Heftes wenig. Bei einem Teil der Texte handelt es sich seltsamerweise nicht einmal um Erstveröffentlichungen, sondern sie sind, wie die Gedichte von Matthias Kehle oder Sabina Lorenz, unlängst erschienenen Gedichtbänden entnommen. Aber auch in einem schlecht sortierten Gemischtwarenladen wie SIC kann man bemerkenswerte Funde machen: Ein Gedicht von Dominik Dombrowski zum Beispiel, das eine harte Kontrafaktur zu Hölderlins Poem „Hälfte des Lebens setzt“ oder auch die hart geschnittenen psychohistorischen Montagegedichte von Karin Fellner und Dieter M. Gräf.
Zum Schluss ein Hinweis auf eine Erinnerungsreise von Peter Härtling, die in Heft 79 der Zeitschrift ALLMENDE nachzulesen ist. Das traditionsreiche Magazin widmet sich mit besonderer Aufmerksamkeit allemannischen Kulturtraditionen und hat viel zur Ausprägung eines regionalen Weltgefühls beigetragen. Peter Härtling rekonstruiert seine elektrisierende Begegnung mit den Gedichten des genialischen Zeitschriftenmachers Rainer Maria Gerhardt. Anfang der fünfziger Jahre war dem jungen Härtling Gerhardts Zeitschrift „fragmente“ in die Hände gefallen. Der „fragmente“-Leser erkannte sofort, dass hier ein neuer Geist der modernen Poesie wehte, fernab dem unpolitischen Biedermeier der Nachkriegszeit. „Im Badischen“, so Härtling, „setzte ein junger Dichter zu einem transatlantischen Dialog an, der das poetische Herz zum Glühen bringen konnte.“ Und dieses von Rainer Maria Gerhardt verursachte Glühen des poetischen Herzens spüren wir heute noch immer.
Merkur, H. 2/2008 (Nr. 705)   externer Link
Redaktion: Mommsenstraße 27,10629 Berlin. Klett-Cotta Verlag
90 Seiten, 11 Euro.

Sinn und Form, H. 1/2008   externer Link
Postfach 210250, 10502 Berlin
142 Seiten, 9 Euro

Manuskripte, H. 177   externer Link
Sackstraße 17, A-8010 Graz
166 Seiten, 10 Euro

Poet 4, Poetenladen   externer Link
Poetenladen, Blumenstraße 25, 04155 Leipzig
176 Seiten, 8,80 Euro

Ostragehege, Nr. 46, 47 u. 48   externer Link
c/o Axel Helbig, Birkenstraße 16, 01328 Dresden
je 70 Seiten, je 4,90 Euro

SIC, Heft 3   externer Link
c/o Christoph Wenzel, Bismarckstraße 118, 52066 Aachen
64 Seiten, 6 Euro

Allmende, Nr. 79   externer Link
Info Verlag, Käppelestr. 10, 76131 Karlsruhe
96 Seiten, 12 Euro.

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Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese Februar 2008

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