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April 2003
Text+Kritik, Heft 157 (2003)Kolik 21 (2003)Zwischen den Zeilen, Heft 19
 
Zeitschriftenlese  –  April 2003
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk
Es gehört wohl zu den stärksten Passionen junger, selbstbewusster Zeitschriftenmacher, die jeweils amtierenden Literaturpäpste zu grimmigen Bannflüchen zu reizen. Auch im Falle von Heinz Ludwig Arnold, dem Erfinder der Zeitschrift „Text + Kritik“, kam es zu Verwerfungen, als der junge Germanistikstudent im November 1962 den großen Friedrich Sieburg, seines Zeichens Chefkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, um ein existenzsicherndes Inserat für seine neue Zeitschrift anging. „Sie scheinen nachgerade an einem hoffnungslos gewordenen Qualitätsbegriff festhalten zu wollen“, so komplimentierte Sieburg artig den jungen Editor, um anschließend die Peitsche zu zücken: „Sie nennen für die erste Nummer drei Namen, die mir alle drei gleich widerwärtig sind, nämlich Günter Grass, Hans-Henny Jahnn und Heinrich Böll. Das ist...eine trübe Gesellschaft, dem deutschen Waschküchentalent entstiegen und gegen alles gerade Gewachsene feindselig gesinnt.“ Zwei Jahrzehnte später, so behauptet die Legende, war es Sieburgs Nachfolger Marcel Reich-Ranicki, der mit derben Beschimpfungen der „Schweine-Bande“ um „Arnold-Dittberner-Kinder“ nicht geizte.
Der so Attackierte ließ sich nicht einschüchtern. Der damals 22-jährige Arnold setzte in seinen ersten beiden Heften unverdrossen auf seine Hausgötter Grass und Jahnn - und es gelang ihm scheinbar mühelos das, was bei Rainer Maria Gerhardt, dem heute vergessenen Literaturgenie der Nachkriegszeit, noch in astronomisch hohen Schulden und einem tragischen Freitod geendet hatte. Unter dem ursprünglich von Arnold gewünschten Zeitschriftentitel „fragmente“ hatte Gerhardt schon 1951/52 in seinem großartigen literarischen Journal dem restaurativen Nachkriegsdeutschland die Leviten gelesen, war aber an notorischem Geldmangel und ästhetischer Kompromisslosigkeit schon früh gescheitert.
Heinz Ludwig Arnold und seine frühen Mitstreiter Gerd Hemmerich, Lothar Baier und Joachim Schweikart hatten mit „Text + Kritik“ mehr Glück. Das Konzept, sich in kritischen Aufsätzen immer nur einem wichtigen Gegenwartautor zu widmen, schien zunächst nur auf ein germanistisches Fachpublikum zu zielen. Nachdem er aber auf listige Weise beim Chefmanager von HAPAG-Lloyd eine Spende von 1000 DM rekrutiert hatte, begann Arnold mit seinem neuen Literaturblatt von Göttingen aus die literarische Welt zu erobern. Das Debütheft über Günter Grass, ein 32 Seiten-Heftchen, ist noch heute, in stark erweiterter und aktualisierter Fassung, zu haben. Für den Eröffnungsbeitrag, eine „Verteidigung der Blechtrommel“, hatte Arnold den Brüsseler Germanisten Henri Plard gewinnen können, den er während seiner literarischen Lehrjahre als Sekretär Ernst Jüngers kennen gelernt hatte. Auf sein literarisches Adjutantentum bei Ernst Jünger, das von 1961 bis 1963 währte, blickte Arnold später mit einigem Ingrimm zurück, zuletzt in seinem „Text+Kritik“-Heft zu Jünger, das die schärfste Kritik am Anarchen aus Wilflingen enthält, die jemals aus literaturwissenschaftlicher Perspektive geübt wurde.
Die Lust an der literaturkritischen Auseinandersetzung zeichnet ja nicht nur das Jünger-Heft, sondern viele andere Projekte der „edition text + kritik“ aus, die 1969 im juristischen Fachverlag Richard Boorberg ein festes verlegerisches Fundament gefunden hatte und dort ab 1975 als selbständiger Verlag agieren konnte. „Text + Kritik“ war nie ein Forum für urteilsschwache Germanisten, die jede interpretative Wendung mit einem Überangebot an Fußnoten absichern, sondern ist bis heute die bevorzugte Schaubühne für philologische Feuerköpfe, die cum ira et studio für oder gegen einen Autor und sein Werk eintreten. So muss jeder Autor, dem die Ehre zukommt, in einem „Text + Kritik“-Heft analysiert und seziert zu werden, mit kritischen Dekonstruktionen des eigenen Werks rechnen.
Mittlerweile hat die öffentliche Aufmerksamkeit nachgelassen, aber die angriffslustige Essayistik ist auch nach insgesamt 157 Heften das Markenzeichen von „Text + Kritik“ geblieben. In Neuauflagen und Aktualisierungen wurden veraltete Urteile revidiert, beim Wechsel der Denkschulen und Interpretationsmethoden aber auch so mancher Purzelbaum geschlagen. In der 5. Auflage des Ingeborg Bachmann-Heft exponierte sich z.B. eine schrille feministische Literaturwissenschaft, der Sonderband Nr. 100 über „Literaturkritik“ publizierte massive Attacken auf Marcel Reich-Ranicki. Einem euphorischen Sonderheft über „die andere Sprache“ der „Prenzlauer-Berg-Connection“ folgte mit der Nummer 120 alsbald die Selbstkorrektur im desillusionierten Blick auf den Zusammenhang von „Literatur und Staatssicherheitsdienst“. Die subtilsten, stilistisch funkelndsten Schriftsteller-Entzauberungen haben in den letzten Jahren Hermann Korte und Hugo Dittberner verfasst. Über Sarah Kirsch, in der Nummer101, findet man z.B. die wunderbare Sentenz, die Dichterin schreibe „Gedichte, die durch forcierte intellektuelle Unterbeanspruchung langweilen“. Diesen Königsweg literaturkritischer Unruhestiftung will „Text+Kritik“ nicht mehr verlassen.
Das jüngste „Text + Kritik“-Heft, die Nummer 157, ist nun einer Ikone der poetischen Moderne gewidmet, dem von der DDR zuerst hofierten und dann schikanierten Dichter Peter Huchel. Es handelt sich im wesentlichen um emphatische Reminiszenzen und Hommagen an den schweigsamen Wortmagier aus der Mark Brandenburg, der fast vierzehn Jahre lang, von Ende 1948 bis 1962, die Zeitschrift „Sinn und Form“ zum geheimen ästhetischen Hauptquartier der literarischen Moderne verwandelt hatte.
Leicht mythisierende Hommagen an ihren Gründungsherausgeber präsentiert auch das aktuelle Heft, die Nummer 2/2003 von „Sinn und Form“. Der Lyriker Lutz Seiler, der seit 1997 das Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst bei Potsdam leitet, erschließt in einem schönen poetischen Essay die Topographie des Geländes, in dem Peter Huchel seit den fünfziger Jahren Gedichte schrieb und die auch zum Sprechort von Seilers eigenem Schreiben geworden ist. Das von Wald eingeschlossene und von Kiefern überwölbte Huchel-Haus erscheint als mythischer Ort, durchflüstert nicht nur von den Stimmen der poetischen Vorväter, sondern auch von den Stimmen des Winds und der Bäume. Daneben untersucht der englische Literaturprofessor Stephen Parker die mythologischen und mystizistischen Grundlagen von Huchels visionären Naturbildern.
Es gibt aber auch kundige Huchel-Exegeten, die sich mit solchen hagiographischen Perspektiven auf den Dichter aus Wilhelmshorst nicht mehr zufrieden geben wollen. Einer von ihnen ist der Literaturwissenschaftler Sebastian Kiefer, der ursprünglich zur Mitarbeit an den „Text + Kritik“- und „Sinn und Form“-Heften zu Huchel eingeladen worden war, aber offenbar mit ketzerischen Abschweifungen die Herausgeber verschreckte.
Welch heikle Pfade der Huchel-Leser Kiefer betreten hat, kann nun im aktuellen Heft, der Nummer 1/2003 der Zeitschrift „Neue Rundschau“ besichtigt werden. Es mutet wie eine posthume vatermörderische Revolte an, wenn Kiefer den befremdlichen Versuch unternimmt, den Dichter Huchel in seiner angeblichen Janusköpfigkeit als „ästhetisierenden Wortmagier“ und – so wörtlich – „antiwestlichen, moskaufreundlichen Agitator“ zu entzaubern. Besonders schwer wiegt hier der polemisch erhobene Opportunismus-Verdacht. Huchel sei kein „aufrechter Kreuzritter des freien Geistes“ gewesen, sondern zumindest zeitweise ein durchaus linientreuer Sozialist, der den hybriden Wunschtraum von der „Neugeburt der Welt durch den poeto-religiösen Wortlaut“ geträumt habe. Abgesehen von den unhaltbaren politischen Vorwürfen Kiefers – der angeblich linientreue Huchel hatte schon 1953 wegen seines „Sinn und Form“-Kurses mit übelsten Schikanen seitens der Kultur-Funktionäre zu kämpfen –, enthält dieser Essay wichtige Hinweise auf den mystischen Bodensatz von Huchels Dichtung. Auf den protestantischen Ketzer und Mystiker Jakob Böhme hat sich Huchel schon sehr früh berufen, ebenso auf Blaise Pascal und Thomas Müntzer. Und noch nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik beschrieb Huchel seine Dichtkunst mit den Kategorien der Mystik: „Wortklänge, Bildvisionen, auf kein Thema hin geordnet ... das war alles – ein paar magnetische Eisenspäne gewissermaßen, noch außerhalb des magnetischen Feldes.“ Daraus jedoch eine messianische, ins Politische hinüberdrängende Seinsmystik abzuleiten, wie Kiefer das tut, verzerrt die Perspektiven erheblich.
Welcher Ingrimm und Entlarvungsehrgeiz in dem Lyrik-Theoretiker Kiefer brodeln, verdeutlicht ein weiteres polemisches Meisterstück aus seiner Feder, einer Tirade über „den neuen Populismus in der Lyrikkritik“, die in Heft 21 der österreichischen Zeitschrift „Kolik“ nachzulesen ist. Hier versucht Kiefer gleich über drei Konkurrenten auf dem Feld der Lyrikkritik die Höchststrafe zu verhängen: und zwar durch den Nachweis ihrer Inkompetenz oder zumindest ihrer interpretatorischen Defekte. Am Anfang steht ein furioser Totalverriss, der den österreichischen Schriftsteller Leopold Federmair trifft. Federmair wird nicht einmal mehr für würdig erachtet, mit dem Klarnamen ins kritische Visier genommen zu werden, sondern firmiert hier nur als Anonymus „F.“, der nicht einmal „das Einmaleins der Moderne“ beherrscht. Federmair hatte sich erlaubt, über den Dichter Franz Josef Czernin, den sakrosankten Hausheiligen Kiefers, eine ungnädige Rezension zu schreiben. Für diese philologische Untat wird ihm nun die literaturkritische Lizenz entzogen. Wenn es dennoch Leser gibt, die in der – wie es heißt – „obsessiv nach Organizität, motivischer Durcharbeitung, Klangfülle und sinnbetörender Musik strebenden“ Dichtung Franz Josef Czernins nur eine konzeptuell überanstrengte Poesie erkennen wollen, ist das für den Polemiker gleich ein krimineller Tatbestand.
Anschließend will Kiefer noch zwei weitere Platzhirsche der Lyrikkritik zur Strecke bringen: nämlich die FAZ-Professoren Heinrich Detering und Harald Hartung, die der „Bildungsattitüde“ und – im Falle Hartungs – der „Erbschleicherei“ bezichtigt werden. Tatsächlich darf man Detering in der Tat anlasten, den grausam überschätzten Dichter Robert Gernhardt in den Dichter-Himmel gehoben zu haben. „Sankt Robert“, so hält Kiefer mit einigem Recht dagegen, ist der volkstümlich-erbauliche „Comedy-Master der Philister und Parvenus“, eine beharrlich „pubertierende Kultursimulation“.
Es gibt glücklicherweise eine Lyrik-Journal, das uns mit den biederen Kalauer-Kunststücken eines Gernhardt verlässlich verschont und uns stattdessen mit den formalen Ambivalenzen avancierter Poesie, den klanglichen Sensationen und dem opaken Leuchten ihrer Sprachmaterie bekannt macht: Es ist die von Urs Engeler herausgegebene Poesiezeitschrift „Zwischen den Zeilen“, die mit ihren jüngsten Ausgaben, den Nummer 19 und 20, ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Die wohl schönste Entdeckung in Heft 19 ist der rumänische Surrealist Ghérasim Luca, der von dem Lyriker Mirko Bonné vorgestellt wird. Luca war in den dreißiger Jahren zeitweise der literarische Kombattant von André Breton, und suchte nach dem Zweiten Weltkrieg, nachdem ihn die doktrinären Kulturpolitiker des kommunistischen Regimes in Rumänien ins Exil getrieben hatten, den Anschluss an die Pariser Avantgarde. Im Alter von 81 Jahren nahm er sich durch einen Sprung in die Seine das Leben. In seiner Poetik verkündet er die Befreiung des Atems und die Revolution des Worts durch klangliche Exaltation. Sein Gedicht „Mein Wahnsinn des Lebens“ beruht auf der extensiven Wiederholung der Wörter „Verzweiflung“ und „Beine“. Das Gedicht bewegt sich von einer absurden Behauptung zur nächsten, liefert Dementi um Dementi, um schließlich in der Negation aller Behauptungen zu enden. Hier der Schluss dieser ingeniösen poetischen Absurdität:
die verzweiflung hat sechzehn paar beine sechzehn paar beine / die verzweiflung hat siebzehn paar von beinen aufgesogener beine/ achtzehn paar beine und achtzehn paar socken / sie hat achtzehn paar socken in den gabeln ihrer beine / das heißt neunzehn paar beine / die verzweiflung hat zwanzig paar beine / die verzweiflung hat dreißig paar beine / die verzweiflung hat gar kein paar beine / absolut kein paar beine/ absolut keine absolut keine beine / absolut drei beine.

Text+Kritik, H. 157 (2003)   externer Link
Im Richard Boorberg Verlag
Levelingstraße 6a, 81673 München
98 Seiten, 14 Euro

SINN UND FORM, H. 2/2003   externer Link
Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
140 Seiten, 9 Euro

Neue Rundschau, H. 1/2003   externer Link
Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt/M.
176 Seiten, 9 Euro

Kolik 21 (2003)   externer Link
Taborstraße 33/21, A-1020 Wien
172 Seiten, 8,60 Euro
Link zum Beitrag von Sebastian Kiefer | Kolik   externer Link

Zwischen den Zeilen, H.19 (2002)   externer Link
Urs Engeler Editor
Dorfstraße 33, CH-4019 Basel
147 Seiten, 10 Euro
Heft 19 online | Zwischen den Zeilen   externer Link

Michael Braun         17.02.2007        Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese April 2003

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