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Juni 2007
Lose Blätter 407Wespennest 147Krachkultur 11
 
Zeitschriftenlese  –  Juni 2007
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk
Der nach wie vor lauteste und unterhaltsamste, aber auch hochstaplerischste Marktplatz für die Ausstellung und den Verkauf literarischer Neuigkeiten ist der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Trotz einiger Altersschwächen lockt dieser Wettbewerb immer noch Schriftsteller an, die sich einen privilegierten Platz im Focus der literarischen Öffentlichkeit erobern wollen und sich dafür dreißig Minuten lang dem Tribunal einer pointenwütigen Jury aussetzen. Es beginnt jedes Jahr mit dem Schaulaufen von notorisch gut gelaunten Literaturmenschen, die sich in ihrem narzisstischen Geltungsdrang gegenseitig überbieten, indem sie unentwegt über betriebsinternen Klatsch palavern und irgendwann ihre nie alternden Körper an den Wörthersee tragen, um dort beim gemeinsamen Bad das Amüsement fortzusetzen. Fast immer gibt es in Klagenfurt ein kleines Skandalon zu bestaunen, einen neuen literarischen Feind zu entdecken oder zumindest einen Grund zur Schadenfreude über den einen oder anderen blamabel durchgefallenen Autor.
In dieser Melange aus eitlem Geckentum, Bescheidwisserei und literarischer Halbbildung fallen die eigentlichen Texte mitunter gar nicht mehr auf. Dass aber die Marktchancen für die Teilnehmer des Wettbewerbs vorab genau sondiert werden können, dafür sorgen die Extraausgaben der Literaturzeitung „Volltext“, die jeden Teilnehmer ausführlich vorstellen und jedem Autor ein exemplarisches Selbstporträt oder eine poetologische Auskunft abverlangen. Im druckfrischen „Volltext“-spezial zu Klagenfurt, der aktuellen Juni/Juli-Ausgabe der sehr lesenswerten Literaturbetriebspostille, wimmelt es wieder von bemühten Witzigkeiten und Originalitätskrämpfen, mit denen einige Wettbewerbsteilnehmer um Aufmerksamkeit buhlen.
Da gibt es den zwar amüsanten, aber auch sehr überraschungslosen Humor des begabten Literatur-Performers Jochen Schmidt oder auch ein ironisch zerquältes Selbstinterview des kritischen Heimatkundlers Martin Becker. Den Vogel abgeschossen hat ein neuer Shooting Star, der sich durch Anonymität interessant machen will. Denn der Elektropop-Musiker PeterLicht, den Chef-Jurorin Iris Radisch zum Wettlesen eingeladen hat, wird bewundert für eine eher schlichte Kunst – nämlich die Fertigkeit, die Anonymität der eigenen Person zur PR-Geheimwaffe zu machen. Bei seinem Auftritt in der Harald Schmidt-Show blieb vor einigen Wochen der Kopf des Künstlers im Dunkeln. Im Selbstporträt auf der Internetseite des Bachmann-Wettbewerbs hat sich der Künstler nun hinter einem Berg von Tüchern und Kissen verborgen. Bei seiner Klagenfurter Lesung wird der Anonymus vielleicht mit einer Hasskappe auftreten, der notorischen Kopfbedeckung für gewaltbereite Demonstranten. Das wäre ein erwartbarer ironischer Nachtrag zum Heiligendammer Demo-Klimbim. Es ist jedenfalls verblüffend, dass unsere Feuilletons die Vermummungs-Künste PeterLichts so naiv anzustaunen bereit sind. Offenbar leben wir in so ereignisarmen Zeiten, dass man mit ein bisschen Geheimniskrämerei schon zum literarischen Hoffnungsträger avancieren kann.

Aber es gibt auch literarische Selbstdarstellungen in dieser „Volltext“-Ausgabe, die auf Witzigkeitsgehampel verzichten und einen leisen Ton anschlagen, Texte, die sich von den Oberflächen abwenden und den Innenraum eines einsamen, tief verstörten Ich ausmessen, das ganz herausgefallen ist aus der Welt. In einer kleinen Lebenserzählung rekonstruiert Lutz Seiler die privaten Katastrophen eines traumverlorenen Jungen, der ständig von Müdigkeit überwältigt wird. Seine Schlafsucht sorgt schon früh für einen lebensgefährlichen Sturz vom Baum, den der Schulschwänzer nur zufällig überlebt. Zur literarischen Urszene wird für den Jungen die Begegnung mit einem Schlaflied, das den irritierend-bedrohlichen Refrain hat: „morgen früh, wenn Gott will / wirst du wieder geweckt“. Die Konfrontation mit diesem Kinderlied bedeutete für Seiler den Eintritt ins Reich der Poesie – und es verwundert nicht, dass diese Erstbegegnung auch eine Bedrohung darstellte. Denn dieses Schlaflied ist dazu angetan, dem Hörer oder Leser jeden Schlaf zu rauben. Man wird sehen, ob Lutz Seilers Poetik der Schlaflosigkeiten auch die Jury überzeugen kann.
Mit ebenso großer Spannung erwartet man das Urteil über die Lyrikerin und Erzählerin Silke Scheuermann, die von Bewunderern mit guten Gründen als zarte Wiedergängerin Ingeborg Bachmanns belobigt worden ist. Dass sich eine so erfolgreiche Autorin dem Klagenfurt-Risiko aussetzt, ist sehr mutig – denn allzu oft hat man schon erlebt, dass den Favoriten ein eisiger Wind vom Jury-Podium entgegen blies. Die Klagenfurt-Orakel laufen jedenfalls schon auf Hochtouren.

Während „Volltext“ wieder einmal genüsslich in das große Spektakel am Wörthersee eintaucht, verabschiedet sich eines der intelligentesten Periodika der jungen Literaturszene von der Zeitschriften-Bühne. Nach zehn Jahren stellt die Berliner Zeitschrift „Lose Blätter“ ihr Erscheinen ein – und demonstriert mit der Schlussnummer, dem aktuellen Heft 40, noch einmal ihren außerordentlichen Rang. Auch in diesem Heft ist Lutz Seiler vertreten, mit zwei intensiven Gedichten, in denen zwei seiner Schlüsselwörter aufscheinen: die „Müdigkeit“ und die „Schwere“. Daneben liefert Durs Grünbein in seiner Dankrede zur Verleihung des Berliner Literaturpreises eine schöne Definition des modernen Lyrikers: Dichter und Denker sind für ihn „verlorene Wissenschaftler, die ohne Fußnoten arbeiten“. Die Poesie erscheint aus solcher Perspektive als eine „Wissenschaft, die das Abschiednehmen lehrt, sich in Formen des Zugrundegehens bewährt.“ Das klingt nach einer sehr melancholischen Aufgabenzuweisung an die Literatur. Aber Grünbein hält die Möglichkeit einer lyrischen Zukunft offen – mit seinem Glauben an den stets sich regenerierenden „hinreißenden Vers“ des Gedichts.
Der aufregendste Text in dieser Abschiedsnummer der „Losen Blätter“ ist ein Auszug aus einem Roman Marcel Beyers, der viel Beobachtungsgabe aufbringt bei der Erkundung der Welt der Vögel. Das hier vorgestellte Kapitel handelt in den wesentlichen Partien von den Reaktionsformen eines Kolkraben. Bei der Begegnung mit einem Menschen nimmt der Vogel sofort eine Angriffsstellung ein, wenn ihn ein bestimmter Reiz provoziert: in diesem Fall ist es der dunkelgrüne Stoff eines Lodenmantels. Ohne zu zögern startet der Vogel eine Attacke auf den Träger des Lodenmantels – ein Angriff mit vorerst noch unabsehbaren Folgen. Hier könnte eine „Rabenschlacht“ beginnen – wie vor vierzig Jahren in einer motivverwandten Erzählung des Schriftstellers Joseph Breitbach.

Kehren wir einen Moment lang zurück zu Durs Grünbein, dessen dichterische Physiognomie im 21. Jahrhundert immer mehr von seiner Schwärmerei für die Antike geprägt wurde. Das Bild vom Neo-Klassizisten Grünbein, das in der zunehmend spöttischen Literaturkritik die Runde macht, wird der außerordentlichen literarischen Intelligenz dieses Autors jedoch nicht gerecht. Man braucht nur den in der Nummer 2/2007 von „Sinn und Form“ publizierten Essay Grünbeins zu studieren, der sich mit den Erkenntnisleistungen des Philosophen Rene Descartes und dessen Wahlverwandtschaft zum Maler Rembrandt beschäftigt – und man kommt nicht umhin, den Autor für diese kleine Studie über die Passion des Enzyklopädischen zu bewundern. Dieser stilistisch überaus elegante Essay über die gemeinsamen Vorlieben Descartes´ und Rembrandts für anatomische Studien und für die genaue Erkundung des menschlichen Organismus ist wirklich ein Meisterstück.

Hier beglaubigt Grünbein nebenbei seine These von den Dichtern als „verlorenen Wissenschaftlern, die ohne Fußnoten arbeiten“. Zu dieser Spezies gehörte auch der österreichische Großromancier Heimito von Doderer, über dessen Krisenjahr 1929 das Literaturmagazin „Krachkultur“ ein aufschlussreiches Dossier vorgelegt hat. Das stets an kleinen ästhetischen Schocks interessierte Magazin hat in seiner 11. Ausgabe ein bislang unveröffentlichtes Fragment Doderers ausgegraben, in dem der Autor den Versuch einer semi-pornographischen Skandal-Chronik unternimmt. Um endlich den Durchbruch als Erfolgsautor zu schaffen, hatte sich Doderer 1929 einen anrüchigen Stoff ausgedacht: Er erfand einen sexhungrigen Helden, der von einer Vorliebe für „dicke Damen“ umgetrieben wird. „Ich probierte also die Möglichkeit des Schmierens“, notierte Doderer viele Jahre später in sein Tagebuch – und hat denn auch darauf verzichtet, die jetzt posthum ausgegrabene Episode in seine Hauptwerke einzufügen. Und wer sich diese mühevollen erotischen Inszenierungen zwischen Doderers Helden und der dicken Dame Lea anschaut, wird dieses Stück Prosa auch nicht als große Wiederentdeckung feiern können.

Weit mehr Aufmerksamkeit verdient die neue Ausgabe, die Nummer 147 der Literaturzeitschrift „Wespennest“, die sich in einem weit verzweigten Dossier der Bewegungsform des Gehens widmet. Es gibt eine berühmte literarische Urszene des Gehens und Wanderns, das ob seiner vermeintlichen Sündhaftigkeit bereut wird. Als nämlich der italienische Sonettdichter Francesco Petrarca im 14. Jahrhundert den Mont Ventoux in Südfrankreich bestieg, um dort das Erhabene des freien Blicks zu genießen, erlebte er einen kleinen Schock. Vorab bereits irritiert durch die Warnungen eines greisen Hirten, blätterte er in seiner Reiselektüre, den „Bekenntnissen“ des Augustinus und entdeckte darin zufällig jene Passage, in der die Bewunderung von Naturschauspielen als Sünde verdammt wird. Reumütig wandte er sich nun von der Grandiosität des Naturschauspiels ab, um statt dessen seine Seele zu befragen.
Gleichwohl sind viele bedeutende Dichter einsame Wanderer gewesen, Einzelgänger im buchstäblichen Sinn. Michael Buselmeier entwirft im „Wespennest“ im Blick auf diese einsamen Fußreisenden eine kleine Literaturgeschichte des Gehens. Für prominente Gehende wie Adalbert Stifter oder Peter Handke ergibt sich eine Analogie zwischen dem gleichförmigen Rhythmus des Gehens und der sanften Bewegung des Erzählens. Der Gehende, wie ihn Michael Buselmeier entwirft, ist im Grunde ein Nachfahre der Romantiker: Denn er träumt davon, unterwegs zu sein zum Heil, das er in der Abgeschiedenheit zu finden hofft.

Ein Antipode dieser romantischen Figur ist der Politiker als öffentlich Gehender, wie ihn Lukas Hammerstein in seinem „Wespennest“-Beitrag porträtiert. Jeder Schritt dieser Gehenden in der Öffentlichkeit ist medienwirksam inszeniert, eine markante Demonstration der Gewissheit, dass sie nicht nur die Macht haben, sondern auch den Körper, den man dazu braucht. Eine der größten Selbstinszenierungen in dieser Hinsicht betrieb ein scheinbar asketisch disziplinierter Außenminister, der als Marathonläufer den langen Weg zur Selbstfindung zu beschreiten vorgab, aber sehr bald von seinem Marathon-Selbst wieder abkam.
Möglicherweise wird man dieses „Wespennest“-Heft nicht wegen des Dossiers über das Gehen in Erinnerung behalten, sondern aufgrund eines arg misstönenden Essays über den Schriftsteller und Publizisten Lothar Baier, der sich vor drei Jahren im fernen Montréal das Leben genommen hat. Jörg Auberg erinnert in einem langen Aufsatz an das eigensinnige Werk und an das nicht minder widerständige Leben Lohthar Baiers, das in der Depression und im Freitod endete. Von Beginn an zielt Aubergs Porträt darauf ab, alle früheren linken Weggefährten, Freunde und Verleger Lothar Baiers als gewissenlose Renegaten und Opportunisten zu entlarven. Es geht hier ausschließlich um ein zürnendes Gottesgericht über alle ehemals linken Intellektuellen, die von ihren kulturrevolutionären Ursprüngen abließen und andere Wege gingen. Auberg stilisiert Lothar Baier zum letzten Unbeugsamen, der nur noch Ekel empfand vor den – so wörtlich – „Charaktermasken“ der Intelligenz. Völlig aus dem Blickfeld gerät hier das Interesse Baiers an Poesie und Ästhetik, zumal seine Anfänge als sensibler Exeget von Gedichten. Dass in einem Nachruf auf einen großen Essayisten die verbissene Rechthaberei triumphieren darf – das ist gewiss kein Ruhmesblatt für das „Wespennest“.

Volltext, Nr. 3/2007   externer Link
Lothringerstraße 3, A-1010 Wien
40 Seiten, 2,50 Euro

Lose Blätter, Heft 40  externer Link
Renatus Deckert, Hagenauer Str. 13, 10435 Berlin
36 Seiten, 2 Euro.

Sinn und Form, Heft 2/2007  externer Link
Postfach 21 02 50, 10502 Berlin
140 Seiten, 9 Euro

Krachkultur, Nr. 11  externer Link
Martin Brinkmann, Hollerallee 6, 28209 Bremen
200 Seiten, 10 Euro

Wespennest, Nr. 147   externer Link
Rembrandtstr. 31/4, A-1020 Wien
112 Seiten, 12 Euro

Michael Braun13.06.2007Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-AnsichtSeite empfehlen  empfehlen

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