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Juni 2012
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Zeitschriftenlese  –  April 2012
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Vor fast genau einhundert Jahren hat der größte amerikanische Poet des 20. Jahr­hunderts, der damals sieben­und­zwanzigjährige Ezra Pound, einer erstaunten Öffent­lichkeit sein Glaubens­bekennt­nis verkündet. Es war eine Absage an die her­kömm­lichen Rollen, die man den Dichtern der Moderne zuschreibt. „Ihr sprecht von Genie und Wah­nsinn“, so spottet Pound in Richtung der „geknebelten Reze­nsenten“, „Ich aber werde nicht wahnsinnig werden, euch zu Gefallen, / werde euch nicht ent­gegen­kommen mit einem frühen Tod, / Oh nein, ich werd ausharren, / spüren, wie euer Haß sich zu meinen Füßen krümmt …“
  Mit dieser trotzigen Selbst­behauptung hat Pound fast prophetisch sein eigenes Dichter­schicksal vor­weg­genommen. Er durchlief bis zu seinem Tod im Alter von 87 Jahren alle Stadien der Exzentrik und der Dissidenz, die ein Dichter in diesem Jahr­hundert absol­vie­ren konnte. Er exponierte sich als Revo­lutionär der Poesie, dann wandte er sich ab von der Idee der radikalen Freiheit und lieb­äugelte mit dem Fa­schis­mus Benito Mussolinis, bis man ihn jahrelang in eine Anstalt für krimi­nelle Geistes­kranke einsperrte. Das Thema indes, das er in dem zitierten Gedicht „Gruss III“ abwehren wollte, holte ihn immer wieder ein: das Thema „Genie und Wahn­sinn“. Dass dieser Zusammenhang in der Dichtung der Gegenwart nach wie vor große Virulenz besitzt, zeigt ein aufregendes Dossier in der neuesten Ausgabe, der Nummer 14 des Literaturmagazins „Krachkultur“. Hier werden einige Beiträge zum Wesenszusammenhang von „Dichtung und Neurose“ und „Genie und Wahnsinn“ präsentiert.
  Der amerikanische Essayist Joshua Mehigan resümiert hier in provo­kativer Bei­läufigkeit seine Beobach­tungen zu den Begleit­um­ständen des sogenannten „visio­nären“ Dichter­tums. Seit den Tagen Homers, so frotzelt Mehigan, erwar­tet man von Dichtern „einen gewissen Grad an Gestörtheit – als tat­säch­liches Leiden, Persona oder Pose“. Als ein Beispiel führt er den Dichter Gérard de Nerval an, der einen Hummer an einem Bändchen in den Pariser Parks spa­zieren­führte. In einer fulmi­nanten Pri­vat­statistik verweist Mehigan zudem auf die Formen der Devianz, die ihm in seinen lite­rarischen Freundes­kreis begegneten. Von fünf­und­zwanzig Dichtern haben zwei Selbst­mord begangen, zwei weitere haben es versucht, zwölf mussten sich einer Behand­lung mit Medi­kamenten oder Elek­tro­schocks unterziehen, einige verfielen dem Alkohol, der Rest war drogen­süchtig. Joshua Mehigan ist glück­licher­weise nicht so naiv, solche Phäno­mene der Abweichung als lite­rarisches Adels­prädikat zu betrach­ten, sondern als Be­gleit­erschei­nungen eines hemmungslosen Narziss-#mus. Für viele Dichter, die in der Galerie „Genie und Wahnsinn“ keinen Platz finden, genügt es eben, ein selbst­verliebter Großkotz zu sein.
  Um diese etwas grobschlächtige Dichter-Psychologie zu belegen, druckt die „Krach­kultur“ zwei Beiträge des Wiener Nerven­arztes Wilhelm Stekel, der ursprüng­lich ein glühender Adept und „Apostel Sigmund Freuds“ war, bis er sich mit dem Meister überwarf und zum abtrünnigen Seelen­diag­nos­tiker wurde. Stekel beschei­nig­te in finsterem Pessi­mismus all seinen Mit­menschen, „psychische Wracks“ zu sein. Im Gegensatz zu Freud zieht Stekel eine direkte Ver­bindungs­linie zwischen der Dicht­kunst und der Neurose: „Jeder Dichter ist ein Neu­rotiker.“ Freilich sieht er in der neu­rotischen Struktur des Poeten keinen Mangel, sondern einen unerlässlichen Impuls seiner Produktivität.
  Mit solchen vulgärpsychologischen Thesen zur Affinität von Genie und Wahn­sinn bleibt die „Krach­kultur“ ihrem ursprüng­li­chen Programm treu, die Lite­ratur aus der Per­spektive einer radikalen Dissidenz zu betrachten. Den ketze­rischen Treib­stoff hierzu liefert auch ein erstmals 1967 publi­zierter Essay des norwegi­schen Autors Jens Bjørneboe, der sich dem etwas expansiv angelegten Thema „Pornographie in Norwegen von der Wikinger­zeit bis heute“ widmet. Es stellt sich rasch heraus, dass Bjørneboe in seinem höchst sarkastischen Essay in Adolf Hitler den „bedeu­tendsten groß­germa­nischen Wikinger“ sieht, dessen Programm des Körper­panzers darauf abzielte, alle unkon­trol­lierten Trieb­regungen im Menschen aus­zulö­schen. Gegen diesen Fa­schis­mus der Körper­feind­schaft setzt Bjørneboe seine Ethik des Hedo­nis­mus: „Wir brauchen einen üp­pigen gut­ge­schrie­benen Garten von unsitt­licher Lite­ratur, gut­geschrie­ben und lieder­lich…wir brauchen eine Lite­ratur, die dazu bei­tragen kann, das Schuld­gefühl (und das Scham­gefühl) abzu­schaffen…“
  Bjørneboe konnte seine hedonistische Ethik in seiner eigenen Lebenswelt im Übrigen nicht umsetzen. Seinen Beruf als Lehrer an einer Rudolf-Steiner-Schule in Oslo musste er früh­zeitig aufgeben, seine Depres­sionen und Alkoholismus vermochte er nur vorüber­gehend mit seinem Schreiben aufzulösen. 1976 wählte er den Freitod.
  Während der eingangs zitierte Ezra Pound in England und Amerika die Ordnung der Dinge und die fundamen­talen Codes der herr­schenden Kultur aus den Angeln heben wollte, ver­suchte das zur gleichen Zeit im Exil­land Schweiz der Dadaist und ketze­rische Mystiker Hugo Ball. Bis heute verwirrt Hugo Ball seine Anhänger mit der Gleich­zeitig­keit von ästhetischem Extre­mismus und religiösem Konservatismus. Im aktuellen, überaus lesens­werten „Hugo-Ball-Almanach“ für das Jahr 2012 verweist der italienische Lite­ratur­wissen­schaftler Mauro Ponzi auf das Doppel-Motiv von „Anarchie und Askese“ bei Hugo Ball. Selbst bei seinen berühmten dadais­tischen Per­formances in der Zürcher Künstler­kneipe „Cabaret Voltaire“ habe Ball immer „den Rhythmus des Psalmo­dierens der missa solemnis der katho­li­schen Kirche“ mit einbezogen. Bei aller lite­rari­schen Radi­ka­lität der Sprach­zertrüm­merung, so glaubt Ponzi, ging es dem Dadaisten Ball doch darum, „die geistige Einfach­heit und die gewählte Armut des heiligen Fran­ziskus“ zurück­zu­gewinnen. Was bei den Auf­tritten von Ball, Hans Arp und Richard Huelsen­beck als „euphorisches Wort­gelage“ erscheinen mochte, war immer auch ein religiöses Ritual. Mit den ästhe­tischen und sprachlichen Details dieses „eupho­rischen Wort­gelages“ beschäf­tigt sich im „Hugo-Ball-Alma­nach“ der Litera­tur­wissen­schaftler Klaus H. Kiefer. Kiefer möchte in den „Wort-Spielen“ des Dich­ters Ball primär „regre­ssive Rituale“ erken­nen, an denen ihn offenbar der religiöse Background stört. Die berühmten Laut­gedichte Balls finden vor den Augen des Kriti­kers keine Gnade. Kiefer erkennt nur „schlich­teste Laut­male­reien“, die zudem wenig originell seien und der Auftritt im kubis­tischen Papp­kostüm bezeichnet er als „ekstatische Über­sprungs­hand­lung von profan zu sakral“, ohne jede meta­physische Tiefe. In seine Analyse hat Kiefer auch ein paar despek­tier­liche Bemerkungen zu Balls Katholi­zismus ein­ge­schmuggelt, will er doch nicht ein­sehen, dass dessen Dadaismus nicht ohne „Pfaffen­segen“ aus­kommen will.
  Den brisantesten Beitrag im „Hugo-Ball-Almanach“ hat freilich Hubert van den Berg vorgelegt, der die alte Legende vom anti­milita­ris­tischen Konsens der deut­schen Avant­garde gründlich zer­pflückt. Am Bei­spiel von Herwarth Walden, dem He­raus­geber der Zeit­schrift „Der Sturm“, einem Zentral­organ des deut­schen Ex­pres­sionis­mus, kann van den Berg zeigen, dass eben nicht alle Akti­vitäten der Avant­garde gegen den Krieg gerich­tet waren. Im Gegen­teil: Die Wander­aus­stel­lungen zum deutschen Expres­sionis­mus, die Walden während des Ersten Welt­kriegs in Den Haag, Kopen­hagen und eben auch in Zürich or­gani­sierte, waren im Grunde Aktionen der deut­schen Kultur­propa­ganda. Herwarth Walden trat nach­weis­lich als Agent und Kurier in die Dienste des Aus­wärti­gen Amts – und so liegt die Schluss­fol­gerung nahe, dass auch die Expres­sionis­mus-Aus­stellung in der Zürcher „Galerie Dada“ im März und April 1917 unfrei­willig „eine deutsche Propa­ganda­schau“ war.

An Unberechenbarkeit und prin­zipiel­ler Dissidenz ist Hugo Ball vermutlich nur noch von Peter Hacks zu über­bieten, dem selbst­ernannten Goethe der DDR, der sich durch seine Koket­terie mit dem real exis­tie­renden Sozia­lismus viele Feinde gemacht hat. Im aktuellen Mai/Juni-Heft der Kulturzeitschrift „Sinn und Form“ werden die neues­ten Funde der Hacks-Exe­gese aus­gebrei­tet. Gunther Nickel präsen­tiert Aus­züge aus Hacks' Brief­wechsel mit seiner Mutter, der zwar wenig spekta­kuläre Dinge enthält, aber Hacks auf der Höhe seines nonkon­formis­tischen Virtuosen­tums zeigt. Bereits in einem seiner ersten Briefe nach seiner Über­siedlung aus Bayern in die DDR im Sommer 1955 mokiert sich Hacks über das westliche Klischee, das sich einen DDR-Autor nur so vorzu­stellen vermag, dass „er mit gedrück­ten Gesichtern auf einem Ruinen­haufen“ sitzt und „vom Staats­sicher­heits­dienst mit Kaviar gefüt­tert“ wird. Im Blick auf die erhitzten Ästhe­tik-Debatten spottet Hacks: „Aber so weit ich das sehe, sind Kurs­wechsel bloß was für die Unbe­gabten: die Begabten haben vorher gemacht, was sie woll­ten, und machen es nachher auch. Im Moment herrscht ein ganz läppi­scher Libera­lis­mus. Aber natür­lich rührt sich das und dies.“
  Unter den literarischen Texten im neuen „Sinn und Form“-Heft fällt eine unheim­liche Erzäh­lung Michael Busel­meiers auf, die von einer Episode aus dem fins­teren Herzen des Dritten Reiches handelt. Buselmeier rekon­struiert in einer subti­len Mixtur aus bio­grafi­schen und fiktio­nalen Ele­menten einige Szenen aus dem Leben von Martin Bormann, des legen­den­umwobenen Reichs­leiters der NSDAP und Pri­vats­ekretärs von Adolf Hitler. Erzählt wird die Geschich­te aus der Sicht zweier weib­licher Neben­figu­ren, einer Köchin, die auf dem Ober­salzberg für die Verkös­tigung von Hitlers Elite sorgte, und ihrer Tochter. Am Ende der Geschichte wird ein Mysterium noch weiter verstärkt, das zu den Lieb­lings­obses­sionen der Hitler-For­schung gehört: Es wird sug­geriert, dass Bormann nicht – wie es die offizielle Ge­schichts­schrei­bung sagt – kurz vor Kriegs­ende ums Leben kam, sondern unter falschem Namen in München weiterlebte und erst im Mai 1975 starb. Zu den kleinen Provo­kationen des Textes gehört auch sein Titel. „Der Herr des Berges“: Dieser Titel, der ursprünglich aus einem biblischen Kontext, nämlich dem Johannes-Evan­gelium stammt, gibt dem ganzen Geschehen eine gleich­sam mythische Rätsel­haftigkeit.
  Eine Provokation der poli­tischen Korrektheit lässt auch der Titel von Thomas Hettches Essay im Juni-Heft der Zeitschrift „Merkur“ erwarten. Er lautet: „Über die ver­gessene Kunst des Solda­ti­schen“. Man glaubt zunächst, einen Text vor sich zu haben, der an einige intellektuelle Passionen des frü­heren „Merkur“-Heraus­gebers Karl Heinz Bohrer anknüpft, nämlich das leiden­schaft­liche Inter­esse am Werk Ernst Jüngers. Tatsächlich gehören zu den Grund­figuren des Essays einige Jünger-Zitate und ein Besuch im Ernst Jünger-Haus im schwä­bischen Wil­flingen. Der Schriftsteller Thomas Hettche ist aber viel zu intel­ligent, um hier nur andächtig Thesen Ernst Jüngers oder Carl Schmitts nach­zubeten. Hettche beschreibt einen Besuch am Ehren­mal für deutsche Soldaten in Berlin, jenem zen­tralen Gedenk­ort für Soldaten, die bei Aus­lands­ein­sätzen ums Leben gekommen sind. Und er nimmt die er­schre­ckende Ano­nymität dieses Eh­ren­mals zum Anlass, nach einem Begriff von Gewalt zu suchen, der nicht nur den Triumph der Sieger in einem Krieg wahr­nimmt, sondern auch das Leid der Besiegten. Und Hettche findet diesen Gewalt­begriff bei der Betrach­tung des Per­gamon­altars auf der Berliner Museums­insel – denn hier geht es um den je einzelnen Tod der dar­gestell­ten Kämpfer. Jeder Sterbliche, der im Kampf getötet wird, erhält hier die Würde eines Einz­elnen zurück, der keiner Armee mehr angehört, sondern in seinem individuellen Tod allein ist und uns, die Betrachter, gerade in dieser Einsam­keit ergreift.

Krachkultur, Ausgabe 14 (2012)  externer Link  
Martin Brinkmann, Steinstraße 12, 81667 München. 200 Seiten, 12 Euro.

Hugo Ball Almanach, Neue Folge 3 (2012)  externer Link
edition text + kritik, Levelingstr. 6a, 81673 München, 184 Seiten, 16 Euro.

Sinn und Form, Heft 3/2012  externer Link
Postfach 210250, 10502 Berlin, 130 Seiten, 9 Euro.

Merkur, Heft 6/2012  externer Link
Mommsenstr. 27, 10629 Berlin. 96 Seiten, 12 Euro.

Michael Braun    13.06.2012   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  empfehlen

 

 
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