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April 2011
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Zeitschriftenlese  –  April 2010
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Es gehört zu den Primärtugenden guter Dichter, dass sie sich der Gesinnungsethik der großen politischen oder religiösen Kollektive verweigern und stattdessen ihren abweichenden ästhetischen Phantasien und ihrem poetischen Eigensinn folgen. Im Blick auf die expressionistische Künstlergeneration um 1920 hat der Soziologe Siegfried Kracauer einmal von freischwebenden Intellektuellen gesprochen, die von einer „tiefen Traurigkeit“ befallen seien, weil sie ihre politischen und religiösen Orientierungen verloren hatten. All diese freischwebenden Künstler vagabun­dierten als Dichter und Denker durch den geistigen Raum der zwanziger Jahre, in dem so viele heterogene Weltbilder umherschwirrten. Diese Erfahrung einer geistigen Obdachlosigkeit – so Kracauer in einem Essay von 1922 – sei ein metaphysisches Leiden: „Es ist das metaphysische Leiden an dem Mangel eines hohen Sinnes in der Welt, an ihrem Dasein im leeren Raum, das diese Menschen zu Schicksalsgefährten macht.“
  Zu diesen Schicksalsgefährten buchstäblich ohne festen geistigen Wohnsitz gehörte auch der Dichter, Dadaist und Mystiker Hugo Ball, der zeit seines Lebens auf der Flucht war vor allen echten und falschen Freunden, die ihn für ihre Gruppen-Zwecke instrumentalisieren wollten. Im aktuellen Hugo Ball-Almanach des Jahres 2011 kann man nachlesen, zu welchen überraschenden geistigen Rich­tungs­wechseln der aus dem pfäl­zischen Pirmasens stammende Hugo Ball in der Lage war. Bärbel Reetz vergegen­wärtigt hier in einem Beitrag die Urszenen des Dadaismus im Winter und Frühjahr des Jahres 1916, als Hugo Ball zunächst die Gründung des berühmten „Cabaret Voltaire“ in Zürich betrieb, um dann schon nach wenigen Monaten gemeinsam mit seiner Lebens­gefährtin Emmy Ball-Hennings ins Tessin zu fliehen. Gemeinsam mit seinen Mit­streitern Hans Arp, Richard Huelsen­beck, Marcel Janco und Tristan Tzara machte sich Ball allen Ernstes daran, mit seinen dada­istischen Auf­führungen ein – wie er schrieb – „Gegen­spiel zum Bolsche­wis­mus“ in Szene zu setzen. Alle litera­rischen Tradi­tionen wurden auf den Prüfstand gestellt, die Grammatik sollte zersprengt, die Syntax aufgelöst, die poetische Ordnung auf den Kopf gestellt werden. Aber schon im Sommer 1916 distan­zierte sich Ball von diesem turbu­lenten Treiben und erklärte den Expres­sionis­mus, den Dadaismus „und andere Mismen“ zur „schlimmsten Bourgeoisie“: „Das ›Cabaret Voltaire‹“, so polemisierte nun der Avantgardist auch gegen sich selbst, „ist nichts­nutzig, schlecht, dekadent, militaristisch, was weiss ich, was noch. Ich möchte so was nicht mehr machen.“ Bärbel Reetz zeigt in ihrem Almanach-Beitrag, dass Hugo Ball trotz seiner Abwendung vom „Cabaret Voltaire“ einigen seiner Freunde treu blieb, insbe­sondere Hans Arp, mit dem er später immer wieder im Tessin und in Italien zusammen­traf, um mit ihm gemeinsam, wie es in einem Brief von Hans Arp heißt, „das gelobte Land des Schöpfe­rischen zurück­zu­gewinnen“.
  Ein sehr lesenswerter Beitrag im „Hugo Ball-Alma­nach“ ist auch Magnus Wielands Untersuchung von Hugo Balls „nach­gelas­sener Biblio­thek“ bzw. „Ersatz-Bibliothek“. Dem vagabun­dierenden Dichter ist es aufgrund seines von häufigen Ortswechseln geprägten Lebens nie gelungen, kontinuierlich eine größere Bibliothek aufzubauen. Um seine finanzielle Knappheit zu kompensieren, verlegte sich Ball im Lauf der Jahre immer mehr darauf, große Biblio­theken zu konsul­tieren und dort akribisch komprimierte Rein­schriften der ihm wichtigen Bücher anzufertigen. So verwandelte er sich lebens­geschichtlich immer mehr in einen kopierenden Mönch, der wie in den mittel­alterlichen Skrip­torien Bücher abschrieb. In diesem Zusammen­hang ist Gustave Flauberts Roman „Die Ver­suchung des Heiligen Antonius“ von großer Bedeutung, den Hugo Ball im Sommer 1912 erwerben konnte. Flauberts Buch wurde zur Signatur seines geistigen Lebens. Eine erste Mani­festation von Hugo Balls Begeisterung für die historische Gestalt des ägyptischen Mönchs und Einsiedlers war das gleichnamige Gedicht „Die Versuchung des heiligen Antonius“, das 1914 in der Zeitschrift „Die Aktion“ erschien. In einer späteren Lebensphase, als sich Ball vom Dadaismus abwendet und sich für das Heiligen­leben von Wüsten­mönchen zu inte­res­sieren beginnt, wird der heilige Antonius schließlich zur Identi­fikations­figur. Unter dem kubis­tischen Kostüm des magischen Bischofs im „Cabaret Voltaire“, so resümiert Magnus Wieland seine Untersuchung, „schält sich ein Anver­wandter der mittel­alterlichen Schreiber­mönche heraus“.
  Welche Wirkungsgeschichte der vom „Byzantinischen Chris­tentum“ faszinierte Hugo Ball heute noch hat, wird im „Hugo Ball-Almanach“ von Adrian Notz beschrieben. Er verweist auf eine im Frühjahr 2010 einge­richtete Aus­stellung im heute als Dichter­museum betriebenen „Cabaret Voltaire“. Dort präsentierte eine slowenische Künstler­gruppe griechisch-orthodoxe Ikonen – gleichsam als Remi­niszenz an die gnostisch-mysti­schen Interes­sen Hugo Balls. Haupt­dar­steller bei der Ver­nissage war damals ein veritabler Bischof namens Metodij Zlatanov, seines Zeichens der christlich-orthodoxe Metropolit Mazedoniens, der eigene Gebete vortrug, die er eigens für Hugo Ball verfasst hatte.
  Von einigen freischwebenden Intelli­genzen, die dereinst mit marxistischen Überzeugungen angetreten waren, später dann als Ketzer verfolgt wurden, berichtet auch das aktuelle März/April-Heft der Literatur­zeitschrift „Sinn und Form“. Ein hier erstmals edierter Briefwechsel zwischen dem experimen­tellen Sprachkünstler und Grafiker Carlfriedrich Claus und dem Philosophen Ernst Bloch dokumentiert die Einsamkeit zweier undog­mati­scher Marxisten, die in der DDR ins Abseits gerieten, aber stets an einem Begriff der Utopie festhielten. Wie Hugo Ball führte auch Carlfriedrich Claus eine Einsiedler-Existenz, er lebte in selbst­gewählter Klausur und großer Armut in Annaberg im Erzgebirge. Die Ernst Bloch-Lektüre wurde für den Mikro­schrift­bilder-Komponisten Claus zu einer Offenbarung, er schreibt in einem Brief von den „Stille-Punkten im Noch-Nicht-Gewordenen der Natur“, zu denen ihn die Bloch-Lektüre führte. Ein weiterer Brief­wechsel in „Sinn und Form“ veran­schau­licht die fragile Freundschaft und tempo­räre Feind­schaft zwischen den zwei großen deutschen Exil-Schrift­stellern Klaus Mann und Gustav Regler, die dem mörderischen Zeitalter der Extreme zum Opfer fielen. Ralph Schock rekonstruiert in einem Essay die literarisch-politischen Annäherungen und Distanzierungen zwischen diesen beiden so grund­verschie­denen Autoren. In den dreißiger Jahren exponierte sich Regler als beinharter Stalinist und kritisierte den skeptischen Dandy Klaus Mann wegen seiner politischen Unentschiedenheit. Klaus Mann zeigte sich seinerseits stark irritiert durch Reglers „militanten Glaubenseifer“ und dessen grimmige Entschlos­senheit, als kommunis­tischer Musterschüler aufzutreten. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt ließ Regler von seiner kommunis­tischen Linien­treue ab und wurde seither als Trotzkist oder Nazi-Spion verketzert. Klaus Mann wiederum kehrte als Angehöriger der US-Armee nach Europa zurück, konnte seinem seelischen Unglück indes nicht entkommen und beging 1949 Selbstmord.
  Eher unfreiwillig zu einem frei­schwebenden Intellektuellen wurde der glühende Stefan George-Jünger Wolfgang Frommel, der mit der Zeitschrift „Castrum Peregrini“ in Amsterdam nicht nur das Organ der George-Exegese gegründet, sondern zeitlebens die direkte Begegnung mit seinem Meister gesucht hat, von diesem aber stets abgewiesen wurde. Von dem unmittel­baren Kreis der George-Jünger wurde Frommel immer verachtet und in die homo­erotische Schmuddel­ecke gestellt. Der George-Biograph Thomas Karlauf ergreift in „Sinn und Form“ die Gelegenheit, den von Frommel selbst geschaffenen Mythos seiner Begegnung mit George zu demontieren und die Außenseiter-Position des Amsterdamer Kreises deutlich zu machen.
  Auf literarische Außenseiter und freischwebende Intelli­genzen ganz anderer Art verweist die aktuelle Ausgabe, die Nummer 60 der Literatur­zeitschrift „Am Erker“. Seit ihren Gründungsjahren favorisiert die im westfälischen Münster verlegte Zeitschrift einen Typus von Literatur, der einen ironischen Realismus mit einem ausgeprägten Sinn für Komik verbindet. In zwei großen Interviews werden im aktuellen Heft zwei Künstler vorgestellt, die sich mit einer Poetik des sarkastischen Realismus und mit viel satirischer Leichtigkeit gegen die konformis­tische „Hochkultur“ stemmen: Zum einen der Romanautor und Satiriker Gerhard Henschel, zum andern der Zeichner und Satiriker Fritz Weigle alias F.W. Bernstein, der letzte lebende Vertreter der sogenannten „Neuen Frankfurter Schule“ um Robert Gernhardt. „Herrschaften“, so annonciert F.W. Bernstein auch eine Grundüberzeugung der „Am Erker“-Macher, „auch Komik ist Kunst.“ Und Gerhard Henschel benennt im Gespräch jene deutschsprachigen Autoren, die als Repräsentanten eines literarischen Gegen-Kanons gelten können: Ror Wolf, Max Goldt, Wiglaf Droste oder Thomas Kapielski.
  Es geht hier also um die Entfaltung einer litera­rischen Widerständigkeit, die sich einem geschmeidigen Kulturkonformismus verweigert. Einen Weckruf im Blick auf solche Potentiale literarischer Wider­ständigkeit unternimmt auch der sehr lesenswerte Briefwechsel zwischen der Buch­preisträgerin Kathrin Schmidt und ihrer weniger bekannten Berliner Kollegin Ingeborg Arlt, der im aktuellen Heft, der Nummer 61 der Dresdner Literatur­zeitschrift „Ostragehege“ nachzulesen ist. Hier werden Künstler und Bücher aus der unter­gegan­genen DDR in Erinnerung gerufen, denen nach dem politischen Zeiten­wechsel 1989 die öffentliche Auf­merk­samkeit entzogen wurde. Zum Beispiel der Maler Herbert Kunze, der in der DDR einige Schikanen auszuhalten hatte und dessen Werk nach der Wende als Marginalie abgetan oder gleich ganz vergessen wurde. Der schönste Beitrag im neuen „Ostragehege“ ist indes eine poetologische Miniatur der Dichterin Kerstin Preiwuß, eine Art Präludium zu einem dort abgedruckten Gedicht-Zyklus der Autorin mit kafkaesken „Stilleben“. In einer Meditation über ein Bild von Henri Matisse beschreibt Preiwuß die überwäl­tigende Evidenz, die beim Betrachten eines Kunstwerks eintritt, jenes Heraustreten aus allen Zwang­haftig­keiten, das einen Zustand fast schwerelosen Glücks ermöglicht: „Kein Geräusch ging von diesem Bild aus“, so Kerstin Preiwuß, „und dieses Bild erzeugte auch kein Geräusch in mir… Ich hatte kein Verlangen mehr als das, immerzu zu schauen und dabei wunschlos zu sein.“
  Dieser Augenblick des Inne­haltens, dieser mystische Zustand des nunc stans , gleicht jenem Akt des „souve­ränen Ver­schwin­dens“, wie ihn der Politik­wissen­schaftler Wilfried von Bredow in einem famosen Essay im aktuellen April-Heft der Zeitschrift „Merkur“ beschreibt. Denn es wird mit diesem „souve­ränen Verschwinden“ eine Los­lösung von allen sozialen Normen und Rollenerwartungen vollzogen, das Verschwinden selbst wird zur Erfüllung aller Wünsche.Von Bredow verweist in diesem Zusammen­hang auf einen Prosa­text von Arno Schmidt, „Tina oder über die Unsterblichkeit“. Dort wird dem Erzähler ein kurzer Besuch im Elysium gestattet. Freilich müssen es alle Menschen, bevor sie im Nichts verschwinden können, in dieser auf die Dauer ermüdenden Unterwelt so lange aushalten, bis auf der Erde jeder schriftliche Hinweis auf ihre Person gelöscht ist, bis sie also als identi­fizierbare Personen aus dem Gedäch­tnis der Welt verschwun­den sind. Der Elysiums­aufent­halt, so resümiert von Bredow, ist den Verschwin­den­den lästig, alle wünschen ihn abzukürzen und sind unglücklich, wenn ihr Name auf der Erde nicht vergessen, sondern immer wieder ans Licht gezerrt wird. Das Unglück nicht nur des Künstlers, sondern aller Menschen besteht hier also darin, dass man am Verschwin­den gehindert wird. So darf man den letzten Satz des „Merkur“-Essays als Tröstung verstehen: „Am Ende sind wir, um einen briti­schen Ökonomen zu para­phra­sieren, mehr oder weniger alle ver­schwunden.“

Hugo Ball-Almanach. Neue Folge 2, 2011  externer Link
Levelingstr. 6a, 81673 München. 216 Seiten, 16 Euro.

Sinn und Form 2/2011  externer Link
Postfach 210250, 10502 Berlin. 160 Seiten, 9 Euro.

Am Erker 60  externer Link  
c/o Frank Lingnau, Rudolfstr. 8, 48145 Münster. 160 Seiten, 9 Euro.

Ostragehege Nr. 61   externer Link  
c/o Axel Helbig, Birkenstr. 16, 01328 Dresden. 84 Seiten, 4,90 Euro.

Merkur 4/2011  externer Link  
Mommsenstr. 27, 10629 Berlin. 90 Seiten, 12 Euro.

Michael Braun    13.04.2011   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  empfehlen

 

 
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