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Oktober 2006
SchreibheftVolltextOstragehege
 
Zeitschriftenlese  –  Oktober 2006
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk
„Ich habe eigentlich nichts zu sagen“: Mit diesem koketten Satz resümierte der Schriftsteller Helmut Heißenbüttel in seiner Büchner-Preis-Rede im Jahr 1969 seine poetischen Standort. Das war natürlich keine Demutsformel, sondern pointierte durchaus das Selbstverständnis eines Autors, der zeit seines Lebens auf das Experimentieren mit vorgefundenem Sprachmaterial ausgerichtet war. Heißenbüttels Lebensthema beschreibt daher angemessener sein frühes „Lehrgedicht über Geschichte“, in dem es in litaneihafter Widerholung heißt: „Rekapitulierbares dies ist mein Thema“. In Techniken des Rückgriffs, in Zitat, Montage und eben Rekapitulation sammelte dieser Dichter die Redeweisen, Sprechtechniken und Satzfiguren seiner Zeitgenossen und ordnete sie in einem kombinatorischen Verfahren neu, so wie es ein weiteres seiner frühen Gedichte sagt: „Sonderbares Leben: / Bruchstücke eines Textes, in den ständig andere / Bruchstücke eingeschoben werden. / Aber welches ist der richtige Text?“
Diese nervöse, ständig neu ansetzende Suchbewegung nach dem „richtigen Text“ ist nun, zehn Jahre nach dem Tod Heißenbüttels, erneut zu besichtigen, und zwar in einem umfangreichen Dossier der Literaturzeitschrift SCHREIBHEFT. Der junge Literaturwissenschaftler Thomas Combrink hat gemeinsam mit SCHREIBHEFT-Herausgeber Norbert Wehr in der aktuellen Nummer 67 der Zeitschrift eine hundertseitige Hommage an Heißenbüttel zusammengestellt. Was dabei herauskommt, ist weit mehr als die textarchäologische Ausgrabung eines fast schon wieder vergessenen Schriftstellers.
Das Dossier konzentriert sich nämlich auf autobiographische Texte des Autors, auf Briefe und auf poetische und essayistische Selbsterkundungen, die bei dem strengen Misstrauen Hessenbüttels gegen jede Form von Ich-Aussage zu einer komplizierten Formgestalt finden. Der Autor gestattet sich immer nur „Ansätze zur Selbstaussage“, die meist auch in der Möglichkeitsform, dem Konjunktiv, vorgetragen werden. In der Annäherung an sich selbst stellt der Autor alles unter einen sprachskeptischen Vorbehalt. Und es muss hier fast schon als kleine Sensation gelten, wenn Heißenbüttel in zwei dieser autobiographischen Texte Einzelheiten mitteilt über seine Familiengeschichte. Sein Vater nämlich, der Sohn eines Zimmermanns, war ursprünglich Soldat bei der kaiserlichen Marine, arbeitete später als Gerichtsvollzieher und entdeckte irgendwann seine Neigungen zur Literatur, die ihn dazu trieb, Feuilletons für die „Wilhelmshavener Zeitung“ zu schreiben.
Der Sohn Helmut Heißenbüttel, 1921 bei Wilhelmshaven geboren, ließ sich von der Literatur-Begeisterung des Vaters früh anstecken und begann schon mit 13, 14 Jahren seine wechselnden literarischen Vorbilder zu imitieren, bis ab 1943 erste beachtenswerte Erzählungen und Dramen entstanden. 1941 wurde er als Kriegsteilnehmer schwer verwundet und verlor einen Oberarm. Nach dem Krieg durchlief Heißenbüttel eine Bilderbuchkarriere im deutschen Literaturbetrieb. Nach einer kurzen Zeit als Verlagslektor leitete er über zwei Jahrzehnte lang, von 1959 bis 1981, die Redaktion „Radio Essay“ beim Süddeutschen Rundfunk – und das in einer Zeit, als das Radio noch das tonangebende Medium für literarische und essayistische Auseinandersetzungen war. Neben seiner Tätigkeit im publizistischen Machtzentrum des Rundfunks suchte er als Exponent der sogenannten experimentellen Literatur die Möglichkeiten eines „offenen“ und „antigrammatischen“ Schreibens auszuloten. Diese Versuche fielen aber bei weitem nicht so rigoros konstruktivistisch aus, wie es die avantgardistische Gestalt seiner großformatigen weißen „Textbücher“ vermuten ließ. Heißenbüttel hat immer offene, bekenntnishafte, krass-autobiografische Fragmente in seine Texte eingestreut, der innere Widerstreit zwischen konventioneller und experimenteller Form macht den großen Reiz seiner Gedichte aus.

Im SCHREIBHEFT-Dossier sind nun einige Auszüge aus Heißenbüttels Briefwechsel mit den unangefochtenen Größen seiner Branche abgedruckt: Mit Hans Magnus Enzensberger erörtert er etwa die Möglichkeiten eines polemischen Features über die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“; eines Features, das dann nicht gesendet werden konnte, weil die Verantwortlichen des Süddeutschen Rundfunks wohl einen juristischen Konflikt mit der mächtigen FAZ fürchteten. Weitaus brisanter und spannender sind die Briefwechsel zwischen Heißenbüttel und Theodor W. Adorno. Die anfängliche Herzlichkeit im Ton kühlt sich bald ab, als Heißenbüttel einige größere Aufsätze Adornos als für den Funk untauglich ablehnt und als Rezensent kritische Einwände anmeldet gegen Adornos Edition der Briefe Walter Benjamins. Stein des Anstoßes war der Verdacht Heißenbüttels, Adorno habe bei der Edition der Briefe seines philosophischen Freundes Benjamin dessen Affinitäten zum Marxismus und zu Bertolt Brecht unterschlagen. Adorno zeigt sich seinerseits wenig erbaut von Heißenbüttels Vorwürfen und deutet an, er habe Benjamin gegen sich selbst und gegen die Missdeutungen des „dialektischen Materialismus“ verteidigen wollen. Heißenbüttel war damals, in der Blütezeit der Studentenbewegung, beileibe nicht der einzige, der diese Geringschätzung des Marxismus durch Adorno scharf missbilligte; es war aber der skeptisch gestimmte Philosoph, der gegen die marxistische Euphorie Recht behalten hat.

Während das SCHREIBHEFT, unbeeindruckt vom raschen Wechsel der literarischen Moden, auf die wirklichen innovativen Autoren der Moderne setzt, da ist die zurecht vielgelobte Literaturzeitung VOLLTEXT mitunter allzu naiv auf die allerneuesten Kultautoren fixiert. Kein Zweifel: In den vergangenen zwei Jahren lieferte VOLLTEXT die aufregendsten Einblicke in die gegenwärtige Literaturlandschaft. In der aktuellen Nummer 5/2006 hat man aber einen Papiertiger aufs Titelblatt gehoben, dessen unermesslicher Schreibfleiss etwas vorschnell als Symptom für literarische Intelligenz identifiziert worden ist. Gewiss darf der 1970 geborene Dietmar Dath, der sich auf unterschiedlichsten Feldern als FAZ-Redakteur, Sachbuch-Autor, Herausgeber des Musikmagazins „Spex“ und Romanschriftsteller exponiert, als „einer der vielseitigsten Schriftsteller seiner Generation“ gelten. Aber diese Vielseitigkeit und Interessens-Diversifizierung kann leider nicht als Qualitätsmerkmal verbucht werden. Wenn Dietmar Dath sich für Horror- und Science Fiction-Literatur begeistert, sich aus der Lektüre der linken Monatspostille „konkret“ die politischen Inspirationen holt, und in seine Romane über junge pubertierende Menschen weitschweifige Exkurse über den Physiker und Nobelpreisträger Paul Dirac einschleust, muss man nicht gleich – wie Marc Degens in VOLLTEXT – in Ehrfurcht erstarren. Beeindruckend ist zunächst nur die Quantität von Daths literarischen Hervorbringungen: zuletzt ein Sachbuch über Computer, eine Art Kulturgeschichte der Mathematik im 20. Jahrhundert, ein Weltrettungsroman von eintausend Seiten und zwei Romane in der literarischen Königsklasse, bei Suhrkamp. Was Dietmar Dath nun aber auf vier großformatigen Zeitungsseiten in VOLLTEXT ausplaudert, ist von eher dürftigem Wert. Abgesehen von der unablässigen Bekundung seiner literarischen Vorlieben erfährt man wenig über die Wechselverhältnisse von Literatur und Physik und nichts Erhellendes über die Kraftquellen der imaginativen Energie, die Dath offenbar aus Comic-Serien wie „Batman“, „Die Schlümpfe“ oder „Die Simpsons“ schöpft. Nur am Ende des VOLLTEXT-Gesprächs VOLLTEXT gibt Dath eins von vielen Mysterien preis, die ihn umtreiben: Er sagt den Weltuntergang für den 22. Dezember 2012 voraus. Warten wir es ab, inwiefern sich diese Prognose verifizieren lässt.

Inspirierter als dieses Interview mit dem neuen Kultautor Dietmar Dath verläuft das Gespräch, das Hubert Fichte 1979 mit der österreichischen Dichterin Elfriede Gerstl geführt hat und das jetzt in VOLLTEXT nachzulesen ist. 1932 in Wien als Tochter jüdischer Eltern geboren, überlebte Gerstl die Zeit des Nationalsozialismus in diversen Verstecken. Die Fenster in der offiziell leer stehenden Wohnung waren verdunkelt, es durfte nur geflüstert werden. Für ihre minimalistischen Gedichte hat Gerstl eine sprachphilosophische Sentenz von Ludwig Wittgenstein als poetische Maxime erwählt: „Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen.“
Ein Virtuose des Beiläufig-Sagens ist auch der Erzähler Ralf Rothmann, von dem in VOLLTEXT die Meistererzählung „Rehe am Meer“ abgedruckt ist. Nichts Spektakuläres scheint in dieser Erzählung zu geschehen: Eine Frau bricht auf zu einem Bewerbungsgespräch, liefert ihr Kleinkind bei einer Betreuungsperson ab und steht schließlich vor einem Haus, das zum Verkauf steht und das sie vor Jahren mit ihrem Mann bewohnt hat. Von der Dachterrasse aus sieht man die Ostsee, am Strand tummeln sich ein paar Rehe im Schnee. Nichts scheint sich also hier zu ereignen – und doch sind alle großen Themen unseres Lebens präsent, werden beiläufig aufgerufen: Geburt und Tod, Liebe, Schmerz und Verlassenheit, die Sehnsucht nach einem anderen Zustand.

Von dieser Sehnsucht nach einem anderen Zustand wissen auch die Gedichte des großen australischen Poeten Les Murray zu erzählen. Mit Les Murray und seiner Übersetzerin Margitt Lehbert hat Volker Sielaff ein Gespräch geführt, das in der neuen, großartig komponierten Ausgabe der Dresdner Literaturzeitschrift OSTRAGEHEGE abgedruckt ist. In diesem Heft, der Nummer 43 von OSTRAGEHEGE, treffen sehr unterschiedliche lyrische Temperamente aufeinander – und doch arbeiten sie am gleichen Sprach- und Geschichts-Stoff. Wenn hier etwa der österreichische Sprachakrobat und schwarzhumorige Sarkast Franzobel über sein Schreiben räsoniert, kann man das auch als Gegenrede zu Les Murray lesen: „Mein Schreiben jedenfalls erscheint mir als Versuch, eine Kathedrale zu errichten, eine gigantische, irgendwo auch dilettantische Anstrengung, die sich der Schöpfung entgegenstemmt, dem Wunder der Natur etwas Adäquates entgegenstellen will, eine phantastische, größenwahnsinnige Sprachkathedrale,...eine närrische Literarisierung der Welt, die spintisiert, verblödelt, zerbröselt, zerfällt.“ Im Gegensatz zu Les Murray fehlt Franzobel eine elementare poetische Tugend im Verhältnis zur Welt – die Demut. Während er sich der Schöpfung mit poetisch befeuertem Hochmut „entgegenstemmen“ will, hat Les Murray der Schöpfung und ihrem Erfinder seine Dichtung geweiht: „To the glory of god“ – „dem Ruhme Gottes“, hat er als Motto all seinen großen Dichtungen vorangestellt.
In einem lehrreichen Gespräch mit Axel Helbig demonstriert der Schriftsteller Reinhard Jirgl, dass es auch die Verzweiflung sein kann, die einen zu „größenwahnsinnigen Sprachkathedralen“ treiben kann, die dann den finalen, unrettbaren Zustand der Welt abbilden sollen. Jirgls Prosabuch „Abtrünnig“ mit dem Untertitel „Roman aus der nervösen Zeit“ ist ein apokalyptisches Werk aus dem Zeitalter des Turbokapitalismus, das die „innere Arbeitslosigkeit“, die Verödung und Abstumpfung des Menschen im Getriebe der „Globalisierung“ abbilden will. Den internationalen Terrorismus charakterisiert Jirgl als Ausdruck eines „globalistisch operierenden Partisanentums“ – von hier ist es wohl nur noch ein kleiner Schritt zu einer prekären Weltverschwörungs-Theorie. Aufwühlend, fesselnd ist dieses Gespräch mit Jirgl dennoch – genau so aufregend sind die Gedichte, die im neuen Heft von OSTRAGEHEGE zu lesen sind.
Besonders hervorheben möchte ich den anrührenden „Psalm“ von Heinz Czechowski, der ergreifende Klagegesang eines alten Mannes, der sich im Geiste mit der Leidensgeschichte des biblischen Hiob verbunden fühlt. Die schönsten Gedichte im Heft finden wir indes bei der Peter-Huchel-Preisträgerin Uljana Wolf. Am Ende dieser Zeitschriftenlese soll daher eine zauberhafte poetologische Reflexion Uljana Wolfs stehen. „Vom Vermeiden von Gedichten“ heißt dieser Text – und in seinem Rückbezug auf das Verhältnis von Poesie und Sprache führt er jene Suchbewegungen fort, die einst Helmut Heißenbüttel begonnen hatte:

Gedichte sind, was ich nicht zu sagen habe.
Gedichte sind, was nicht ich zu sagen habe.
Gedichte sind das Sagen, das ich nicht habe.
Gedichte sind die Habe, die ich nicht sage.
Gedichte sind Sagen, wenn ich es nicht habe, das Gedicht.

Schreibheft 67  externer Link
Rigodon Verlag
Nieberdingstr. 18, 45147 Essen
204 Seiten, 10,50 Euro

Volltext 5/2006  externer Link
Lothringerstr. 3, A-1010 Wien
40 Seiten, 2,50 Euro

Ostragehege, Nr. 43  externer Link
c/o Axel Helbig
Birkenstraße 16, 01328 Dresden
70 Seiten, 4,90 Euro

Michael Braun         20.10.2006        Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese Oktober 2006

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