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Februar 2009
krachkulturZwischen den ZeilenSpritz
 
Zeitschriftenlese  –  Februar 2009
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk
„Schreiben“, hat Robert Musil einmal gesagt, „heißt Gerichtstag halten – mit einem sicheren Freispruch für sich selbst.“ So viel existenzielle Groß­zügig­keit in der literarischen Selbsterkundung überrascht. Die radikalere Variante der poetischen Selbstprüfung wäre ja, die Legitimation des Autor-Ich bis in die letzte Konsequenz in Frage zu stellen. Dass dies auch ein moderner Autor vermeidet, und stattdessen lieber den Freispruch in eigener Sache bevorzugt, hat vor Jahren der Fall des Autors Sascha Anderson gezeigt. Jahrelang hatte Anderson sein Doppelleben als literarischer Dissident und Stasi-Spitzel verleugnet und nach seiner Enttarnung dann ein Buch geschrieben, in dem er seinen politischen Verrat zur dramatischen Psycho­biographie eines roman­tischen Künstlers umfunktionierte. Nach seiner Demaskierung als Spitzel war Anderson nach Rom geflohen, um an einem Theaterstück über den romantischen Universalpoeten Novalis zu arbeiten. In der Maske des Novalis und dessen sogenannter „Tropen- und Rätsel­sprache“ hat Anderson bis heute weitergeschrieben, wenn auch weitgehend abseits der litera­rischen Öffentlichkeit.
Das auf literarische Provokationen und radikale Poetiken spezialisierte Literatur­magazin „Krachkultur“ hat in seiner neuen Ausgabe, der Nummer 12, den Ex-Kollaborateur und Noch-Dichter Anderson wieder aus der Isolation befreit und einige Einblicke in seine aktuelle lyrische Produktion ermöglicht. Die „Krachkultur“ druckt einige Auszüge aus einem neuen lyrischen Zyklus Andersons, der um ein schwer zu fassendes Künstler-Ich kreist, das aus Entfremdungs- und Spaltungs-Situationen hervorgeht. Die Verse lesen sich wie eine poetisch verschlüsselte Auto­biographie Andersons, die kryptisch konstruierte Geschichte eines Subjekts, dem – wie es an einer Stelle heißt – die Stimme „gespalten“ wurde: „Der Vater – meiner, oder, je nachdem, die Psyche, / spaltet / (teilt, trennt, zersetzt) die Stimme. / Im übertragenen Sinn.“ Diese prekäre Selbstverortung eines literarischen Doppel­agenten wird in der „Krachkultur“ flankiert vom Porträt eines literarischen Freundes von Sascha Anderson, des selbsternannten literarischen Terroristen der späten DDR, ›Matthias‹ BAADER Holst. Der literarische Vagabund mit kahlem Schädel und bewusst nachlässiger Kleidung tourte nur zwei Jahre durch die literarische Underground-Szene der DDR, bis er im Juni 1990 im Alter von 28 Jahren unter die Räder einer Straßenbahn geriet. BAADER Holst wurde durch diesen frühen Tod rasch zum Dissidenten-Mythos, obwohl oder gerade weil zum Zeitpunkt seines Todes noch kein fertiges Buch von ihm vorlag, sondern nur graphomanisch voll­geschriebene Blätter in grell-aggressiver Metaphorik. Die Legenden­bildung um diesen Dichter, die der „Krachkultur“-Herausgeber Martin Brinkmann in seinem BAADER Holst-Porträt durchaus kritisiert, wird aber noch weiter angefacht, wenn man – wie es hier geschieht – den wilden Speku­lationen um einen gewaltsamen Tod des Autors so breiten Raum gibt. Man sollte sich eher von der skeptischen Beobachtung Thomas Klings leiten lassen, die ebenfalls in Heft 12 der „Krachkultur“ nachzulesen ist: „Die einigermaßen jung + brutal ums Leben gekommenen (…) landen ja in der Legenda aurea, Abt. Martyriologie, der Geschichte.“
Wie innig die „Krachkultur“ der Tabuverletzung anhängt, illustrieren in schroffer Drastik einige Prosatexte, die in die neue Ausgabe aufgenommen wurden. Da imaginiert Wolfgang Schömel die wollüstigen Phantasien eines Pornovideo-Konsumenten, der nach den Bildern penetrierter Körper süchtig wird und seinem Onanie-Bedürfnis verfällt. Am Ende des Heftes wird ein Bericht aus einer Zeitschrift für Kriminalistik aus dem Jahr 1904 eingerückt, der in schwer erträglicher Detailfreude eine Leichenschändung schildert. Krach schlagen mit einer Ästhetik des Schreckens – wenn das zu den Zielen der Herausgeber Martin Brinkmann und Fabian Reimann gehören sollte, ist ihnen das mit der Nummer 12 ihres Literaturmagazins durchaus gelungen.
Was von Sascha Anderson, ›Matthias‹ BAADER Holst und den anderen Kombattanten der ehemaligen „Prenzlauer Berg Connection“ literarisch übrig geblieben ist, kann man dieser Tage auch in anderen Zeitschriften besichtigen.
Die aktuelle Nummer 29 von Urs Engelers Lyrik-Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ präsentiert zum Beispiel neue Gedichte des Berliner Autors Stefan Döring, der im Gegensatz zu seinem Freund Bert Papenfuß lange Jahre völlig in der Versenkung verschwunden war. Den vormals aggressiven sprachspielerischen Witz seiner Gedichte hat Döring nunmehr in eine tastende Bewegung und minimalistische Struktur zurückgenommen. Sehr viel aufregender sind in diesem „Zwischen den Zeilen“-Heft die Gedichte von Kurt Aebli und Norbert Lange. Kurt Aebli beherrscht die Kunst der lakonischen Darbietung einer durch und durch desillusionierten Existenz. Seine Verse stehen alle gleich nah zu einem schwarzen Mittelpunkt der Heillosigkeit. Sie bewegen sich oft in Paradoxien und sehr finsterem Humor vorwärts, immer nah am Rand des endgültigen Schweigens. .Anders Norbert Lange, der seine Gedichte prinzipiell als „Palimpseste“, also als Überschreibungen von immer wieder neu zu bearbeitenden Urschriften versteht. In Langes Gedicht „natürlich in Daktylen“ scheint das Ich voraus­setzungs­los zu sprechen, aus „reinem Nichts“ einen Sprachstoff zu finden. Zugleich ist es aber ein Sprechen, das zutiefst der poetischen Tradition verpflichtet ist. Denn der Sprechende besinnt sich auf eine alt-provencalische Dichtung Wilhelm von Aquitaniens, in welcher ein Reiter auf seinem Pferd stellvertretend für den Autor und sein Gedicht steht. Das Pferd, so hat es Norbert Lange in einem Brief an den Autor dieser Zeitschriftenlese erklärt, sei einer alten Auslegungstradition zufolge „das klangliche und stimmliche Element der Sprache“. Und sein Gedicht geht so:
Werde ich machen ein Gedicht aus reinem Nix wie sagt man?
Nicht über mich, auch von andren nicht. Von der einen Liebe, nein?
Vom Ältersein, oder etwas völlig Andrem?

Werde ich machen, auf Pferde wetten, weiss nicht, ein Gedicht?
Kann ich nicht einmal verstehen: wie zur Welt gekommen bin ich?

Weder machts froh, noch die Schnauze einem voll –
Bringt einen weder rein noch raus –
Kann ich nur machen dazwischen mit meiner Stimme –

So kam das gestern oben auf dem Sattel zu mir
Und ich habe nichts gemacht.
Norbert Lange wäre sicherlich auch ein interessanter Gesprächspartner in jener Debatte über Poesie und Globalisierung gewesen, die jetzt in Heft 188 der Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“ entfesselt worden ist. Drei sehr unterschiedliche Temperamente: Gerhard Falkner, Monika Rinck und René Hamann streiten zusammen mit der Moderatorin Theresa Klesper über die Möglich­keiten einer neuen „poema urbana“, also über die Aus­gangs­bedingungen der neuen Großstadtdichtung des 21. Jahrhunderts. Manchmal sind die Stichworte und Fragestellungen, die Theresa Klesper wie Köder auswirft, etwas steil und abstrakt geraten. Aber vor allem Gerhard Falkner findet immer wieder sehr scharfkantige, pointierte Thesen zu den mitunter unpräzisen Ausgangs­punkten der Moderatorin. Vor allem räumt Falkner mit der etwas voreiligen Behauptung auf, dass sich im globalisierten Zeitalter eine Art kopernikanische Wende in der Aus­gestaltung und Rezeption der Großstadt vollzogen habe. Auch verteidigt er auf wunderbare Weise die Idylle gegen den gedanken­losen Vorwurf, sie sie regressiv: „Sie (die Idylle) ist jedenfalls das einzig wirklich Radikale im trostlosen Durcheinander durchgestylter Antiidyllen.“
Es ist wohl nicht so sehr die Lyrik, die vom Prozess der Globalisierung substanziell verändert worden ist, sondern eher die journalistische Meinungsbildung. Sie findet immer seltener in Printmedien statt, statt dessen immer massenhafter in sogenannten „Blogs“, in Internet-Logbüchern, in denen unmittelbar und spontan auf politische oder ästhetische Tages­ereignisse reagiert wird. Andrew Sullivan, ein in die „Blogosphäre“ ent­laufener Zeitungs­journalist, resümiert nun im Februarheft der Kultur­zeitschrift „Merkur“, was denn das Bloggen vom klassischen Kolumnen- oder Kommentar-Schreiben unterscheidet. Es ist nicht nur die Geschwin­digkeit und Unmittel­barkeit des Statements, mit denen man dem konven­tionellen Journalismus überlegen ist. Es ist auch die Kollek­tivität des Vorgangs, das Eingebundensein in ein Netzwerk riesiger aktiver Leser­schaften, die ihrerseits einen starken Resonanzkörper bilden und die Diskussion immer neu anfachen. Die wirklich substan­ziellen Blogs sind zudem zu gewaltigen Nachrichten-Aggregatoren geworden, die durch Verlinkung unter­schiedlichster Quellen den Informations-Radius immer mehr erweitern. Bei der universellen Begeisterung für die Blogosphäre wird gerne übersehen, dass gerade dieser Spontan-Journalismus eine sehr große Fehler­anfälligkeit hat und gerade unter den Bloggern die Effekthascherei und Wichtigtuerei blüht. Vor allem, so bilanziert auch Sullivan, wäre es ein fataler Irrtum zu glauben, dass das Bloggen an die Stelle des traditionellen Journalismus treten könnte. In einem weiteren „Merkur“-Beitrag zu den Metamorphosen der alten Kulturtechniken im digitalen Zeitalter beschreibt Eduard Kaeser die Veränderung der alten Lesegewohnheiten durch die Erfindung der Suchmaschine „Google“. Es geht beim „Googeln“ nicht ums Finden, so Kaeser, sondern ums Verlieren: „Ironischerweise erweist sich Google letztlich nicht als eine Suchmaschine, sondern als eine Verlier­maschine: Wir finden meist so viel, dass wir uns im Gefundenen verlieren. Google zerstreut, ja Google ist der Inbegriff industrialisierter Zerstreuung und Ablenkung: Distraktionstechnologie.“
Zum Schluss noch ein Hinweis auf die Zeitschrift, in dem das Diktum Robert Musils über das Schreiben als Gerichtstag und Freispruch für sich selbst zu finden ist: Es steht im Jubiläumsheft, der Nummer 25 der in Saarbrücken edierten Literaturzeitschrift „Streckenlæufer“. Dort hat Kurt Oesterle in einem famosen Essay die diversen Möglichkeiten der Selbstverständigung über Tabus und biografische Geheimnisse in der Literatur analysiert. Das jüngste Heft, die Nummer 27, präsentiert eine sehr boshafte Erzählung von Andreas Dury über das Elend eines wenig erfolgreichen Schriftstellers, der einen Wanderpreis in einem Kindergeschichten-Wettbewerb gewinnt. Der Literaturpreis verhilft dem Helden der Erzählung nicht zu Ruhm und Ehre, sondern stürzt ihn in ein tiefes Jammertal, so dass er sich am Ende mit einer Existenz als Autor von Katalogtexten begnügt. Die darauf folgende Erzählung von Stefan Helbig über eine kuriose Urlaubsreise nach Italien bedient sich wie viele „Streckenlæufer“-Texte eines satirischen Realismus – was aber nicht vor Entgleisungen schützt. Über das sonnenverbrannte Gesicht einer jungen Frau heißt es etwa: „Sie sah gerade so aus, als habe man eine Napalmbombe über ihr abgeworfen.“ Sprachempfindlichkeit kann man dieser Prosa nicht nachsagen.
Krachkultur, Nr. 12 (2008)   externer Link
Bunte Raben Verlag, Martin Brinkmann, Hollerallee 6, 28209 Bremen
200 Seiten, 10 Euro.

Zwischen den Zeilen, H. 29   externer Link
Urs Engeler, Postfach, Dorfstr. 33, CH-4019 Basel
150 Seiten, 10 Euro.

Sprache im technischen Zeitalter, Nr. 188 (2008)   externer Link
Am Sandwerder 5, 14109 Berlin
120 Seiten, 12 Euro

Merkur, H. 2/2009   externer Link
Mommsenstr. 27, 10629 Berlin. Klett-Cotta Verlag
96 Seiten, 11 Euro

Streckenlæufer, H. 25 u. 27
Peter Herbertz, In der Fröhn 13, 66125 Saarbrücken
je 44 Seiten, je 4 Euro

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Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese Februar 2009

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