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April 2013
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Zeitschriftenlese  –  April 2013
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Das große Trauma unserer Epoche, so orakelte schon vor vie­rzig Jahren der Phi­lo­soph Jean Baudrillard, sei die „Agonie des Realen“, der Untergang der empi­risch fass­baren Wirklich­keit im „Zeit­alter der Simu­lation“. Das Internet war damals noch gar nicht geboren – und doch hatte Baudrillard schon eine Ah­nung von der unge­heuren Beschleu­nigung und Informa­tions­explosion in unserer Lebens­welt. Das World Wide Web kam dann 1989 in die Welt. Im Blick auf den damit initi­ierten digitalen Kapi­talis­mus hat ein Wissen­schaftler errechnet, dass die immense Daten­menge, welche in der ge­samten Geschich­te der Mensch­heit bis zum Jahr 2003 her­vor­gebracht wurde, heute alle zwei Tage er­zeugt wird. Und die Zeit ist nicht mehr fern, da diese rie­sige Daten­menge alle zwei Minuten produziert wird.

Wie können sich bei dieser gigantischen Vermehrung und Verzweigung von Infor­mations­strömen überhaupt noch so alte Medien wie Lite­ratur­zeit­schrif­ten behaup­ten, die darauf ver­trauen, dass es noch Leser gibt, die komplexe Denk­wege gehen möchten? Der Publizist Frank Berberich, der seit 1988 im Alleingang die deutsche Ausgabe der euro­päischen Kulturzeitschrift „Lettre International“ herausgibt, hat darauf eine ver­blüf­fende Antwort gegeben. Er setzte von Anfang an auf ein kosmo­politi­sches Konzept und bot inter­national renom­mierten Essayis­ten, Dich­tern und Künst­lern eine offene Bühne, um „Lettre Inter­national“ in eine „Werk­statt der Geis­tes­gegen­wart“ zu ver­wandeln. Ein Viertel­jahr­hundert lang hat es Berberich ver­mocht, ohne jede finan­zielle Förde­rung eine poli­tisch wie ästhe­tisch he­raus­ragende Kultur­zeit­schrift zu eta­blieren. Das Geschäfts­modell der Zeit­schrift ist ein­zig und allein – ihre Qua­lität. Als das groß­formatige Blatt 1984 von dem tschechi­schen Publi­zisten Antonin Liehm ge­grün­det wurde, stand die Berliner Mauer noch. „Lettre“ ent­wickelte damals eine grenz­über­schrei­tende Utopie unter dem Label „Mittel­europa“ – und meinte damit die globale Zirku­lation liber­tärer Ideen und macht­kritischer Diagnosen, die der Tradition der poli­tischen Dissi­denz zu neuem Leben ver­helfen soll­ten. 25 Jahre danach, im Jubi­läums­heft 100, präsen­tiert sich „Lettre Inter­national“ noch immer als un­ent­behr­liches ideo­logi­sches Hand­gepäck für den Welten­bürger. Die gesell­schafts­kriti­sche Tradition der Zeit­schrift reprä­sentieren in der Jubi­läums­aus­gabe Beiträge wie die Reportage der ägyp­ti­schen Journalistin Yasmine El Rashidi, die sehr detail­liert die is­lamis­tischen Ent­wicklungen in Ägypten unter der Präsi­dent­schaft des ehe­maligen Muslim­bruders Mohammed Mursi offenlegt. Sehr lesens­wert sind auch die Aus­führungen des slo­wenischen Mode­philo­sophen Slavoj Žižek, der sich selbst als gerne als „Hegelianer, Wagne­rianer und christ­lichen Atheisten“ cha­rakte­risiert. Žižek ana­lysiert den Zusam­men­bruch jedes ethischen Werte­systems im Fort­schreiten der kapita­lis­tischen Globa­li­sierung. Dabei prangert er vor allem die sexuellen Per­ver­sionen katho­lischer Wür­den­träger gegen­über Schutz­befoh­lenen an, sowie – und das ist eine besonders scho­ckierende Passage seines Essays – „das moralische Vakuum“ in einem Land wie Indonesien, in dem Massen­mörder und Bür­ger­kriegs­ver­brecher zu hohem gesell­schaft­li­chen Ansehen gelangt sind. In einer eigenen Abtei­lung des Heftes widmet sich „Lettre“ den tief­grei­fenden Aus­wir­kungen der digi­talen Mobi­lisierung auf die Wahr­neh­mungs­fähig­keit der soge­nannten „User“. Die öster­reichi­sche Schrift­stel­lerin Sabine Scholl erinnert daran, dass es die lite­rarische Avant­garde war, die die grund­legenden Ver­ände­rungen der Autor­schaft anti­zipiert hat. Mit der Ent­wicklung der digi­talen Medien, so Sabine Scholl, „ero­diert die bislang unan­greif­bare Festung der Autor­schaft tat­sächlich, der Text ist offen, wird sozial und inter­aktiv“.
  Die Beschleunigung herkömmlicher Informations­systeme ist auch zentrales The­ma im aktuel­len April­heft des „Merkur“, in dem Lothar Müller und Wolf­gang Hagen in zwei glänzenden Essays die Ge­schichte der Aktua­lität erzählen – und diese Ges­chichte erweist sich zugleich als Requiem auf das Massen­medium Zeitung. Mit der Erfin­dung der ge­druckten Zeitung durch den Straß­burger Verleger Johannes Carolus im Jahre 1605 begann die zweite Medien­revo­lution der Frühen Neuzeit – nach Gutenbergs Erfindung der Druckerpresse. Und noch 1804 konnte Hegel von dem Ritual der Zeitungs­lektüre schwärmen: „Das Zeitungslesen des Morgens ist eine Art von realis­tischem Morgensegen.“ Die klas­sische Tages­zeitung, so resü­miert Lothar Müller, war das Medium des Ausgangs aus der Welt religiöser Gewiss­heiten und fest­gefügter Tradi­tionen – die Zeitungs­blätter des 19. Und frühen 20. Jahr­hun­derts, die oft mehr­fach am Tag erschie­nen, wurden in der Moderne die großen Reso­nanz­ver­stärker des ökono­mischen und politi­schen Wandels. Bis zum Ende des 20. Jahr­hunderts durfte sich die ge­druckte Zeitung als das Medium gestei­gerter Aktua­lität verstehen. In der Ära des Inter­nets ist das nun alles perdu, die Zeitung als Print­medium ist dem Tode geweiht und muss Online-Formaten weichen, die uns indes nur ein „täuschendes Gefühl des Bescheid­wissens“ liefern.
  Die Verheißungen des Internet als unendlicher Informationskosmos und inter­aktives Medium haben seit dem Milleniums­wechsel auch einige Sumpfblüten in der Literatur­theorie gedeihen lassen. So entwirft der Schweizer Schrift­steller und Inter­net-Theore­tiker Lukas Jost Gross im aktuellen Heft 35 der Lite­ratur­zeit­schrift „Bella triste“ die farben­prächtige Apologie einer digi­talen Ästhetik, die alle tradi­tionellen Lite­ratur­konzepte trans­zendiert. Und wie üblich werden nicht nur der alte Genie-Begriff und die von ihm abge­leiteten Autor-Kon­zepte aus­gehebelt, sondern es werden alle Illu­sionen einer kollektiven Netz-Produk­tivität in schöns­ter begriffs­berau­schter Nai­vität wieder­holt. Zur Auf­ladung seiner revolu­tionären Ambitionen ent­nimmt Lukas Gross seine Theoreme den Arse­nalen des Struktu­ralis­mus, ver­mischt mit den ein­schlä­gigen Stich­worten der Internet-Techno­logie. Und das klingt dann so: „Im Raum der digi­talen Hyper­infor­mation hat die isolierte Figur des lei­denden, erschaf­fenden Genies end­gültig aus­ge­dient. Eine nächste Gene­ration von Autoren sind Program­mierer und „Patch­writer“, denen buch­stäb­lich nichts anderes übrig bleibt, als Sprache zu permu­tieren, sie ständig voran­zu­peit­schen, sie als Material zu be­han­deln.“ Und so geht es weiter mit der Digita­litäts-Pro­paganda. Schade nur, dass ein Element der Lite­ratur­produktion in solchen Mani­festen gerne ver­gessen wird: die Phantasie bzw. die Ein­bildungs­kraft.
  Zu den altehrwürdigen Institutionen, die sehr aufmerksam an der Geschichte der poetischen und philo­sophischen Einbildungskraft weiterarbeiten, gehört die Lite­ratur#-zeit­schrift „Sinn und Form“. Nun steht dieser Zeitschrift eine große Zäsur bevor. Im Laufe des Jahres wird Sebastian Kleinschmidt, der seit 22 Jahren als Chef­redak­teur von „Sinn und Form“ amtiert, seinen Posten räumen. Das ist zugleich das Ende einer Ära. Denn Kleinschmidt hat in „Sinn und Form“ in signifikanter Weise Geistes­geschichte geschrieben. Er hat neben die Bewusst­seins­linien eines undog­mati­schen Marxismus, die bis zur Wende 1989 in der Zeit­schrift domi­nierten, mit großer Emphase die Denk­figuren eines poe­tischen und philo­sophischen Konser­vatismus gerückt. Das aktuelle März/April-Heft von „Sinn und Form“ darf man nun als Demon­stra­tion für den meta­physischen Ernst und das konser­vative Stil­bewusstsein der Zeit­schrift lesen. Hier werden aus­drück­lich die Re­präsen­tanten einer konser­vativen Geistes gewür­digt, die sich in ihrer dezidierten Ver­tei­digung der Tradition ein elitäres Profil gaben: Richard Wagner, Stefan George, Peter Wapnewski – und dazu der messia­nische Geschichts­phi­losoph Walter Benjamin. In seiner hier abge­druckten Gedenk­rede auf Peter Wapnewski würdigt der Sozio­loge Wolf Lepenies den heraus­ragenden Ger­manis­ten, der mit großer Vehemenz und noch größe­rem Form­gefühl die Dich­tungen des Mittel­alters für unsere Zeit bewahrte. Das elitäre Selbst­ver­ständnis und das Charisma, das Wapnewski aus­strahl­te, wird in gleich zwei Bei­trägen auch als konsti­tuie­rendes Merkmal des Dichters Stefan George beschrie­ben. Wolfgang Graf Vitzhum untersucht das Ver­hältnis Georges zur Demo­kratie und kommt zu dem etwas vor­her­seh­baren Ergebnis, dass Georges selbst­gewähl­te „Distanz zur Menge“ auch einen Abstand zu den Insti­tutionen der Weimarer Repu­blik und über­haupt zu allem Poli­tischen einschloss. Auf dem Terrain des Poli­tischen ver­traute George auf große Köni­ge und glanz­volle Gestal­ten, auf den „principe“ und den „uomo virtuoso“. „Seine Gewährs­leute“, heißt es dazu, „sind große Fürsten, geistige Führer. “ Georges Vereh­rung für große Einzelne korre­spon­diert mit seiner Vorliebe für eine ästhe­ti­zis­tische Pri­vat­religion, die im myste­riösen Kult um den früh ver­stor­benen Jungen Maximilian Kronberger kul­minierte. Statt poetischer Kom­muni­ka­tion sucht Georges Dichtung denn auch die große Abson­de­rung: „In der Dichtung (…) ist jeder, der noch von der Sucht ergriffen, ist ›etwas sagen‹, etwas wirken zu wollen, nicht einmal wert, in den Vorhof der Kunst ein­zutreten.“ In diese Ahnen­galerie ex­klusiv-esote­rischer Ästhetik fügt sich dann auch Martin Mosebach bestens ein, der seine kühle Sicht auf Stefan George mit einer großen Apo­logie des Ka­tho­lizis­mus einleitet. Mose­bachs Essay in „Sinn und Form“ liest sich wie das Grün­dungs­dokument einer katho­lischen Ästhe­tik. Aus­gehend von der These, dass alle euro­päische Literatur und Malerei nur aus der sorg­fälti­gen Kenntnis der christ­lichen Theo­logien ent­ziffer­bar ist, erhebt er den traditio­nellen Ritus der katho­lischen Litur­gie sogar zum „Stif­tungs­ereignis der eu­ropä­ischen Kultur“.
  Gegen solche Inthroni­sierungen einer religiösen wie ästhe­tischen Feierlichkeit wendet sich das neue und an Über­raschun­gen reiche Heft 61 der Literatur­zeitschrift „EDIT“. Hier zeigt sich die soeben mit dem Peter-Huchel-Preis au­sge­zeich­nete Dichterin Monika Rinck in bester intel­lektuel­ler Spiel­laune und zelebriert in virtuoser Weise jene „Heiter­keit des Den­kens“, die sie zuletzt in ihrem Gedicht­buch „Honig­pro­tokolle“ vorgeführt hat. In ihrem Essay „Das Alberne hat Glück“ lässt sie die Theo­reme der berühm­ten bul­gari­schen Lite­ratur­theore­tikerin Julia Kristeva mit mehr oder minder fun­keln­den Sprach­witzen kol­li­dieren. Rincks Essay zieht über­raschende Ver­bindungs­linien von der struk­tura­lis­tischen Philo­sophie zu diver­sen Kalauern und will damit die verbissene „Härte“ in der philo­sophi­schen Theorie­bildung mit „tief­holdem Unfug“ und „taumelnden Spielen“ konterkarieren.
  Eine Entzauberung des hohen Tons hat sich auch der Dichter Norbert Lange in seinen „Dummkopf­elegien“ vor­genom­men, von denen er einige Kost­proben in „Edit“ ser­viert. Diese „Dummkopf­elegien“ bedienen sich zunächst an der „fetten Speck­schicht“ von Pathos, die Rainer Maria Rilke in seinen legen­dären Duineser Elegien ange­setzt hat. Den gravi­täti­schen Tonfall und die sug­gestive Musikalität Rilkes trans­formiert Lange in eine stän­dig über sich selbst stolpernde Kunst­sprache zwischen Wohl­tönerei und kal­kulierter Komik.
  Am Ende von „Edit“ findet sich schließ­lich eine subtile Anleitung zu einer Biblio­thek substan­tieller 100 Seiten-Bücher, wobei die ein­zelnen Titel in origi­nellen Kurz­rezen­sionen charakterisiert werden. Ini­tiator dieses Projekts ist übri­gens das empfeh­lens­werte Literatur-Portal www.umblaetterer.de und der Stich­wortgeber dafür ist der Lite­ratur-Gigant Arno Schmidt: „Das Leben ist so kurz! Selbst wenn sie ein Bücher­fresser sind, und nur fünf Tage brauchen, um ein Buch zweimal zu lesen, schaffen Sie im Jahr nur 70. Und für die fünfund­vierzig Jahre, von Fünfzehn bis Sechzig, die man auf­nahme­fähig ist, ergibt das 3150 Bände: die wollen sorg­fältigst aus­gewählt sein!“

Lettre International, Heft 100 (2013)  externer Link  
Erkelenzdamm 59/61, 10999 Berlin. 186 Seiten, 15 Euro.

Merkur, Heft 4/2013  externer Link  
Mommsenstr. 27, 10629 Berlin. Je 96 Seiten, je 12 Euro.

Bella triste, Heft 35 (2013)  externer Link
Neustädter Markt 3-4, 31134 Hildesheim. 80 Seiten, 5,35 Euro.

Sinn und Form, Heft 2/2013  externer Link
Postfach 20 02 50. 10502 Berlin. Akademie der Künste, 130 Seiten, 9 Euro.

Edit, Heft 61 (2013)  externer Link
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig. 130 Seiten, 5 Euro.

Michael Braun    10.04.2013   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  empfehlen

 

 
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