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Oktober 2013
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Zeitschriftenlese  –  Oktober 2013
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Als sich vor einem halben Jahrhundert die Matadore des Literatur­betriebs zu einer großen Konsul­tation über die Lite­ratur der Zukunft trafen, war man sich über die Tages­ordnung rasch einig. Uwe Johnson, Hans Magnus Enzens­berger und Günter Grass beton­ten unisono die Notwendig­keit eines neuen Zeit­schrif­ten­projekts. „Es wird sofort eine politisch interes­sierte Zeit­schrift für Liter­atur gebraucht, auch allein in West­deutsch­land, gerade da.“ So schrieb Uwe Johnson im Mai 1963 an den Suhr­kamp-Verleger Siegfried Unseld, und das neue Projekt hatte rasch einen Namen. „Gulliver“ sollte die neue inter­natio­nale Zeit­schrift heißen und Günter Grass hatte bereits ein ent­sprechen­des Gedicht gleichen Titels verfasst. Die hoch­fliegenden Pläne wurden aber bald auf Eis gelegt, „Gulliver“ blieb ein großes Plan­spiel, die Eupho­rie verrauchte.
  Stattdessen trat ein junger Student der Literatur­wissen­schaft in Göttin­gen an die Öffent­lich­keit und gründete mit Hilfe eines Spon­sors eine Zeit­schrift, die er mit Hart­näckig­keit und Ehrgeiz bald als eine Premium-Marke leben­diger Literatur­wissen­schaft zu eta­blieren vermochte: Heinz Ludwig Arnold erfand 1963 die Zeit­schrift „Text+Kritik“ – die bis zu seinem Tod im November 2011 ein Erfolgs­modell ge­blie­ben ist. Anläss­lich des 50jäh­rigen Jubiläums hat nun die Redak­tion von „Text+Kritik“ zu einer wag­halsigen Unter­neh­mung eingeladen: Schrift­steller, Lite­ratur­kri­tiker und Lite­ratur­vermittler ver­sammeln sich in einem Sonder­band zum kollek­tiven Nach­den­ken über die „Zukunft der Lite­ratur“. Gefragt wird dabei nicht nur nach der Ent­wicklung der einzel­nen Gat­tungen, sondern auch nach den kultu­rel­len Verän­de­rungen durch die univer­selle Digita­li­sierung und nach ange­messenen Formen mode­rner Li­te­ratur­ver­mitt­lung. Neben etwas ange­strengten und auch speku­lativen Beiträgen zur „Lite­ratur in digi­talen Zei­ten“ findet man hier zwei an­griffs­lustige und teilweise pole­misch stark auf­ge­rüstete Aufsätze zu den schwan­kenden Funda­menten, auf denen die Li­te­ra­tur heute steht.
  Ulrike Draesner hat einen sehr klugen Essay über die Zukunft des Romans ge­schrieben, in dem auch die Aus­wirkungen unseres zuneh­menden Eintauchens in die digitale Welt re­flek­tiert werden. Die wach­sende Mit­teilungs­freude der Autoren, die ihre bio­grafi­schen Markie­run­gen mit­hilfe von Blogs, Mails oder Twitter-Kommen­taren setzen, mani­festiert sich in ihren Romanen im Anstieg fakto­grafischer Lebens­be­richte zu Lasten des genuin Lite­rari­schen, also der Fik­tion. Das geht bis hin zu der pri­vatis­tischen Anmutung, dass ein Autor wie Tilman Ramm­stedt in seinem jüngs­ten Roman die eigene Handy­nummer preis­gibt. „Glaub­würdig“, so bilanziert Draesner, „scheint nur mehr, was sich über geleb­tes Leben be­gründen lässt.“ Zu ergän­zen wäre: Auch dieses „gelebte Leben“ scheint zu schrump­fen, da es sich offen­bar in die unend­li­chen Räume des Vir­tuel­len verlagert hat.
  Der scharfsinnigste und unver­söhn­lichste Beitrag in „Text+Kritik“ stammt indes von dem Dichter Gerhard Falkner, der in sehr un­diplo­mati­scher Weise die „Infan­tili­sierung“ und den „Vampi­rismus“ in Kunst und Lite­ratur at­tackiert. Nach einer überaus schrof­fen Ein­leitung zur An­schmieg­sam­keit, mit der sich gestan­dene Künst­ler und Dichter von ein­schlä­gigen Förder­insti­tu­tionen durch­füt­tern lassen, be­nennt Falkner zwei ele­mentare Merk­male der nach seiner Ansicht subs­tan­tiell ge­schwäch­ten Lite­ratur­pro­duktion. Da ist zum einen „das Versiegen des inneren Mono­logs“, der einst die Kraft­quelle der schöpfe­rischen Phan­tasie war. Als Ursache für diesen Ver­lust sieht Falkner die Domi­nanz des Internets und die Herr­schaft der „super­kurzen Einsatz- und Bereit­schafts­sprachen“. Das Subjekt, so Falkner, wird heute in einem stän­digen Stand by-Modus ge­halten, es wartet un­unter­brochen auf Nachricht. Der Mensch existiert auf Abruf und ist keine Minute mehr bei sich selbst. Sein ge­schrumpf­ter Lebens­raum ist der „mediale Voll­kontakt“, er bewegt sich im öffent­lichen Raum durch eine rie­sige „Kom­muni­kations­toilet­te“. Da sich das Subjekt im dauern­den Alarm­zustand be­finde, vollziehe sich eine pausen­lose „Ich-Ent­leerung“ – und der innere Mono­log werde still­gelegt.
  Das Versiegen des inneren Monologs wird nach Ansicht des Polemikers Falkner flankiert durch eine mar­kante „Insuf­fizienz“ der Literatur­kritik, die sich mit der „Selbst­herr­lich­keit von Sultanen“ gegen­über Gedichten oder Romanen auf­spreize. Am Beispiel einer Kritik seines Gedicht­bands „Pergamon Poems“ moniert Falkner die Ver­kürzung des kritischen Ver­mögens auf „die Plakativität eines Wein­flaschen­etiketts“.
  In einer Nebenbemerkung verweist Falkner spöttisch auf die Eilfertigkeit, mit der spe­ziell jüngere Dich­ter „mit DDR-Hinter­grund“ um Stipendien buhlen. Dazu kann man lako­nisch fest­halten: Das gilt nur für jene Autoren, die sich nicht selbst aus dem Betrieb hinaus­katapul­tiert haben.
  Ein Dichter wie Rainer Schedlinski, der in den späten 1980er Jahren als kritischer Kopf der sogenannten „Prenz­lauer Berg-Connection“ galt, hat in den Jahren nach der Wen­de seinen lite­rari­schen Kredit voll­kommen verspielt. Seit 1992 ruchbar wurde, dass er als inof­fiziel­ler Mit­arbeiter den Staats­sicher­heits­dienst der DDR mit bri­santen Infor­ma­tionen über seine Dichter­kollegen versorgte, hat er innerhalb der Dichter-Community keine Freunde mehr. In der Zeitschrift „Zonic“, einem ketzerisch auf­gelegten Perio­di­kum für dissidente Sub­kulturen aus Ost­europa, ist nun ein höchst lesens­werter Beitrag zur bizar­ren Neupo­sitio­nierung Schedlinskis er­schienen. Henryk Gericke analysiert in der aktuel­len Ausgabe No 20 von „Zonic“ die Lebens­wende Sched­linskis, der sich Mitte der 1990er Jahre aus dem Galrev Verlag zurückzog und an­schließend eine Firma für thermo­elek­trische Gene­ratoren gründete. Sched­linski, einst ein beken­nender Struktu­ralist, be­schäftigte sich fortan mit Kühl­körpern, Wärme­leit­mitteln, Messgeräten und sons­tigem Zube­hör der thermo­elek­trischen Gerät­schaften. Als Dichter kulti­vierte Sched­linski einst eine kühle, bis zur Ton­losigkeit und Indif­ferenz ausge­nüchte­rte Gedicht­sprache. Nun ist aus dem Stasi-Spitzel nicht nur ein abge­klärter Einzel­händler geworden. Nun stehen wir auch dem schönen Para­doxon gegenüber, dass sich „der Dichter eines kühlen Spre­chens dem Handel von Wärme­leit­mitteln widmet.“ Auch wenn er sich nicht mehr auf Poesie versteht, so doch zumindest auf Business.
  Wer sich heute nach Literaturzeitschriften umsieht, die eine strenge Poetik des sprach­reflexiven Schreibens favorisieren, der muss zuallererst zur „Mütze“ greifen, zu der auf anre­gende Weise unbe­rechen­baren Essay- und Poesie-Zeit­schrift des Schweizer Lyrik-Editors Urs Engeler. Die Nummer 4 der „Mütze“ ist ein Wunder­werk an erzähle­ri­scher und lyrischer Sprach­empfind­sam­keit, die sich in diesem Fall mit Extremformen visueller Poesie verbindet. Der fran­zösi­sche Dichter Jean-René Lasalle präsentiert hier einige faszi­nierende „Quadrat­gedichte“, die historisch bis in die frühe römische Antike zurück­reichen und bis zu Gegen­warts­poeten wie Oswald Egger führen. Besonders ein­drucks­voll ist hier die Gegen­über­stellung eines Figuren­gedich­ts von Hrabanus Maurus, eines Mönchs aus dem frühen Mittel­alter, mit einer quadratisch-labyrinthisch kons­truierten Sure aus dem Koran. Hrabanus Maurus hatte als Leiter des Benediktiner­klos­ters Fulda um 810 nach Christus den Figu­ren­gedicht­zyklus „Vom Lob des christ­lichen Kreuzes“ geschaffen, der in seiner typografischen Gestalt dem visua­lisierten Gottes­lob der Koran-Sure sehr ähnelt.
  Ein weiteres Faszinosum in dieser „Mütze“-Nummer ist der Aufsatz des Lyrikers Michael Donhauser, der sehr akri­bisch den Text­bewe­gungen in Adalbert Stif­ters un­voll­endeter Erzäh­lung „Die Mappe meines Ur­groß­vaters“ nach­spürt. Donhauser ent­ziffert den vorge­legten Text­aus­schnitt als Prosa­gedicht, das von der Unbe­grenztheit und Un­be­grenz­bar­keit eines Gartens handelt, den das erzäh­lende Subjekt durch­quert.
  Als Periodikum für eine intellektuell sehr bewegliche, zwischen den Geistes­wissen­schaften vaga­bundierende Essayis­tik hat sich seit einiger Zeit auch die Leip­ziger Lite­ratur­zeit­schrift „Edit“ profiliert. In der aktuellen Num­mer 62 von „Edit“ folgt die junge Anthro­pologin Kenah Cusanit den intel­lektuel­len Um­wegen und Irr­wegen der bizar­ren Heil­thera­peutin Charlotte Hagena, die gemein­sam mit einem ehe­maligen Meister­geiger eine kos­mische orien­tierte Heil­kunde ent­wickelte, die soge­nannte Tertusol­logie. Der „Edit“-Aufsatz ent­faltet all diese sonder­baren Hypo­thesen über „Atemtypen“ und den Einfluss von Sonne und Mond auf die Ausbildung von Links­händern und Rechts­hän­dern und ver­knüpft dieses Ideen-Ge­flecht mit den chi­ne­sischen Lehren von Yin und Yang. Daraus entsteht zum Glück keine eso­teri­sche Erlö­sungs­theorie, son­dern eine Mixtur aus phan­tas­tischen Erzäh­lungen, die nicht als Offen­ba­rungs­lehre, sondern als poeti­scher Text gelesen werden wollen. Neben dieser bunt schil­lernden Theorie-Collage sind in „Edit“ noch zwei weitere es­sayis­ti­sche Glanz­stücke zu besich­tigen. Da ist zum einen die schöne Laudatio Insa Wilkes auf die Peter Huchel-Preis­träge­rin Monika Rinck und zum ande­ren auch der Versuch von Christian Schul­teiz über den 1966 ver­storbenen Kompo­nisten, Dichter und Land­schafts­forscher Jürgen von der Wense. Zu Leb­zeiten hat der Univer­sal­ge­lehrte Wense gerade mal achtzig Seiten mit Auf­zeich­nungen ver­öffent­licht. Aber dreißig­tausend Seiten blieben un­ver­öffent­licht, daneben noch vierzig Tage­bücher, sechs­tausend Briefe und mehrere tausend Foto­grafien. Bis heute ist Jürgen von der Wense eine Ikone des Privat­gelehrten­tums geblie­ben, obwohl sein Werk bislang nur rudi­men­tär zur Kenntnis ge­nommen worden ist.
  Wer in der deutschen Gegenwartsliteratur nach hilfreichen Selbstauskünften der Autoren sucht, der sollte regel­mäßig die Dresdner Lite­ratur­zeit­schrift „Ostra­gehege“ studieren. Seit vielen Jahren führt dort der „Ostrage­hege“-Redakteur Axel Helbig sehr aus­führ­liche und sehr inspi­rierte Ge­spräche mit Autoren, die ihr bis­heriges Werk erläutern und kommen­tieren. Im aktuel­len Heft 71 wird der Dich­ter und Über­setzer Jan Wagner porträ­tiert. Jan Wagner, aufge­wachsen in einem bil­dungs­bürger­lichen Eltern­haus in Hamburg, liefert erhellende Ein­blicke in sein 2012 publi­ziertes Buch „Die Eulen­hasser in den Hallen­häusern“, in dem sich der Autor gleich in drei fiktive Dichter­kollegen, drei „Hete­ronyme“ auf­spaltet, um dadurch bis­lang ver­bor­gene Möglich­keiten des lyrischen Schreibens zu er­proben. Da ist zum einen der er­fundene experi­men­telle Dichter Theodor Visch­haupt, der uner­müdlich Ana­gramme produ­ziert. Ihm gegen­über steht der naive Bauern­dichter Anton Brant, der völlig unbe­leckt von jeder Tradi­tion seine Gedich­te schreibt und darin land­schaft­liche und land­wirt­schaft­liche Wörter inte­griert, die eine eigene Musi­ka­lität ent­wickeln. Dritter im Bunde ist der Dichter Philip Miller, der sich mit Gedich­ten über Rom ab­müht. „Es ging darum“, so Jan Wagner, „Ge­dichte zu schreiben, die mir nah genug waren, um sie mit Lust schrei­ben zu können und ande­rer­seits doch so fremd, als dass ich sie unter eigenem Namen hätte ver­öffent­lichen können.“ Im zweiten Teil des Ge­sprächs ent­faltet Wagner eine auf­schluss­reiche Theorie der Übersetzung. Zu den Leis­tungen, die der Über­setzer eines poeti­schen Textes auf­brin­gen muss, gehört parado­xer­weise der Ver­zicht. Denn be­stimmte Wort­spiele oder ein­fachste Wen­dun­gen sind manch­mal schlicht­weg nicht über­setzbar. Neben die Bereit­schaft zum Ver­zicht tritt ein Ethos der Treue und Untreue: Um einem Dichter treu zu bleiben, so resü­miert Wagner, muss man ihm in der Über­setzung untreu werden.

Text+Kritik, Sonderband „Zukunft der Literatur“.  externer Link
T+K-Redaktion, Tuckermannweg 10, 37085 Göttingen. 204 Seiten, 29 Euro.

Zonic, No. 20 (2013) Almanach für kulturelle Randstandsblicke & Involvierungsmomente.  externer Link
Ventil Verlag, Mainz 2013, Boppstr. 25, 55118 Mainz. 224 Seiten, 18 Euro.

Mütze 4 (2013)  externer Link  
c/o Urs Engeler, Obere Steingrubenstrasse 50, CH-4500 Solothurn. 50 Seiten, 6 Euro.

Edit 62 (2013)  externer Link  
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig. 112 Seiten, 5 Euro.

Ostragehege 71 (2013)  externer Link
c/o Axel Helbig, Birkenstraße 16, 01328 Dresden. 70 Seiten, 4,90 Euro.

Michael Braun    04.10.2013   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  empfehlen

 

 
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