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Dezember 2009
 
Zeitschriftenlese  –  Dezember 2009
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch
Der boshafteste Provokateur und unberechen­barste Schriftsteller, den die DDR je hervor­gebracht hat, war der Dichter und Dramatiker Peter Hacks.
Für die große Betrof­fen­heits­wolke, die zum 20. Jahrestag des Mauerfalls in diesen Tagen alle relevanten Meinungs­bildner des Landes einhüllte, hätte der vor sechs Jahren verstorbene Autor nur Verachtung und Spott übrig gehabt. Bereits kurz nach der Öffnung der Mauer verfasste er sein freches Bekenntnis­gedicht „Das Vaterland“, in dem er die Mauer nicht als furcht­bares Monument des Unrechts beschrieb, sondern im Gegenteil als groß­artiges Erdenwunder: „Wer kann die Pyramiden überstrahlen? / Den Kreml, Sanssouci, Versailles, den Tower? / Von allen Schlössern, Burgen, Kathedralen / Der Erdenwunder schönstes war die Mauer. / Mit ihren schmucken Türmen, festen Toren. / Ich glaub, ich hab mein Herz an sie verloren.“
Die Respekt­losig­keit, mit der Hacks, der links­aristokratische Dandy, über das Ende der deutschen Zwei­staat­lichkeit schrieb, beginnt man heute schmerz­lich zu vermissen. Zwanzig Jahre nach dem Untergang der DDR gibt es zwar aller­orten pflicht­schuldige Stellung­nahmen zum Thema, aber kaum noch irgendwo eine leiden­schaftliche Debatte.
Man reibt sich aller­dings verwundert die Augen, wenn man registriert, welche Anstren­gungen die linke Essayistin Daniela Dahn in der Nummer 156 der Literatur­zeitschrift „Wespennest“ unternimmt, um die DDR gegen das wohlfeile Etikett „Unrechts­staat“ zu verteidigen. Daniela Dahn war in den Wende-Tagen Mit­begründerin des „Demo­krati­schen Auf­bruchs“ und Akti­vistin einer Unter­suchungs­kommission, die sich mit den Über­griffen von Polizeit und Staats­sicher­heit im Oktober 1989 beschäf­tigte. Mittler­weile arbeitet die Autorin an der Korrek­tur verzerrter Geschichts­bilder und letztlich an einer Image-Auf­besserung des unter­gegangenen Ein­parteien-Regimes. In einer sehr detail­lierten Unter­suchung zum juristischen Umgang mit DDR-Unrecht kommt Dahn im „Wespennest“ zu dem Schluss, dass die DDR „mit dem pauscha­lisierenden Begriff ›Unrechts­staat‹ nicht zu beschrei­ben“ sei. In der 15 Jahre währenden Aufarbeitung von DDR-Verbrechen sei kaum „pure Regierungs­krimi­nali­tät“ fest­gestellt worden. Und niemals sei auch nur erwogen worden, eine Institution der DDR oder auch die SED als „kriminelle Ver­einigung“ einzustufen. Was will uns Daniela Dahn damit sagen? Was ist damit gewonnen, wenn wir wissen, dass die DDR kein „totalitärer Unrechts­staat“ war, sondern der „Verrat“ der SED-Parteibonzen allenfalls darin bestand, „die sozialis­tischen Kritiker an den nicht­sozialistischen Zuständen als Feinde behandelt zu haben und die Bürger wie eine verfüg­bare Masse“? Was Daniela Dahn an Differen­zierungen anstrebt, sieht Be­schwichti­gungen verteufelt ähnlich.

Da ist es schon viel lehrreicher, wenn man zum Thema DDR-Kultur das aktuelle Heft, die Nummer 5/2009 der Zeitschrift „Sinn und Form“ heranzieht. Darin wird zum Beispiel der 100. Geburtstag des Autors Louis Fürnberg gewürdigt, dessen ganze Existenz aus erzwun­genen Flucht­bewegungen bestand. Der als Dichter heute vollkommen verges­sene Fürnberg stammte aus einer jüdischen Familie aus Prag und gehörte zu den letzten Prota­gonisten des deutsch-böhmischen Kultur­kreises, in dem auch die geniale Literatur Kafkas entstand. Als 19jähriger hatte sich Fürnberg in Berlin, wo er als Barpianist und Lektor arbeitete, der Kommunis­tischen Partei ange­schlossen. Nach dem Sieg des National­sozialis­mus ging er zurück nach Prag. Dort wurde er 1939 interniert und gefoltert, bis es der Familie seiner Frau Lotte Wertheimer gelang, ihn durch Bestechung aus der Haft freizu­kaufen. Danach begann seine Odyssee über sieben Grenzen bis nach Palästina, wo er als Mitarbeiter der deutschen anti­faschistischen Zeitung „Orient“ bei militanten Juden in Ungnade fiel. Als er nach dem Krieg in die Tschechoslowakei zurückkehrte, erfüllte sich erneut die Tragik ver­loren­gegan­gener Zuge­hörigkeit. Die deutsche Bevöl­kerung war weit­gehend vertrieben worden, Fürnberg hatte keinen Resonanz­raum mehr. Er arbeitete einige Jahre als Kultur­attaché der kommunis­tischen Tschecho­slowakei in der DDR und entging dann nur knapp den Terror-Prozessen des stalinis­tischen Regimes. Auch in der DDR, wo er unter anderem die Zeitschrift „Weimarer Beiträge“ gründete, fand er keinen Ort mehr, wo er hätte unbehelligt arbeiten und schreiben können. Fürnberg, der roman­tisierende Naturdichter, hat zwar für die SED die berühmte Partei-Hymne gedichtet, also das Lied von der Partei, die angeblich „immer recht“ hat. Dennoch ist es ihm – nach einem Wort von Hans Mayer – nie gelungen, „wider seine bessere Über­zeugung aus sich einen ortho­doxen Stalinisten zu machen“. 1957, im Alter von 48 Jahren, starb er an einem Herzinfarkt.
Auf eine zerrissene DDR-Biografie wie die von Louis Fürnberg kann auch der Schrift­steller Christoph Hein verweisen, der 1982 mit seiner Er­folgs-Novelle „Der fremde Freund“, innerhalb und außer­halb seines Landes Auf­sehen erregte, weil in diesem Text sämtliche Tabus der autoritär formierten DDR-Gesell­schaft berührt wurden. 1987 hielt er auf dem vorletzten Schrift­steller­kongress der DDR eine radikale Rede, in der er das Ende der Zensur forderte und damit ein Fundament der repressiven Literaturpolitik des Staates in Frage stellte. In „Sinn und Form“ finden wir nun ein sehr lehrreiches Gespräch mit Christoph Hein, das Ralph Schock geführt hat. Ralph Schock dechiffriert hier die Novelle vom „fremden Freund“ als einen Text von unerhörter Aktualität. Denn die Wesenszüge der DDR-Gesell­schaft, die in der Novelle thematisiert werden, weisen verblüffende Parallelen auf zu den Eigenschaften der indivi­duali­sierten Lebenswelt unserer Tage: So trifft man in der Novelle auf aggressive Jugendliche, die aus Langeweile töten und auf jene unheilvolle Melange aus politischem Des­interesse, Egoismus und verkrüppelter Emotionalität, die auch das Klima in der globa­lisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts kennzeichnet.
Wenn man sich über das „Sinn und Form“-Heft hinaus nach Kultur­zeit­schriften umsieht, die sich detail­liert an einem Rückblick auf die Literatur der DDR versuchen, entdeckt man nur Magerkost. Einen beharr­lichen Blick nach Osten, nicht nur auf die Literatur der Ex-DDR, sondern auch auf die Tschechiens, Polen, Ungarns oder Russ­lands richtet einzig das „Ostragehege“, die Dresdner Zeitschrift für Literatur und Kunst. Die aktuelle „Ostragehege“-Ausgabe, das Heft 3/2009, diskutiert eine Antho­logie aus der sub­litera­rischen Szene, die syste­matisch die Lebens­linien und künstle­rischen Kon­zepte von lite­rarischen Grenz­gängern aus dem Osten nach­zeichnet. Der Titel dieser Anthologie lautet „Beim Verlassen des Unter­grunds“. Dieses Buch markiert demonstrativ das radikale Außenseitertum von zwei Dutzend ost- und mittel­deutscher Schriftsteller und Künstler, die in der Zeit zwischen dem Mauerfall und der Gegenwart sehr eigensinnigen Konzepten folgten, die im Literatur­betrieb kaum wahr­genommen worden sind. Einer der Herausgeber dieser Anthologie ist der 1962 geborene Schriftsteller Tom Pohlmann, ein Leipziger Urgewächs und schwarzer Phantastiker, der wie Wolfgang Hilbig in der finsteren Lebenswelt der Braun­kohlen­reviere aufwuchs und ganz andere Erfahrungen vorzuweisen hat als jene leicht­füßigen Metropolen-Poeten, die sich etwa in der Berliner Dichterszene tummeln. Ein exzellenter Autor wie Pohlmann, der in der kleinen Leipziger Edition Mischhaus publiziert, wird von den hektischen Mata­doren des Literatur­betriebs auf sträfliche Weise missachtet. We­nigs­tens das „Ostragehege“ weiß nun die Großtat der von ihm mit edierten Antho­logie zu würdigen.
Wer sich bei jungen Dichtern nach Standort­bestimmungen zum Mauerfall-Jubiläum kundig machen will, erntet meist ein Achselzucken: Im Werk der nach 1970 geborenen, aus Ostdeutschland stammenden Autoren, die als Jugendliche vom epochalen Umbruch überrascht wurden, lassen sich kaum ästhetische Markierungen für diese Zäsur finden. Studiert man zum Beispiel die bemerkenswerte neue Literaturzeitschrift „randnummer“, so fällt auf, dass hier potentielle ästhetische Differenzen zwischen den jungen Autoren mit West- oder Ost-Hintergrund bis zur Ununterscheidbarkeit einge­schmolzen sind. Unter den Autoren des Heftes, das sich in vielfältigen Figurationen dem Thema Stadt und den Bewegungen des Subjekts darin widmet, befinden sich zwei der profi­lier­testen Lyriker der jungen Generation: Ron Winkler, der in Jena aufgewachsen ist, und Andre Rudolph, der in Leipzig zur Schule ging. Ron Winkler schreibt wie ein abgeklärter Ironiker, der mit seinen Sprachmaterialien einen kokett-lässigen Umgang pflegt und aus überraschenden, häufig technizistischen Bildfügungen seine lyrischen Reizwerte gewinnt. Der sprach­empfindliche Andre Rudolph entscheidet sich in seinem Zyklus mit Liebesgedichten für einen Abwehr-Reflex, wenn an einer Stelle die alte sozialistische Verheißung auftaucht: „aber das ist nur eine kleine reminiszenz / an den new socialism / der kommen wird, / er kann mir schon heute gestohlen beiben, / wenn du es wissen willst…“

Zum Schluss noch ein Hinweis auf einen amerikanischen Autor, der für viele junge deutsche Erzähler zum großen Vorbild geworden ist. Ich meine Raymond Carver, den Meister der Short-Story, der sich in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts aus dem sub­proletarischen Milieu von depressiven Losern, Hilfarbeitern und Alkoholikern befreite und zur Portalfigur des modernen Erzählens aufstieg. Das aktuelle Heft, die Nummer 3/2009 der Kulturzeitschrift „Neue Rundschau“ hat Carver ein aufregendes Dossier gewidmet und erstmals in deutscher Sprache die ungekürzten Fassungen jener grandiosen Erzählungen vorgelegt, mit denen der Autor dereinst berühmt wurde. Der Brief­wechsels Carvers mit seinem Lektor Gordon Lish dokumentiert die scharfen Einschnitte und Kürzungen, denen Carvers Texte regelmäßig unterzogen wurden. In einigen Fällen wurden seine Texte durch den Lektor um siebzig Prozent gekürzt – was andererseits den Vorteil hatte, dass durch diesen Eingriff Carvers Prosa jene Eigenschaft eines einzigartig sparsamen, lakonischen Stils bekam, für den er dann enthusiastisch gefeiert wurde. Mit wachsendem Selbst­bewusst­sein wehrte sich Carver immer heftiger gegen die Kürzungs-Rigo­rosität seines Lektors. Die „Neue Rundschau“ zeigt nun an einigen berühmten Erzählungen Carvers, dass die Texte auch in ihrer ursprüng­lichen Fassung die existen­zielle Wucht der Trostlosigkeit besitzen, durch die man bei der Lektüre fundamental erschüttert wird. Die Erzählung „Anfänger“ kreist um ein deprimierendes Gespräch zweier Paare über die richtige und die falsche Liebe. Im Verlauf des Gesprächs versinken die vier Menschen in ihrem Kummer und einem massiven Alko­hol­konsum, mit dessen Hilfe sie ihre Aus­sichts­losig­keits­gefühle betäuben wollen. Die schockie­rende Erzählung „Sag den Frauen, dass wir gehen“ reportiert in kalter Ungerührtheit den tödlichen Weg zweier Freunde, die aus ihrem Ehe-Frust ausbrechen wollen und nach einem massiven Besäuf­nis zu spontanen Tot­schlägern werden. Es ist der mitleidlose, von Psycho­logi­sierungen völlig freie Realismus Carvers, der einen beim Lesen sofort in Bann schlägt. Carver, ein schwerer Trinker und Ketten­raucher, wusste, dass er nur noch die Wörter hatte, um am Leben zu bleiben. „Denn alles“, so notierte er in einem poetologischen Essay, „was wir haben, sind am Ende die Wörter, und da sollten es besser die richtigen sein.“
Wespennest, H. 156   externer Link
Rembrandtstr. 31/4, A-1020 Wien. 104 S., 12 Euro

Sinn und Form, H. 5/2009   externer Link
Postfach 210250, 10502 Berlin. 130 S., 9 Euro

Ostragehege H. 55   externer Link
c/o Axel Helbig, Birkenstr. 16, 01328 Dresden, 76 S., 4,90 Euro

Randnummer 1   externer Link
Katenweide 1, 20539 Hamburg, 52 S., 4 Euro.

Neue Rundschau, H. 3/2009   externer Link
S. Fischer Verlag, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt a.M. 256 S., 12 Euro

Michael Braun27.11.2009Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-AnsichtSeite empfehlen  empfehlen

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