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April 2005
wespennest 138lettre 68Bella triste 11
 
Zeitschriftenlese  –  April 2005
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk
In der politischen Charakterkunde schneiden die wirklich großen Dichter der Moderne schlecht ab. Fast erscheint es als ein ehernes Gesetz der Geistesgeschichte: Je höher der ästhetische Rang des Autors, desto dürftiger seine politische Intelligenz. Literarische Einbildungskraft und ideologische Verblendung kommen mitunter wie Zwillinge daher. So weiß man oft nicht mehr: haben wir eine Lichtgestalt vor uns, gar ein Genie – oder ein Ungeheuer und gefährlichen Verführer?
„Die Zeit, bevor und nachdem man diesen Dichter kennengelernt hat, ist wie die Zeit vor und nach Christi Geburt.“ So hat der amerikanische Dichterarzt William Carlos Williams, der selber ein sehr nüchternes, unpathetisches Temperament war, seinen Kollegen Ezra Pound beschrieben. 33 Jahre nach seinem Tod im November 1972 ist Ezra Pound noch immer eine der umstrittensten Gestalten der Weltliteratur geblieben, ein intellektuell unberechenbarer und von daher verdächtiger Bewohner der internationalen Gelehrtenrepublik. Er hat ein ehrgeiziges Projekt verfolgt – nämlich „das größte Gedicht zu schreiben, das je geschrieben worden ist“ – und er landete, kurz vor Fertigstellung dieses Projekts, als „Hochverräter“ in einem eisernen Käfig der amerikanischen Armee und anschließend in einer Anstalt für geistesgestörte Kriminelle.
In der aktuellen Ausgabe, der Nummer 138 der österreichischen Literaturzeitschrift „Wespennest“ finden wir nun einen äußerst lesenswerten Beleg für die fortdauernde Aktualität dieses Dichters. Michael Basse hat hier ein exzellentes Porträt der Übersetzerin und Essayistin Eva Hesse verfasst, die seit einem halben Jahrhundert mit der Übertragung des Poundschen Werks ins Deutsche befasst ist. 1953, als Pound noch in der Irrenanstalt interniert war, hat Hesse zum ersten Mal Texte Pounds in einem Auswahlband vorgestellt. Bis heute versucht Eva Hesse in ihrer ungebrochenen ketzerischen Leidenschaft die grassierenden Pound-Klischees zu widerlegen. Bis 1941, so führt nun Basse aus, hat der Mussolini-Sympathisant Pound in seinen berüchtigten Radioansprachen für eine friedliche Lösung im Zweiten Weltkrieg geworben und seinen Abscheu vor den Judenpogromen in Deutschland erkennen lassen. Erst nachdem ihm die amerikanische Staatsbürgerschaft entzogen worden war, verfiel Pound in seine üblen antisemitischen Tiraden, mit denen er sich als Dichter um jeden Kredit brachte. Nach seiner Einkerkerung in den Käfig der Militärs gelangen Pound die ergreifendsten Verse seines Dichterlebens, die sogenannten „Pisaner Cantos“, in denen er dem Hochmut abschwor mit dem wunderbaren Refrain: „Laß ab von Eitelkeit, sag ich, laß ab.“
Das „Wespennest“ hält neben dem Porträt über Eva Hesse und Ezra Pound noch weitere intellektuelle Glanzstücke bereit: Da ist zum einen Bernhard Krallers gescheiter Essay über Klaus Kinski zu nennen, den genialischen Exzentriker, der einst als glanzvoller Rezitator klassischer Texte über Jahre hinweg die Vortragssäle füllte. Zum andern sei das großartige „Wespennest“-Dossier über die Eigenheiten und Widersprüche des Islam dringend zur Lektüre empfohlen. In den facettenreichen Beiträgen von Christian Reder, Peter Strasser und Navid Kermani ist kein Platz für die eingängigen islamophoben Ressentiments, aber auch kein Raum für die orientalistischen Naivitäten und Friedfertigkeitspostulate, die man in der Islam-Debatte so häufig zu hören bekommt.
Mit einem vielfach verabscheuten „Ungeheuer“ der politischen Theorie konfrontiert uns dagegen das neue Heft, die Nummer 68 von „Lettre international“. In einem fesselnden Aufsatz widmet sich Christian Linder dem „weltweit meistdiskutierten deutschen Denker des 20. Jahrhunderts“. Und er meint nicht etwa Martin Heidegger oder Theodor Adorno, sondern den Staatsrechtler und Geschichtsphilosophen Carl Schmitt, der in der Weimarer Republik eine abenteuerliche Karriere durchlief, zum Fürsprecher einer „Diktatur des Reichspräsidenten“ wurde, bevor er sich drei Jahre lang als Kronjurist der Nazis exponierte. Linder zeigt nun in seinem umfassenden Überblick über Schmitts Denkmotive, dass die Bedeutung dieses Universalgelehrten nicht mit dem von Ernst Bloch lancierten Hinweis auf seine „blutige Schlauheit“ abgetan werden kann. Da ist auf der einen Seite der autoritäre Theoretiker der Entscheidung, der die Idee des Ausnahmezustands zum Zentrum seiner „Politischen Theologie“ erhebt, auf der anderen Seite jedoch der katholische Anarchist, der mit der Figur des Partisanen kokettiert. Unverzeihlich bleibt gewiss seine juristische Rechtfertigung der Morde im Zusammenhang mit der Affäre um den SA-Führer Ernst Röhm. „Die Tat des Führers“, so schrieb Schmitt im Juli 1934, „war echte Gerichtsbarkeit.“ Zwei Jahre später, im Jahr 1936, fiel er bei den faschistischen Eliten selbst in Ungnade und musste seine nationalsozialistischen Ämter niederlegen. Welche grellen Widersprüche sich in Carl Schmitts Leben eingeschrieben haben, macht nun erstmals die biographische Skizze Christian Linders deutlich. Sie kann anhand der Auswertung von Schmitts Tagebüchern belegen, dass der ästhetische und der politische Theologe oftmals in erbittertem inneren Widerstreit lagen. Schmitt war zum Beispiel ein großer Verehrer des Dichters Theodor Däubler und ein präziser Exeget der Romantik, die er zugleich wegen ihrer politischen Naivität bekämpfte. Mit seinem brillanten Stil faszinierte er selbst Philosophen der Kritischen Theorie, wie etwa Walter Benjamin und Jacob Taubes. Als er 1985 im Alter von 96 Jahren starb, hatte die konservative Intelligenz der Bundesrepublik ihre schillerndste Galionsfigur verloren.
In einem weiteren lesenswerten Beitrag in „Lettre international“ erkunden zwei herausragende Weltliteraten, der rumänische Autor Norman Manea und der amerikanische Altmeister Saul Bellow, in einem spannenden Gespräch die großen literarischen Herausforderungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sehr aufschlussreich sind hier Bellows skeptische Thesen zu einer literarisch gültigen Darstellung des Holocaust. Die einzig angemessene Geschichte über den Holocaust, so pointiert Bellow, sei Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“. Hier werde antizipiert, wie man sein Menschsein verlieren und zu einem lästigen Ungeziefer werden kann, das dann im Abfallkübel entsorgt wird. Man findet in diesem Gespräch auch berückende Anekdoten zur Kindheit und Jugend Saul Bellows, der als Sohn einer armen russisch-jüdischen Immigrantenfamilie nach Kanada kam und dann in den USA zum Literaturnobelpreisträger aufstieg.
Ein außerordentlich faszinierendes Gespräch mit einem Weltpoeten findet sich auch in der aktuellen Ausgabe, der Nummer 1/2005 der Kulturzeitschrift „Neue Rundschau“. Thomas Poiss befragt den australischen Dichter Les Murray nach dem Verhältnis von Dichtung und Religion und nach dem geschichtsphilosophischen Konzept seines Vers-Epos „Fredy Neptune“, für das Murray im vergangenen Jahr einhellig gefeiert wurde. Fredy Neptune, der Held dieses Vers-Epos, ist ein deutsch-australischer Farmerssohn, den es von seinem Provinznest Dungog aus in die Weltgeschichte verschlägt. Der herzensgute Prolet Fredy gerät als eulenspiegelhafter Vagabund immer wieder zwischen die Fronten der großen Politik und wird mit all den Schrecken von Tod, Massaker und Vernichtung konfrontiert, die das 20. Jahrhundert als das „Zeitalter der Extreme“ zu bieten hat. In der Diskussion über Murrays gewaltiges Versepos wurde die religiöse Dimension dieses Werks kaum beachtet. Murray verweist nun in der „Neuen Rundschau“ auf seine innige Bindung an den Katholizismus, denn er sei „das beste aller Gedichte“, eines, das sich nie ausschöpfen lasse. „Ich finde“, so Murray, „Jesus und Dichtung auf geheimnisvolle Weise zueinander passend...“ Mit dieser Bekenntnisbereitschaft zu einem innigen Katholizismus steht Les Murray in der Dichtung der Gegenwart so ziemlich alleine da.
Eine schöne Hommage wird in der „Neuen Rundschau“ auch dem mittlerweile 80jährigen Dichter Wolfgang Bächler gewidmet, einem der produktivsten und zukunftsskeptischsten Lyriker der Nachkriegszeit, der früh an einer depressiven Erkrankung laborierte und in den achtziger Jahren fast vollends verstummte. Die dämonischen Nachtmahre, die ihm in seinen depressiven Phasen heimsuchten, hat er in seinen „Traumprotokollen“ festgehalten, die in den siebziger Jahren oft gelesen wurden. „Da ich an Zerstreuung, Gedankenflucht, Disharmonien leide“, so wird Bächler in der „Neuen Rundschau“ zitiert, „(da ich) zu Formlosigkeiten, melancholischen und manischen Aus- und Abschweifungen neige, zwingt mich das Gedicht zur Sammlung und Konzentration, mich kurz zu fassen, mich und ein Stück Welt zu fassen." Eins der schönsten und lakonischsten Gedichte Bächlers ist zudem in einem kleinen Auswahlband festgehalten, der dieser Tage in dem kleinen Babel Verlag erschienen ist. Es lautet: "Wer mein Schweigen nicht annimmt, / dem habe ich nichts zu sagen.“

Was aber haben die poetischen Nachgeborenen zu sagen, die ganz jungen Dichter um die Dreißig? Die Lyrikerin Ulrike Draesner hat in Heft 11 der Zeitschrift „Bella triste“, einem der intelligentesten Periodika für junge Literatur, die Suchbewegungen auf dem Terrain der jungen Lyrik untersucht. Zwar formuliert sie zunächst so etwas wie eine Vermisstenanzeige. Niemand in der jüngeren Poesie sei zu erkennen, der wie Durs Grünbein darauf abziele, der politisch-gedanklichen Gravur unserer Zeit auf den Grund zu gehen. Kein Autor könne es mit dem historischen Wissen eines Lutz Seiler oder der spracharchäologischen Forschung des soeben verstorbenen Thomas Kling aufnehmen. Aber – und dann folgt der positive Befund – eine Bewegung sei signifikant: die „Beugung hinab zu den kleinen Dingen – und durch sie hindurch“. Draesner bescheinigt der jungen Lyrik – und namentlich den Gedichten von Marion Poschmann, Monika Rinck, Daniel Falb und Anja Utler – eine punktuelle, zarte, am Detail orientierte Wahrnehmung, denn es gehe um „Übungen der Zugewandtheit“. Vor allem aber finden sich: „Naturschriften überall.“ Diese „Naturschriften“ sind im Bewusstsein verfasst, dass eine mythisierende Einfühlung in den Naturstoff nicht mehr möglich ist. Wir haben es mit einem Lobgesang zu tun, der etwas posthum besingt, etwas Vergangenes, das zwar abhanden gekommen, aber noch immer sichtbar und wünschbar ist. Eine Kapitelüberschrift bei Marion Poschmann gibt einen lakonischen Hinweis auf dieses Programm der jungen Lyrik. Sie lautet: „Nach der Natur“.

Wespennest, Heft 138  externer Link
Rembrandtstr. 31/4, A-1020 Wien
112 Seiten, 12 Euro

Lettre international, Heft 68   externer Link
Elisabethhof, Portal 3 b, Erkelenzdamm 59/61, 10999 Berli
116 Seiten, 9,80 Euro

Neue Rundschau, 1/2005   externer Link
S. Fischer Verlag
Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt a.M.
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig
190 Seiten., 10 Euro

BELLA triste, Nr. 11   externer Link
Moltkestraße 64, 31135 Hildesheim
72 Seiten, 4 Euro (vergriffen)

Michael Braun         27.04.2007        Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese April 2005

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