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April 2004
Akzente | Heft 1Akzente | 2003Babel XIII
 
Zeitschriftenlese  –  April 2004
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk
Literarische Zeitschriften gelten heute als publizistische Exotika, als langsam vergilbende Blätter aus der heroischen Epoche der Literatur. Die derzeitigen Literaturjournale von Rang, z.B. das „Schreibheft“ oder „Sinn und Form“, geraten in immer größere Distanz zu einem literarischen Bewusstsein, das nur noch auf die spektakuläre Enthüllung und das Ganz-vorn-an-der-Bühne-Stehen fixiert ist. Wenn in diesen Tagen die im Hanser Verlag erscheinende Zeitschrift „Akzente“ ihren 50. Geburtstag feiert, werden keine roten Teppiche mehr ausgerollt, da wird noch nicht einmal ein bescheidenes Symposion ausgerichtet. Dabei waren die „Akzente“ bis Mitte der siebziger Jahre das Zentralorgan der Literaturdebatte, geleitet von dem quecksilbrigen Walter Höllerer und dem großen Anthologisten Hans Bender, die der Gegenwartsliteratur zu ihrem neuen Selbstbewusstsein verhalfen. Es begann alles im Sommer 1953 in einem kleinen Untermieter-Zimmer in Frankfurt am Main, wo der junge Philologe Walter Höllerer, ein Schüler des Naturlyrikers Georg Britting, den Plan zu einem neuen Periodikum ausbrütete. „Es sollte eine Zeitschrift werden“, so schrieb Höllerer 1994 im Rückblick, „die fähig zu neuen Impulsen war, nach den Zerstörungen des Krieges, in der Zeit der zunehmenden Sprachverstörungen im Deutschland der vier Besatzungszonen.“ Der Dichter Günter Eich, den Höllerer für sein Projekt gewonnen hatte, winkte nach einigen schlaflosen Nächten ab. Für ihn sprang der junge Hans Bender ein, der sich bereits als Herausgeber der Zeitschrift „Konturen“ einen Namen gemacht hatte.
Im ersten Heft, das im Februar 1954 erschien, verzichteten die Herausgeber auf Manifeste oder Gründungsproklamationen. Hier trafen die konservativen Geister der ersten Jahrhunderthälfte mit den aufbruchswilligen Essayisten und Dichtern des Nachkriegs zusammen. Das Heft mit dem olivgrünen Cover eröffnete ein mythologisch weit ausschwingendes Gedicht von Oskar Loerke und es stellte ans Ende einen Aufsatz Martin Heideggers zu dem Hölderlin-Vers: „Dichterisch wohnet der Mensch“. Den neuen, offenen Weg der Dichtung repräsentierten Essayisten wie der junge Karl Markus Michel, der eine glänzende Analyse von Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ vorlegte, und der junge Lyriker Rainer Brambach. Was danach folgte, ist schon Legende. In einem Heft des Jahrgangs 1955 die ersten Veröffentlichungen von Hans Magnus Enzensberger, 1957 Theodor Adornos epochale „Rede über Lyrik und Gesellschaft“ und ab 1958 die erhitzten Symposien über den Roman und das Gedicht der Gegenwart.
Seit sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts die Event-Industrie der Literatur bemächtigt hat, wird von den „Akzenten“ kaum mehr Notiz genommen. Da half es wenig, dass Michael Krüger, der seit 1982 die Zeitschrift in Alleinregie leitet, dazu überging, die Verantwortung für aktuelle Themenhefte gelegentlich an junge Schriftsteller zu delegieren. Nach wie vor fasziniert aber die Beharrlichkeit, mit der die „Akzente“ das Terrain der internationalen Lyrik sondieren und dort noch immer großartige Entdeckungen machen. Im Dezemberheft 2003 wird etwa der irische Lyriker John F. Deane vorgestellt, ein Dichter in einer naturmagisch-spirituellen Tradition. Das aktuelle Februarheft beginnt mit einer wunderbaren Reminiszenz an den Gründungsherausgeber Walter Höllerer. Sein berühmtes Anti-Kriegs-Gedicht „Der lag so mühelos am Rand...“ bildet den Auftakt zu einer inspirierten Abschweifung über die Geschichte Berlins, die von Durs Grünbein und Aris Fioretos in einem geistreichen Dialog heraufbeschworen wird. Auf dem Umschlagfoto dieses „Akzente“-Heftes sieht man Walter Höllerer in seinem Büro in einer Flut von Büchern, Manuskripten, Zeitungsblättern und Notizzetteln ertrinken. Wer nach Gedichten und Essays sucht, die einem luzide Augenblicke der Offenbarung bescheren – der kann auf die „Akzente“ auch in Zukunft nicht verzichten.
Es gibt indes einige literarische Zeitschriften, die in einer fast anachronistischen Literaturleidenschaft den Pionierehrgeiz aus der Frühzeit der „Akzente“ adoptiert haben. Sie werden herausgegeben von poesieverrückten Einzelgängern, die mit niederschmetternden finanziellen Bilanzen arbeiten müssen, was aber ihre Passion für die Dichtung nicht beeinträchtigen kann.
Zu diesen Einzelgängern gehört der im bayerischen Städtchen Denklingen lebende Dichter und Übersetzer Kevin Perryman. Vor zwei Jahrzehnten trat Perryman erstmals als Lyriker beim berühmten Leonce-und-Lena-Wettbewerb in Erscheinung. Bald darauf reifte in ihm der Plan, der Poesie und ihrer Übersetzung ein eigenes Periodikum zu widmen. So entstand die Zeitschrift „BABEL“, die Perryman im Eigenverlag herausgibt und die sicherlich als die am schönsten gestaltete, in größter bibliophiler Sorgfalt hergestellte Lyrik-Zeitschrift Deutschlands gelten kann. Auf den ersten Blick gibt „BABEL“ eine sehr konservative Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von Dichtung und Natur. Am Zusammenhang von Dichtung und Natur entzünden sich ja seit einiger Zeit die sonderbarsten Hypothesen und Irrtümer. Eingeschüchtert vom universellen Prozess der Säkularisierung, glaubt so mancher zeitgenössische Lyriker, die Zeit der dichterischen Anrufung der Natur oder eines göttlichen Schöpfers sei unwiderruflich vorbei. Wie sehr sich doch die Auguren der Moderne irren können! Man muss nur den Blick ein bisschen über den Tellerrand hinaus schweifen lassen, um an der europäischen Peripherie jene Dichter zu entdecken, bei denen die Faszination an den rätselhaften Wundern der Natur noch ungebrochen ist.
Auf diese noch immer wirkungsmächtigen Kraftquellen der Poesie verweist „BABEL“ in schöner Beharrlichkeit. Kevin Perryman präsentiert in seinem Heft seit nunmehr zwanzig Jahren bedeutende Repräsentanten der schottischen, walisischen und irischen Gegenwartspoesie, für die das Elementare der Natur wie selbstverständlich zu den Leitmotiven der modernen Dichtung gehört. Die von Perryman favorisierten Dichter sind hierzulande nahezu unbekannt: Es sind Autoren wie die schottischen Poeten George Mackay Brown, Robin Fulton und Iain Chrichton Smith oder auch Grenzgänger wie der walisische Dichterpriester Robert Stuart Thomas, in dessen anrührenden Gedichten noch einmal eine innige religiöse Daseinsfrömmigkeit aufglüht.
Das aktuelle Jubiläumsheft der Zeitschrift „BABEL“ versammelt in großer Dichte und schöner Widersprüchlichkeit all die poetischen Hausgötter, die Kevin Perryman in zwanzig Jahren um sich versammelt hat. Das sind neben R.S. Thomas und George Mackay Brown durchaus auch Großmeister der englischen Moderne wie Christopher Middleton und David Constantine. Zu ihnen gesellen sich poetische Außenseiter und Solitäre aus dem deutschen Sprachraum: der Paul Celan-Briefpartner und hermetische Poet Franz Wurm, der Mallarmé-Übersetzer Werner Dürrson oder der Dichter der linguistischen Dekonstruktion, Ulf Stolterfoht. Diesen recht unterschiedlichen Autoren ist doch eines gemeinsam: die Aufmerksamkeit auf die Stille, das Erkunden des von der Sprache noch unbesetzten Raums. Der von den Orkney-Inseln stammende George Mackay Brown hat in diesem Zusammenhang „das Verhör der Stille“ als vornehmste Aufgabe der Dichtung bezeichnet.
Man findet in diesem Jubiläumsheft mit der Nummer XIII mehr Gedichte in englischer als in deutscher Sprache – nur in wenigen Fällen wird dem englischen Original eine deutsche Übertragung zur Seite gestellt. Das hat mit Kevin Perrymans prinzipieller Entscheidung für die poetische Koexistenz der Sprachen zu tun. Mit seinem poetischen Gewährsmann Robert Stuart Thomas hält Perryman jedenfalls die Sprache für etwas Heiliges – etwas, das weder in Klanggestalt noch in Semantik adäquat übersetzbar ist.
Wer Perrymans Publikationen in Händen hält, wird auch den bibliophilen Ehrgeiz bewundern, der den Lyrik-Verleger antreibt. Seine Gedichtbücher und Zeitschriften sind fast alle auf Büttenpapier gedruckt und handgebunden. So gibt die Zeitschrift „BABEL“ der zeitgenössischen Dichtung sowohl typografisch als auch gestalterisch jene Aura zurück, die ihr von der notorischen Schlampigkeit der Großverlage geraubt worden ist.
Neben Kevin Perrymans „BABEL“ gibt es noch ein weiteres Refugium für internationale Poesie, dessen Herausgeber in staunenswertem Beharrungsvermögen und rund vierzig Heften einen hervorragenden Atlas für internationale Gegenwartslyrik angelegt hat. Ich meine den Berliner Lyriker und Editor Michael Speier, der seine Zeitschrift „Park“ im Jahr 1976 gegründet hat, als die deutsche Dichtung noch ganz im Zeichen der so genannten Neuen Subjektivität stand. Michael Speier entschied sich bald dafür, von dem Mitteilungsdrang der neusubjektiven Erlebnispoeten abzusehen und sich auf die Tradition der sprachmagischen und hermetischen Dichtung zu konzentrieren und das heißt: dem Werk Paul Celans, Stefan Georges und Stephane Mallarmés die allergrößte Aufmerksamkeit zu widmen. Gegenüber den wirren Buntheiten einer postmodern sich aufspreizenden Zeitschriftenszene setzte Speier lange ein strenges Weiß auf den Umschlag seines Heftes: das Weiß als die Elementarfarbe der symbolistischen Dichtkunst und einer Avantgarde, die immer wieder die ästhetischen Voraussetzungen ihrer Arbeit befragt. Seit einigen Jahren hat Michael Speier noch einmal seine poetischen Horizonte erweitert. Nicht nur, dass jedem „Park“-Heft ein Dossier über eine europäische oder transatlantische Poesie beigefügt ist. Die deutschen Lyriker, die in „Park“ vertreten sind, repräsentieren doch sehr unterschiedliche Schreibansätze. Im neuen „Park“ (mit der Nummer 57/58) begegnen sich Thomas Kling, Christoph Meckel, Uwe Kolbe und Gerhard Falkner. Uwe Kolbe sammelt einige Impressionen von einer Reise ins bulgarische Plovdiv; Thomas Kling präsentiert lyrisch-topographische Erkundungen der Region zwischen Köln und Trier: einer ereignisarmen Gegend, die (wie es heißt) historisch „anfällig (ist) für verwitterungs-, / für hexenprozesse“. Den schönsten Fund im neuen „Park“ macht man aber im Dossier über die Gegenwartslyrik aus den USA. Hier wird – in einer prägnanten, mitunter allzu freien Übersetzung von Gerhard Falkner – der New Yorker Lyriker Michael Palmer vorgestellt: drei, vier berührende Gedichte, die in großer Hellsicht und Genauigkeit ganz subtile Wahrnehmungsprozesse aufzeichnen: die fast unmerklichen Bewegungen der Erde, das Umblättern einer Buchseite oder – wie es an einer Stelle heißt – „die kippende Logik eines halbzerrissenen letzten Blattes“. Ein Gedicht Palmers ist dem vor zwei Jahren verstorbenen apokalyptischen Erzähler W.G. Sebald gewidmet, und es taucht vollständig ein in die untergangstrunkene Bildwelt dieses großen Reiseschriftstellers. Im Motto eines Essays über Jean Améry hatte Sebald einst die pyromanischen und fatalistischen Phantasien festgehalten, die später zur katastrophischen Signatur seines eigenen Prosawerks wurden: „Paß auf“, heisst es da, „sonst brennst du lichterloh. Lichter, loh. So brenne mein Unglück und verlösche in den Flammen.“ Auch in der Welt, die Michael Palmer heraufbeschwört, flackert schließlich jenes Feuer auf, das bei W.G. Sebald alles verschlingt:
Este Mundo
(In Erinnerung an W.G. Sebald)

Diese Welt
Mit ihren Geräuschen

Und jene andere mit ihren Andersheiten
In der Worte, erst noch feste Körper

In Klänge schmelzen.

Genug?

Diese Schrift
Unter den Augenlidern.

Genug?

Dieser Tisch genug,
die Kriege genug?

Ein Schluck genug
Ein rascher Blick?

Die wirbelnden Ruder,
die zerbrochenen Noten genug,

die trunkenen Schiffe?

Und der Götze schläft in den Bergen,
auf seinen Lippen die Milch seiner Amme.

Er träumt von Pfauen,
Meteoren, brandstiftenden Nachtfaltern,

träumt von Schlangen und Pyramiden,
von Welten, die aus den Wolken herunterhängen,

vom Weinkrug, von dem Rückgrat der Geliebten,

und dem Feuer, das die
Ränder eines Blattes fordert.

Bastante?

Diese Welt
In den Falten eines Echos:

Du kannst sie hören
Unter dem gemähten Feld

Die ungebärdigen Lieder.

Akzente, Heft 1 / 2004   externer Link
Carl Hanser Verlag
Postfach 860420, 81631 München
96 Seiten, Euro 7,90

Babel, Heft XIII   externer Link
Postfach 1, 86920 Denklingen
72 Seiten, 15 Euro

Park, Nr. 57/58
Tile-Wardenberg-Str. 18, 10555 Berlin
110 Seiten, 6 Euro

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Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese April 2004

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