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Oktober 2011
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Zeitschriftenlese  –  Oktober 2011
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Es ist die Geschichte einer unerhörten Verweigerung, eines rätsel­haften Rückzugs in die Negation und das Schweigen. Kein lite­rari­scher Held der Moderne hat den Aus­stieg aus der bürger­lichen Exis­tenz so konse­quent und end­gültig vollzogen wie der pflicht­verges­sene Schreiber Bartleby aus der Erzäh­lung Herman Melvilles. Der völlig unauf­fäl­lige und vollendet höfliche Bartleby wird in dieser Erzäh­lung als Schreiber in einer Anwaltskanzlei angestellt und widmet sich zunächst mit großem Fleiß seinen Aufgaben. Eines Tages jedoch ent­wickelt er einen rätsel­haften Eigen­sinn, der sich zur Funda­mental­verwei­gerung ausdehnt und der schließ­lich seinen Arbeit­geber zur Ver­zweif­lung bringt. Als der Anwalt seinen Schreiber dazu auffordert, ein kopiertes Dokument auf Fehler­haftigkeit zu prüfen, reagiert Bartleby mit dem berühmten Satz, der zur Grundmelodie der Erzäh­lung wird: „I would prefer not to – Ich möchte lieber nicht.“ Der geduldige Anwalt hält dieses störrische Verhal­ten zunächst nur für ein Zeichen von Schrullig­keit oder Ermüdung, muss dann aber bald feststellen, dass Bartleby alle weiteren Anwei­sungen mit derselben Beharr­lichkeit zurück­weist: „Ich möchte lieber nicht.“ Alle Versuche, den in sich zurück­gezogenen Bartleby zur Vernunft zu bringen und ihn wieder als Arbeitskraft zu reakti­vieren, schei­tern am stummen Widerstand des Schreibers. Schließlich weiß sich der Anwalt nicht mehr zu helfen und gibt seine Kanzlei auf, um sie an einem anderen Standort wieder­zu­eröffnen. Der regungslose Bartleby bleibt in der leeren Kanzlei zurück. Man wirft ihn ins Gefäng­nis, wo er stumm die Wand anstarrt und am Ende die Nah­rungs­aufnahme verwei­gert. Melvilles Erzähler verrät am Ende noch, dass der undurch­schaubare Bartleby früher in einem „Amt für unzu­stell­bare Briefe“ in Washington gearbeitet habe.
  In ihrer aktuellen Herbst­ausgabe, der Nummer 3/2011, deutet die öster­reichi­sche Literatur­zeitung „Volltext“ die grandiose Erzählung Herman Melvilles als Chiffre für die biografischen Niederlagen, die der Autor in der Zeit der Niederschrift des Textes durchlebt hat. Als „Bartleby“ im Jahr 1853 erschien, war der Ruhm Melvilles verblasst, der Autor hatte die Aufmerksamkeit bei der Kritik und dem Publikum verloren, sein später legendärer Roman „Moby Dick“ hatte sich als Flop erwiesen. Im Grunde hatte Melville in seiner Erzäh­lung auch seine eigenen literarischen Schöp­fungen als „unzustell­bare Briefe“ ironisiert, die vom ameri­kanischen Publikum unge­lesen retourniert wurden.
  Die neue „Volltext“-Ausgabe wartet mit einem Experiment auf, das auf die Ent­hierarchi­sie­rung des Literatur­betriebs zielt, im Grunde aber nur eine uralte Idee neu auflegt. Die Namen der Heft-Autoren sind nämlich anonymi­siert, um die Aufmerk­samkeit ganz auf den Inhalt und den stilis­tischen Habitus der einzelnen Beiträge zu lenken. Die Sabotage am eitlen Autorenkult ist jedoch nur halbherzig durchgeführt, denn wer die Autoren­namen erfahren will, braucht nur die Internet-Seite von „Volltext“ aufzu­rufen. Das biedere Anonymus-Spiel sollte uns daher nicht weiter beschäftigen, dafür aber die durchweg von Schrift­stellern verfassten Kritiken in dieser Ausgabe. Gleich zwei Beiträge sind dem hervor­ragenden neuen Erzähl­band der Schweizer Autorin Monique Schwitter gewidmet, den Geschichten des Bandes „Goldfischgedächtnis“, die – wie es heißt – „aus scheinbar harmlosen Situationen eine abgründige Dynamik“ entwickeln. Die fatalis­tische Wucht dieser Geschichten ist gewaltig. An einer Stelle wird programmatisch Alfred Döblin zitiert: „Die Dinge haben eine Neigung, ins Nichts zu rollen.“ Und dieser fatalen Bewegungsrichtung, dieser abschüssigen Lebensbahn folgen im Grunde alle Figuren von Monique Schwitter. Diese Prosa zeigt Menschen auf ihrem Weg ins Aus­sichts­lose, an einen finalen Grenzpunkt, von dem aus es keine Rückkehr gibt. Es sind Geschichten, die – in Anlehnung an Friedrich Dürrenmatt – konsequent „die schlimmst­mögliche Wendung nehmen“. Eine alternde Schau­spielerin, die all­mählich ihr Erin­nerungs­ver­mögen ver­liert, sucht den Freitod vor Amrum. Eine andere Frau trifft bei ihren Meditations­übungen im Wald auf einen Ver­zweifelten und kann ihn trotz ihrer Auf­heiterungs­künste nicht von der Selbst­zerstörung abbringen.
  Für die Titelgeschichte der neuen „Volltext“-Ausgabe zeichnet Felix Philipp Ingold verant­wortlich: Es ist ein Auszug aus seinem Roman „Alias oder Das wahre Leben“, der auch für den Schweizer Buchpreis nominiert ist. Es ist ein verstörender Bericht aus dem Leben eines russischen Mannes wolga­deutscher Herkunft, der im Zeitalter der Extreme zwischen die Kulturen und die Moral­systeme gefallen ist. Als junger Mann startet Kirill Beregow alias Carl Berger eine Karriere als Offizier bei der Roten Armee und lernt dort zunächst das Töten von wehrlosen Gefangenen. Danach erhält er als Übersetzer einen Einblick in den Funktions­mechanis­mus eines faschis­tischen Ver­nichtungs­lagers, in das System der Entrechtung, Demütigung und Tortur, mit dem hier Menschen zugrunde­gerichtet werden. Später versucht Beregow alias Berger auch als Schriftsteller zu reüssieren, wobei seine Darstellungsversuche der Schrecken des Archipel Gulag nicht mit den Direk­tiven kommunis­tischer Lite­ratur­politik in Einklang zu bringen sind. Felix Philipp Ingold gelingt hier nicht nur das Porträt einer Epoche, sondern auch ein Grenzgang zwischen den Gattungen – nämlich zwischen den Ansprüchen einer rein dokumenta­rischen Literatur, die sich auf verbürgte Lebens­geschichte stützt, und dem Eigensinn einer epischen Einbil­dungs­kraft. Was ist literarische Fiktion, was ist ein authentisches Dokument? Im Felix Philipp Ingolds Darstellung der Lebens­geschichte Kirill Beregows kann man diese beiden Bereiche nicht trennen.

Auf welch bizarre Weise auch noch im 21. Jahrhundert die Ästheti­sierung der Politik betrieben wird, erörtert im aktuellen Heft der 56 der Leipziger Literaturzeitschrift „Edit“ der Essayist Guillaume Paoli. Er inter­pretiert den exzen­trischen libyschen Diktator Gaddafi als ent­gleistes „Gesamt­kunst­werk“, als revo­lutionäre Ikone, die auf bizarre Weise die „Theatralisierung der Politik“ betreibe. In seiner Selbst­darstel­lung ähnele Gaddafi, so glaubt Paoli, einem „Aktions­künstler“, habe er doch nicht nur die monochrome Flagge Libyens entworfen, sondern auch ein schickes Auto­modell designt und sogar einen Musik-Videoclip produziert. Die zentralen Thesen des soge­nannten „Grünen Buches“, der Politik-Bibel Gaddafis, wiederholten nur die Grund­auffas­sungen der europäischen Avant­garde-Bewe­gungen. Mit diesen durch­aus be­den­kens­werten Thesen entwirft Paoli ein fast weich­gezeich­netes Bild eines Diktators, der sich nur den Fauxpas leistet, seine künstle­rische Ambition in poli­tischen Größen­wahn zu trans­formieren. Ein weiterer Essay in „Edit“ vollzieht eine wirklich vor­bild­liche Suchb­ewegung nach den etymo­logi­schen Wurzeln und künstle­rischen Mani­festa­tionen eines kleinen Sprach­partikels. Die Dichterin Sylvia Geist folgt in ihrem Essay „Das Aber der Apri­kosen“ den Spuren der Kon­junk­tion „Aber“ vom Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm bis hin zur Welt­dichtung Inger Chris­tensens. Hier isst ein sehr poetischer, auch in seiner Viel­gestal­tig­keit großartiger Essay entstan­den, der ein kleines Wort in seiner äußeren Gestalt wie auch in seinen inneren Hall­räumen und Kon­notationen prüft.
  Solche mikroskopischen Untersuchungen an unscheinbaren Wörtern oder Naturphänomenen sind in der deutschen Essayis­tik selten geworden.

Ein zweites Beispiel für eine gelungene essayis­tische Umkreisung eines unspek­takulären Natur­geschöpfs finden wir in der aktuel­len Ausgabe, der Nummer 94 der europä­ischen Kultur­zeit­schrift „Lettre International“. Es ist Susanne Röckels Er­kun­dung der „Spatzen­dämmerung“, das Soziogramm einer natur­blinden Gesell­schaft, die das Ver­schwinden der Sperlings, der zu den ältesten Begleitern der Menschen in Mittel­europa gehört, nicht einmal bemerkt hat. Der Essay liest sich wie eine Liebeserklärung an die schlichtesten, glanzlosesten Vögel unserer Lebens­welt, die man am ehesten noch in den Winkeln einer stecken­geblie­benen Moderni­sierung, in den Armen­vierteln und paupe­risierten Zonen unserer Städte antreffen kann. Über viele Jahrhunderte hinweg hat man veritable Ver­nichtungs­feld­züge gegen den Sperling geführt. Die Haupt­anklagepunkte waren dabei: Der Spatz sei ein Räuber, ein Nah­rungs­konkurrent des Menschen, er sei auch der Unkeuschheit überführt, zudem strapaziere er uns durch seinen ohren­belei­digenden Gesang. Die Beliebt­heit dieser Vögel ohne jeden pracht­vollen Feder­schmuck ist denkbar gering. Einzig die Dichtung weiß den grauen Vogel, der uns seit der Jung­steinzeit begleitet, noch zu würdigen. Etwa Durs Grünbein in seinem schönen Gedicht „Noch eine Regung“: „Grüß dich, Sperling in der Pfütze, guter Geist, / Da am Wegrand badend, immerfort gehetzt. / Weißt ja längst, was demnächst jeder weiß, / Deine Regenfrische sagts. – Ich übersetze: / Tschilp, tschilp, wie fragil ist dies fossile, / Euer Monstrum, tschilp, Gesellschaft doch.“
  Ein absolut fesselnder Beitrag in diesem „Lettre“-Heft ist auch das inten­sive Gespräch, das Frank Raddatz mit dem großen Tragö­dien-Regisseur und Theater-Mysta­gogen Peter Stein geführt hat. Hier kann Stein in der gebotenen Ausführ­lichkeit seine Argumente für die absolute Werktreue und für seine, die „andere Realität“ der alten Stücke erhaltenden Theater-Inszenie­rungen entfalten. „Ich möchte einem Kunst­werk einfach Gerech­tigkeit wider­fahren lassen“, postuliert Stein und wendet sich gegen die Zwanghaftigkeit aller „Aktualisierungen“ des zeit­genös­sischen Regie­theaters. Durch den Raub am historischen Zeitkern der alten Tragödien, so glaubt Peter Stein, hat eine ungeheure Banali­sierung in den deutschen Theatern Einzug gehalten.

Grenzüberschreitung – diese Devise eines modernen Willkür­theaters, die im Grunde eine Maxime der historischen Avant­garde­bewegungen ist, hat die Münsteraner Lite­ratur­zeit­schrift „Am Erker“ in ihrer neuen Ausgabe näher inspiziert. Als Motto der Nummer 61 des „Erker“ fungiert ein Satz des wunderbar unberechenbaren Avant­gardisten und Mystikers Hugo Ball: „Die Dimensionen wuchsen, die Grenzen fielen.“
  Zwei Abrissarbeiter an den lite­rarischen Gattungs­grenzen fallen in diesem „Er­kers“-Heft besonders auf: Einer davon ist der Autor Peter Blut, dessen empirische Existenz bezweifelt werden darf. Vermutlich handelt es sich bei Herrn Blut um eine Erfindung seines angeb­lichen Nachlass­verwalters Florian Schenkel. Ein großes Ver­gnügen bereitet jeden­falls Peter Bluts Text „Lilz – eine Ver­kraftung“, eine geniale Thomas Bernhard-Parodie mit endlosen Wie­der­holungs­schleifen, die unter anderem von einer skurrilen Ent­schlackungs­kur des Erzählers mit Ingeborg Bachmann han­delt.
  Der zweite Grenz­überschreiter in „Am Erker“ ist ein wuchtiger Außenseiter der späten DDR-Literatur, der früh gestorbene Punk-Poet „Matthias“ BAADER Holst. Der einst aus Halle an den Prenzlauer Berg gekommene Autor musste in seinem schmalen Werk immer besonders dick auftragen, um in seiner Exzentrik bemerkt zu werden. In seinem Text „viel spaß auf der titanic“ hat Holst seinen Platz in der Literaturgeschichte anvisiert: „ich halte dir einen platz frei in der welt­geschichte vielleicht zwischen beowulf und brechreiz vielleicht zwischen benn und bethlehem vielleicht in der straßenbahn“. Bei Benn und Bethlehem war dann doch kein Platz mehr frei. Eine Straßen­bahn wurde ihm zum Verhängnis. Ende Juni 1990 wurde BAADER Holst in der Oranienburger Straße in Berlin unter nie geklärten Umständen von einer Straßen­bahn angefahren und erlag eine Woche später seinen Ver­let­zungen.

Volltext Nr. 3/2011  externer Link  
Porzellangasse 11/69, A-1090 Wien. 48 Seiten, 2,90 Euro.

Edit Nr. 56,  externer Link  
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig. 130 Seiten, 5 Euro.

Lettre International 94  externer Link
Erkelenzdamm 59/61, 10999 Berlin, 140 Seiten, 11 Euro.

Am Erker 61  externer Link
c/o Frank Lingnau, Rudolfstr. 8, 48145 Münster. 160 Seiten, 9 Euro.

Michael Braun    19.10.2011   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  empfehlen

 

 
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