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Dezember 2013
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Zeitschriftenlese  –  Dezember 2013
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Es ist eine Sucht, eine kollektive Rausch­bereitschaft, eine Kommuni­kations-Epi­demie von plane­tari­schem Aus­maß. Es ist die Sucht, unab­lässig und ohne Be­sinnungs­pausen in Internet­foren Urteile zu produ­zieren, Bewer­tun­gen abzu­geben und mehr oder weniger er­hitzte Kommen­tare zu lie­fern. Ganz gleich, ob es um Bü­cher oder Filme, Homo­ehen, Fahr­rad­helme oder Wasch­maschinen geht – alles wird rezen­siert. Seit Er­fin­dung der sozia­len Netz­werke hat sich diese Manie, alles in Hoch­ge­schwin­dig­keit einer Spontan­kritik zu unter­ziehen, immer weiter aus­gebrei­tet – mit dem Ef­fekt, dass sich intel­lektuel­le Dürf­tig­kei­ten nun auch in der lite­rari­schen Sphäre ein­ge­nis­tet haben. Denn nicht nur die be­kannten Online-Händ­ler wie Amazon, sondern auch ernst­zu­neh­mende Lite­ratur­portale bieten ihren Nut­zern die Ge­le­gen­heit zu Be­wer­tun­gen und Kom­men­taren.
  Die Folgen dieser Bewertungs-Manien hat nun Jan Drees in der aktuellen Aus­gabe, der Num­mer 37 der Lite­ratur­zeit­schrift „BELLA triste“ unter­sucht. Sein Essay trägt den schönen Titel „Die Rezen­sion des Lebens“ und er fragt nach der Ver­läss­lich­keit dieser Urteile, die unser Leben immer mehr in Form von Hit­paraden, Ran­kings und Be­liebt­heits-Listen struk­tu­rieren. Was Drees leider nicht thema­tisiert, ist der Umstand, dass die klas­sische Lite­ratur­kritik durch die globa­li­sierte Bewer­tungs­Lust deut­lich an Terrain verliert. Wo das Rezensieren all­gegen­wär­tig geworden ist, da hat der klas­sische Feuil­leton-Rezen­sent sein Allein­stel­lungs­merkmal und seine Exklusi­vität der Wer­tung verloren. Wo bis­lang eine singuläre Edel­feder ihre ge­schmei­dig formu­lierten Urteile abgeben konnte, da treten nun ganze Heer­scharen von unbe­zahlten All­tags-Rezen­senten auf den Plan und der Be­rufs­kritiker wird zu einer schwa­chen Stimme unter vielen.
  Der erste Autor, der vor über hundert Jahren die kulturkritische Kommen­tie­rung der Welt­lage zur Dauer­beschäf­tigung erhob, war der legen­däre Öster­reicher Karl Kraus. Seine Zeit­schrift „Die Fackel“, in der er von 1899 bis 1936 auf über zwanzig­tausend Seiten alle denkbaren Zeitgeist-Phäno­mene kommen­tierte, war – so zeigt Jan Drees in seinem „BELLA triste“-Essay – gewisser­ma­ßen der erste große Kul­tur-Blog.
  In welcher Weise hat nun die Facebook-Kultur die Fähigkeit ästhe­tischer Wer­tung ver­ändert? Die Schrift­stellerin Kathrin Passig legt zu dieser Frage eine kleine Sozio­lo­gie der In­ternet­communi­ties vor. Im Oktober/November-Sonder­heft der Zeit­schrift „Merkur“, das sich den aktuel­len Mög­lich­keiten von Ge­mein­schafts­bildung und Kol­lek­tivi­tät in­mitten der Indivi­duali­sierung widmet, ana­lysiert Passig die „Kon­sens­illu­sion“ und schein­hafte Ver­bunden­heit der ein­schlä­gigen Online­freundes­kreise. Da Passig jedoch selbst eine Autorin ist, die ihre lite­rari­schen Ambitionen vor­wie­gend in Internet-Kontexten aus­agiert, fällt ihr Urteil über die intel­lektuel­len Qualitäten der Online­ge­mein­schaften recht milde aus. An­statt die gras­sierende Kommen­tar-Sucht als ungute Form hyper­venti­lie­render Kritik zu mar­kieren, glaubt sie noch immer fest an die Produ­ktivität der Inter­net-Diskurse.
  Der temperamentvollste Beitrag im „Merkur“-Sonderheft gilt einer genuin west­deut­schen Bewusst­seins­form, die sich an einer klischee­getränk­ten Sicht auf die Ver­hält­nisse in der ehe­maligen DDR weidet. Der Journa­list Matthias Dell hat unter dem bos­haften Titel „Bring mir den Kopf von Gregor Gysi“ eine grimmige Attacke auf die Über­heb­lich­keit des soge­nann­ten „Hubert-Winkels-Wir“ in der west­deut­schen Ästhe­tik und Lite­ratur­kritik gestartet. In einer pole­mischen Volte nimmt er einige unzi­tiert blei­bende Äuße­rungen des Lite­ratur­kriti­kers Hubert Winkels zum An­lass, um das nach seiner Ansicht unter­ent­wickelte Urteil über die Ver­hält­nisse in der DDR bloß­zu­legen. Das Hauptziel seiner Pole­mik sind zwei berühmte Schlüs­sel­erzäh­lungen zur Tragödie des SED-Staats: Uwe Tell­kamps Roman „Der Turm“ mitsamt seiner Ver­fil­mung und Florian Henckel von Donners­marcks Film „Das Leben der Anderen“. Dell mokiert sich über die angeb­liche „Reat­trakti­vie­rung des bürger­lichen Ost­deutschen“ in Tellkamps Roman und vor allem über die Bana­li­sierung der mora­lischen In­suf­fizienz der Haupt­figur zur „typisch roman­tischen Schwäche“. Für den Film „Das Leben der Ande­ren“ hat Dell nur Ver­ach­tung übrig: „Der Film richtet die DDR genau so ein, dass sie an­schluss­fähig an den bür­ger­lichen Geschmack des Wes­tens wird, weil sie an unsa­nierte Kind­heiten in den siebziger Jahren und zeitlose Ästhe­tik er­in­nert.“ Die sicher­lich schmerz­hafteste Pointe dieses „Merkur“-Essays aber ist, dass Tellkamps großes Epos lite­ratur­genea­logisch in die Nähe eines passio­nierten DDR-Staats­dichters gerückt wird, in die Nähe des ewigen DDR-Konfor­misten Dieter Noll.
  Als Proto­typ eines klischee­verliebten Intel­lektuel­len ausge­rechnet ein „Hubert-Winkels-Wir“ zu erfinden, bleibt eine kleine Infamie. Dass es möglich ist, ganz un­polemische und text­bezogene Kritik an Hubert Winkels zu formu­lieren, hat nun in Heft 2/2013 der Zeitschrift „Ostragehege“ die Schrift­stel­lerin Martina Hefter demon­striert. In einem „of­fenen Brief“ an Hubert Winkels wendet sie sich gegen Argumen­tations­figur des Kritikers, der öffentlich sein Bedauern kund­getan hatte, dass Martina Hefter keine Romane mehr schreibe. Im Gegenzug erklärt nun die Autorin, dass ihre Abwen­dung vom Roman keines­wegs einem von außen auf­erlegten Zwang oder einer Schreib­krise geschuldet sei, sondern sich einer freien künstle­rischen Ent­scheidung verdanke – der Ent­scheidung für das Ge­dicht, für die Lyrik als derzeit für Martina Hefter auf­regendstem künst­le­ri­schen Feld.
  Neben dem offenen Brief Martina Hefters finden sich noch weitere lesenswerte Beiträge im neuen „Ostragehege“. Da ist Kathrin Schmidts Porträt des antike-beses­senen Dresdner Dichters Gregor Kunz, von dem einige impo­nierende Gedicht-Exempel abgedruckt sind. Und da sind schöne Gedichte des kaum bekannten Myron Hurna, wunderbare Minia­turen von Jayne-Ann Igel und ein groß­artiges Ver­gäng­lich­keits­gedicht von Dieter Hofmann:

Es war einmal

Die alte Schule war einmal,
hier geht kein Kind mehr her.

Der alte Tanzsaal war einmal.
Auch hier gibts keine Wiederkehr.

Hier stirbt ein Alter in der Qual.
Hier bleibt die schöne Kirche leer.

Es dunkelt mehr und immer mehr.

Kehren wir noch einmal zu einer der Ausgangsfragen zurück. Welche Orte gibt es im Inter­net, die es mit dem Diskurs tradi­tionel­ler Kultur­zeit­schriften auf­nehmen können? Es gibt tat­säch­lich eine Online-Zeit­schrift, die mittlerweile zu einer Ins­tanz für ästhe­ti­sche Theorie und moderne Lyrik gewor­den ist: Es ist die seit 2010 betriebene Zeit­schrift www.karawa.net, die von den Schrift­stel­lern Konstan­tin Ames, Tobias Ams­linger, Norbert Lange und Léonce Lupette he­raus­gege­ben wird. Die jüngste Aus­gabe, die Nummer 5 von karawa.net, widmet sich der „Baby­lonischen Leiter“ – und das entpuppt sich als weit aus­greifende Re­flexion über die Auf­gaben der Poesie von ihren antiken Ur­sprüngen bis heute. Im Zentrum steht ein fabelhafter Essay des Dichters Asmus Trautsch, der in seinen Exkur­sen über die „Musen­schrift“ akribisch die Über­lieferungs­geschichte zu den neun Schutz­göttin­nen der Künste nach­zeichnet und sich dabei vor allem auf die Theogonie des Hesiod stützt. Im titel­geben­den Auf­satz „Baby­lonische Leiter“ unter­sucht der Essayist Stefan Ripplinger das Gedicht „Civitas Dei“ des hier­zu­lande kaum bekannten ameri­kanischen Dichters William Bronks – eine geradezu mustergültige philologische Entzifferung eines Gedichts, das sich die Frage nach dem Gottes­staat stellt und dabei alles Meta­physische, Ge­heim­nis­volle wegreißt.
  Drei Herausgeber von karawa.net, Konstantin Ames, Tobias Amslinger und Nor­bert Lange, sind auch an dem neuen Heft der „Kritischen Ausgabe“ beteiligt, einer „Zeitschrift für Germanistik und Literatur“, die mit der aktuellen Nummer 25 eine ganz ausgezeichnete Einführung in die derzeit avanciertesten Poetiken der jüngeren Schriftsteller-Generation vorgelegt hat.
  Hier hat die immer originelle Ann Cotten eine umfangreiche Analyse von so­ge­nannten Listen-Gedichten publiziert, poetischen Texten also, die ihre Sätze, Bilder oder Zitate in der Art einer Liste anordnen. Als Extrem­formen dieser an Listen orien­tierten Texte nennt Ann Cotten ein Buch der Künst­lerin U.D. Bauer. Es trägt den schlich­ten Titel „O.T.“, also „ohne Titel“, ein Roman, der aus­schließ­lich aus Zitaten komponiert ist.
  Unter den übrigen lesens­werten Beiträgen in der „Kritischen Ausgabe“ möchte ich drei her­vor­heben: Da sind zum einen die formal wagemutigen Gedichte von Norbert Lange zu nennen, die in unter­schied­licher Weise eine Radi­kali­sierung lyrischer Rede an­streben. Die hier abge­druckte „siebende Dumm­kopf­elegie“ zielt auf eine kunst­volle Demon­tage des alten Dich­ter­priester­tums, wie es einst Rainer Maria Rilke in seinen Duineser Elegien verkör­perte. Ein weiterer Text heißt „Symme­trische Ver­wüs­tungen“ – ein schönes Paradoxon, das die Bewah­rung und gleich­zeitige Auf­lösung poe­tischer Ord­nung mar­kiert. Der aus Völ­klingen stam­mende und in Berlin lebende Konstan­tin Ames liefert einen erhel­lenden Kommen­tar zu den Gedichten von Norbert Lange und verweist auf dessen Gegen­position zu vor­gefun­denen Auto­ritä­ten und Ord­nungs­sys­temen. Die kon­zen­trier­teste Gedicht-Exegese in der „Kriti­schen Aus­gabe“ ver­danken wir Tobias Ams­linger, der sich mit den – wie es heißt – „poeti­schen Ent­gren­zungen“ der 1982 gebo­renen Mara Genschel aus­einander­setzt. Die Arbeiten von Mara Genschel stel­len den Pro­zess­cha­rakter des Schrei­bens in den Vor­der­grund. Viele Ge­dichte werden als „Roh­texte“ noch einmal graphe­misch bearbeitet, mit Strei­chungen und kleinen hand­schrift­lichen Ergän­zungen versehen. Seit 2012 präsen­tiert die Autorin zudem ihre Texte in kleinen Heften, die unter dem Titel „Referenz­fläche“ in Kleinst­auflagen von der Autorin selbst ver­trieben werden. In seiner brillanten Analyse verweist Tobias Amslinger auf die Buch­staben­ver­tau­schun­gen in Gen­schels Gedicht über den hei­ligen Sebas­tian: Dieses Gedicht funktioniere wie eine „Kipp­figur, in der Großes in Kleines übergeht“ und sich das Hei­lige unmerk­lich ins Profane ver­wandelt. In einer kleinen Inscriptio am Ende der Seite macht Genschel klar, dass der Text selbst zum ver­wun­deten heiligen Sebastian wird: „Er steht dort mit geklebten Haarn / am Wegestand und ohne Schrein // zu Füßen ein geschnitzter Reim/unleser­lich, ob Kreuz, ob Arm“.

BELLA triste 37, Herbst 2013“.  externer Link
Neustädter Markt 3-4, 31134 Hildesheim. 100 Seiten, 5,35 Euro.

MERKUR 10/11 (2013)   externer Link
Mommsenstr. 27, 10629 Berlin. Klett-Cotta Verlag, 230 Seiten, 21,90 Euro.

Ostragehege 71 (2013)  externer Link
c/o Axel Helbig, Birkenstraße 16, 01328 Dresden. 70 Seiten, 4,90 Euro.

www.karawa.net No 5  externer Link  
„Babylonische Leiter“, Beiträge von Asmus Trautsch, Stefan Ripplinger, Mara Genschel u.a.

Kritische Ausgabe, No. 25   externer Link  
c/o Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelm-Universität, Am Hof 1d, 53113 Bonn. 148 Seiten, 6 Euro.


Michael Braun    11.12.2013   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  empfehlen

 

 
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