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März 2009
AkzenteDie HorenDie Aktion
 
Zeitschriftenlese  –  März 2009
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk
Das Geheimnis großer Dichtung besteht darin, dass wir auch nach mehrfachem Lesen nicht genau wissen, was dasteht. Wir werden mit Hilfe von Metrum, Rhythmus, Klang und Bild in unter­schiedliche Bedeutungs­höfe gelockt, finden den richtigen Ausgang nicht mehr, verharren und grübeln und finden allenfalls zu einer vorläufigen Richtungs­bestimmung. Je näher wir das Gedicht anschauen, desto ferner schaut es zurück – und wir stehen am Ende der Lektüre mit mehr Fragen da als am Anfang. Der Philologe Klaus Reichert hat diesen Vorgang an den Gedichten der amerikanischen Poetin Emily Dickinson beschrieben – und an den daraus erwachsenden Schwierigkeiten einer Lyrik-Übersetzung. In Heft 1/2009 der Literatur­zeitschrift „Akzente“ finden wir Reicherts Laudatio auf die Dickinson-Übersetzerin Gunhild Kübler, eine sehr lehrreiche Lobrede, die einige grundsätzliche Überlegungen zum Möglichkeitssinn von Gedichten einschließt. Eins der berühmtesten Gedichte von Emily Dickinson beginnt ja mit der Zeile: „Ich wohne in der Möglichkeit…“ – und an diesem Horizont der offenen Möglichkeiten entlang bewegt sich Poesie und ihre Übersetzung. Das aktuelle „Akzente“-Heft präsentiert einige schöne Beispiele für diese lyrische Suchbewegung in der Möglichkeit. Jürgen Becker legt einige „Journalsätze“ vor, kleine, frei schwebende, oft sehr lakonische Satzpartikel, in denen hinter scheinbarer Einfachheit verborgene Sinn­potentiale auf­leuchten können. „Tagsüber weiß man nicht, welche Wörter es sind, mit denen man aufhört zu sprechen“: Das ist ein solcher „Journalsatz“, der es in sich hat. Er positioniert seine morphologischen Einzelteile an der Grenze von Sprechen und Schweigen – und er vagiert im Ungewissen. Ist ein definitives Verstummen gemeint oder nur ein alltägliches in der Dämmer­zone zwischen Wachen und Schlafen? Und gibt es die Vorrang­stellung der poetischen Erkenntnis in der Nacht gegenüber dem Nicht-Wissen des „Tagsüber“? „Tagsüber weiß man nicht, welche Wörter es sind, mit denen man aufhört zu sprechen“. Und selbst wenn der Satz nur die Beobachtung des Verstummens kurz vor dem Einschlafen markieren will, so ist doch auch ein endgültiges Sprachloswerden mit konnotiert.
Ein anderer Fall sind die Gedichte des in Tübingen lebenden Dichters und Verlegers Henning Ziebritzki. Diese Texte scheinen uns mit alltäglichen Szenarien anzulocken, kleinen Begegnungen und Momenten des Inne­haltens inmitten der blinden Routine der Geschäftigkeit. Seine Gedichte führen uns an „kleine Ziele“, an die Tür unauffälliger Wohnungen mit eher auffäl­ligen Bewohnern, ans Rheinufer oder zum Sightseeing in eine Basilika. An manchen Stellen können wir uns nicht mehr sicher sein, ob wir schon in einer Traumlandschaft gelandet sind, weil die Dinge plötzlich eine andere Gestalt annehmen und den Beobachter wie das Beobachtete verwandeln. Immer aber vollzieht sich ein unheimlicher, manchmal schockhafter Moment des Übergangs in einen „anderen Zustand“. Was soeben noch leichthin überschaubar und kontrollierbar schien, entgleitet dem lyrischen Subjekt und ein Riss in der Welt tut sich auf. Die alte Welt verliert ihre Gültigkeit und etwas Bedrohliches erschüttert das Ich in seinen Fundamenten. Der Besucher in der Basilika greift zunächst nach sogenannten „Sehhilfen“, dann aber kommt ihm in diesem sakralen Zusammenhang eine rohe, unverstellte Sinnlichkeit in die Quere, allegorisiert in einem „großen nassen Hund“. Solche Momente der Verstörung sind konstitutiv für Ziebritzkis Gedichte.
Dem Möglichkeitssinn des Lyrikers Ziebritzki tritt im neuen Heft, der Nummer 233 der Literaturzeitschrift „die horen“, der fein ausgebildete Interpretationssinn des Essayisten Ziebritzki zur Seite. Hier entziffert er in einem sehr akribischen Aufsatz das lyrische Werk des Dichters Michael Buselmeier. Alle Zentralmotive in Buselmeiers Oeuvre werden geduldig herausgearbeitet: die große biographische Konfession, die Archäologie des Heimatgefühls, das emphatische Gespräch mit den toten Urahnen. Als „Gravitationszentrum“ dieser Dichtung wird die poetische Rückholung der verlorenen Kindheit und der darin gespeicherten Geschichte beschrieben. Der historische Impuls von Buselmeiers Poesie zeige sich in einer „spezifischen Nahfernkonstellation der Gedichte“. Gemeint ist die erinnernde Vergegenwärtigung der versunkenen Kindheit, in der sich „auf dem Grund des Gedächtnisses“ die Kriegsversehrten, die Mörder und die Gehenkten tummeln. Der Duktus der Gedichte, so Ziebritzki, „erinnert an Erdschollen, Furchen, Steine. Die Sprache wird Erde und Spaten zugleich, und Buselmeier ist der Chronist, der mit dem Sprachspaten die Erde der Sprache umgräbt, bis das Erinnerte freigelegt ist und das Gedicht beides abbildet: den Akt des Grabens und das, was auf dem Grund zu finden war.“ Ziebritzki benennt als vorläufigen Endpunkt und Umkehrpunkt zu einer tastenden Neuorientierung Buselmeiers Band „Lichtaxt“ aus dem Jahre 2006.
Mittlerweile gibt es einen neuen Gedichtzyklus, in dem sich eine ganz elementare poetische Metamorphose und Weiterentwicklung des Lyrikers Buselmeier manifestiert. Der Zyklus „Dante deutsch“, nachzulesen im überaus anregenden Magazin des Poetenladens, der Nummer 6 von „poet“, versammelt pathetisch stark aufgeladene Visionen von Höllenwanderungen und Paradies-Phantasmagorien. Durch die strenge Form dieser Gedichte, die sich auch klassische Reime und unregel­mäßige Metren gestatten, entsteht ein ganz neuer Tonfall – ein beschwörender Gestus, der ganz in der Tradition von Dantes „Divina Commedia“ steht. Die alten Motive Buselmeiers sind alle noch da: das Totengespräch, die überschwängliche Natur­romantik, die exzentrische Position des Dichter­subjekts. Neu aber ist der hohe Ton der religiösen Innigkeit, ein fast demütiges Flehen nach den alten Momenten der Offenbarung. In einem dieser Gedichte kehrt auch ein einstmals hoch umstrittenes Motiv aus dem Buselmeier-Roman „Der Untergang von Heidelberg“ zurück – nämlich die sympathetische Darstellung einer Fronleichnams-Prozession. Was schon 1981 den Zorn der säkular gestimmten Leser erregte, klingt nun im Dante-Zyklus noch schwärme­rischer und noch glühender. Ich zitiere das Gedicht „Dante deutsch: Die Läuterung“:
Schmerzlust Fronlast, sagst du, ihr seid das Feld,
der Gottesacker Welt; ihr seid des Lebens
zähe Kreisform Tod. Ich bin das Brot,
der Wein im hellen Kelch, das Wort aus Stein,
gegerbtes Fell, die Fahne weiß und rot,
das Lindenblühn im Park, die Birken locken,
der Weihrauchduft, die Vogelsprache, Glocken
so nah im Wind, als ich verschlafen, blind
den Laden aufstieß und die Kinder sah
auf Blütenblättern kniend, O und A.
Sind wir die Letzten, die Gott spüren,
im Baldachin durch unsre Gassen führen?
jasminbekränzt uns in die Lüfte schwingen,
mit Erdbeereis bekleckert Verse singen?
Am Schluß des Zugs die flackernde Monstranz.

Diese neue „poet“-Nummer liefert auch ein Antidot gegen den flachsinnigen Kult um die sogenannte „Junge Literatur“ und die „Junge Lyrik“. Der Herausgeber Andreas Heidtmann hat diesmal demonstrativ ältere Autoren gebeten, aus ihrer Perspektive die Aufgaben der Literatur zu bestimmen und sich auch zur aktuellen Literaturszene zu äußern. So finden sich anregende Gespräche mit Dagmar Nick, Friederike Mayröcker und Reiner Kunze. Am lebendigsten formuliert noch der 83jährige Gerhard Zwerenz, ein ziemlich querköpfiger Sozialist, der mit seinen manchmal kolportage­haften Romanen und Essays in der DDR der Fünfziger Jahre sofort den Zorn der Mächtigen provozierte. Heute, nach über 100 Romanen und politischen Schriften, gibt er noch immer auf witzige Weise den Provokateur.

Ein Zwerenzscher Traktat aus dem Jahr 1969 trug übrigens den Titel „Die Lust am Sozialismus“. Ob diese Lust am Sozialismus angesichts des kollabierenden Finanzkapitalismus wiederzuerwecken ist, lässt sich noch nicht absehen. Unübersehbar ist jedoch eine Renaissance der Gesell­schafts­theorie von Karl Marx. Im aktuellen März-Heft des „Merkur“ analysiert der Soziologe Heinz Bude die Differenzen zwischen der Marx-Begeisterung der Generation von 1968 und dem Marx-Revival dieser Tage. Nicht zu bestreiten ist, dass Marx selbst in seiner populärsten Schrift, dem mit Engels verfassten „Manifest der Kommunistischen Partei“ von 1848, die autodestruktiven Triebkräfte des Kapitalismus exakt beschrieben hat: Er spricht dort von der Bourgeoisie, die über den ganzen Erdball jagt und die lückenlose Exploitation, sprich: Ausbeutung von allem und jedem betreibt. Später kam dann in den legendären „Blauen Bänden“ noch die dramatische Enthüllung vom „tendenziellen Fall der Profitrate“ hinzu – ein Stichwort, das wie für den aktuellen Kollaps der Finanzmärkte erfunden scheint. Der Marx von heute, so Bude, sei von seinen Fans theoretisch aufgeweicht worden. Denn er steht ja heute nicht für das Ende aller kapitalismusimmanenten Politik, sondern für die Notwendigkeit von Politik angesichts des Endes der Ökonomie. Der Marx von heute soll aber nicht mehr die Interessen einer geschichtsphilosophisch privilegierten Klasse repräsentieren, sondern einer sehr vielstimmigen, durch keine Klassen getrennten Gesellschaft.

Mit den Nachtseiten des Kapitalismus befasst sich in gewohnter Schärfe auch die Zeitschrift „Die Aktion“, die in Heft 215 die finsterste Dimension der kapitalistischen Machtapparate auslotet: nämlich die „politische Techno­logie der Pein“ , mit der sich vor allem die USA ihren Status als Hegemonial­macht zu sichern gedenkt. Wolfgang Pircher und Olaf Arndt versammeln Materia­lien zur furchtbaren Wirkung der aller­neuesten Peinigungs­geräte. Es sind unerhörte Waffen und Technologien, deren Vorhanden­sein man bislang nur aus politischen Horror­filmen der mittleren Güte­klasse oder aus Ver­schwö­rungs­theorien kannte. Hoch­frequente Radiowellen, gigantische Hitze-Strahler oder Laser­kanonen werden die zukünftigen Waffen in der Auf­stands­bekämpfung sein. Die Partisanen der Zukunft werden einem neuen Feind gegen­überstehen: hoch­effektiven „Schmerzmaschinen“.
Akzente, H. 1/2009   externer Link
Carl Hanser Verlag, Postfach 860420, 81631 München
96 Seiten, 7,90 Euro

die horen, Nr. 233  externer Link
c/o Johann Tammen, Wurster Str. 380, 27580 Bremerhaven. 240 Seiten, 14 Euro.

poet nr. 6   externer Link
Poetenladen, Blumenstraße 25, 04155 Leipzig
208 Seiten, 8,80 Euro

Merkur, H. 3/2009   externer Link
Mommsenstr. 27, 10629 Berlin. Klett-Cotta Verlag
96 Seiten, 11 Euro

Die Aktion, H. 215  externer Link
Schützenstr. 49 a, 22761 Hamburg
96 Seiten, 6 Euro

Michael Braun18.03.2009Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-AnsichtSeite empfehlen  empfehlen

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese März 2009

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