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April 2014
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Zeitschriftenlese  –  
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Auf literarische „Manifeste“, die mit wohl­feilen Allge­mein­begrif­fen ästhe­tische Hand­lungs­an­lei­tungen in Umlauf brin­gen, rea­gieren Schrift­steller heute aller­gisch. Das war in der jünge­ren Li­te­ratur­ge­schichte nicht immer so. Den höchs­ten Ein­schüchte­rungs­wert, den je ein lite­rari­sches Manifest erzielt hat, ver­danken wir einem berühm­ten Auf­satz Hans Mag­nus Enzens­bergers im legen­dären „Kursbuch 15“ aus dem Jahr 1968. In diesen „Gemein­plätzen, die neueste deutsche Lite­ratur be­treffend“, verhängte der damals kul­tur­revo­lutio­när auf­trump­fende En­zensb­erger de facto ein Schreib­ver­bot für seine politisch pro­gres­siven Kollegen. „Heute“, so orakelte En­zens­berger damals, „liegt die poli­tische Harm­losig­keit aller lite­rarischen, ja aller künst­le­rischen Er­zeug­nisse offen zutage: schon der Umstand, dass sie sich als solche defi­nieren lassen, neutra­lisiert sie.“ Das klang nach kunst­feind­lichem Rigo­rismus, war aber letzt­lich nur eine ästhe­tische Pose, die bald neue Mani­feste und Gegen-Mani­feste nach sich zog. Die Lite­ra­tur stellte sich nur für Sekunden tot, um kurz da­rauf mit gefes­tigtem Selbst­be­wusst­sein ihre Wieder­aufer­stehung zu feiern.
  Nun hat sich etwas überraschend die Kulturzeitschrift „Neue Rund­schau“ in ihrer neuen Ausgabe, dem Heft 1 / 2014, vor­genommen, die jüngere Autoren­gene­ration zu „Mani­festen für eine Lite­ratur der Zukunft“ zu animieren. Obwohl viele der Eingeladenen am Sinn dieses Unter­nehmens zwei­felten, haben sich dann doch dreißig Autoren von dem Gast­heraus­geber Jan Brandt mehr oder weniger um­fang­reiche State­ments zum Thema entlocken lassen. Dabei ist ein fast 400 Seiten starkes Heft heraus­gekom­men, das sich Mühe gibt, die Belie­big­keit futu­rolo­gischer Literatur-Speku­lation zu vermeiden. Wer fürchtet, hier auf die Wunschbilder einer schönen neuen Welt der Ver­netzung zu treffen, wird sich leider rasch bestätigt fühlen und hastig weiter­blättern. Denn Auto­ren wie Nikola Richter, Rery Maldonado oder der Schweizer Lukas Jost Gross träumen ihre niedliche Utopie vom Triumph­zug der digitalen Lite­ratur. Allen Ernstes wird hier eine neue lite­rarische Schwarm­intel­ligenz ausgerufen: „Die Fünfte Inter­natio­nale kann nur in freien Räumen im Netz ent­stehen.“ Mit solchem internet-gläubigem Nasch­werk, das sich wie ein kultur­po­liti­sches Programm der Pira­ten­partei liest, muss man sich aber nicht lang­weilen. Denn in diesem Zukunfts-Dossier der „Neuen Rund­schau“ verbergen sich auch einige listige, wider­ständige Texte, die auf amüsante Weise die „Mani­fest“-Erwar­tung unter­laufen. Da ist etwa ein langes Gedicht von Björn Kuhligk, das Poetik-Debat­ten iro­nisch konter­kariert und die her­vor­gehobene Position des Dichters mit dazu: „Ich weiß nicht, was ein Gedicht ist“, heißt es da, „ich weiß, dass jemand, der sich für einen großen oder wich­tigen Dichter /hält, einen Knall hat.“ In einem schönen Vers wird hier die Auto­nomie der Poesie zu­sammen­ge­fasst: „Das Gedicht grenzt im Westen an die Ver­einigten Staaten der Zweck­losig­keit.“ Der schönste, weil alle Zukunfts-Erwar­tungen voll­ständig negie­rende Text ist ein mixtum compo­situm aus unglaub­lichen Geschichten, das sich der Leipziger Autor Francis Nenik ausgedacht hat. Nenik berichtet von dem fikti­ven däni­schen Schrift­steller Ove Bal­ling, der es sich, entnervt durch seinen gran­diosen lite­rari­schen Miss­erfolg, zum Ziel setzte, seine eigene Roman­tri­logie zum Ver­schwin­den zu bringen. Der Pop-Künst­ler Robert Rauschen­berg hatte es der­einst ge­schafft, mit Hilfe diver­ser Radier­gummis ein Gemälde des abstrak­ten Expres­sionis­ten Willem de Kooning aus­zu­radie­ren. So be­schloss auch der un­glück­liche Ove Balling, einen ähnlichen Weg zu gehen und alle Exemplare seiner Roman­tri­logie zurück­zu­kaufen, sie bis auf ein Exem­plar zu ver­brennen und das letzte Exemplar zu zer­schneiden und die ein­zelnen Blätter mit Hilfe von Tipp-Ex in weiße Seiten zu ver­wandeln. „Die Zukunft der Lite­ratur“, so zitiert Nenik den selbst­destruktiven Dänen, „liegt nicht im Schreiben einer neuen, sondern im Löschen der alten!“
  Die wirklich aufregenden Texte in der aktuellen Ausgabe der „Neuen Rund­schau“ finden wir aber jenseits der Zukunfts-Manifeste. Da ist zum einen eine hübsche Ode des Berliner Lyrikers Florian Voß, in der die elek­tro­nischen Gerät­schaften aus der Steinzeit des Computer-Zeitalters als ideale Medien der Poesie aufgerufen werden: „auf diesem keyboard kann man alte oden hacken“. Und als der lehr­reichste Essay des Heftes darf sicher­lich das schöne Porträt des hundert­jäh­rigen Sur­realis­ten Karl Otto Götz gelten, das der bald 88jährige Dichter Franz Mon geschrie­ben hat. Die beiden Altmeister und Akti­visten der expe­rimen­tellen Kunst und Poesie verbindet seit über sechzig Jahren eine rege Arbeits­freund­schaft. Franz Mon erinnert an die Zeit zwischen 1948 und 1953, als Karl Otto Götz die expe­rimentelle Zeitschrift META heraus­gab, worin die ersten Gedichte Franz Mons erschienen. Und er resümiert die Inten­tionen der sur­realis­tischen Male­rei von Götz, der es vor allem darum gehe, „Anonymes und Über­raschendes ins Bild zu locken“.
  Statt mit Spekulationen über die Literatur der Zukunft versucht sich „BELLA Triste“, die „Zeit­schrift für junge Literatur“, in ihrer aktuel­len Nummer 38 diesmal mit einem Streit­ge­spräch über die lyri­sche Gegen­wart. Allein die Ankün­digung, dass hier Ann Cotten, die nach eigener Auskunft „den Extremen zugeneigte“ Poetin, mit ihrem Kol­legen Marius Hulpe über „Schön­heit, Politik und Lyrik“ debattiert, weckt hohe Erwar­tungen. Leider schlei­chen die beiden Kontra­henten begriff­lich um den heißen Brei herum und es werden nur ganz skizzen­haft Positionen sicht­bar. Etwa Hulpes Miss­trauen gegen­über einer „sprach­exor­zierenden“ Dichtung, die sich nur „intern verhakt“ oder Ann Cottens Bekenntnis zu einer „pragmatischen Anarchie“. Das bleibt aber alles im Unge­fähren, das ganze Ge­spräch liest sich wie eine bewusste Flucht vor Eindeutig­keit.

Wer lehrreiche Gespräche und instruktive Essays über Poesie bevorzugt, der muss dann doch zur Kultur­zeitschrift „Sinn und Form“ greifen. In der aktuellen März / April-Ausgabe von „Sinn und Form“ spricht die französische Schrift­stel­lerin Cécile Wajsbrot mit der Philo­sophin Hélène Cixous über deren deutsche Wurzeln. „In Algerien wurde ich geboren“, so resümiert die be­deutende Post­struk­tura­lis­tin Cixous, „und von Deutsch­land stamme ich ab, ... ich sog aus zwei Böden Kraft und Bedeu­tung.“ Cixous' Mutter stammte aus Osna­brück, eine asch­kena­sische Jüdin, und die Philo­sophin verspürte seit je die doppelte Her­kunft, die „mein Ohr mit der gleichen An­fangs­silbe um­schmei­cheln (Allemagne/Algérie)“. Und diese Erfah­rung einer Her­kunft aus zwei Kulturen be­schreibt Cixous als „Urszene von Genuß“: nämlich als Gewiss­heit, zu zweit zu sein, „stets zu etwas anderem Zuflucht nehmen können, nicht in der Zelle des Eigenen, des Natio­nalen einge­schlossen zu sein“.
  In einem glänzenden Essay nähert sich Sebastian Kleinschmidt in „Sinn und Form“ den akustischen Quellen der Poesie Jürgen Beckers. Ein Grundelement der Dichtung Jürgen Beckers ist ja seine Begeg­nung mit dem Rund­funk, mit den Stimmen, die aus dem Radio an sein Ohr gelangten, die er dann später in sein Klangkino der Gedichte und Hör­spiele ver­wan­delte: in eine akustische Land­schaft aus Stimmen, Ton­fetzen und Geräuschen, ver­flochten zu simultanen Bewusst­seins­steno­grammen. Klein­schmidt zeigt das alles mit einer ruhigen Ge­nauig­keit und Sorg­falt, die er in den langen Jahren seiner Arbeit als Heraus­geber von „Sinn und Form“ immer weiter verfeinert hat.
  Tatsäch­lich gehört es seit je zum Reiz dieser Zeitschrift, dass sie eine spannungs­reiche Koexistenz unter­schied­lichs­ter Denk­tradi­tionen ange­strebt hat – das Neben­einander post­marxis­tischer Ansätze mit den Denk­figuren einer konser­vativen Intel­ligenz, die sich aus der Phi­loso­phie Hans Georg Gadamers speist. Diese Ver­gegen­wärti­gung einer großen Ideen­geschichte war die große Passion Sebastian Klein­schmidts – und wird auch vom neuen „Sinn und Form“-Heraus­geber Matthias Weichelt fortgeführt.
  Zu den Passionen der Literaturzeitung „Volltext“ gehört seit einiger Zeit die eingehende Beschäf­ti­gung mit einer Theorie der lite­rarischen Über­setzung. In den letzten drei Ausgaben hat hier der Schweizer Dichter, Über­setzer und Slawist Felix Philipp Ingold ein Plädoyer für einen „erweiterten Über­setzungs­begriff“ vor­gelegt, der sich bewusst ist, dass eine Über­setzung stets einen not­wendigen Verrat am lite­rari­schen Original mit einschließt. Noch bei größter Text­treue, so Ingold, lässt sich ein Gedicht in keiner Zielsprache adäquat nachbilden; so dass letzt­lich viel von der Frei­heit und dem eigen­schöpfe­rischen Ehrgeiz des Über­setzers abhängt. Ingold plädiert leiden­schaft­lich für eine Auf­wertung des Übersetzers und für eine Rela­tivie­rung der Autor-Position, die Grenzen zwischen Poesie und Über­setzung beginnen bei ihm zu ver­schwimmen. Im aktuel­len Heft 1/2014 von „Volltext“ ent­wickelt Ingold eine ebenso penible wie schlüssige Kritik an der Über­setzung der Gedichte des italienischen Welt­poeten Andrea Zanzotto. Den Zanzotto-Über­setzern um Peter Waterhouse und Ludwig Paul­michl vermag er einige Schwächen und zweifel­hafte Ent­schei­dungen nach­zuweisen. Mit seiner Kritik demen­tiert er jedoch auch unwil­lentlich seine Maximen einer freien, erwei­terten Über­setzung.

Den Wanderungsbewegungen der Wörter folgen seit je die Übersetzer; der Wande­rungs­bewe­gung einer reli­giösen Utopie hat seit einiger Zeit der Dichter Ulf Stolter­foht nach­gespürt. In seinem zyklisch gebauten Gedicht „neu-jerusalem“,aus dem Stolter­foht erstmals einige Auszüge in Heft 6 der Lite­ratur­zeit­schrift „Mütze“ präsen­tiert, folgt er den Flucht­linien schwäbischer Pietisten, die es im frühen 18. Jahr­hundert nach Ameri­ka ver­schlug, wo sie die Wieder­kunft Christi erwar­teten. Stolter­foht blättert also in Heft 6 der „Mütze“ ein Kapitel aus der Reli­gions­geschichte und der schwä­bischen Historie auf und verknüpft das mit einer ent­fesselten Sprachkomik, die aus der Erforschung der regionalen Wurzeln der frommen Pilger­ströme ein großes Sprach­vergnügen gewinnt. Und das klingt dann so: „sie alle waren damals gleichfalls auf der straße...speckschweizer erweckte; ... / laupheimer mucker; ledige mütter; sodomiten; böhme-versöhnte; / radikale marien und freie susannen (zum teil mit gliedpfannen); / ver­sprengte gerenkte; die gelinden bringer von singen; klempe-/ rer; schweinfurter künder der durft...“ Das zweite hoch­interes­sante Projekt in der „Mütze“ hat der Dichter Hans Thill gestartet: Er wirft uns „Ein Brocken Barock“ vor die Füße, nämlich eine poetische Über­schrei­bung eines groß­artigen Bären-Gedichts des Barock­dichters Paul Fleming. Der Mediziner, Psalmen-Dichter und Welt­rei­sende Paul Fleming, der 1640 im Alter von nur 31 Jahren starb, hat uns einige Barock-Gedichte hinter­lassen, die im Unter­schied zur christ­lichen Demuts­haltung ver­gleich­barer Barock-Poeten eine ein­deu­tig welt­liche Position ein­nehmen und die auch ein selbst­be­wuss­tes Ich instal­lieren. Flemings „Grab­schrifft eines jungen Bähren / der gehetzet worden war“ wird von Hans Thill mit einem Gedicht über­schrieben, das die Eman­zipation eines reni­tenten Ich noch weiter treibt und den „steten langen Tanz“ von Flemmings Bären in einen wilden Tanz der Wörter trans­formiert: „ Ich steh als Flemm vor / einer Wildnis auf der Hut / mit mir die Axt schütz mich / vor eurem Mut“.

Neue Rundschau, Heft 1/2014.  externer Link
S. Fischer Verlag, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt a.M. 398 Seiten, 15 Euro.

BELLA triste 38 (2014).  externer Link
Neustädter Markt 3-4, 31134 Hildesheim. 96 Seiten, 5,35 Euro.

Sinn und Form, H. 2/2014.  externer Link
Redaktion, Postfach 21 02 50, 10502 Berlin. 130 Seiten, 9 Euro.

Volltext, H. 1/2014  externer Link
Porzellangasse 1/69, A-1090 Wien. 40 Seiten, 2,90 Euro.

Mütze, H. 6  externer Link  
Urs Engeler, Obere Steingrubenstr. 50, CH-4500 Solothurn. 52 Seiten, 6 Euro.

Michael Braun    17.04.2014   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

 

 
Michael Braun
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