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Dezember 2007
BELLA tristesprachgebundenAm Erker
 
Zeitschriftenlese  –  Dezember 2007
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk
In einem seiner unvergänglichen Lieder, den berühmten „Carmina“, hat der römische Dichter Horaz seiner Poesie eine große Zukunft vorausgesagt, eine Beständigkeit über alle wechselhaften Zeitläufte hinweg. „Non omnis moriar – Ich werde nicht ganz sterben“, heißt es bei Horaz, denn, so fährt er fort, das Monument der Dichtung, das ich errichtet habe, ist dauerhafter als Eisen. So zuversichtlich und sendungsbewusst hat Horaz im Jahre 20 vor Christi Geburt die Nachwirkung seiner Poesie beschrieben – ein Optimismus, der den poetischen Nachgeborenen von heute nur noch als Kinderglaube erscheint. Ein großer Meister der Moderne, der englische Dichter Wystan Hugh Auden, hat Horaz denn auch schroff widersprochen. „Die Dichtung bewirkt nichts“, so notierte Auden lakonisch, doch „sie überdauert, eine Art Zufall, einen Mund“.
Wer sich heute in den Literaturzeitschriften umsieht, die den neuesten Strömungen in der Lyrik zugetan sind oder sich gar als Energieverstärker der Gegenwartspoesie verstehen, der findet neben branchenüblichem Fatalismus und pragmatischer Selbstbescheidung auch manch steile Vision, gepaart mit Größenwahn.
Als im Frühjahr 2007 die Zeitschrift „BELLA triste“ ein Lyrik-Sonderheft mit streitlustigen Reden und Gegenreden vorlegte, war das ein außergewöhnliches literarisches Ereignis. Man darf sagen: Dieses „BELLA triste“-Heft hat das unverzichtbare Fundament gelegt für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Gedichts heute. Lange ist nicht mehr so sachkundig und offensiv und unverdruckst über Lyrik gestritten worden wie in dieser „BELLA triste“-Ausgabe – wobei einzelne Wertungen schrill und ungerecht ausfielen. Die friedliche Koexistenz und Kumpanei, wie sie bei Zusammenkünften junger Dichter an der Tagesordnung ist, wurde hier abgelöst durch eine neue Lust an der ernsthaften Auseinandersetzung.
Das aktuelle Heft 19 von „BELLA triste“ liefert nun einige bemerkenswerte Nachträge zu diesem hochnervösen „Lyrikdiskurs“. Der 1976 geborene Poet Christian Schloyer, der die alten Suggestionstechniken der Sprachmagie reaktiviert hat, versucht sich als Streitschlichter zwischen den experimentellen Konzepten eines Ulf Stolterfoht und den metaphorisch-visionären Kühnheiten eines Steffen Popp. Danach widmet Hendrik Jackson den Poetiken seiner Kollegen Nico Bleutge und Oswald Egger eine in weiten Teilen philologisch plausible Abhandlung. In seinen Resümees gelangt er dann zu auffällig überharten Befunden, als gelte es, mit robustem Ellbogeneinsatz die erfolgreichen Konkurrenten zu entzaubern. Wenn er etwa gegen Nico Bleutge vorbringt, dessen Besinnung auf „das Präsentische der Dinge“ erzeuge auf Dauer „Ermüdung“, dann übersieht er, dass es Nico Bleutge nicht um eine Ding-Mystik geht, sondern um das hyperrealistische Nachzeichnen von Wahrnehmungs-Prozessen. Mehr noch: Bleutge demonstriert – und das macht dass Beunruhigende seiner Gedichte aus – den Entzug von Wahrnehmungsgewissheit.
Die Kritik Jacksons an den neuen „Liedern“ und „Kalendergedichten“ Oswald Eggers ist noch viel prekärer. Einst lobte Jackson den großen Wortschöpfer Egger für seine lyrische Kosmogonie. Nun erscheinen ihm Eggers „Lieder“ nur noch als „schnurrige Wortpurzeleien“ und Eggers jüngstes Buch allenfalls als „Kramkiste für Philokobolde“, zuletzt als ein Buch, das „zwischen Quatsch, naturlyrischer Besinnlichkeit und Hokuspokus“ changiere.
Aber immerhin: Seine Diagnosen versucht Jackson an Textbelegen zu erhärten. Auf letztere hat der Dichter Gerhard Falkner in seiner großflächigen „BELLA triste“-Polemik gleich ganz verzichtet. In einer seltsamen Melange aus scharfsinniger Beobachtung, Boshaftigkeit und übler Nachrede teilt Falkner Hiebe nach allen Seiten aus: gegen die Kritiker – vor allem gegen den Verfasser dieser Zeitschriftenlese –, aber viel unbarmherziger noch gegen lebende und tote Dichterkollegen. Nur nicht gegen sich selbst. Im Gegenteil: Den „Ausdrucksglanz“ der neuen Lyriker-Generation verbucht Falkner auf sein eigenes Konto. Sein Gedichtband „wemut“ aus dem Jahr 1989, so glaubt der Polemiker, habe die neue lyrische Herrlichkeit des 21. Jahrhunderts überhaupt erst ermöglicht. Ob diese Selbstinthronisierung zum Dichterkönig kanonisierungsfähig ist, darf bezweifelt werden.
Als besonders kritikwürdiges Zielobjekt hat sich Gerhard Falkner die Dichterin Anja Utler ausgesucht, deren Textstrategien schon in Heft 17 von „BELLA triste“ von Ulrike Draesner seziert wurden. Wo Draesner allerdings sehr gewichtige Argumente vorlegte, hat Falkner nur Häme zu bieten.
Da trifft es sich gut, dass nun die neue Ausgabe, die Nummer 62 der Poesiezeitschrift „PARK“ Gegenargumente in Sachen Anja Utler präsentiert. Dort ist nämlich eine Laudatio Christoph Meckels auf Anja Utler zu finden, die deren Sprachwelt ganz anders deutet als die Kritiker in „BELLA triste“. Meckel schreibt: „Die Kraft und Stoßkraft ihres Atems ist identisch mit Atemnot, Atembeklemmung, Kurzatmigkeit. Das Zwanghaft erscheinende ihrer Verskonstruktion stellt zugleich ein Ereignis von Befreiung dar...Was im Vordergrund ihrer Versbauwerke als Manier erscheinen kann, gibt aus dem Hintergrund Antwort als Musik.“
Wer dieses neue Heft von „PARK“ studiert, dem fällt auf, dass Herausgeber Michael Speier einen wesentlich dezenteren Weg der Einmischung in den „Lyrikdiskurs“ wählt als seine jüngeren Kollegen von „BELLA triste“. Seit dreißig Jahren präsentiert die einmal im Jahr erscheinende Zeitschrift Textproben der jeweils avanciertesten Dichter der Gegenwart. Die Essays in „PARK“ konzentrieren sich auf Werkanalysen und auf die Erkundung europäischer Nachbarliteraturen. Im neuen Heft hat etwa Peter Urban-Halle ein Gruppenbild dänischer Poesie zusammengestellt. Für futterneidische Platzkämpfe unter Dichtern hat sich „PARK“ dagegen nie interessiert.

Eine ästhetische weiträumigere, gattungsübergreifende Perspektive bevorzugt die Zeitschrift „sprachgebunden“, die zwischen „Text und Bild“ zu vermitteln versteht. In der aktuellen Herbstausgabe, der Nummer 4 von „sprachgebunden“ überkreuzen und konterkarieren sich auf reizvolle Weise die Collagen der Leipziger Künstlerin Ruth Habermehl und einige Gedichte, die den Themenschwerpunkt „Hitze“ auf sehr eigenwillige Weise interpretieren. Diese Gedichte verlassen – wie es programmatisch heißt – „die gemäßigte Klimazone des Denkens“. In diesem „Hitze“-Dossier beeindrucken am meisten die visionär wuchernden Wort- und Bild-Agglomerationen des Dichters Paulus Böhmer. Seit vielen Jahren arbeitet Böhmer an seinem schier unendlichen „Kaddish“-Zyklus, einem wortmächtig voranströmenden Totengesang, der unglaublich viele Wissens- und Bedeutungs-Felder durchquert und alles in seinen enzyklopädischen Sog hineinreißt. Neben Böhmer verblüfft und fasziniert ein Zyklus des ungarischen Lyrikers István Vörös, der uns Martin Heidegger als Postbeamten vor Augen führt. Dieses Langgedicht geht von einigen biografischen Schlüsselszenen im Leben des Philosophen aus, der im Ersten Weltkrieg die Feldpost der Soldaten zensierte. Der in Heft 4 von „sprachgebunden“ veröffentlichte Gedicht-Ausschnitt beschwört die unglückliche Liebe der Philosophin Hannah Arendt zum Übervater Heidegger.

Neben der schon erwähnten Poesiezeitschrift „PARK“ darf noch ein weiteres Magazin aus dem vormals subliterarischen Sektor seinen dreißigsten Geburtstag feiern. Es ist die in Münster erscheinende Zeitschrift „Am Erker“, die 1977 von drei linkssozialistisch gesinnten Literaturfreunden gegründet wurde, die dem etablierten Literaturbetrieb etwas möglichst Schrilles und selbstredend Antibürgerliches entgegensetzen wollten. Das Layout wurde in den ersten Jahren eher lässig bis nachlässig gestaltet. Anfang der neunziger Jahre vertrieb man die Schlampigkeit und präsentierte sich auf dem Cover in einem strengen Schwarz, das an den „Quartheften“ des Klaus Wagenbach Verlags orientiert war. Der Name der Zeitschrift, „Am Erker“, sollte urspünglich keine Anspielung auf die selbstgewählte Nischenexistenz sein, sondern leitete sich anagrammatisch von Franz Kafkas „Amerika“-Roman her. Der große Kafka wurde von Joachim Feldmann, dem spiritus rector der Zeitschrift, nicht so sehr als subtiler Sinnverdunkler oder schwarzer Existenzialist geschätzt, sondern als Erzähler origineller Geschichten.
Bis heute sind es solche phantastischen, skurril verfremdungswilligen und mit bizarren Pointen hakenschlagenden Kurzgeschichten, die das literarische Fundament von „Am Erker“ bilden. Diesmal, in Heft 54, hat man die „Provinz“ zum Themenschwerpunkt erhoben, jene Provinz, die, wie das Heinrich Heine-Motto im Eingang des Heftes andeutet, das eigentliche Kraftzentrum der modernen Literatur darstellt. An Person und Werk des Schriftstellers Henning Ahrens werden die unterschiedlichen Produktionsformen von Schriftstellern in der Stadt und auf dem Land erörtert. Henning Ahrens, der seit 2004 drei viel diskutierte Romane vorgelegt hat, wird hier als ein ungeheuer arbeitswütiger und disziplinierter Autor kenntlich, der in fieberhafter Produktivität an aufwändigen Literaturübersetzungen arbeitet und zeitgleich seine opulenten Romane schreibt.
Herzstück des „Erkers“ ist der stets von ironischem Esprit sprühende Rezensionsteil, zu dessen großen Stärken es gehört, dass Kompetenz und Respektlosigkeit ein erfrischendes Bündnis eingehen. Der Literaturkritiker Jürgen P. Wallmann hat, wie schon in den vorangegangenen Heften, sein Archiv geöffnet und diesmal drei frühe Briefe des Schriftstellers Thomas Bernhard ans Tageslicht befördert. Jürgen P. Wallmann ist es auch, der in diesem „Am Erker“-Heft eine anrührende Reminiszenz an den heute schwerkranken Dichter Walter Helmut Fritz vorlegt. Der heute 78jährige Fritz schreibt seit einem halben Jahrhundert eine – wie er es nennt – „Poesie ohne Aufwand“. Diese strikt der sinnlichen Wahrnehmung verpflichtete Poesie erfüllt auf vorbildliche Weise jenes Produktionsgesetz, das im Titel von Fritz' erstem Gedichtbuch ausgesprochen ist: „Achtsam sein“. In einer der lyrischen Aufzeichnungen seines neuen Buches „Offene Augen“ hat Walter Helmut Fritz offenbart, wieso die Poesie für ihn das Lebenselixier geblieben ist: „Geblieben ist der Wunsch zu bewundern, in der Poesie ›das Wunder der Schönheit verwirklicht zu sehen‹ ..., geistige Gespanntheit, sich kristallisierende Zeit, Dankbarkeit für das Rätsel des Lebens.“
BELLA triste, Nr. 19   externer Link
Moltkestr. 64, 31135 Hildesheim
148 Seiten, 8 Euro

PARK, Heft 62
Tile-Wardenberg-Str. 18, 10555 Berlin
110 Seiten, 6 Euro

sprachgebunden, Nr. 4   externer Link
Merowinger Str. 5, 50677 Köln
120 Seiten, 7 Euro

Am Erker 54   externer Link
c/o Frank Lingnau, Rudolfstr. 8, 48145 Münster
176 Seiten, 9 Euro

Michael Braun12.12.2007Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-AnsichtSeite empfehlen  empfehlen

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese Dezember 2007

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