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Oktober 2010
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Zeitschriftenlese  –  Oktober 2010
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch

Eine früher sehr mächtige Spezies im Literaturbetrieb ist im 21. Jahrhundert relativ unbemerkt ausgestorben – der Groß­kritiker, dessen Verdikte und Tiraden einst genügten, um empfind­liche Autor-Seelen erbeben zu lassen und Bücher zu vernichten. Eins der letzten lebenden Exem­plare dieser Spezies hat gerade seine Tage­bücher ver­öffentlicht: Fritz J. Raddatz, der frankophile Lite­ratur-Dandy und hyperaktive Bücher­mensch, präsentiert in seinem Diarium die Innen­ansichten eines Gewerbes, das sich immer gerne in Größen­phantasien verstieg und mit bil­dungs­bürgerlichem Selbst­bewusst­sein das Fegefeuer der Eitel­keiten durchschritt.
  Die Bildungsprotzerei, das Renommieren mit Prunkzitaten kosteten Raddatz im Herbst 1985 sein Amt als Leiter des ZEIT-Feuil­letons. Er hatte in einem Artikel mit einem gefälschten Goethe-Zitat kokettiert, in dem vom Frankfurter Hauptbahnhof die Rede war, obwohl dieser Bahnhof realiter erst lange nach Goethes Tod erbaut wurde. Raddatz war damals einer Parodie der „Neuen Zürcher Zeitung“ zum Opfer gefallen, mit seiner kurz­atmigen Text-Anleihe hatte er seinen Status als Groß­kriti­ker selbst ausgehebelt. In seiner Besprechung der Raddatz­schen Tagebücher erinnert Gerrit Bartels in der neuen Ausgabe, der Nummer 5/2010 der Literatur­zeitung „Volltext“ an diese amüsante Episode, die nicht nur für den Betrof­fenen eine biografische Zäsur nach sich zog, sondern den Untergang eines ganzen Kriti­ker-Typus ein­leitete. Den machtvollen, allerorten gefürchteten Premium-Kritiker, der die Aufmerk­samkeit des Literatur­publikums absorbiert, gibt es heute längst nicht mehr. In der Welt der über­bordenden Informations- und Meinungs-Diffusionen durch das Internet ist die Stimme des Literatur­kritikers profaniert worden. Er steht nicht mehr im Zentrum des intel­lektuellen Diskurses, sondern ist nur noch ein meinungs­freudiger Textproduzent oder, wie Hans Magnus Enzensberger einmal gesagt hat, nur noch ein Zirku­lations­agent unter vielen. Raddatz selbst hat den Bedeutungs­verlust der Großkritiker-Gilde auch im Blick auf den eigenen Nieder­gang reflektiert. „Immer und immer mehr“, heißt es in seinem Tagebuch, „werde ich zu einer grotesken, lächer­lichen Figur: ein Mann wie eine Attrappe: vor Blumen, Kerzen und erlesenstem Mobiliar alleine zum Abendessen sitzend, bei Mozart oder Hanns-Eisler-Platten, bei Weinen oder Champagner aus ichweiß­nicht­wieviel Gläsern – ein zurecht­geschminktes Gespenst.“

In der gleichen „Volltext“-Ausgabe ist aber auch eine literaturkritische Attacke zu lesen, die eindrucksvoll demonstriert, dass die scharfsinnige, auf penibler Textexegese beruhende Kritik nicht nur ihre Berechtigung, sondern weiterhin ihre Notwendigkeit hat. Seit einiger Zeit hat der Schweizer Dichter, Essayist und Übersetzer Felix Philipp Ingold ein sicht­liches Vergnügen daran, die Gedichte seiner Kollegen en detail unter die Lupe zu nehmen, statt sie mit unerschütterbarem Wohlwollen zuzudecken. In einigen Heften der „manuskripte“ und einigen „Volltext“-Nummern hat Ingold die neuen Lieblinge des Lyrik-Betriebs mit grimmiger Ent­schlossen­heit und Text­sicherheit seziert – und heraus kamen dabei eher beunruhigende Befunde. In „Volltext“ hat sich Ingold nun einen hoch dekorierten Dichterkollegen vorgenommen : Michael Krüger, den glücklichen Empfänger des Joseph Breitbach-Preises, des derzeit höchstdotierten Literaturpreises in Deutschland. Wie fast schon zu befürchten war, kann Ingold der – wie er es nennt – „kleinlauten Ökolyrik“ Krügers wenig abgewinnen. Denn es handle sich zwar um eine „gediegene Naturlyrik in unprätentiöser Diktion“, in der sich nach seiner Ansicht aber nur „schlichte Wahr­nehmungs­daten aus den Bereichen Haus und Garten, Land­schaft und Fauna, Reise und Freundschaft“ mit eingängigen Philosophemen und Bil­dungs­reminiszenzen so locker wie beliebig durchmischen. Die mit Trauer gewürzte „Plauderlyrik“ Krügers bediene das bekannte „Programm romantisch-intel­lektueller Schwarz­gallig­keit“ ohne große formale Anstrengung. Ingold argumentiert aus der Perspektive einer emphatischen Sprachbezogenheit, einer dichterischen Rede, die sich selbst zum Thema macht und das bloße Parlando über Außersprach­liches verachtet. Es ist eine herbe Abrechnung mit der melancholischen Reflexions­poesie Michael Krügers, wobei nicht ausgeblendet bleiben darf, dass es schon mal Zeiten gab, in denen es eine große Ver­bundenheit zwischen dem Dichter und seinem Kritiker gegeben haben muss. Denn Felix Philipp Ingold veröffent­lichte seine eigensinnig-kunstvollen Über­setzungen, seine Dichtungen und Auf­zeich­nungs­bände bis Ende der neunziger Jahre im Hanser Verlag, den Michael Krüger seit Jahrzehnten erfolgreich leitet. Da ist es nicht ohne Pikanterie, wenn nun der Lyrik-Kritiker Ingold gegen seinen ehemaligen Ver­leger polemisiert. Sieht man einmal ab von den möglicherweise text-externen Motiven, die Ingold zu seiner Kritik bewogen haben könnten, zeigt seine grimmige Dekon­struktion der Poesie Krügers ein strukturelles Defizit des kleinen Lyrik-Betriebs an. Denn es herrscht dort ein eklatanter Mangel an gründlicher Textkritik, die meist durch watteweiche Gefällig­keits-Kritik ersetzt wird.
  Noch vor drei Jahren hatte die Zeitschrift „BELLA triste“ ein kühnes Heft vorgelegt, das mit akribischen Textanalysen und angriffslustigen Essays den verkümmerten Lyrik-Diskurs wieder in Bewe­gung brachte. Diese Ansätze sind mittler­weile wieder versickert. Leider hat sich „BELLA triste“ wieder auf den bewährten Weg der lite­rarischen Nachwuchs-Pflege zurück­gezogen und weitere Kontroversen gemieden. Die aktuelle Nummer 27 von „BELLA triste“ enthält zum Beispiel ein Dokument poetologischer Ermattung. Dort stellt sich der junge Dichter Herbert Hindringer folgendermaßen vor: „Ich bin schüch­terner als Ron Winkler und lauter als Jan Wagner.“ Diese milde selbst­ironische Sentenz zeigt ein merkwürdiges Selbst­verständnis an. Offenbar hat die Generation jener Berliner Dichter um die 35 ein Community-Gefühl entwickelt, ein juveniles „Entre nous“-Bewusst­sein, das den Horizont der eigenen poetischen Arbeit genau begrenzt. Fruchtbarer wäre es allemal, sich nicht nur an den Temperamenten der Berliner Community zu messen, sondern an den Bewusst­seins­heraus­forderungen durch die lyrische Moderne und Post­moderne insgesamt. Die Nummer 27 von „BELLA triste“ enthält jenseits ihres dünn­stimmigen Lyrik-Diskurses zwei Beiträge aus dem Feld der Prosa, die sehr klar ihre Poetiken konturieren: Kathrin Röggla spricht im Interview von der Faszination am Kata­stro­phischen und der kollekti­vieren­den Wirkung der großen Kata­strophen­erzählungen. Christoph Peters liefert einen sehr anschau­lichen Bericht von der Entstehung einer Erzählung, in der unbedingt – als verstecktes Motiv - eine japanische Winkekatze zu deponieren ist.
  Die aufregenden Initialzündungen im Bereich der Jungen Magazine kommen derzeit aber nicht mehr von der „BELLA triste“ oder von der Leipziger „EDIT“, sondern von eigen­sinni­gen Newcomern wie dem Literatur­heft „randnummer“, das sich auf Großstadt- und Bewusst­seins­poesie konzentriert, dabei aber keineswegs nur die Community-Bedürf­nisse bedient. Man kann zwar an nicht wenigen poetischen Exponaten in der zweiten Ausgabe der „randnummer“ den beliebigen Detail­realismus und ihre etwas schwächliche Sprach­skepsis monieren. Unstrittig ist den Herausgebern aber mit dem Dossier über die ausge­stoßenen und ver­zweifelten Autoren der soge­nannten 80er-Generation aus Rumänien ein großer Fund gelungen. Fast durchweg handelt es sich bei diesen früh verstorbenen Dichtern um poetische Kronzeugen einer umfassenden Desil­lusionierung angesichts der heil­losen Existenz im Rumänien des Diktators Nikolae Ceausescu. Einen Gedicht­titel der mit 47 Jahren verstorbenen Poetin Mariana Marin kann man als pro­grammatische Chiffre lesen. Er lautet: „Verstümmelung des Künstlers als Junger Mensch“. Und von Verstümmelungen, Selbst­zer­störungen und Hoff­nungs­losig­keiten erzählen die Gedichte dieses von Klaus Schneider zusammen­gestellten Dossiers. Die Prota­gonisten dieser Gedichte erleben sich als Gefangene einer meta­physischen Finster­nis. So auch der Dichter Aurel Dumitrascu, der sich umstellt sieht von Todesbildern. Ich zitiere das Gedicht „Wer wird sprechen“:

ich werde an einem sonntag morgen sterben. wenn du
die bibliothek betrittst wirst du die dösenden
nachtigallen nicht mehr sehen das rote mäuschen
wird dir nicht mehr vor die füße laufen.
nur ein blutfaden wie aus einem buch geronnen.
er wird sprechen.

Um als Literatur­zeitschrift geistige Spannungsfelder aufbauen zu können, reicht es eben nicht aus, sich in einem Gene­rations-Gefühl oder einem Gruppen-Programm einzuigeln, sondern es bedarf der unab­lässigen Kon­frontation von Tradition und Moderne, des Zusammen­pralls von Altem und Neuem, des Wettbewerbs sogenannter „Revoltiergreise“ (Peter Rühmkorf) gegen die schrillen Neutöner. Erst diese Zusammenführung konträrer Denkmotive und Poetiken lässt den Reichtum der zeit­genössischen Kultur sichtbar werden. Diesen subtilen Dialog geistes­geschicht­licher Gegensätze inszeniert immer wieder die Zeitschrift „Sinn und Form“. Im aktuellen Heft 5/2010 von „Sinn und Form“ sind kleine Lektionen über das Verhältnis der Alten zu den kultu­rellen Nach­geborenen versteckt. Im ein­leitenden Essay zitiert der Philosoph Alain Finkielkraut seinen berühmten Kollegen Roland Barthes mit einem aufschlussreichen Satz, der die erhitzten Vertreter der Avantgarde zur Gelassenheit mahnt. „Auf einmal“, so Barthes, „ist es mir gleichgültig geworden, daß ich nicht modern bin.“ Das ästhetisch Unzeit­gemäße kann indes stärkere poetische Kräfte entwickeln als das bloß Zeitgemäße. Zur Verteidigung der Alten gegen das hagestolze Junge wird in „Sinn und Form“ der Philosoph Odo Marquard bemüht, der auf eine Bemerkung Platons in seiner Staatstheorie verweist, dass man erst ab fünfzig philosophisch denken könne.
  Einen literarischen Befähi­gungs­nachweis nach der Anzahl der erreichten Lebensjahre auszustellen, wird in der zeitgenössischen Poesie nicht möglich sein. „Sinn und Form“ gibt auch hier wieder die Möglichkeit zur Überprüfung dieser Generations-Frage. Da ist zunächst Hartmut Langes Erzäh­lung „Im Museum“ zu nennen, die zwei epochale Augenblicke der deutschen Geschichte in imaginäre Begegnungen übersetzt. Die Mutter und die Tante Adolf Hitlers sitzen im Deutschen Historischen Museum einander gegenüber und wollen ihren finsteren Sprößling wiedersehen, um zu erfahren, was aus dem musisch begabten Jungen geworden ist. Der wandert als ruheloser Schatten durch die einzelnen Abteilungen des Museums und ist auch posthum zu keiner menschen­freund­lichen Geste fähig. Komplementär zu dieser Museums-Geschichte Hartmut Langes verhält sich Gregor Dotzauers fabelhafte Meditation über Adolph Menzels Ölgemälde „Das Balkon­zimmer“, eine Bild-Erkundung und Wahr­nehmungs-Geschichte, die immer tiefer in die verstörende Rätselhaftigkeit des Kunst­werks hineinführt, je penibler der Betrachter das Geheimnis des Bildes zu entziffern sucht.
  Was wir dann an lyrischen Textproben in „Sinn und Form“ lesen, demonstriert auf subtile Weise jene Gleichzeitigkeit von Tradition und Moderne, wie sie nur ein avanciertes ästhetisches Bewusstsein zu realisieren vermag. Da begegnen sich die feinnervige Wahrnehmungs­poetik des Leipzigers Andre Rudolph und der kluge Tradi­tionalismus des Berliner Autors Jan Wagner. Der „Herzschlag“ nicht nur eines technischen Datenträgers, sondern auch des fühlenden und leidenden Menschen wird bei Rudolph mit einem physikalischen Begriff beschrieben – nämlich als „destruktive Interferenz“. In einem fantastischen Tableau schreibt Jan Wagner über eine phantasmagorische Erfahrung , die er in der Lebenswelt der protes­tantischen Täufer­gemeinde der Amish ansiedelt. Diese Erfahrung trans­formiert der Dichter in überscharfe Halluzinationen. In einer Landschaft, in der die Zeit stillzustehen scheint, verwandeln sich die Dinge auf eine unheimliche Weise: Eine Wolke erscheint als schwarze Kutsche, eine augenlose Puppe gleicht plötzlich einem beseelten Wesen. Ich lese zum Schluss das großartige Sonett von Jan Wagner:

was wir für eine schwarze kutsche hielten,
war nur der schatten einer wolke, saß
als schwarm von raben über einem aas,
bis wir die schwarze kutsche überholten.

die scheunen zwischen tag und nacht, die formen,
von wäsche blind; das rübenstecken,
das sticken, und wie riesige insekten-
eier die wassertürme in der ferne.

der laden führte bottiche, propan-
gaslampen, einen fahnensaal von sensen.
Amanda kaufte eine dieser puppen

ohne gesicht, als prompt zwei pferdebremsen
sich niederließen, ein paar dunkle augen,
die schielten, krabbelten, dann weiterflogen.

Volltext: 5/2010   externer Link
Porzellangasse 11/69, A-1090 Wien. 48 S., 2,90 Euro

BELLA triste. Nr. 27 (2010)  externer Link  
Bahrfeldtstr. 1, 31135 Hildesheim, 110 S., 5,35 Euro

randnummer, 2 (2010)
c/o Simone Kornappel, Katenweide 1, 20539 Hamburg. 116 S., 4 Euro

Sinn und Form: H. 5/2010  externer Link
Postfach 210250, 10502 Berlin. 140 Seiten, 9 Euro

Michael Braun    20.10.2010    Seite empfehlen  empfehlen

 

 
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