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August 2003
=ORTE 131Sinn und FormZwischen den Zeilen 21
 
Zeitschriftenlese  –  August 2003
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk
Mit Bekenntnis-Sätzen und Suggestivformeln aus der meinungsbildenden Industrie sind wir eigentlich bestens versorgt. Wenn Dichter auf diesem Terrain tätig geworden sind, haben sie sich stets gründlich blamiert. Und doch erliegen Lyriker immer wieder der Illusion, man könne das Gedicht als Lügendetektor oder Dechiffriergerät einsetzen, um all die Halbwahrheiten des politischen Diskurses aufzudecken. Diese fatale Sehnsucht nach dem an Brecht orientierten Aufklärungsgedicht hat in den vergangenen Jahrzehnten viel Unfug hervorgebracht: Agitprop und Gesinnungspoesie, die jede Möglichkeit lyrischer Artikulation ausschlagen und sich auf tendenziell analphabetisches Parolengefuchtel beschränken. Jetzt wird das tote Gesinnungsgedicht von der Schweizer Literaturzeitschrift „orte“ im aktuellen Heft 131 wiederbelebt – mit traurigen Folgen. Den Irak-Krieg des George Bush nehmen einige Dichter zum Anlass, sich in einer Mischung aus Sprachlosigkeit, Wut und Entsetzen über den, wie Beat Brechbühl dichtet, „Neandertaler / aus Amerika“ zu empören. Die hier gesammelten Gedichte von knapp einem Dutzend Autoren unterschreiten in ihrer Bekenntnisschlichtheit das sprachschöpferische Minimum, das von einem Gedicht zu erwarten ist. So hagelt es rasch verfertigte Gelegenheitstexte, die – wie im Gedicht von Barbara Traber – Formel an Formel reihen: „aber ich glaube an Widerstand / der sich ausbreiten wird, an eine / neue Art pazifistische Lauffeuer, / an Fantasie / zivilen Ungehorsam / und Fahnenflucht – / eine Spur Hoffnung / die hinter den Hügeln versinkt / und morgen / aufersteht.“
Dass ein politisches Gedicht trotz der selbstverschuldeten Entmündigungen des Poetischen auch heute noch eine große Wirkkraft entfalten kann, zeigt der Fall des wohl berühmtesten Gedichts über den Zweiten Weltkrieg, des großen Poems „1. September 1939“, verfasst von dem englischen Dichter Wystan Hugh Auden. Das bewegende Gedicht Audens, den Joseph Brodsky einmal als „klügsten Kopf des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet hat, kann als zentraler Markstein in der lyrischen Moderne gelten. Das Gedicht wurde am Tag des deutschen Überfalls auf Polen geschrieben und erfasst in visionärer Kraft das durch den Krieg heraufziehende Verhängnis. Acht Monate zuvor hatte Auden das vom Bürgerkrieg zermürbte Spanien verlassen und war nach New York übergesiedelt. Der deutsche Überfall auf Polen lässt in ihm die düstere Gewissheit wachsen, dass der Tag des Weltenbrands nicht mehr fern ist. Ich zitiere den Anfang des Gedichts: „Ich sitze in einer der Bars / der Zweiundfünfzigsten Straße, / ratlos, verängstigt / beim Ausgehn der schlauen Hoffnungen / einer elenden, ehrlosen Zeit: / Wellen des Zorns und der Angst / überziehen die hellen / und dunkelnden Länder der Erde, / ergreifen von unserem Leben Besitz; / unsäglicher Todesgeruch / verdirbt die Septembernacht. // ....Ich und die Öffentlichkeit / wir wissen, was jedes Schulkind lernt: / Denen Böses getan wird, die tun wieder Böses.“ Die erstaunliche Wirkungsgeschichte dieses Gedichts hat nun der englische Literaturwissenschaftler Nicholas Jenkins im aktuellen Heft, der Nummer 4/2003 der Kulturzeitschrift „Sinn und Form“ rekonstruiert. Jenkins weist nach, dass Auden selbst sein eigenes Gedicht später als eine „verdammte Lüge“ und verlogenen „Schund“ abtat und unter dem Einfluss eines gehässigen Literaturkritikers eine kleine, aber entscheidende Korrektur in einer Verszeile vornahm. Die Konjunktion „oder“ wurde in der berühmten Zeile „Wir müssen einander lieben oder sterben“ durch ein schwaches, spannungsloses „und“ ersetzt, also umgeändert in den Vers: „Wir müssen einander lieben und sterben.“ Die Ersetzung einer winzigen Konjunktion, so urteilt Jenkins, macht aus einem aufregenden „Ausflug ins Dunkel der Wörter“ eine spannungslose Reihung.
Wie sich durch „Ausflüge ins Dunkel der Wörter“ unberechenbare „Widerstandsnester“ in der Poesie bilden können, führen die sprachbesessenen Wort-Komponisten in Heft 21 der Lyrik-Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ vor. Hier entwirft der ewig-anarchische Ostberliner Bert Papenfuß eine sehr eigensinnige lyrische Strategie des „sozialen Engagements“. Um jedes Gesinnungs-Gesülze zu vermeiden, fordert Papenfuß die „antipolitische Artikulation“: „Von Anekdote über Ironie, Satire, Zynismus bis zur Zote sind alle Mittel recht, nur prägnant müssen sie sein – Essenzen, Sentenzen, Sequenzen statt Geleier, Geseier und Rumgeeier.“ Was hier Ulf Stolterfoht als Herausgeber des „Zwischen den Zeilen“–Sonderhefts an vokabulären Abweichungs-Strategien und „antipolitischen Artikulationen“ zusammengetragen hat, kartographiert das ganze Spektrum sprachreflektorischer Schreibweisen. Da folgt auf die spracherfinderische, bildermächtige Wort-Wucherung des Ekstatikers Paulus Böhmer, auf diese ungeheuren Phantasmagorien von Tod und Sexualität die streng durchdeklinierte Reduktion in Gestalt der Palindrome und symmetrischen Typogramme Anton Bruhins. Aus dem knappen Palindrom „Purist Sirup“ entwickelt Bruhin ein weites Feld von Bedeutungsverschiebungen. Auf Oswald Eggers geometrische Konfigurationen von Sprache antworten die minimalistischen Zeichnungen Thomas Kapielskis, die freilich in ihrer Koketterie mit der Banalität stecken bleiben. An Überraschungen reicher sind die surrealistischen Vagabondagen des Wiener Dominik Steiger, der sich in seiner biographischen Notiz völlig zurecht als „quantenfanatischer Infanterist der Phantasie“ bezeichnen darf. Von den magnetischen Feldern des Surrealismus hat sich auch Hans Thill bewegen lassen, der sich – wie er in einer Notiz formuliert – „die schönen krummen Sätze der Moderne“, die Fachsprachen der Werbeindustrie und die Emphasen der Religionen einverleibt hat, um daraus das Material für seine Poetik der Überraschungen zu gewinnen. Mit einer Sentenz des französischen Sprachanarchisten Raymond Queneau nimmt Thill Kurs auf die längst verloren geglaubte „ästhetische Autonomie“ des Gedichts: „immer n bisschen extrem / son Poem“.

ORTE, Heft 131  externer Link
Rütegg 278, CH-9413 Oberegg Al
68 Seiten, 8 Euro.

SINN UND FORM, Nr. 4/2003  externer Link
Akademie der Künste
Postfach 210250, 10502 Berlin
136 Seiten, 9 Euro

Zwischen den Zeilen, Heft 21 (2003)   externer Link
Urs Engeler Editor
Dorfstraße 33, CH-4019 Basel
236 Seiten, 20 Euro
Heft 21 online | Zwischen den Zeilen   externer Link

Michael Braun         05.03.2007        Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese August 2003

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