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April 2007
BELLA triste 17Ostragehege 45Lettre international 76
 
Zeitschriftenlese  –  April 2007
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk
Was soll ein Gedicht? Was will es? Was kann es? Was ist ihm zuzutrauen, anzutragen, aufzubürden? Wo kommt es her und wo zieht es hin? Diese Grundsatzfragen hat der Dichter Peter Rühmkorf bereits vor vierzig Jahren an die Königsdisziplin unter den literarischen Gattungen gestellt – es sind Fragen, die jede Generation von Lyrikern neu auszuloten hat.
Ewig gültige Gesetze der Lyrik-Produktion gibt es nicht, ebenso wenig Konventionen von unbegrenzter Haltbarkeit. Das Gedicht ist auch ein historisches Wesen, und mit dem Wandel der gesellschaftlichen Werthaltungen werden auch für das Gedicht neue Aufgaben fällig. Es hat lange gedauert, bis sich auch Literaturzeitschriften ohne Angst vor ästhetischen Auseinandersetzungen dieser Aufgabe einer Neubestimmung des Lyrischen gestellt haben. So hat vor einem halben Jahr ein Sonderheft der Zeitschrift „Text + Kritik“ mit dem Schwerpunkt „Junge Lyrik“ einen ersten Anlauf unternommen, um die ästhetische Differenz zu ermitteln, die zwischen den alten und den neuen, zwischen den traditionellen und den unerhört modernen Schreibweisen in der Lyrik liegen. Jetzt hat sich die Zeitschrift „Bella triste“ mit einem außerordentlichen Sonderheft auf das Terrain der Jungen Lyrik gewagt und sich dabei eine schier unlösbare Aufgabe gestellt – nämlich in einem kritischen Panoramablick das ganze pluralistisch ausdifferenzierte Feld der Jungen Lyrik zu erkunden. Mit kritischen Expertisen zur Gattung Lyrik hatte sich „Bella triste“ bislang eher zurückgehalten. Die vor sechs Jahren gegründete Zeitschrift rekrutierte ihre Redakteure und Autoren im wesentlichen aus dem Studiengang Kreatives Schreiben an der Universität Hildesheim – und konzentrierte ihre Erkenntnisinteressen auf die Prosa und auf die Konjunkturen der Pop-Literatur und ihrer zaghaften Nachfolger.
Mit der Sonderausgabe zur deutschsprachigen Gegenwartslyrik, der laufenden Nummer 17 der Zeitschrift, ist „Bella triste“ aber ein wirklich großer Wurf gelungen. Wer auch immer über die Suchbewegungen der deutschen Gegenwartslyrik und über ihre Teilhabe an poetischer Zeitgenossenschaft diskutieren will, der muss sich auch mit diesem Heft beschäftigen. 14 junge Dichter – von Nico Bleutge bis Uljana Wolf und Henning Ziebritzki – werden anhand von drei ausgewählten Gedichten pro Autor vorgestellt – und zwar nicht in Form eines affirmativen Porträts, sondern in Form von mikroskopischen Feinanalysen ihrer Texte. Diese philologischen Tiefbohrungen werden dabei von Dichterkollegen vorgenommen, die dem Ansatz des porträtierten Lyrikers meist sehr ferne stehen und daher auch nicht mit kritischen Interventionen geizen. Dieses kritische Verfahren wird noch potenziert – denn drei weitere Dichter sind mit interner Blattkritik beauftragt worden: Sie untersuchen im Heft in einzelnen Essays nicht nur die Vorzüge und Schwächen der porträtierten Dichter, sondern setzen sich auch mit den literaturkritischen Prämissen der jeweiligen Porträt-Verfasser auseinander. Es war ein hübscher und fruchtbringender Einfall der „Bella triste“-Redaktion, die jungen Lyriker sich gleichsam gegenseitig rezensieren zu lassen. Durch dieses Verfahren werden auch die Gegensätze und auch einige Frontstellungen innerhalb des lyrischen Feldes sichtbar gemacht, die bislang in der allgemeinen Fraternisierungs-Kultur untergegangen waren. Bislang laborierte die Lyrik-Diskussion ja an der betriebsinternen Kumpanei der Jungdichter, sie sich lieber im Kollektiv versteckten, als ihre ästhetischen Gegensätze öffentlich auszutragen.
Es ist ein großes Verdienst dieses „Bella triste“-Heftes, endlich mit all diesen betriebsinternen Lieblichkeiten und Niedlichkeiten aufzuräumen und ästhetische Markierungen zu setzen. Es beginnt mit einem hervorragenden Essay Lutz Seilers über den Wahrnehmungs-Dichter Nico Bleutge: Lutz Seiler ist zwar voll des Lobes über Bleutges diskrete Poetik des Sehens, deren präziser Blick „auf Materialien und Substanzen trifft und ihre Oberflächenstruktur abtastet“ – aber er bemängelt auch das „Aseptische“ mancher Bilder und den „verkleinernden und weichzeichnenden Gebrauch der Attribute und Verben“. Weiter hinten im Heft verschärft Franz Josef Czernin in seinen meist klugen Kommentaren die Skepsis gegenüber Bleutges Utopie einer genauen Wahrnehmung. Ein anderes Beispiel ist Ulrike Draesners fast schon überirdisch gute, weil hyper-genaue Analyse der Gedichte von Anja Utler. Hier wird Respekt bezeugt gegenüber der hohen Artifizialität von Utlers Wortinstallationen, aber zugleich die Gewaltsamkeit so mancher Wort-Stauung und -Pressung bloßgelegt. Das ist alles sehr spannend zu lesen, weil hier Textkritik aus unterschiedlichsten Perspektiven erprobt wird – mit äußerst erhellenden Ergebnissen. Nur wenige Porträtschreiber flüchten in diffuse Poetisierungen oder weichen aus ins liebevoll Anekdotische. Und weil Textkritik kein Streichelzoo ist, hat sich mancher Dichter auch mit harten Befunden in eigener Sache auseinanderzusetzen – etwa wenn der 1978 geborene Steffen Popp, eine der größten Begabungen der Jungen Lyrik, eine eher schroffe Expertise Franz Josef Czernins über sich lesen muss: „Hoher Hymnen- oder Odenton, und stark poesietraditionalistischer Satzbau und entsprechende Wortstellung. ...Widerspruch zwischen diesem Oden- oder Hymnenton und diskontinuierlichen Assoziationen und zeitgenössischem Vokabular. Und ist das ernstgemeint?“ Weil aber die weitaus meisten Gedichte eine ganz außergewöhnliche Qualität aufweisen, bestätigt sich dann doch der Satz von Hauke Hückstädt, der dieser Jungen Lyrik der letzten Jahre epochale Bedeutung bescheinigt. Seine Behauptung ist kühn: „Von der Nachwendezeit bis heute gilt: Ein Großteil der eigentlichen und tatsächlichen ästhetischen Ereignisse in der deutschen Literatur fand in der Lyrik statt.“

Die wachsende öffentliche Anerkennung der Jungen Lyrik findet auch in anderen Zeitschriften ihren Widerhall. Im neuen Heft, der Nummer 175 der Zeitschrift „manuskripte“ widmet sich auch der Schweizer Autor Felix Philipp Ingold, der als einer der akribischsten Poesie-Leser gelten kann, den Gedichten von Nico Bleutge. Dass Bleutges Debütband „klare konturen“ von der Literaturkritik als bedeutendste lyrische Neuerscheinung des Jahres 2006 gerühmt wurde, hat offenbar einen gewissen Ingrimm bei Ingold provoziert. Jedenfalls versucht er Bleutges Gedichten nicht nur „zahlreiche Manierismen“ und „ungewollte Stilbrüche“ nachzuweisen, sondern auch „weihevolle“ Überhöhungen und „erhabene Inszenierungen“. Letzterer Vorwurf verwundert dann doch, denn von nichts ist Bleutges Dichtung weiter entfernt als von Erhabenheits-Gesten oder lyrisierenden Überhöhungen. Es geht ja im Gegenteil um eine Distanzierung gegenüber jeder poetischen Selbsterhöhung und um genaue Befragung des poetischen Blicks. So strebt Bleutges Dichtung erkennbar danach, eine bestimmte Blickrichtung und den Prozess des Schauens selbst in einen sprachlichen Rhythmus zu verwandeln. Es bleibt abzuwarten, welche neuen Aspekte die neue lebendige Lyrik-Debatte dieser Tage noch hervorbringen wird.

Zu einer Erweiterung des lyrischen Horizonts trägt in ihrer aktuellen Nummer 45 die Dresdner Literaturzeitschrift „Ostragehege“ bei, die einige aufschlussreiche Seitenblicke zum europäischen Nachbarn Spanien wirft. Georg Pichler präsentiert in deutscher Erstübersetzung Textproben von acht spanischen Dichtern, die in Deutschland noch völlig unbekannt sind. Weiter hinten im Heft wird mit Volker Sielaff ein Autor vorgestellt, der zu den diskretesten Dichtern in Deutschland gehört. In seiner Dankrede anlässlich der Verleihung des Lessing-Förderpreises vergleicht Sielaff das Schreiben von Gedichten mit dem buddhistischen Ritus der sogenannten Kalachakra-Initiation. Das Sand-Mandala, das während dieses Rituals in mühevoller Kleinarbeit erstellt wird, erscheint als eine heilige Geometrie, als eine innere Landschaft, die – so Sielaff – den Imaginationszuständen des Dichters entspricht. Neben diesen lyrischen Erweckungen ist „Ostragehege“ auch ein wunderbarer Fund bei zwei Großmeistern der Prosa geglückt. Nach dreißig Jahren hat der Journalist Orlando Barone ein wundersames Gespräch zwischen den zwei argentinischen Weltliteraten Jorge Luis Borges und Ernesto Sabato ausgegraben: Es ist ein schwindelerregender Diskurs über die Unermesslichkeit des Universums, über den graduellen Unterschied zwischen Roman und Erzählung und den Willen zum Selbstmord.

Den Text eines weiteren Weltliteraten, eine kaum bekannte Prosaskizze von Franz Kafka nämlich, hat die Leipziger Zeitschrift „EDIT“ zum Ausgangspunkt eines interessanten Experiments gemacht. Den nur acht Sätze umfassenden Text hat „EDIT“ vier Lektoren zur allfälligen Prüfung zugestellt – freilich ohne den Verfasser der Skizze preiszugeben. Das wenig überraschende Ergebnis ist Heft 42 von „EDIT“ im Faksimile-Verfahren abgedruckt. Die vier Lektoren versuchen sich recht verbissen und pedantisch an einer Redigierung des Textes – ein einziger vermutet Tschechow oder Gogol als möglichen Autor. Keiner der Textprüfer geriet in den Sog dieser Prosaskizze. Dabei verbreitet schon der erste Satz eine Atmosphäre der universellen Verlorenheit und bereits nach wenigen Sätzen ist der Text mitsamt dem Autor-Ich an einem Punkt angelangt, von dem es keine Rückkehr gibt: „Es ist merkwürdig, der Mensch muss nur ein wenig an einem Ort niedergehalten werden und schon fängt er an zu versinken.“ Mit der literarischen Fixierung auf die Abgeschiedenheit können die vier Lektoren jedoch herzlich wenig anfangen. Im Anschluss an dieses Kafka-Experiment hat „EDIT“ einen dazu passenden Text des Autors Jan Peter Bremer eingerückt, dessen Schriftsteller-Ich in wütender Selbstbezichtigung über die eigenen Unfähigkeiten herfällt. Dieser Schriftsteller ist fasziniert von der Gattung der „Kurztexte“ und besessen von der Idee, statt ausschweifender Literarisierungen alles Wesentliche, eine signifikante Form in nur wenigen Sätzen zu zeigen. Am Ende scheint der Schriftsteller wieder in Schreiblähmung zu erstarren.

Zum Schluss noch ein Hinweis auf den aufregenden und in jeder Hinsicht lehrreichen Kosmopolitismus, den seit vielen Jahren die Zeitschrift „Lettre international“ pflegt. Hier findet man die gründlichsten Hintergrundreportagen und ausführlichsten Analysen zu den politisch brisanten Themen unserer Tage, verfasst von den besten Essayisten und Freidenkern Europas. Das neue Heft von „Lettre“, die Nummer 76, schlägt den Bogen von einer erschütternden Inspektion der Terror-Laboratorien Stalins über eine profunde Kulturgeschichte des Jesuitenordens bis hin zu zwei fesselnden Berichten über Afrika, den demographisch explodierenden und infrastrukturell zerfallenden Kontinent. Hier ist auch Michael Buselmeiers Reisebericht über das „wilde Nigeria“ in voller Länge nachzulesen, der in der SR-„Bücherlese“ in sechs Teilen vorgestellt worden ist. Buselmeier durchstreift ein Land, das in seinem anarchischen Gewirr aus verstopften Verkehrswegen, Müllhalden, zerfallenden Bauten aus der Kolonialzeit und Wellblechbehausungen der Steinzeit näher scheint als der Moderne. Hier ist ein religiöser Synkretismus am Werk, der sich im Nebeneinander von christlichen Sekten, Pfingstkirchen, islamischen Gruppierungen und altafrikanischen Riten manifestiert. In Lagos, der nigerianischen Metropole, tummeln sich mittlerweile 13 Millionen Menschen. In einem anderen Aufsatz in „Lettre“ wird darauf hingewiesen, dass solche chaotischen Metropolen mit ihren unlösbaren ökologischen Problemen und ihrer unzureichenden Infrastruktur die Stadt der Zukunft verkörpern. In Afrika hat diese Zukunft schon begonnen.

BELLA triste, Nr. 17   externer Link
Moltkestraße 64, 31135 Hildesheim
218 Seiten, 8 Euro

manuskripte, Heft 175  externer Link
Sackstraße 17, A-8010 Graz
170 Seiten, 10 Euro

Ostragehege, Nr. 45  externer Link
c/o Axel Helbig, Birkenstraße 16, 01328 Dresden
92 Seiten, 4,90 Euro

EDIT, Nr. 42  externer Link
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig
60 Seiten, 5 Euro

Lettre international, Heft 76   externer Link
Elisabethhof, Portal 3 b, Erkelenzdamm 59/61, 10999 Berli
130 Seiten, 11 Euro

Michael Braun         11.04.2007        Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese April 2007

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