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Juni 2009
lettreSinn und Formwespennest
 
Zeitschriftenlese  –  Juni 2009
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk
Der politische Sündenfall des Staatstheoretikers und Rechtsphilosophen Carl Schmitt ist schon oft als gruseliges Skandalon erzählt worden. Noch kein Kritiker des politisch oszillierenden Denkers Schmitt hat aber dessen opportunistische Verbeugung vor dem Terrorstaat Adolf Hitlers so scharf und schonungslos analysiert wie der junge Jurist Benjamin Lahusen in der aktuellen Ausgabe der Kulturzeitschrift „Lettre International“ (Nr.85). Die Fakten sind schon lange bekannt: Carl Schmitt, der wohl scharfsichtigste Rechtstheoretiker der Weimarer Republik und Verfasser stilistisch faszi­nie­render Denkschriften über das Verhältnis von Diktatur und Demokratie, unterwarf sich im August 1934 auf üble Weise dem Nazi-Staat, als er die kaltblütige Ermordung der Rivalen Adolf Hitlers, namentlich der SA-Elite um Ernst Röhm, mit einem unfassbaren Artikel in einer juristischen Zeitschrift rechtfertigte. Die Überschrift dieses Artikels hat Geschichte gemacht und den Namen Carl Schmitt für immer mit dem Nazi-Image besudelt: „Der Führer schützt das Recht“. Was objektiv, selbst im sogenannten „Dritten Reich“, außerhalb allen Rechts lag, rechtfertigte Schmitt als Maßnahme der Staats­notwehr, die der Führer „kraft seines Führer­tums als oberster Gerichts­herr“ zu treffen legitimiert sei. Um die ganze Schänd­lichkeit dieser Rechtfertigung staatlich verfügter Morde kenntlich zu machen, ver­gegen­wärtigt Lahusen den politischen Kontext des Sommers 1934, als die wachsenden Rivalitäten zwischen den verschiedenen Lagern der Nazi-Diktatur sich immer mehr verschärften. In den Wochen vor dem 30. Juni 1934, der sogenannten „Nacht der langen Messer“, wurde das Massaker präzise geplant und vorbereitet. In einer konzertierten Aktion wurden dann innerhalb von drei Tagen rund neunzig Personen ermordet, nicht nur Personen aus dem Umfeld der SA-Elite, sondern auch andere Hitler-Gegner, wie der letzte Reichskanzler Kurt von Schleicher, als dessen Berater Carl Schmitt kurz zuvor noch tätig gewesen war. Wenige Monate zuvor hatte Schmitt noch geäußert, er werde zusammen mit seinem „Freund General Schleicher“ und der Reichswehr „alles tun, um ein Ende des national­sozialis­tischen Abenteuers herbei­zuführen“. Um so überraschender und skrupelloser kam dann im August 1934 die Wende und die kaltblütige Anbiederung an die Vollstrecker des Terrors: „Der Führer schützt das Recht“. Mildernde Umstände, etwa aufgrund der eigenen Bedrängnisse Schmitts in den Jahren des Terrors, als nach 1936 die heftigen Angriffe der SS-Postille „Das Schwarze Korps“ auf ihn begannen und er als „Kronjurist“ der Nazis kaltgestellt wurde, will der Schmitt-Kritiker Lahusen nicht gelten lassen. Die Rechtfertigung der Mörder, so Lahusen, und Schmitts darauf folgende Denunzia­tionen jüdischer Kollegen, hätten Schmitts Charakter­eigen­schaften zum Vorschein gebracht: Er sei geleitet von einem „mensch­lichen Nihilismus“, von absoluter Charakter­losigkeit und reinem Opportu­nismus – als Denker habe er sich mit seinem Führer-Artikel für immer ruiniert.
Dieser vernichtende Befund wurde ja von den philoso­phischen Zeit­genossen Carl Schmitts nicht durchweg geteilt. Es ist bekannt, dass zwischen den Denkern der Kritischen Theorie, etwa dem Philosophen Walter Benjamin, und Schmitt überraschende Kraftlinien des Denkens verlaufen. Im Dezember 1930 schrieb Benjamin zum Beispiel einen Danksagungs-Brief an Schmitt, da er in seiner Habilitationsschrift über das deutsche Trauerspiel auf Schmitts zentrale Kategorie der „Souveränität“ zurückgegriffen hatte. In späteren Jahren waren es einige Theoretiker der Studentenrevolte, die sich trotz der ekelhaften „Führer“-Apologetik dankbar von Schmitts 1963 publizierter „Theorie des Partisanen“ inspirieren ließen.
Wie linke Gesellschaftstheorie, jüdische Mystik und reaktionäres Denken in produktiver Weise aufeinander treffen können, zeigt ein aufschlussreicher Briefwechsel, der im aktuellen Mai/Juni-Heft der Zeitschrift „Sinn und Form“ zu lesen ist. Hier ist die Korrespondenz zwischen Ernst Jünger und dem Religionsphilosophen Gershom Scholem dokumentiert, einem engen Freund und Korrespondenzpartner Walter Benjamins. Es geht in diesem 1975 begonnenen Briefwechsel um Scholems Bruder Werner Scholem, der mit Ernst Jünger in Hannover gemeinsam eine Privatschule besuchte, später als KPD-Mitglied mit einer Tochter des Wehrmacht-Generals Kurt von Hammerstein liiert war und 1940 in Buchenwald ermordet wurde – und eben um Walter Benjamin und dessen Verbindung zu Ernst Jünger. Die Legende allerdings, Ernst Jünger hätte als einflussreicher Mann im Netzwerk der deutschen Militärhierarchie im besetzten Paris auf irgendeine Weise als Fluchthelfer für den in Frankreich internierten Benjamin tätig sein können, bleibt eine Legende. Auffällig ist aber, wie respektvoll und neugierig die so unterschiedlichen Denker Scholem und Jünger aufeinander zugehen – da ist von Ressentiment oder Gereiztheit nichts zu spüren. Der Briefwechsel dokumentiert überdies, wie sehr sich doch die immer noch lesenswerte „Sinn und Form“ darum bemüht, konservatives Denken und ein spät­marxis­tisches Gesell­schafts­verständnis miteinander zu konfrontieren. Diese Verbindung von Gegensätzen ist in diesem Heft auch in der Person des Schriftstellers Hartmut Lange vertreten, der sich im Laufe seines Autoren­lebens vom strengen Hegelianer zum Skeptiker und zum scharfen Kritiker einer heils­geschicht­lichen Gesell­schaftslehre wandelte. „Sinn und Form“ publiziert eine äußerst spannende Erzählung über die Begegnung Langes mit dem Mörder seines Bruders. In den Wirren der Nachkriegsjahre war Langes Bruder nahe einer Laubenkolonie im Südosten Berlins ermordet worden. Sechzig Jahre später, im Herbst 2008 – so suggeriert Langes Erzählung – nahm der aus Kanada angereiste Mörder Kontakt mit dem Schriftsteller auf. Die Pointe am Ende der Erzählung könnte einer Novelle Langes entnommen sein: Der Mörder ist getrieben von der Angst, „ohne Sühne zu sterben“ und bittet den Bruder des Opfers, ihm diese Sühne zu ermöglichen. Es bleibt offen, ob Hartmut Lange hier einen wahrheitsgetreuen autobiografischen Bericht aufgezeichnet hat oder ob – wie der Zeit­schriften­leser vermutet – die Grenzen zwischen faktentreuer Lebenserzählung, Phantasma­gorie und Fiktion bis zur Unkennt­lichkeit verschoben sind. Die linke Gesellschaftskritik wird in „Sinn und Form“-Heft von dem skeptischen Sozialisten Volker Braun repräsentiert, der kürzlich 70 Jahre alt geworden ist, aber nichts von seiner staatskritischen Bissigkeit verloren hat. Das belegen seine Prosa­skizzen unter dem Titel „Flickwerk“ und einige neue Gedichte, von denen ein besonders markantes Exempel, ein dialektisches Exerzitium zu den Folgen des Turbo-Kapitalismus:

Volker Braun: Kassensturz

Jetzt geht's ans Konto, an das Eingemachte.
Ich krieg die Krise, weil der Weltkreis krachte.
Wo ist nun unser Mut? Das Aufbegehren?
Ihr zogt zuhauf und ließt die Seele reisen
Und wart das Volk. Jetzt soll ich Volker heißen
Und meinen Witz von unsrer Schwachheit nähren
Und Widerstand im Warenhaus bewähren.
Das ganze Leben warfen wir inn Handel
Wir glauben gerne, dass es sich verwandel
Die Seelenarbeit für den Mindestlohn.
Was sind wir noch zum Schein, was sind wir schon?
Ein Bettelvolk. Ich sags auch mir zum Hohn.

Volker Brauns „Kassensturz“ ist eine Art Fortschreibung seines berühmten Gedichts „Das Eigentum“ aus dem Jahr 1990, in dem sich das von ihm innig beschworene ostdeutsche „Volk“ wegwarf – zugunsten der kapitalistischen „Begierde“. Ein ähnliches Muster finden wir nun im „Kassensturz“: Der enttäuschte Liebhaber wendet sich ab von seiner Geliebten, dem ver­führ­baren „Volk“, das verges­sen hat, was „Mut“ und „Aufbegehren“ heißt. Das ganze „Leben“ erscheint nun von der kapitalistischen Existenz aufgezehrt, der Daseins­sinn erschöpft sich in der Vermehrung der Rendite. Der bittere Befund am Ende spricht von den Vertei­digungs­kämpfen auf dem Feld der fallenden Profitraten. Ein „Bettelvolk“ ist übrig geblieben, das noch nicht einmal richtig um den „Mindestlohn“ kämpft.
Solche gesellschaftskritische Bitternis finden wir auch unter jüngeren Autoren, etwa bei der Österreicherin Kathrin Röggla, die in der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Wespennest“ (Nr.155), einen sehr elaborierten Essay über das „Krisenmanagement“ und die „Weltmarkt­fiktionen“ im globalisierten Kapitalismus veröffentlicht hat. Ausgehend von den Thesen der prominenten Globa­lisierungs-Kritikerin Naomi Klein analysiert – man müsste korrekter sagen: metaphorisiert Röggla die Auswüchse des „Casino-Kapitalismus“ und des „finanzmarkt­gesteuerten Akkum­ulations-Regimes“. Es gelingen Röggla zweifellos punk­tuell scharf­sinnige Beobach­tungen zur Permanenz der kapita­listischen Krise, zum Auftauchen immer neuer Rettungs­instrumente, die dann ganz rasch revidiert werden müssen, bis sich schließlich die Schulden-Programme des Staates ins unvorstellbar Gigantische aufgipfeln. Aber „das Vergif­tungs­ganze“, so insistiert Röggla, „das Vergiftungsganze ist eben nicht auslagerbar ... es verfolgt uns wie ein Fluch.“ Aber wie man sich dieses „Vergif­tungs­ganze“ ökonomisch und politisch konkret vor­zustellen hat, dazu liefert Röggla nur sehr vage Vor­stellungen – oder eben schicksalhaft dräuende Bilder und wohlklingende Formeln, wie den bei Günter Anders entliehenen Begriff von der „Apokalpyse­blindheit“ der kapitalistischen Untertanen. Schriftsteller sind und bleiben eben Spezialisten für sprachliche Konstellationen, nicht unbedingt für ökonomische Verhältnisse.
Wie solche Konstellationen bei einem Autor entstehen, der dereinst sich zum Priesteramt berufen fühlte, zeigt das schöne Gespräch, das Angelika Klammer mit dem Schriftsteller Arnold Stadler geführt hat. Es ist in der neuen Ausgabe Literatur­zeitung „Volltext“ (Nr.3/2009) nachzulesen. Stadler umkreist hier sein Zentral­thema, die Vergänglichkeit und verweist auf den spirituellen Grund seines Schreibens, „nämlich das jesuanische Erbarmen mit der Welt“, das er als Autor säkularisiert hat. Stadler ist ein Autor, der einen liebevollen Blick auf seine unglücklichen Provinz-Helden wirft, die ihn dafür im Gegenzug mit wunderschönen Sätzen versorgen, etwa mit der häufig variierten Sentenz: „Das Leben ist so kurz wie einmal das Dorf hinauf und hinunter.“
Zum Schluss noch ein Hinweis auf einen Text, der in eine versunkene archaische Gegenwelt eintaucht, deren Kulte aber bis heute fortwirken. Michael Buselmeier hat in „Lettre International“ seine Aufzeichnungen über seine Ägypten-Reise veröffentlicht, eine faszinierende kleine Expedition zu den kulturellen Quellen des Erhabenen. Von Kairo führt die Reise nach Assuan und schließlich ans Rote Meer, wobei der Chronist vor allem seine Erschüt­terungen vor der auratischen Wucht der Pyramiden und Königs­gräber notiert. Auf dem Gipfel des Berges Sinai angelangt, ist die Möglichkeit verloren gegangen, die alte göttliche Verkündungs­geste zu wiederholen, die einst Moses widerfuhr: Für die Verkündung von zehn neuen Geboten sind Schriftsteller nicht zuständig.
Lettre International, H.85   externer Link
Erkelenzdamm 59/61, 1099 Berlin
130 S., 11 Euro

Sinn und Form, H.3/2009   externer Link
Postfach 210250, 10502 Berlin
140 S., 9 Euro

Wespennest, H.155   externer Link
Rembrandtstr. 31/4, A-1020 Wien
12 Euro

Volltext, Nr. 3/2009   externer Link
Porzellangasse 11/69, A-1090 Wien
32 S., 2,90 Euro

Michael Braun24.06.2009Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-AnsichtSeite empfehlen  empfehlen

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