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Lyrikkalender
 
Drei große Vergessene
John Höxter, Georg Friedrich Daumer und Richard Leising

Michael Braun: Aus meinem Kalenderleben
I

Dichter denken manchmal kalendarisch. „Kalender“, lateinisch „Calen­da­rium“, sind ursprünglich Verzeichnisse; Verzeichnisse der „calendae“, der jeweils ersten, auszurufenden Tage eines Monats, an denen die Schulden zu bezahlen sind. Wer Kalender oder auch Kalendergedichte herstellt oder zusammenstellt, glaubt an die zyklische Wiederkehr oder zumindest an die periodische, regelmäßige Strukturierung von Zeit. Und er archiviert und kommentiert das Zeitvergehen, die Vergänglichkeit.
Der Dichter Oswald Egger hat soeben einen poetischen Weltrekord in Kalenderdichtung aufgestellt: In seinem jüngsten Werk, dem „nihilum album“, hat er insgesamt 3650 Vierzeiler zusammengeführt: zehn Vierzeiler für jeden Tag eines Jahres. Oswald Eggers Kalendergedichte, das sind ebenso vertrackte wie zaubrisch flirrende Vierzeiler. Kalendergedichte als unendliche Reflexion über Sprache, Mystik und über die zarte Stofflichkeit von Natur-Elementen.
Auch Literaturkritiker denken manchmal kalendarisch. Besonders wenn Programmdirektoren auf die arbeitsökonomisch sehr folgenreiche Idee kommen, ihre Hörerschaft mit einem Gedicht pro Tag zu beglücken und dieses Gedicht im Internet auch noch kommentieren zu lassen. Dank einer einsamen Entscheidung zweier Programmverantwortlicher des Deutsch­land­funks bin ich seit etwa zwei Jahren in der schönen Verlegenheit, für die 365 Tage eines Jahres je ein Gedicht auszuwählen und es im Internet mit einigermaßen hilfreichen Kommentaren zu versehen. Dreimal am Tag soll das „Gedicht des Tages“ den mutmaßlich überraschten Deutschland­funk-Hörern einen Denkanstoß, eine kleine Epiphanie oder eine Offenbarung ermöglichen.
Mit dieser kalendarischen Sisyphosarbeit bin ich nun tagein tagaus beschäftigt. Auch den Literaturkritiker treibt es also zur unendlichen Reflexion über Zeit und Sprache, zu einer Art literaturkritischer Fließbandarbeit, der durchweg solide Werkstücke abverlangt werden. Man dachte wohl, dass ein Mensch, der einen großen Teil seiner Lebenszeit mit der Lektüre von Gedichten und der Arbeit ihrer Entzifferung verbringt, für einen solchen Poesie-Marathon besonders geeignet ist.
So bin ich also seit Januar 2006, als der Deutschlandfunk sein Projekt startete, dazu gezwungen, der kalendarischen Zeit voraus zu sein. Wenn heute, am 31. Oktober 2007, Georg Trakls „Rondel“ ausgestrahlt wird, dann bin ich mit meinen Gedanken und Kommentierungen schon längst im tiefen Winter und in den Januar-Tagen des Jahres 2008 angelangt. Und sehe dann unruhig zu, wie diese kalendarische Zeit vergeht und mich schließlich in empirischer Realzeit einholt und zu neuen kalendarischen Zeit-Antizipationen antreibt – um nicht von der Zeit verschluckt zu werden.

II

Das Kalender-„Format“, wie man in der professionellen Mediensprache sagt, verlangte kategorisch nach bestimmten Kriterien: Verständlichkeit, Prägnanz, Eingängigkeit. Viel Witz und wenig Melancholie. Und das Allerwichtigste: „Bitte nicht länger als 1 Minute!“
Das interpretierte ich als Aufgabe, diese Vorgaben zunächst brav zu erfüllen, aber gleichzeitig auch aus ästhetischen Gründen zu unterlaufen. Natürlich haben die Berühmtheiten und Kanonisierten im Lyrikkalender ein Existenzrecht, manche genießen sogar Vorzugsbehandlung, zumindest im Jahrgang 2006. Wer will schon auf Meisterwerke wie Matthias Claudius' „Der Mensch“, auf Stefan Georges „komm in den totgesagten park“, auf Jakob von Hoddis' „Weltende“ oder auf Volker Brauns „Das Eigentum“ mutwillig verzichten?
Aber zuviel Devotion gegenüber dem Kanon erschien mir unangebracht. Eine gewisse Unberechenbarkeits-Ambition sollte doch auch zur Geltung kommen.
Mein Ziel war, überraschende Funde im Kalender zu deponieren, disharmonische, angriffslustige, aus dem gewohnten Takt und Stilkorsett ausbrechende, aber auch todunglückliche Texte, auch von weniger bekannten Autoren. Der Auftrag lautete, das ganze Spektrum der Literaturgeschichte, von Walther von der Vogelweide bis zu Nora Bossong und Uljana Wolf in Erscheinung treten zu lassen. Meine Idee war nun: Die bekannten Dichter – wie etwa Rilke oder Hermann Hesse – sollten mit sehr unorthodoxen Textbeispielen präsent sein, die das stereotyp festgezurrte Bild, das wir von diesen Autoren haben, gründlich demontieren. Ein als weihevoll geltender Poet wie Rilke ist mit einem satirisch-boshaften Text („Der König von Münster“) vertreten, der als fürchterlich bieder verrufene Hermann Hesse mit einem sehr sarkastischen Stück über das Liebesunglück eines Subjekts, das sich in Alkohol flüchtet („Armer Teufel nach dem Maskenball“). Es geht mir also um einen poetischen Kollisionskurs, um die bewusste Herbeiführung eines Zusammenpralls schroffer ästhetischer Gegensätze.

III

Vielleicht darf ich einige Lieblingsstücke aus dem Kalender-Jahrgang 2008 vorstellen, Gedichte, die mich belustigt oder verstört, geärgert oder überwältigt haben. Drei Gedichte von drei vergessenen, verdrängten Dichtern, mit den dazugehörigen Kommentaren. Da ist zunächst mal ein Autor aus dem Umfeld der Berliner Bohème des Expressionismus, der Cafehaus-Literat John Höxter (1884-1938). Der bekennende Drogenkonsument firmierte unter Freunden als der „Dante des Romanischen Cafés“. Das poetische Werk dieses stets ironiebereiten Dandys ist schmal, aber seine als Privatdruck zirkulierenden „Apropoésies Bohèmiennes“ (ca. 1935) weisen ihn als Expressionisten aus, mit einer Neigung zu sprachparodistischen und dadaistischen Wortwitzen.

Wenn ich wollte, was ich könnte,
Könnt' ich eher, was ich wollte;
Doch wie will ich wollen können,
Und wie kann ich können wollen
Ohne Muß zum Können wollen,
Da man wollen kann, wer muß!
Müßt' ich wirklich, was ich müssen wollte,
Könnt' ich sicher, was ich können muß.
Seht! Ein Mann, der manches können könnte,
Wenn der gute Mann nur wollen wollte.
Er verstummt und macht vorzeitig Schluß,
Weil (nach Nathan) kein Mensch müssen muß!

Willenserklärungen stehen für leichthändig schreibende Dichter wie John Höxter unter ironischem Vorbehalt. So gerät auch das große Bekenntnis von Höxters Ich zu einer verwirrenden Parade des Konjunktivs und des Irrealis. In diesem vermutlich nach 1920 entstandenen Gedicht dreht ein spielerisch aufgelegtes Subjekt einige Pirouetten ins Absurde: Was denn wirklich als sein Wollen ausgelegt werden kann, bleibt offen.

Im literaturhistorischen Niemandsland zwischen Spätromantik und Realismus verschollen ist auch ein Autor wie Georg Friedrich Daumer (1800-1875). Vom rigiden asketischen Lebensprogramm eines pietistischen Zirkels geprägt, hatte sich der Theologe und Dichter als Student fast zu Tode gehungert. In seinen religionsphilosophischen Schriften geißelte er später das Christentum als lebensfeindliche Vernichtungsreligion. Als Dichter orientierte er sich an der Romantik und an orientalischen Lyrikformen:

NICHT mehr zu dir zu gehen,
Beschloss ich und beschwor ich,
Und gehe jeden Abend,
Denn jede Kraft und jeden Halt verlor ich.

Ich möchte nicht mehr leben,
Möcht' augenblicks verderben,
Und möchte doch auch leben
Für dich, mit dir, und nimmer, nimmer sterben.

Ach rede, sprich ein Wort nur,
Ein einziges, ein klares!
Gib Leben oder Tod mir,
Nur dein Gefühl enthülle mir, dein wahres!

Das nach 1830 entstandene Gedicht „Der Verzweifelnde“, das der große Rudolf Borchardt in seinem „Ewigen Vorrat deutscher Poesie“ (1927) wiederentdeckte, spricht von den tiefen Verletzungen und emotionalen Ambivalenzen, die ein verzweifelt Liebender durchleidet. Von der inneren Gespaltenheit, die sich in den Widersprüchlichkeiten und Paradoxien des Ichs manifestiert, wird das um Klarheit ringende Subjekt fast zerrissen. „Der Verzweifelnde“ wurde wie viele Gedichte Daumers durch Johannes Brahms (1833-1897) vertont. Als Dichter ist Daumer heute nahezu inexistent, in Erinnerung geblieben ist er nur als vorübergehender Erzieher des berühmten Findlings Kaspar Hauser.
Zuletzt ein Abhandengekommener aus der lyrischen Gegenwart. Ein Lyriker der DDR mit einem sehr schmalen Werk: In den vierzig Jahren seiner literarischen Arbeit hat der 1934 in Chemnitz geborene und 1997 in Berlin gestorbene Richard Leising nicht mehr als achtzig Gedichte geschrieben und nur zwei schmale Gedichtbände publiziert. Er gehörte zu den verborgensten Dichtern in der DDR, der sich als „Diogenes im zerfallenen Gehäuse“ ins Schweigen zurückzog, als er sah, dass es für ein authentisches Sprechen im SED-Staat keinen Ort mehr gab.

Was geht da vor mir hin
Gen Abend lang und länger
Es ist mein schwarzer Sinn
Der wache Doppelgänger
Der geht da vor mir her
So leicht als ich bin schwer
Mein böser Bruder Sänger
Noch stummer als ich bin.

Erst nach den Turbulenzen der Wende wurde Leising als Lyriker öffentlich sichtbar: In dem 1990 erschienenen Band „Gebrochen deutsch“ (Langewiesche-Brandt), der Gedichte aus zwanzig Jahren enthält, präsentiert sich ein formal ungeheuer vielseitiger Dichter. Das Gedicht über den Schatten des Ich, den Doppelgänger des eigenen fatalistischen Bewusstseins, stützt sich auf eine modernisierte Heinesche Volksliedstrophe. Der Sänger und sein Doppelgänger: Für beide erlaubt die heillose Situation nur das Verstummen. Viele dieser „bösen Brüder Sänger“ genießen im Lyrik-Kalender ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht.
Lyrikkalender   Deutschlandfunk Lyrikkalender 2008
Für jeden Tag ein Gedicht. Abreißkalender
Herausgegeben von Michael Braun
Verlag: Das Wunderhorn 2007
22.80 EUR

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