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Oktober 2008
schreibheftSinn und Formdie horen
 
Zeitschriftenlese  –  Oktober 2008
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk
„Seit ich mich erinnern kann“, so erklärte Peter Handke vor 35 Jahren in seiner Büchnerpreisrede, „ekle ich mich vor der Macht, und dieser Ekel ist nichts Moralisches, er ist kreatürlich, eine Eigenschaft jeder einzelnen Körperzelle …“ Mit jähen Ausbrüchen dieses Ekels hat Handke seither immer wieder die Gralshüter des Common sense verschreckt – vor allem aber mit seinen leidenschaftlichen Plädoyers für das zerfallende Jugoslawien und sein Kernland Serbien. Als die Weltgemeinschaft 1999 unter militärischer Führung der NATO in den jugoslawischen Bruderkrieg eingriff und Serbien bombardierte, da reiste Handke in einem Akt spontaner Solidarität in die zerstörten Städte und gab später gar den literarischen Verteidiger des Despoten Slobodan Milosevic. Für seine Liebeserklärungen an das gedemütigte Serbien hat Handke viel Prügel einstecken müssen – seine sympathetische „Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina“ hat man ihm nie verziehen.
Während all dieser Jahre ist Serbien von den literarischen Landkarten verschwunden – denn der Hass auf den keineswegs alleinverantwortlichen Bösewicht Milosevic verzerrte auch die Züge der literarischen Intelligenz des Westens. Es fiel immer schwerer, sich einen ideologisch undeformierten Blick auf die Autoren zwischen Belgrad und Novi Sad zu bewahren.

Um diese noch immer virulente Serbophobie zu durchbrechen, hat nun Norbert Wehr in seiner neuen „Schreibheft“-Ausgabe ein kleines Wunder vollbracht. Den Handke-Übersetzer Žarko Radaković, der einst gemeinsam mit seinem Freund die „winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina“ unternahm, hat er dazu animiert, unter Mitwirkung Handkes eine Entdeckungsreise in die serbische Gegenwartsliteratur zu unternehmen, die vom Zerfall des Landes aufs Schwerste erschüttert worden ist. Dank Žarko Radaković liegt nun in „Schreibheft“ 71 ein aufregendes vielstimmiges Dossier zur serbischen Gegenwartsliteratur vor, in dem die polemischen Grobheiten Handkes ebenso berücksichtigt sind wie die bitter-trauervollen und bewegenden Erzählungen einiger serbischer Erzähler und Lyriker, denen Handke misstraut. Neben Handkes Lieblingsautoren – wie Dragan Aleksić, Aleksandar Tišma oder auch die ermordete Poetin Brankica Bečejac – sind auch prominente Schriftsteller wie Bora Ćosic oder Danilo Kis präsent, die Handke mit bösen Verdächtigungen abspeist.
Es ist wohl ein Akt diskreter Gerechtigkeit, mit dem Norbert Wehr im „Schreibheft“ die groben Sottisen Handkes ausbalanciert. Denn während Handke im Gespräch mit seinem Freund Radaković harte Ohrfeigen austeilt und etwa den großen Bora Ćosic als „Sprachsöldner“ tituliert, der seine Herkunft „verraten“ habe, werden weiter hinten im „Schreibheft“ gleich zwei schöne Ćosic-Texte präsentiert. Das Wunderbare an diesem Gespräch zwischen Handke und seinem Übersetzer ist eben, dass der serbophile Autor neben allerlei Boshaftigkeiten auch großartige Sätze von sich gibt, die seine glühende Passion für Jugoslawien verdeutlichen. Der uneheliche Sohn einer slowenischen Mutter fühlte sich zeit seines Lebens „auf eine unglaublich erotische Weise“ vom Slowenischen angezogen. Und eine „Randsprache“ wie das Serbische oder eigentlich Serbokroatische, hat – so Handke – unverzichtbare Varianten zur „Musik der Weltseele“ beigetragen. „Ein großer Schriftsteller steht immer am Rand!“, resümiert Handke – und lobt die von ihm verehrten Aleksandar Tišma, Miodrag Pavlović und Milorad Pavić für ihre „nüchterne Darstellung des Tragischen“. Wobei vielleicht zu ergänzen wäre, dass Tišma und Pavlović stets freie, unabhängige Geister geblieben sind, während Milorad Pavić im Jugoslawien-Krieg durch chauvi­nistische Hetze gegen die die Muslime des Landes auffiel.
Im Serbien-Dossier des „Schreibhefts“ beeindrucken vor allem die Prosaminiaturen von Dragan Aleksić, die wie naive Genre­szenen aus der Kindheit daherkommen, aber die Erschüt­terungen und Schmerzen ahnen lassen, die in dieser Kindheit erlitten worden sind. Eine bewegende Lektüre bieten die Tage­buch­aufzeichnungen des 2003 verstorbenen Weltautors Aleksandar Tišma, in denen ein skeptisch den Alltag erkundendes Ich von Vorahnungen des eigenen Todes aufgezehrt wird. „Die tragische Intensität Europas“ – so lautet der Titel des Serbien-Dossiers – wird am markantesten verkörpert durch das kurze Leben und den gewaltsamen Tod der deutsch-serbischen Autorin Brankica Bečejac. Die in Novi Sad geborene Autorin war mit ihrer Familie 1973 nach Deutschland gekommen und hatte Ende der neunziger Jahre begonnen, Prosatexte in deutscher Sprache zu schreiben. Das „Schreibheft“ publiziert einen ihrer Essays, der von der Schwierigkeit handelt, sich als Fremde und als Intellektuelle gegen das übermächtige Misstrauen der Landesbewohner zu behaupten. Der unbewusste Hass wächst erst recht, wenn die Fremde deutsch spricht und durch Eloquenz vom sogenannten „Volksmund“ abweicht. Im Alter von 30 Jahren wurde Brankica Bečejac von ihrem deutschen Ehemann mit einem Hammer erschlagen.

Einen Epochenbruch wie die serbische Literatur hat die polnische Poesie nicht erlebt. Die maßgeblichen Autoren des Landes hatten schon vor dem Zeitenwechsel 1989 ihre wichtigsten Schriften verfasst, so etwa der bedeutendste Dichter des Landes, der katholische Rationalist Zbigniew Herbert, der bereits 1973 in einem Brief den Untergang der real­sozialisti­schen Despotie voraussagte: „Die Bestie wird verrecken, ich weiß nur nicht, ob wir sie begraben.“ Was sich dann nach 1989 in Polen an Umbrüchen vollzog, wird in gleich drei Aufsätzen des neuen Heftes, der Nummer 5 /2008 der Kulturzeitschrift „Sinn und Form“ untersucht. Weitaus spannender als diese bilanzierenden Artikel liest sich das Porträt eines deutschen Intellektuellen und Politikers, der den Untergang der Alten Welt 1989 nie richtig verkraftet hat. Dietmar Herz porträtiert den Publizisten und sozialdemokratischen Freidenker Peter Glotz, der in seiner widerspruchs­reichen Karriere immer mehr den bürgerlichen Individualisten verkörperte als einen klassischen SPD-Politiker mit „Stallgeruch“. Mit seinem groß­bürgerlichen Habitus lag Glotz, der einige Jahre als Bundes­geschäftsführer und Wissenschaftssenator in der SPD eine führende Rolle spielte, sehr oft quer zum Traditionalismus seiner Partei. Er war der einzige SPD-Politiker, der früh den Dialog mit der radikalen außerparlamentarischen Linken suchte und deren terroristische Sympathien in einem legendären Artikel zur sogenannten „Mescalero“-Affäre scharf kritisierte. Als 1989 die Mauer fiel, geriet Glotz, der Querdenker der Bonner Republik, aus dem politischen Gleichgewicht. In seinen letzten Lebensjahren entdeckte der aus Böhmen stammende Glotz ein Thema, das über Jahrzehnte von der deutschen Linken tabuisiert worden ist – das Leid der Vertriebenen. Interessant ist auch, dass Peter Glotz demnächst auch zur Romanfigur nobilitiert wird: In Jochen Schimmangs großem Gesellschaftsroman „Am Rhein so schön“, der im Sommer 2009 in der Edition Nautilus erscheinen wird, spielt Glotz eine wichtige Rolle als Mentor des Romanhelden.

Noch vergessener als der im August 2005 gestorbene Peter Glotz ist ein Dichter, den die österreichische Sozialdemokratie als volkstümliches Eigengewächs für sich reklamiert hat: Ich meine den großen plebejischen Realisten Theodor Kramer. Von dem Sohn eines jüdischen Dorfarztes aus Nieder­österreich hat die Literatur­geschichte bislang kaum Notiz genommen. Dabei können sich seine meist traditionell gereimten Gedichte in ihrer systemkritischen Schärfe durchaus mit den dialektischen Kunststücken Bertolt Brechts messen. Der größte Teil von Kramers drastischen Liedern, die um das Milieu der Proletarier, Vaganten und sozialen Außenseiter kreisen, wurde erst nach seinem Tod publiziert. In der Herbstnummer der Literaturzeitung „Volltext“, der Nummer 5 /2008, untersucht Daniela Strigl die seltsam verzerrte Rezeption des 1958 einsam gestorbenen Kramer im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit. Der formale Konservatismus Kramers wurde lange sehr despektierlich behandelt: Mit seiner „volksliedartigen und konventionellen“ Dichtung, so urteilt etwa ein aktuelles Lyrik-Lexikon, habe sich Kramer „ins Abseits von der Moderne“ gestellt. Strigl verteidigt dagegen die Modernität Kramers, der die alten Formen genutzt habe zu einer engagierten Poesie der Neuen Sachlichkeit. Als Dichter in der Tradition der Chansonniers habe Kramer die bewährten Muster des Redens und Reimens durchgespielt: „Für lange Märsche braucht es alte Schuhe.“ Theodor Kramer selbst verwies immer wieder auf sein Offen­barungs­erlebnis im Jahr 1929, das ihn zum Realismus der Neuen Sachlichkeit geführt habe: „Ich hoffe sehr, dass ich unter anderem ein Asphaltdichter bin, ein Kohlen­rutschendichter, ein Stunden­hoteldichter, ein Freß- und Saufdichter.“

Ein literarischer Einzelgänger ganz anderer Art ist der frühere Börsenmakler und epische Phantastiker Alban Nikolai Herbst, der eigentlich Alexander Michael von Ribbentrop heißt und im siebten Verwandtschaftsgrad mit Joachim von Ribbentrop verbunden ist, dem Außenminister des Nazi-Regimes. Der 1955 geborene Herbst sieht sich ganz zu Recht in der Tradition ausschweifender Phantastiker wie Jorge Luis Borges und Stanislaw Lem. Sein poetologisches Konzept für das digitale Zeitalter hat er auf den Namen „Kybernetischer Realismus“ getauft. Welche literarischen Konsequenzen diese kybernetische Fundierung seiner Epik im einzelnen nach sich zieht, untersucht nun ein Sonderheft, die aktuelle Nummer 231 der Literaturzeitschrift „die horen“. Im letzten Teil des „horen“-Heftes wird noch einmal die Affäre um Herbsts Roman „Meere“ aufgerollt, dessen Verbreitung aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen im September 2003 verboten wurde. Bei der kritischen Erörterung dieses Verbots beruft sich Ralf Schnell in den „horen“ einzig auf die „Autonomie der Kunst“, deren Geltung nicht angetastet werden dürfe. Ähnlich wie im Falle des verbotenen Maxim Biller-Romans „Esra“ steht im Zentrum des Romans „Meere“ eine sich zur sexuellen Raserei auswachsende amour fou zwischen einem vierzig­jährigen Maler und einer jüngeren Frau, die naturgemäß extremen Schwankungen unterworfen ist und einer schmerzhaften Trennung endet. Man kann sich ausmalen, dass die frühere Gefährtin des Schriftstellers nicht sonderlich begeistert war, sich in einer sexuell derart aufgeladenen Konstellation porträtiert zu sehen. Im Gegensatz zu Maxim Biller ist es Alban Nikolai Herbst aber gelungen, eine Einigung mit der Klägerin zu erzielen und eine geringfügig modifizierte Fassung seines Romans doch noch zu veröffentlichen. Sie wurde im Herbst 2007 in der Literaturzeitung „Volltext“ abgedruckt und erscheint demnächst auch in Buchform beim Frankfurter Axel Dielmann Verlag.

Zum Schluss noch ein Hinweis auf einen brisanten Aufsatz von Thomas Medicus, der in der aktuellen Oktober/November-Ausgabe der Zeitschrift „Mittelweg 36“ die Katastrophen-Faszination des Schriftstellers W.G. Sebald untersucht. In einer psychoanalytischen Pointe unterstellt Medicus zunächst eine negative Vater-Fixierung Sebalds. Die Offiziers-Vergangenheit des Vaters in der Wehrmacht sei beim Sohn in einen „Selbsthass“ umgeschlagen, den dieser an seinem angeblichen „Nazi-Namen“ Winfried festmachte. In seinen Vorlesungen über „Luftkrieg und Literatur“, manifestiere sich bei Sebald dann eine heillose Geschichtsphilosophie, die er selbst als eine Naturgeschichte der Zerstörung gedeutet hat: „Die Ursehnsucht des Kriegskindes“, so Medicus, „gilt … dem Zustand einer ursprünglichen Zerstörtheit, deren melancholisches Glück in der Unerlös­barkeit von geschichtlichem Unglück besteht.“ Wenn nicht alle Zeichen trügen, könnte sich an solchen Thesen erstmals eine ernsthafte Debatte über den ästhetischen Rang des bislang unantastbaren Autors W.G. Sebald entzünden.
Schreibheft, 70   externer Link
Rigodon Verlag, Nieberdingstr. 18, 45147 Essen
216 Seiten, 12 Euro

Sinn und Form, Heft 5/2008   externer Link
Postfach 210250, 10502 Berlin
140 Seiten, 9 Euro

Volltext   externer Link
Lothringerstraße 3, A-1010 Wien
32 Seiten, 2,90 Euro

die horen, Nr. 231   externer Link
Johann P. Tammen, Wurster Str. 380, 27580 Bremerhaven
240 Seiten, 14,- Euro

Mittelweg 36, 5/2008   externer Link
Redaktion, Mittelweg 26, 20148 Hamburg
96 S., 9,50 Euro


Michael Braun22.10.2008Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-AnsichtSeite empfehlen  empfehlen

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