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Oktober 2009
SchreibheftEDITlettre
 
Zeitschriftenlese  –  Oktober 2009
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch
„Man muss den Mut haben zu einer totalen Kritik“: Diesem Lebensmotto hat der italienische Dichter, Filmemacher, polemische Freigeist und militante Intellektuelle Pier Paolo Pasolini alle Ehre gemacht. Als intel­lektuel­ler Freibeuter war er stets darauf bedacht, alle macht­tragenden Ideologien zu sabotieren, auch wenn er teilweise mit ihnen sympa­thisierte. Für die katho­lische wie für die kommunis­tische Orthodoxie war sein Bekenntnis zur Homo­sexualität gleichermaßen unerträglich. Dabei hätte ihm zumindest die katho­lische Kirche dankbar sein müssen für die emphatische Dar­stellung von Jesus Christus im Film „Das 1. Evangelium nach Matthäus“. Die Mar­xisten seiner Zeit, deren rebellischen Impulse er gerne für sich rekla­mierte, hat er systematisch brüskiert durch seinen leiden­schaft­lichen Subjek­ti­vis­mus. Sein Engagement für das sub­prole­tarische Milieu der italie­nischen Vorstädte, für die Lebenswelt der kleinen Diebe, Strichjungen und Mörder war eine Provo­kation für alle politischen Eliten und Denk­schulen.
In den frühen achtziger Jahren war der 1922 in Bologna geborene und im November 1975 in Ostia ermordete Freidenker auch in Deutschland eine Kultfigur der undogmatischen linken Intelligenz. Danach ver­blasste sein Bild, weil ein Intel­lektuel­ler von so extremer innerer Wider­sprüch­lichkeit viel zu sperrig erschien als Iden­tifika­tionsfigur. Tat­sächlich hat Pasolini immer wieder erfolgreich die Grenz­über­schreitung zwischen den Gattungen und Genres praktiziert: Seine Gedichte suchten die „Dreh­buchform“ ober präsen­tierten sich als Glossen zu einem real rexistierenden Film. Seinen Realismus durfte er völlig zurecht als „Liebesakt“ preisen. Dabei tut sich ein denkbar großer ästhetischer Abgrund auf zwischen dem Filme­macher Pasolini, der textgetreu und puristisch das Matthäus-Evangelium abfilmte und Jesus dabei als Mentor der Armen und Entrechteten inszenierte, und den ekel­haften Perver­sionen seines letzten Films „Die 120 Tage von Sodom“, in denen der Unter­gang des faschistischen Imperiums als bestia­lischer Folterreigen gezeigt wird.
Jetzt hat ein neues Interesse an den ästhetischen Zumutungen des radikalen Kritikers und umstürz­lerischen Traditionalisten Pasolini ein­gesetzt. In der aktuellen Ausgabe, der Nummer 74 der Literatur­zeitschrift Schreib­heft hat die Über­setzerin Theresia Prammer ein aufregendes Dossier über Pasolini zusammen­gestellt, das vor allem den kaum mehr sicht­baren Spuren des Gedichtes­chrei­bers Pasolini und dessen poetischen Meta­mor­pho­sen folgt. In kleinen Ausschnit­ten aus bis­lang unüber­setzten Gedicht­büchern, in Tage­buchnotizen und Essays und Werk­kommentaren über Pasolini wird die kurven­reich verlaufene Entwicklung des Schrift­stellers rekonstruiert. Im Jahr 1942, als der Zwanzigjährige noch in der Zeitschrift einer faschistischen Jugend­organisation publiziert, beginnt Pasolini Gedichte im friulanischen Dialekt seiner Mutter zu schreiben. Das war insofern eine subtile Provokation, als während der Herrschaft Mussolinis Dialektdichtung als unerwünscht galt. Pasolini träumt aber vom Entwurf einer politisch unschul­digen Sprache, hervorgegangen gleichsam aus dem Mutterleib. Gedichte in Friulanisch: Das war der Traum einer Sprache, die nicht das bürgerliche Hoch­italienisch des Faschismus sein sollte. Mit seinen Gedichten entfernte sich Pasolini im Lauf der Jahre immer weiter von einer konventionellen Metaphorik, hin zu einer immer drasti­scheren Idiomatik, mit der er sich von einem falschen Traditions­glauben distanzierte. Im radikalen Subjektivismus seiner späten Verse stößt er sich endgültig ab von jeder romantisch-lyrischen Gestik und redet Klartext. So etwa im Gedicht „Späte Einsichten“:

Ich weiß wohl, ich weiß wohl, daß ich mit einem Bein im Grabe stehe;
daß alles, was ich berühre, bereits von mir berührt worden ist;
daß ich Gefangener eines unanständigen Verlangens bin…
daß ich auf der Erde auf- und ablaufe wie ein wildes Tier in seinem Käfig;
daß ich von allen Saiten, die da wären, am Ende immer nur die eine anreiße;
daß ich mich gerne mit Schlamm besudele, denn Schlamm ist Materie, arm, also rein;
daß ich das Licht nur dann liebe, wenn es ohne Hoffnung ist.

Den wohl schönsten Text im neuen Schreibheft verdanken wir dem Dichter Peter Waterhouse, der den Bedeutungen des Buchstabens „a“ in einem Buchtitel Pasolinis nachsinnt. Es geht um den Titel seiner Dialektgedichte: „Poesie a Casarsa“. Das „a“ identifiziert Waterhouse nicht als eine bloße Präposition, also nicht nur als die funk­tionale Bezeichnung „Poesie aus Casarsa“, sondern nimmt das „a“ als Ausdruck für einen kleinen Schrei, als Arti­kulation von Lust und Schmerz, als Urlaut des Menschen.
Eine kleine Erkun­dungs­reise in Pasolinis Dialekt­gedichte unternimmt auch das Jubiläums­heft, die Nummer 50 der Leipziger Lite­ratur­zeit­schrift EDIT. Hier wird ein ursprünglich in Friulanisch geschriebenes Mysterien­spiel Pasolinis abgedruckt, das den Dialekt zur Sprache des Paradieses erhebt. Das Friulanische soll zugleich Sprache des Eros sein und ein sinnliches Zeichen gegen den Übergang der agrarischen Ordnung in ein neues globales System der Massen­kultur. Die eigentliche Sensation liegt hier in der Art und Weise der Über­setzung. Denn Christian Filips, der Pasolini-Über­setzer, wählt nicht das Neu­hoch­deutsche als Ziel­sprache, sondern überträgt die Verse Pasolinis in ein spätes Mittel­hoch­deutsch, die Fremdheit des Dialektes noch in der Über­setzung bewahren will. Die komplette Buch­version dieser Pasolini-Über­setzung erscheint übrigens in im hoch gefähr­deten Verlag des Basler Lyrik-Pioniers Urs Engeler.
In der neu gestalteten EDIT kann man noch weitere lesens­werte Beiträge finden. Kerstin Preiwuß legt eine zauberhafte Inter­pretation des jung verstorbenen Dichter­talents Bernhard Koller vor – und Martin Endres dechiffriert das neue schwierige Sprach­kunstwerk der Dichterin Anja Utler. Dagegen können sich die Texte der Lyriker Konstantin Ames und Karla Reimert nur mühsam behaupten. Konstantin Ames gelingt immerhin ein heiteres aphoris­tisches Vexier­spiel mit berühmten Gedicht-Vorgängern, er ironisiert aber allzu demonstrativ literatur­fromme Konzepte. Karla Reimert probiert etwas aus, was kaum gelingen kann: Sie nähert sich dem Werk Paul Celans in kumpel­hafter Fraternisierung, gleichsam „auf Du und Du“. „Aus Gott und dem Faden“, heißt es da etwa, „bastelt Celan / das erste Joghurt­becher­telefon der Welt.“ Alles kann lyrisches Sprachmaterial werden und steht frei zur Verfügung, soll das wohl suggerieren. Der Reiz solcher post­modernen Exerzitien erschöpft sich jedoch schnell.
Gegen solche poetische Leichtfertigkeit mobilisiert die von Michael Speier herausgegebene Lyrikzeitschrift PARK seit nunmehr 34 Jahren ihren tra­di­tions­bewussten Eigen­sinn und zugleich ihr vitales Interesse an neuen unver­brauchten Ausdrucksformen. Im neuen PARK, dem Heft Nummer 63, sind wunderbar geschlif­fene Bemer­kungen Gerhard Falkners zum Werk einiger Dichter­kollegen zu lesen, eine philo­logische Fein­mechanik ersten Ranges.
Aber um zum Ausgangspunkt dieser Zeit­schriftenlese zurückzukehren: Wo findet man heute noch intellektuelle Freibeuter und Ketzer von der Ent­schlos­senheit eines Pasolini? Da gibt es eine markante Fehlanzeige. Um das intel­lektuelle Milieu in Auf­regung zu versetzen, scheint es heute schon zu genügen, wenn ein ehemaliger Berliner Finanz­senator boshafte Bemer­kungen über die Inte­grations­politik in der deutschen Hauptstadt in Umlauf bringt. Das Über­raschende an diesem Vorgang war und ist, dass es ausgerechnet die Kulturzeitschrift LETTRE INTER­NATIONAL ist, eine im Kern liberale und staatskritische Zeitschrift, die in ihrer aktuellen Ausgabe, der Nummer 86, dem konservativen Polemiker Thilo Sarrazin ein Forum bietet. LETTRE-Herausgeber Frank Berberich hat Sarrazin in einem Inter­view zur Geschichte Berlins befragt – und der hat an einer Stelle des umfang­reichen Inter­views er­wartungs­gemäß die Gelegenheit genutzt, um sich über die Inte­grations­unwil­ligkeit türkischer und arabischer Migranten auszulassen. Wer nun das komplette Interview zur Kenntnis nimmt – und das sei zur Abkühlung der erhitzten Debatte nachdrücklich empfohlen –, wird feststellen, dass Sarrazin viel Richti­ges sagt über die Struktur­probleme Berlins. In den Lästereien über türkische Migranten wird dann leider ein ag­gres­siver Unterton hörbar, der ansonsten nur in der Jugendszene oder an Stammtischen gepflegt wird. Heikel wird es auch, wenn Sarrazin anmerkt, dass ihm „ost­europäische Juden“ als Zuwanderer lieber wären als Türken oder Araber, hätten doch die „osteuropäischen Juden“ einen „um 15 Prozent höheren IQ“ als die deutsche Bevölkerung. Bei dieser philosemitischen Schmeiche­lei merkt der Polemiker nicht, dass er ethnisch-völker­kundlich argumentiert statt soziologisch. Einige Grund­thesen Sarrazins können aber nicht einmal seine schärfsten Gegner widerlegen, etwa seine Beobachtung, dass „große Teile“ arabischer und türkischer Migranten „weder integrations­willig noch inte­grations­fähig“ sind.
Die Kritiker von Sarrazins Thesen haben offenbar auch einen weiten Bogen um das neue Sonderheft, die Nummer 724/725 der Kulturzeitschrift MERKUR gemacht. Ein zentraler Beitrag des Heftes handelt nämlich von den Folgen mangelnder Inte­grations­bereit­schaft und ethnischer Segregation. Jörg Lau erinnert hier noch einmal an den Fall des Pensionärs, der im Dezember 2007 in einer Münchner U-Bahn von zwei jungen Migran­ten kran­ken­haus­reif ge­prügelt wurde. Nach einer detail­lierten Auseinan­dersetzung mit diesem Fall von Jugendgewalt resümiert Lau: „Wenige können sich dazu durchringen, das raumgreifende, pöbelhafte Verhalten der türkischen und arabischen Jugend­lichen zu kritisieren, die vielerorts, längst nicht nur in Berlin, die Mehrheit darstellen.“
In den übrigen Beiträgen des Heftes findet man eine manchmal etwas verquälte Aus­einan­der­setzung mit dem Begriff und der Legi­timität des Heldentums. Die moderne Massen­demokratie, meint etwa Norbert Bolz, hat sich aus histo­rischen Gründen die Existenz von Helden verboten – es sei denn im Starkult. Es ist ja bekannt, dass der Heraus­geber des MERKUR, der eigen­sinnige Lite­ratur­wissen­schaftler Karl Heinz Bohrer, ein großes Faible für das Heroische hat. Aber man muss lange blättern, bis man in seiner Zeit­schrift auf jenen wirklich prekären Aufsatz stößt, der – gäbe es noch eine aufmerk­same Öffentlichkeit – mit scharfem Wider­spruch rechnen müsste. Der britische Historiker Giles MacDonogh stellt hier die brisante Frage nach dem Heldentum im Zweiten Weltkrieg. Hier werden dann nicht nur die Akteure des konser­vativ-mili­tärischen Wider­stands gegen Hitler porträtiert, die bereit waren, für den Tod des Diktators auch ihr eigenes Leben zu opfern. Hier wird auch das moralische Ethos von deutschen Kampf­fliegern und Offizieren erörtert, die sich weder als Nazis noch als Antinazis expo­nierten, denen aber ein „ritter­liches“ Verhalten attes­tiert wird. Spätes­tens an diesem Punkt müssen Zweifel aufkommen an der Groß­zügigkeit, mit der Giles MacDonogh das Prädikat „Held“ vergibt.
Als vorbildhaft darf aber sicherlich das Verhalten des konservativen preußischen Junkers Fritz-Dietlof von der Schulenburg gelten, der an der Verschwörung des 20. Juli 1944 beteiligt war. Als ihm im August 1944 vor dem so­genann­ten „Volks­gerichtshof“ des berüchtigten Nazi-Richters Roland Freisler der Prozess gemacht wurde, zeigte der Angeklagte keinerlei Reue. Im Gegen­teil: Schulenburg bekräftigte trotz des ihm drohenden Todes­urteils seine Ent­schlos­senheit zum Widerstand. Im Blick auf seine Henker sagte er: „Wir haben diese Tat auf uns genommen, um Deutsch­land vor einem namen­losen Elend zu bewahren. Ich bin mir klar, daß ich daraufhin gehängt werde, bereue meine Tat aber nicht und hoffe, daß sie ein anderer in einem glück­licheren Moment durchführen wird.“ Soviel Souve­ränität im Angesicht des Todes verdient Bewun­derung.
Schreibheft 73   externer Link
Nieberdingstr. 18, 45147 Essen. 224 S., 12 Euro.

Edit 50   externer Link
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig. 94 S., 5 Euro.

Park 63   externer Link
Tile-Wardenberg-Str. 18, 10555 Berlin, 112 S., 7 Euro.

Merkur 724/725   externer Link
Mommsenstr. 27, 10629 Berlin. 250 S., 19 Euro.

Lettre International 86   externer Link
Erkelenzdamm 59/61, 10999 Berlin, 260 S., 17,90 Euro.

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