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Ist es einfach, ist es schwierig?
Huchelpreisrede von Gerhard Falkner
Gerhard Falkner
 Gerhard Falkner    Foto: Patrick Hanisch
 
Gerhard Falkner wurde 1951 in Schwabach geboren und veröffentlichte zahlreiche Ein­zel­titel als Lyriker. Auch als Prosaautor (Bruno, 2008) und Herausgeber (Budapester Szenen, 1999) trat er hervor. Für seinen jüngsten Gedichtband Hölderlin Reparatur (2008) erhielt er den Peter-Huchel-Preis.
Meine Damen und Herren, sehr verehrte Gäste und Ehrengäste!

Bei der Hölderlin Reparatur handelt es sich eher um ein kompliziertes Buch.
Aber bei einem solchen Thema darf man sicher sagen, das liegt auch in der Natur der Sache.
Zur Natur der Sache gehört im vorliegenden Falle nicht nur ihr Haupt­darsteller, der Dichter Hölderlin, ein seins­zerklüfteter und boden­loser Mensch par excellénce, sondern auch die ganz besondere Zeit, in der er steht und aus der er hervorgeht.
Es sich mit Hölderlin leicht machen zu wollen wäre gar nicht so leicht, es sei denn, man möchte es sich unbedingt mit ihm, also dem, wofür er steht, (und seiner durchaus wehrhaften Gemeinde) verscherzen.
Er, Hölderlin, ist ein unter Kulturschutz stehendes, erhabenes deutsches Rätsel, das kühn im Gedicht gestellt wird und vom Leben nicht nur nicht gelöst, sondern sogar noch verdunkelt.
Sein berühmtes: ein Rätsel ist Reinentsprungenes, klingt fast wie eine Rand­bemerkung zur eigenen Biographie.
Selten hat eine Sprache eine so auf die Dichtung zugespitzte (und bis ins eigene Zerbrechen hinein diese Sprache bedrängende) Persönlichkeit hervorgebracht, und das zum Zeitpunkt einer phänomenalen und (schließlich sogar) weltbewegenden geistigen Akkumulation in Deutschland.
Der junge Dichter sah sich umgeben und geschätzt von Gehirntieren, um einen Ausdruck Arno Schmidts zu gebrauchen, die immerhin einem Goethe oder Hegel in Augenhöhe begegneten, und über ihm erstrahlte der selbst erkorene Stern, Friedrich Schiller, dessen Hymnen für ihn, wenn nicht gar zum Maß aller Dinge, so doch zum Maß allen Dichtens wurden.
Diese Zeit hatte in ihren besten Vertretern das Glück, genau zu wissen, was sie konnte und wovon sie redete, was dazu führte, dass die Dichtung ihre große formale Sicherheit nie verkrampft unter Beweis stellen musste und trotz einer meisterhaft geschulterten Antike mit Leichtigkeit die eigene Zeit erfasste.
Wer den hohen Ansprüchen nicht genügte, wurde mit den Xenien ge­peitscht, und nur selten traf es die Falschen.

Als ich die Nachricht über den Peter Huchel Preis für die Hölderlin Reparatur erhielt, habe ich mich nicht nur sehr gefreut, ich staunte auch über eine damit verbundene Koinzidenz, denn mir fiel ein, dass einer meiner ersten veröffentlichten Texte überhaupt ein Zeitungsartikel über Peter Huchel war und dass mein erster Gedichtband „so beginnen am körper die tage“, der ein paar Jahre später erschien, mit einem Satz Hölderlins eröffnete.
Ich befand mich also, ganz am Anfang bereits, innerhalb von Koordinaten, die sich heute wiederholen und ich denke das ist, nach einer rasanten Reise durch inzwischen ziemlich viele Koordinaten­systeme, eine günstige Gelegen­heit, um über ein paar grund­sätzliche Bedingungen nachzudenken, die für das Gedicht gelten und die ihm einerseits noch immer seinen hohen Rang zuweisen – andererseits immer mehr Boden entziehen, also Leser, Hörer, Betörte, Begeisterte, mit anderen Worten: Mitwirkende.
Die Dichtung ist ein Mittel, die Kunst der Wirklichkeit so in die Höhe zu treiben, dass man sich in ihr als einen ihrer Darsteller erkennt.
Sie dient der inneren Seins-Verdeut­lichung des Menschen, der Individuali­tätssicherung, der Subjekterkennung.
Das verschaffte ihr die inkommensurable Hoch­schätzung aller Zeiten, die sich ihrer zu diesem Zwecke zu bedienen wussten, aber sie ist lebens­notwendig von Bedingungen abhängig, die heute stark bedroht sind.
Eine dieser Bedingungen besteht in einer veränderten Auffassung und Funktion von Sprache, die dermaßen der Zwangs­ernüchterung für Kom­muni­kations­aufgaben ausgesetzt ist, dass sie von ihrer phänomenalen Reichhaltigkeit kaum noch einen Eindruck zu vermitteln vermag.
Die Reduktion der Kommunikation ist eine der poetischen Reduktion entgegen gesetzte und lediglich die Realitätskrise der Jugend vermag sie gelegentlich noch zu durchbrechen.
Das macht sie, diese Sprache, vergleichbar mit dem Beispiel einer allumfassenden und omnipotenten Natur, die sich verkrochen hat in einer radikalen Monokultur von Ertrag und Zweckhaftigkeit.
Zum anderen ist es das schwindende, und nicht nur quan­titativ schwindende Verhältnis von Leser zu Autor.
Der Leser ist die Beute des Autors.
Ohne diese Beute ist er nicht überlebensfähig.
In der Lyrik jedoch ereignet sich das Phänomen, dass in zunehmendem Maße die Dichter die Beute der anderen Dichter sind, und zwar ohne die sinnvolle Folge, sich dadurch zu dezimieren.
Die Dichter sind ihre eigenen Leser, ihr eigenes Publikum, sie erhalten sich gegenseitig am Leben, sie betreiben ihre und ihrer Arbeit Abkop­pelung, von draußen kommt meist bloß Staunen oder Kopf­schütteln, peinliches Befrem­den oder schiere, erlöste Teilnahms­losigkeit.
Lediglich die Lustigen finden in dieser nach Lustigkeit hungrigen Beliebig­keits­gesell­schaft zahl­reicheres Gehör, besitzen denn aber auch etwa die Halbwertzeit von Kabarettisten und Volks­schau­spielern.

Warum ist das so? Warum verweigern so viele einer Sache ihre Aufmerk­samkeit, die durch alle kulturellen Jahrhunderte und immer von den Besten zum Größten gezählt wurde, was der Mensch hervorzubringen vermag, die Musik und die Poesie.
Es gibt zahllose Gründe, ich kann nur ein paar wenige nennen.
Einer davon ist: Gedichte gelten für viele als schwierig.
Das könnte man sicher so stehen lassen, ohne auf großen Widerspruch zu stoßen.
Warum sie so vielen schwierig erscheinen und was daraus folgt, darüber gibt es aber kaum überzeugende Auskünfte.
Daher zunächst einmal die grundsätzliche Frage: was ist einfach, was ist schwierig.
Die Antwort lautet nämlich keineswegs, einfach ist, was ich verstehe, schwierig ist, was ich nicht verstehe.
Jedenfalls nicht auf unser Thema bezogen, denn es kann ja, noch dazu in einer Problemlösungsgesellschaft, als schwierig nicht gelten, was man gar nicht erst versucht, zu verstehen.
Wenn man die zugrunde liegende Haltung also etwas genauer unter die Lupe nimmt, dann ist schwierig im Allgemeinen etwas, dem ich die Bedeutung beimesse, mich im Maße meiner Möglichkeiten darauf einzulassen, um herauszufinden, ob oder bis zu welchem Grade ich die Schwierigkeit löse – und offensichtlich wird dem Gedicht diese Bedeutung nicht beigemessen.
Bei der vorsortierenden Entscheidung, ob ich mich auf etwas einlasse oder nicht, tritt das Lust / Unlust Schema in sein Recht, das in unserer Gesellschaft weitestgehend erfolgsabzielend im materiellen Sinne eingesetzt wird.
Niemand schreckt vor einer schwierigen Aufgabe zurück, die sich ihm in dieser von seinem Willen gebrochenen Schneise stellt, in der Belohnung durch den Erfolg auf ihn wartet.
In unserem Falle aber wird gefragt, lohnt es sich, auf etwas, das ich nicht verstehe, um der Sache selbst willen Zeit aufzuwenden?
Aus dieser Sicht wird das Schwierige dann einfach zu etwas, dem ich keine verhältnismäßige Aufmerksamkeit zubilligen will und das ich somit als schwierig stehen lasse, ohne mich an seiner Herausforderung zu messen.
Einfach hingegen ist etwas, dem ich eine Forderung nach weiterführender Beschäftigung nicht einräumen muss, das also quasi selbstevident ist oder zu sein hat (wie etwa das schöne Wetter oder etwas, das sich zeigt, grüßt und weitergeht), das sich aber gerade auf Grund dieser Eigenschaft auch selbst entwertet.
Das devaluierende Moment des Einfachen ist unübersehbar.

Dieser Konstruktion zufolge ergibt sich die paradoxe Zwickmühle: Gedichte, die ich nicht verstehe, sind mir die Zeit nicht wert, die ich damit vertun müsste, um näher an ihren Sinn, und damit an ihre Glücksausschüttung, heran zu kommen und Gedichte, die ich verstehe, sind, weil sie einfach sind, oft auch so banal, dass ich sowieso keine weitere Zeit darauf zu verschwenden brauche.
Die so Argumentierenden ahnen natürlich nicht, dass sie (sogar in beiden Fällen) diese Zeit unter Umständen aber nicht nur auf dieses kleine Ungetüm mit Zeilenbruch und Grammatikerschütterung aufwenden würden, sondern auf ihre Selbstwahrnehmung und Selbstanreicherung, denn das Gedicht zeigt, mehr als jede andere literarische Gattung, nicht nur sich selbst, sondern über sich hinaus auch den sich im Gedicht lesenden, mithin einen, vom dem dieser Lesende, bevor er sich dort gelesen hat, bisher gar wusste, dass es ihn gibt.

Die nächste Frage wäre dann: wann ist im Gedicht das Einfache dem Schwierigen vorzuziehen und warum beziehungsweise wann ist es umgekehrt.
Einer der mühsamsten Sätze, gegen die man als Dichter immer wieder anzurennen hat, ist der Satz: ich verstehe das nicht.
Er wird gerne auch angewendet in der leicht dramatisierten Form, ich verstehe das einfach nicht!
Bereits 1991 habe ich in meiner Poetik: Über den Unwert des Gedichts geschrieben: „Sind Gedichte unverständlich, so ist der, der sie nicht versteht, der Grund für ihre Unverständlichkeit!“
Anders ausgedrückt, jemand, der sich dem Gedicht nicht zutraut, findet sich darin auch nicht wieder. Er erkennt sich in dieser besonderen Sprache nicht, wenn er sie nicht der eigenen Mitsprache unterwirft.
Das Komplizierte ist nämlich, wenn wir es denn auf einen Punkt bringen wollen, weiter nichts als die Schönheit des Komplexen, das Einfache hingegen die Erhabenheit dessen, was aus dem Komplexen als Essentielles sich herausgelöst hat und daher als verlässlich gilt.

Werner Heisenberg hat 1925, also mitten in der Sturm-und-Drang-Zeit der Atomphysik, als er auf Helgoland nach einer Masse von in diesem Falle nun wirklich sehr schwierigen mathematischen Gleichungen und Ungleichungen im Vorhof der Unschärferelation anlangte, geschrieben: Ich hatte das Gefühl, durch die Oberfläche der atomaren Erscheinungen hindurch auf einen tief darunter liegenden Grund von merk­würdiger innerer Schönheit zu blicken.
Er wurde zeitlebens nicht müde, darauf hinzuweisen, dass nach Über­win­dung des Schwierigen irgendwann das über­wältigend Einfache aufscheint, das ihm gesetzmäßig zu Grunde liegt.
Genau das ist es, womit auch das schwierige Gedicht oder das Gedicht überhaupt aufwarten kann, wenn man die Befesti­gungen zum Schutze seines verletzlichen Innenraums und mithin Innenspiels durchbrochen hat.
Dazu muss man das heute eh schwächelnde Weltbild der gesicherten Information, an welches das Gedicht sowieso nicht unbedingt gebunden ist, im gegebenen Fall auch hinter sich lassen können.

Das alles soll nun aber keineswegs heißen, dass ein Gedicht sein Ziel nur erreicht, wenn es von einem seligen Aufatmen nach geleisteter Arbeit gekrönt wird, oder, in die Sprache der Fitnesswelt übersetzt, begleitet wird von einem Wonnegefühl nach dem Workout – ganz und gar nicht.
Heisenbergs Unschärferelation oder Unbestimmt­heits­relation, wie er selbst vorzog, sie zu nennen, hat ja schließlich auch nicht Galileos Fallgesetze außer Kraft gesetzt.
So kann es für das durchschlagende Gedicht durchaus auch ein in der Gegend von Ilmenau in Thüringen mit einem Stift auf die Holzplanken einer Berghütte geschriebenes: Über allen Gipfeln ist Ruh sein, das die maximale poetische Leistung erbringt.

Also die unverhüllte, reine Fest­stellung von etwas Berüh­rendem, mit dem bloßen Auge Beobacht­baren, nur sich selbst Bedeu­tendem, mithin Eindeutigem.
Das Einfache besitzt einen hohen Grad von Eindringlichkeit, den sich das geglückte schlichte Gedicht zu Nutzen macht, um eine große Wucht zu entfalten.
Hölderlin hat das meisterhaft beherrscht, Goethe sowieso, neben das rechtmäßig Schwierige nämlich das erhebend Leichte zu stellen, ein jüngeres Beispiel wäre Gottfried Benn, der mühelos neben dem opulenten Reizvokabular seiner Zeit, dem Gammastrahlen-Lamm, in die glasklaren Wasser der Poesie tauchte und genau so gut schreiben konnte: Ich ging den kleinen Weg, den oft begangenen / und diesen Abend war er seltsam klar!
Diese abgründigen Feldwege, über denen die wunderbare Sonne des „Ver-trauten“ scheint, ist ja auch Peter Huchel gegangen.
Hier ist die Sprache im eigenen Haus.
Erlauben sie mir daher an dieser Stelle den kleinen Seitensprung auf ein Beispiel, das zeigt, wie stark das Hermetische oft mit dem einfachen Bild verquickt ist und wie sehr ein solches Bild zur gleichen Zeit durch die verschiedensten Köpfe schwirrt.
Das Beispiel ist die Gegenüberstellung einer Stelle aus Huchels Gedicht Thrakien, wo es heißt: Hebe den Stein nicht auf / Den Speicher der Stille / Unter ihm / Verschläft der Tausendfüßler / Die Zeit
mit der berühmten Stelle Celans: Welchen der Steine du hebst – / du entblößt / die des Schutzes der Steine bedürfen.
Egal, welche dieser beiden Zeilen man als die Eine setzt, die Andere ist jedenfalls nie etwas anderes als dasselbe in Grün!

Es gibt also durchaus Stellen, wo das Schwierige mit dem Einfachen sich überschneidet.
Aber so, wie das Schwierige im vorkommenden Falle notwendig, so muss das Einfache aufrichtig sein, denn sowohl die Vorspiegelung von vertrackter Dickbrett­bohrerei, die Spekulation aufs Aberrative und eine reinerdings riskante Nomen­klatur als Selbstzweck auf der einen, als auch die Neu­sortierung von Platti­tüden auf der anderen Seite verprellen den Geist des Poetischen vollständig, nachhaltig und endgültig.
Das Einfache wartet, wie sich aus alledem ergibt, mit einer anderen Qualität der Befriedigung auf als das schwierige oder hermetische Gedicht.
Das einfache Gedicht stillt einfach den uralten Hunger nach ihm.
Keine Ferne macht es schwierig, bescheinigt ihm die selige Sehnsucht.
Beim hermetischen Gedicht kommt zum Genuss der schrittweisen Enthüllung seines Sinns während des Lesens die Über­raschung über das gerade gelesene und die Neugier auf das nächste Wort, rhythmisch gepuffert von der Gesamt­heit ineinander klingender sprachlicher Eigen­schaften.
Das Moment der Überraschung, weil es an die seinsverdeutlichende Qualität der Neugierde anknüpft, ist eines der wesentlichsten Stilmittel der Moderne und der Dichter, der auf die Sprache verpflichtet ist, sieht sich in seine Wirkungs­macht und Anziehungs­kraft geworfen, denn er ist nun mal ein Spielball der Wörter.

Wenn also das Gedicht einfach ist, gibt es gar nicht so viel dazu zu sagen, weil es sich an seiner eigenen Evidenz erweist.
Ist das Gedicht aber schwierig, dann wird's schwierig, denn dann wird eine Bewertung fällig, ob das zwingend ist, die dem einzelnen bis vor noch gar nicht langer Zeit weitgehend durch einen Bildungskonsens abgenommen wurde, der heute nicht mehr gegeben ist.
Ein scholastischer Disput war schwierig, eine Aussage, wann die Apfelblüte stattfand oder wer zu welchem Anlass welches Hemd anhatte, nicht.
Der Wert einer Schwierigkeit liegt also gemeinhin in seiner Angemessenheit, denn alle Schwierigkeit verfehlt sich notwendig am Unangemessenen.
Wilhelm Busch bringt das auf den Punkt, wenn er sagt: „Die Schwierigkeit ist immer klein, man muss nur nicht verhindert sein.“
Gibt es dann das objektiv Schwierige überhaupt, oder ist das Schwierige einfach immer nur das Äquivalent eines sich unaufhörlich im Gange befindlichen Lösungsversuchs auf den jeweiligen Ebenen?
Lässt sich eine Schwierigkeit denken, die nicht absurd ist und doch in sich selbst ungelöst verharrt?

Was ist denn schwierig? Nehmen wir als ein Beispiel, mit dem viele sicher einverstanden sein werden, die Philosophie Hegels, also Hölderlins Freund und Zeitgenossen. Als Anfang des 19. Jhs., des Jahrhunderts der Bildung, die Phänomenologie des Geistes erschien, war es selbst für den engsten Kreis der hoch gebildeten Umgebung in Weimar und Jena, also Goethe, Knebel, den genialen Schelling und viele andere, fast unmöglich, diese Schrift zu durchdringen.
Ein halbes Jahrhundert später aber wird Hegel, auch durch die wachsende Vermittlung von Marx und Engels, der meistdiskutierte und meistgelesene Denker seiner Zeit. Der Staatsphilosoph.
Das liegt nun aber weder daran, dass die Schriften einfacher, noch daran, dass die nachfolgende Generationen klüger geworden wären, sondern die Auffassung des Werks, gleichsam ihr Zeiger, ist einfach auf seinen Platz in der Zeit gerückt.
Lü Buwei, der große chinesische Weise aus der Zeit der Streitenden Reiche hatte schon erkannt: Die Schwierigkeit einer Sache beruht nicht auf ihrer Größe, sondern darauf, die Zeit zu erkennen.
Bei Hölderlin hat dieses: die Zeit erkennen oder von der Zeit erkannt werden ja eine ganze Weile länger gedauert als bei Hegel.

Schwierig ist also etwas, wofür eine Zeit noch nicht reif ist, deshalb ist es auch das schlimmste Schicksal eines Philosophen oder eines Dichters, seiner Zeit voraus zu sein.
Es gibt natürlich bei Hegel jede Menge anderer Gründe für die Schwierigkeit, darunter einige, die durchaus auch auf das Gedicht zutreffen können.
Beim Philosophen der Phänomenologie liegen sie zum einen an der inhärenten Kompliziertheit von Logik und Erkenntniskritik, zum anderen in der von ihm entwickelten systematischen Methode.

Auf gerade diese Weise kann aber auch ein Gedicht schwierig sein, wenn es sich etwa in einer neuen Methode an einen Gegenstand wendet, für den die Sprache und das Bewusst­sein noch keine Formen der Geläu­figkeit bereit stellt, zum anderen, wenn es die komplizierte Komplexität heutiger Lebens­erfahrung in starker Reduktion und Abstraktion abbildet, zum Beispiel durch Fragmen­tierung von Sprache, Mischung unter­schiedlicher Infor­mations­ebenen oder semantischen Mani­pulationen.
Auch beim Gedicht können also die Schwie­rig­keiten entweder vom Gegenstand selbst, von der Methode, oder von beiden ausgehen.
Wir wollen aber diese uferlosen Zusammen­hänge nicht noch weiter vertiefen, die das Gedicht durch sein vorsätzliches und zeitbedingtes „Schwieriger werden“ einer größeren Öffent­lichkeit und breiteren Aufmerk­samkeit berauben, sondern in aller Knapp­heit noch ein paar andere Phäno­mene zur Sprache bringen, die sich einer breiteren Akzeptanz in den Weg stellen und seine Jahr­tausende währende Kraft gefährden.

Zuerst einmal droht dem (angewandten und flexiven) Gedicht die Gefahr aus einer stark diskurs­gesteuerten Richtung, welche die seit Beginn der Moderne permanent scheiternde und stets in der Publikums­belustigung endende Entgegen­ständlichung des Gedichts immer noch als dernier cri vertritt und voran­zutreiben versucht.
Es handelt sich um Scheinavantgarden, die im postindustriellen Zeitalter noch nicht angekommen sind, um Handwerker, möchte man mit Hölderlin fast sagen, aber keine Menschen.
Es ist ein durch Vitalitätsneid und akademischen Rabulismus geprägtes Lager, das sich autoerotisch an einer ächzenden Artifizialität abarbeitet und seinen Mitgliedern die leere Gemütlichkeit ausgeträumter Avantgarden als Aura in Aussicht stellt.
Diese Richtung hat sich immer Einfluss verschafft durch ihre Bündnispolitik, sie wird gerne von Akademikern mit Versündigungsphantasien umwimmelt und unterliegt einer Dynamik der eingeschworenen Kreise.
Es wird dort unentwegt von Prosodie und Lexemen geraunt und geklopstockelt, ohne sich einen Moment eingedenk zu werden, dass diese einem Gedicht, das zählt, etwa so selbstverständlich zugrunde liegen wie der Boden den Füßen.
Es handelt sich bei den Zielen dieser Gruppierung um eine Strategie der künstlichen Verschwierigung von Poesie zum Zwecke der Delektierung einer eingeschworenen Gemeinde.
Bei den Zünften, die auch dachten, Gedichte ließen sich schustern, schmieden oder nach poetischen Regeln fabrizieren, blieb von den Unzähligen, die in uninspirierter Handwerkslust daran arbeiteten, nur ein Einziger, die Ausnahme von der Regel, Hans Sachs.
Damit können wir es hinsichtlich dieses Phänomens auch belassen.

Erheblich komplizierter und, wie ich denke, auch weittragender verhält es sich mit einem anderen Phänomen, das dem Gedicht erheblichen Boden entzogen haben könnte, wenn die jetzt davon profitierende Generation abtritt, beziehungsweise entsorgt wird.

Einer der jüngeren Dichter aus der Generation, die in dem Band Lyrik von Jetzt ihren großen Auftritt feierte, sagte mir, als mein Gedichtband Gegensprechstadt erschien, „Es ist total merkwürdig, im Moment reden alle nur über dein Buch, normalerweise reden wir nur über uns!“ (O-Ton)
So sehr dies auch als ein Kompliment gemeint gewesen sein mag, so sehr hat es mich bei genauerem Hinsehen entsetzt, denn es verbarg sich darin eine Antwort auf viele Beobachtungen, die ich mir bisher nicht gab oder geben wollte.
Diese Generation, von der ich spreche, und von der im Gegensatz zum vorherigen Beispiel ziemlich viel Bemerkenswertes und Aufregendes kommt, wie ich seit Lyrik von Jetzt 1 nicht müde wurde, zu wiederholen, vollzieht gerade einen Schritt, der einen nie da gewesenen Bruch mit der literarischen Tradition bedeutet.
Sie verabschiedet sich gleichzeitig von den Quellen wie von den Mündungen.
Sie verewigt das Wasser, in das sie steigt, als stehendes Jetzt und besingt diesen Schritt aus der geschichtslosen Perspektive von: me, myself and I.
Sie stellt sich in den eigenen Seinsmoment, ahistorisch nach hinten und utopielos nach vorne.
Beobachtbar war das bereits an vielen Vorzeichen, die möglicherweise in dem Titel Lyrik von Jetzt sogar ihren Niederschlag fanden.
Dieses: normalerweise reden wir nur über uns führte mich auf das Phänomen der Verjetztzeitlichung und den immer wieder in den Blick rückenden Begriff der Selbstreferentialität, und in der Definition der letzteren findet sich tatsächlich ein wesentlicher Schlüssel.
Diese Generation, von der ich rede, hat sich lesend gebildet in den 80er Jahren und ist schreibend zum Durchbruch gekommen in den 90er Jahren, also in den beiden Jahrzehnten, in denen die Kommunikation via Internet und das Telefon in allen seinen Diensten sich ver­unendlich­fachte.
Es entstand dadurch eine hoch­komplexe Situation bzw Kommuni­kations­struktur, die den Sprung in die Selbst­organisation leisten konnte.
Betrachten wir einen Augenblick die Definitions­merkmale von Selbst­referentia­lität, so werden wir darin alle Struktur­merkmale der jüngsten Lyrik­generation finden.

A  Komplexität:

Für die jüngste Lyrikgeneration gilt: wir sind alle extrem gut vernetzt:
Als Definitionsmerkmal für die Selbstreferentialität gilt:

Systeme sind komplex, wenn ihre Teile durch wechselseitige, sich permanent ändernde Beziehungen miteinander vernetzt sind.


B  Selbstreferenz:

Für die jüngste Lyrikgeneration gilt: normalerweise reden wir nur über uns; Als Definitionsmerkmal für die SR gilt:

Selbstorganisierende Systeme sind selbstreferentiell und weisen eine operationale Geschlossenheit auf.


C  Redundanz:

Für die jüngste Lyrikgeneration gilt: wir sind alle gute Freunde, mein Kritiker ist mein Freund, mein Rivale ist mein Freund, mein Verleger ist mein Freund, mein Leser ist mein Freund:
Als Definitionsmerkmal der SR gilt:

In selbstorganisierenden Systemen erfolgt keine prinzipielle Trennung zwischen organisierenden, gestaltenden oder lenkenden Teilen. Alle Teile des Systems stellen potentielle Gestalter dar.


D  Autonomie:

Für die jüngste Lyrikgeneration gilt: für uns ist es nicht wichtig, was vor uns geschrieben wurde oder nach uns geschrieben wird, für uns ist wichtig, was von uns geschrieben wird, und ob es wichtig ist, ist gar nicht wichtig. Als Definitionsmerkmal der SR gilt:

Selbstorganisierende Systeme sind autonom, wenn die Beziehungen und Inter­aktionen, die das System als Einheit definieren, nur durch das System selbst bestimmt werden.


Wir haben es somit zu tun mit einer Gruppe, die sich selbst betreibt, mithin einer zum Ganzen verabsolutierten Szene.
Der Teil als das Ganze also, die ein­schlägige Falle des Spezialistentums.
Der nicht im System integrierte Leser, der durch sein eigenes Netzwerk ausgelastete Nichtliterat, wird in die Distanz des unzulänglich Informierten verschoben.
Trotz dieser erheblichen Problematik trägt diese Szene aber dazu bei, dass in der Lyrik, besonders auch in der deutschen, mithin das vielleicht Spannendste passiert, was die Literatur, vielleicht sogar die Kunst im Allgemeinen, im Moment überhaupt zu bieten hat.
Die Schwierigkeiten aber bleiben trotzdem bestehen.
Die definitiv ernsteste Bedro­hung für das Gedicht kann ich nur in ein paar eigentlich unverantwortlich groben Strichen skizzieren, denn sie bedürfte der Ausführlichkeit einer umfangreichen und systematischen Analyse.
Es handelt sich um das Versiegen des Inneren Monologs.
Auch dies ist die Folge der Hyper­kommunikation, die mit ihren amnesischen Strategien die letzten Ruhezonen des Ichs beseitigt.
Diese Entwicklung liegt im Interesse des Marktes, welcher zunehmend die inneren Ressourcen intelligenten Zugriffen überstellt.
Die Erschließung der intimen, diskreten und empathischen Räume ist weitgehend abgeschlossen und ihre Ausbeutung in vollem Gange.
Es gibt heute kaum noch irgend­jemand, der allen ernstes behaupten kann, dass er weiß, wo ihm der Kopf steht, anders als dort, wo ihn nach einhelliger Ausrichtung der gesell­schaftlichen und markt­wirschaftlichen Zweck­mässigkeit halber jeder zu haben hat.

Meine Damen und Herren!
Mein von mir hoch verehrter Namens­kollege, der amerikanische Schrift­steller William Faulkner, dem durch ein blankes Versehen ein U in den Namen geschmuggelt wurde, mit dem er sich schließlich, aus phonetischen Gründen, ein­verstanden erklärte, sagte in seiner Rede anlässlich der Entgegen­nahme des Nobelpreises:
Ich lehne das Ende der Menschheit ab!“
Mit dem Anlass lässt sich hier zwar nicht ganz konkurrieren, aber ich möchte mir trotzdem erlauben, mich wenigstens in die Diktion des verehrten Autors zu stellen, wenn ich schließe mit den Worten:
Ich lehne das Ende der Dichtung ab!

Gerhard Falkner, März 2009

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