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Die Welt in Flammen

Verleihung des Platen-Preises an Gerhard Falkner
Von Lars Brandt (2009)



Gerhard Falkner 1986
 


„NOVEMBER IST, DIE ERDE IST RAUH“, so beginnt ein Gedicht Gerhard Falkners, ziemlich am Anfang seines Wegs als Dichter. Auf der Fahrt durchs Land vorhin dachte ich: Kann man wohl sagen. Wohl gesagt.

Lassen Sie uns deshalb schnell zur Sonne fliehen, in die Karibik, wo – auf der Insel Kuba, um genau zu sein – vor gar nicht so langer Zeit mit 104 Jahren Gregorio Fuentes sein Leben aushauchte. Dieses gesegnete Alter hatte er dadurch erreicht, daß er keinen Tag weniger als sechs lange, schwere kubanische Zigarren rauchte.

Gregorio Fuentes war Fischer. Viele Jahre hindurch stand er am Steuer der Pilar, des Schiffs, mit dem Ernest Hemingway in den Golfstrom hinausfuhr, um zu fischen. Dabei ging es um das, was Angler „Big Game“ nennen, das Spiel, bei dem es ums ganze geht – um richtig große Fische, Haie, Thune und – vor allen anderen – Schwertfische.

Fuentes gab das Vorbild ab zu dem alten Fischer in Hemingways berühmtester Erzählung „Der Alte Mann und das Meer“, die vom zähen, einsamen Kampf eines armen Mannes handelt, der sich noch einmal aufbäumt. Der sich – ohne den Jungen, von dem er früher immer begleitet wurde und den er das Meer lesen gelehrt hat – in ungewohntes Fahrwasser begibt, um dort das Glück wiederzufinden, das ihn verlassen hat. Und tatsächlich fängt er den größten Fisch seines Lebens. Dort draußen, wohin niemand sonst sich wagt, hat er auf ihn gewartet. Sie messen sich in einem tagelangen Kampf, und schließlich, als der Fisch – sein Bruder, wie der Fischer sagt – besiegt ist, wird er ihm von Haien weggefressen.

Nach Hemingways Tod erbte sein Freund Fuentes das Boot. Das Meer überdauert uns alle, auch der alte Mann lebt nun nicht mehr, und sein Boot hat ausgedient, es liegt im kubanischen Gras neben Hemingways verlassenem Haus auf dem Trockenen.

Warum berichte ich davon? Wir sind hier heute zusammen­gekommen, um Gerhard Falkner mit dem Platen-Preis 2009 auszuzeichnen. Das bringt auch ein wenig Sonne und Glanz hier zu uns, auf die rauhe Erde „im traurigen Monat November“.

August Gustav von Platen und Gerhard Falkner? Ein leicht anämischer Klas­sizist auf der einen, ein temperamentvoll intellektueller Romantiker auf der anderen Seite – wie bekommen wir die unter einen Hut (oder besser gesagt in einen Lorbeerkranz)?
Goethe hat Platens Ästheti­zismus einen Mangel an Liebe zu den Menschen und unserer wirklichen Welt vorge­worfen. Aber das ist einer der wenigen Fälle, in denen Thomas Mann auf die Dauer nicht bereit war, Goethes Urteil zu folgen.

Professor Gunnar Och, der gleich auch hier sprechen wird, hat in einem Aufsatz nachgezeichnet, wie sich Thomas Manns Bild des für ihn durchweg sehr bedeutsamen Dichters Platen im Lauf seines Lebens veränderte, so wie sich sein Denken überhaupt menschlich vertiefte – bekanntlich auch auf politischem Feld. Erinnern wir uns an Thomas Manns „Deutsche Ansprache“ aus dem Jahr 1930, mit der er sich noch einmal nachdrücklich an die Seite der Demokraten und gegen die aufziehende Nazi-Barbarei stellte. Gehalten wurde sie in Berlin, im selben Jahr, in dem er auch hierher reiste, um in dessen Geburtstadt klarzustellen, wie er Platen verstand:

Nur Unkenntnis, sagte er, könne „diesen Dichter auf das rational Formale und Rhetorische festlegen wollen und in der Vorstellung verharren, ihm fehle ... jener Tonfall magischer Innigkeit, den vorzüglich der Deutsche als eigentlich lyrisch ehrt“.

Gerhard Falkner wird heute für seine Novelle „Bruno“ ausgezeichnet. Im Zentrum seines literarischen Schaffens steht aber bisher die Lyrik. Im Mittelpunkt eines wachsenden Werks, das bei allen Unterschieden, zu denen es sich entfaltet – von den frühen 80er Jahren mit den Gedichten seines Debütbands „so beginnen am körper die tage“ bis zur „HÖLDERLIN REPARATUR“, den vorläufig letzten, im vorigen Jahr erschienen Gedichten – überall durchglüht ist von einer tiefen Innigkeit, die sich bisweilen direkt zeigt und an anderer Stelle im Versteck bleibt, ohne je vergessen machen zu können, daß sie da ist und atmet, pochenden Herzens, jederzeit bereit, sich zu erregen, angefacht durch Eros, Zorn und brennenden Geist.

Seine Arbeit trägt von Anfang an Gegenwartskritik in sich. Kritik einer in mancher Hinsicht arg auf den Hund gekommenen Moderne, die sich selbst verloren hat. In dem, was einst die Form persönlicher Freiheit war – vieles davon Ausdruck und Erkennungszeichen von Außenseitern und Widerständlern – nun, seines Inhalts entleert, ist es bloß noch Weihnachtsbaumschmuck, der am Klischee dieser Moderne baumelt. Drumherum tanzen brav bunttätowierte und blechgespickte Leiber, durchgeschüttelt von dem Krach, der aus Lautsprechern auf uns einboxt, die in Wahrheit Waffen sind, die wir auf uns richten. Modern? Was soll das bedeuten, Avantgarde?

Nichts. Anzustreben wäre eine weder pathetische noch alberne Kunst dieser Zeit. Ein ernstes Unterfangen, aus dem ohne eine Menge Humor kaum viel werden kann, nehme ich an. An beidem gebricht es Falkner unverkennbar nicht. Gebraucht würde eine moderne Kunst, die sich nicht den wirklichen, mehr oder minder versteckten, Benimmregeln des Tages unterwirft. Die sie zu unterlaufen hätte, aufs Kreuz legen müßte. Die subversiv wäre also – auch so ein Wort, das sich entleert hat.

Gegen Üblichkeiten im Denken und Herrschen ganz allgemein anzugehen und dabei durch die weit geöffneten Türen wohlmeinender Gesellschaftskritik zu rennen, das wäre in der Tat nicht besonders subversiv zu nennen. Der Stachel der Subversion sticht und schmerzt nur dort wirklich, wo einer steht und sich auskennt und sich vielleicht – oder sogar sicher – selber dabei auch wehtut. Wo das Risiko damit verbunden ist, als echter Störenfried nicht miß-, sondern ganz richtig verstanden zu werden.

Subversive Kunst wendet sich nicht gegen die längst überlebten gesellschaftlichen Klischees, sondern gegen die Gewohnheiten, die sich in ihr selber immer neu breitmachen: Nicht gegen jene Gemütlichkeiten von gestern, sondern gegen die von heute – seien sie hochverzwickt und intellektuell, seien sie brutal und schrill, oder wie immer. Im Lärm ist womöglich die Stille subversiv. Immer aber geht es wohl gegen das, was gerade als Voraussetzung gilt, überhaupt wahrgenommen zu werden.

Ich rede über Kunst. Denn Gerhard Falkner ist als Dichter Künstler. Auch sein reflektierender Blick geht über den Tellerrand der Literatur hinaus.

Falkner nimmt wahr, was von anderen in seiner oder in anderen Disziplinen gemacht wird. Er fragt sich, wer dort mit welchen Mitteln nach einer Moderne fahndet, die sich nicht entkernt hat. Sein Verständnis von Aktualität allerdings setzt immer voraus, was vor ihr da war. Gegenwart ist ohne Geschichtsbewusstsein nicht zu gewinnen. Die Zukunft, in die er hineinarbeitet, ist nicht steril gegen die Befruchtung durch das, was andere früher gedacht und gemacht haben. Ohne Bewußtsein für die Vergangenheit gibt es keine Zukunft. Das hört sich wie ein Kalenderspruch an und ist – ernst genommen – von politischer Brisanz. Was macht uns denn vom Objekt zum Subjekt, wenn nicht unsere Erfahrung und der Wille, sie zu nutzen?

Jedenfalls paßt es gut, wenn der heute zu verleihende Preis für Gerhard Falkner eine Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft schlägt – von Platen her in die Zukunft eines in der Entwicklung befindlichen Werks. Unsere Gegenwärtigkeit kann nicht als Vorwand dienen, die Maßstäbe zu verramschen, die uns die Vergangenheit in die Hand gibt. Sie muß sich daran und damit messen – als einem großen und nicht domestizierbaren Tier, das man vielleicht umbringen muß, so wie der alte Fischer seinen Schwertfisch, in jedem Fall aber ernstnehmen. Wie sieht solch ein Schwertfisch für einen Lyriker aus? Vielleicht wie Hölderlin oder wie Heine? Gar wie Hegel? Nennen wir ihn einfach Bruno.

Die Novelle „Bruno“ ist ein Meisterwerk, dessen Prosa von stofflicher Wucht und formaler Kunstfertigkeit getragen wird, so daß ich mich sofort gezwungen sehe, neu anzusetzen: Dies ist alles andere als der erzählerische Ausflug eines Lyrikers, der gerade nichts Besseres vorhatte.

Falkner beweist vielmehr – so wie auch mit anderen Texten, etwa mit dem abgründig-komischen Theaterstück „Alte Helden“ -, daß der Unterschied nicht so schwer wiegt, wie manche glauben, zumindest zu glauben vorgeben, vielleicht um die bequeme Vorstellung nicht zu gefährden, beim Erzählen ginge es darum, irgendwie und nur nicht zu aufwendig halbwegs plastisch werden zu lassen, was sie für die zu erzählende Geschichte halten. Ich jedenfalls bin überzeugt, daß jede Literatur von der denkbar größten Genauigkeit in der Wahl der Wörter handelt, ob dabei nun Lyrik oder Prosa, ein Drama oder Essay entstehen. Tief innen sind sie eins.

Worum geht es in diesem erstaunlichen, so schmalen wie inhaltsreichen Buch „Bruno“?
Eigentlich um alles.
Um alles Wichtige zumindest, um das nämlich, ohne das alles andere nichts ist. „Ah, die alten Fragen, die alten Antworten, da geht nichts drüber“, wird in Becketts „Endspiel“ bekannt.
Um die alten Fragen geht es, aber heute, in unserer Zeit.

Um das Ich geht es in Falkners Buch, das bei sich selber sein muß, damit es sein Gegenüber finden kann. Wenn es könnte. Um die Suche nach dem eigenen Leben. Man schaut in den Spiegel und trifft sich nicht mehr an dort – in den Augen, in die man schaut. Und mit denen man die Welt erkennen wollte. Wie soll das eigentlich noch gelingen?

Dem Dichter, von dem Falkner in seiner Novelle „Bruno“ erzählt, stellt sich diese alte Frage, und nun stößt er auf die beunruhigende Antwort, daß nicht nur er selber unterwegs sich verloren gegangen ist. Es ist in

seinen Augen so ziemlich alles perdu: Was uns umgibt, haben wir banalisiert und entstellt, so erlebt er es. Wir haben einen Irrgarten aus Zerrspiegeln errichtet. Darin kann keiner mehr erwarten, den Ausgang, geschweige denn sich selber zu finden. Nicht in den Spottbildern, die uns dort gegenübertreten.

Aber vielleicht wäre es noch möglich im Angesicht eines Wesens, das unberührt ist von unserem Schund, unserer Schuld. Im wilden, honiggelben Auge eines Braunbären vielleicht? Finden wir unser „Spiegelbild im goldenen Auge“? – um den Titel eines Romans von Carson McCullers anklingen zu lassen.

Von seiner Not spricht der Ich-Erzähler in Falkners Buch – der Verzweiflung eines Dichters, so wie der Autor einer ist -, sich selber nicht mehr zu erkennen in den Spiegeln des Daseins, das er sich gezimmert hat und das hineingestellt ist in eine allgemeinere Entwicklung, die kein Einzelner bestimmt. Der um sein Feuer trauert. Der sich noch einmal aufbäumt gegen diese furchtbare Erkenntnis, bevor er einsehen muß, daß es zu spät ist für ihn, so wie er sein will – leidenschaftlich und geistig, frei bei sich und wirklich – statt betäubt vom Kreuzfeuer selbstzweckhafter Nachrichten, die mehr verbergen als besagen. Statt gefügiger Konsument vorgetäuschter Wildheit von der Stange, die uns nur zu treuen Bütteln einer alles egalisierenden Abstraktion namens Markt hinabwürdigt.

Der Dichter in der Novelle lebt in dem traurigen Gefühl, daß Leute wie er rar sind und seltener werden. Die Geschichte erzählt vom Versuch eines Menschen, in den hohen Bergen der Schweizer Alpen zurückzufinden zum Anfang, bevor er sich verlor. Um sich selber noch einmal in die Augen zu sehen und die Wahrheit dessen anzuerkennen, was da steht. Wohin es mit ihm in den letzten dreißig Jahren gekommen ist.

Seine Armut ist anderer Natur als die des alten Fischers Santiago bei Hemingway, aber wie der weiß auch er, daß er sich aufbäumen muß in einer – vielleicht der letzten – großen Sammlung seiner Kräfte, um sich einmal noch freizuschaufeln und vielleicht die Kontur der eigenen Möglichkeiten zu erkennen. Aber um sich zu finden, braucht man halt ein Gegenüber. Seine Frau hat den Dichter irgendwann verlassen, zuvor jedoch wurde er von sich selber verlassen. Darum steigt er nun hinauf ins Gebirge, in eine Landschaft mit hohen Höhen und tiefen Tiefen, angestoßen durch ein Stipendium, das der Dichter antritt.

Falkners Ich-Erzähler verbringt diese Zeit in einer einsamen Hütte im Kanton Wallis. Er lebt einige Wochen ziemlich abgeschnitten vom Rest der Welt. Im engeren Sinn zu tun hat er in dieser Zeit – abgesehen von einem kurzen Ausflug zurück in die andere Welt, zur Baseler Kunstmesse und in die Arme einer Freundin – nur mit einem alten Mann von dort oben, der ihn die Berge lesen lehrt. Auch äußerlich übrigens, wird dem Leser verraten, gleicht der dem Fischer aus Hemingways Erzählung – oder zumindest Anthony Quinn, wie er ihn 1990 in einem Fernsehfilm darstellte. Der Dichter wird in dieser Begegnung noch einmal zum Jungen, zum Schüler, blättert in seiner Geschichte zurück.

Allerdings ist er nicht der einzige Besucher, der von fernher angereist ist. In Italien hat sich ein Braunbär auf die Wanderschaft durch die Alpen begeben, der Titelheld des Romans, Bruno nämlich, der – da er ja kaum getauft ist und auch keinen Ausweis besitzt – nur so heißt, weil die Presse ihm diesen Namen gab. Jeder von uns erinnert sich daran. Denn hinter der Geschichte vom Braunbären Bruno steht ja außerliterarische Wirklichkeit, von der wir aber nur durch die Zeitung erfuhren – die aus Tatsachen eine Sommerloch-Schmonzette macht, die der Dichter auf dem Berg für sich vertrackterweise wieder in etwas Reales, ja zum Inbegriff des Daseins verwandeln möchte. Aber eher wie ein Träumer. Sein Gegenüber, das ihm dort oben begegnet, ist weniger der Bär als das Gebirge, das ihm diesen Traum eingibt.

Bruno also sucht – so wie der Dichter – sein Gegenüber im Leben: eine Frau nämlich, die dazu taugt, seine Bärin. Das verrieten damals die Zeitungen – ob nun von Bruno darüber in Kenntnis gesetzt oder von wem auch immer. Eine Zeitung ist es auch, die den Dichter über das Auftauchen des Bären dort, wo er sich gerade aufhält, informiert, und er liest es mit gemischten Gefühlen, weil die Presse für ihn Organ des Gerüchts ist, das sich an die Stelle der Wirklichkeit schiebt und sich nach und nach alles anverwandelt. Eben jenes Blatt tut es, das auch seine eigene Ankunft meldet: „Da der Notiz in der Zeitung ein Bild beigestellt ist, weiß ich wenigstens, wie ich aussehe“ stellt er lakonisch fest. „Obwohl ich mir immer gewünscht habe, niemals so auszusehen, wie dieses Bild mir unwiderlegbar vor Augen führt, wird es mir vielleicht behilflich sein, den ausfindig zu machen, den es darstellt.“

Seinem wahren, verschütteten, verratenen Ich hofft er in den Augen dieses Bären zu begegnen, der sich dort draußen im Wald herumtreibt und für den es keine Alternative gibt zur Freiheit und seiner ungebändigten Leidenschaft. Zur Gefahr auch: Der Gefahr, in die er sich selber bringt und jener, die er für andere verkörpert. Er ist das Wilde. Im Bären Bruno, hinter dem die Jäger her sind – vordergründig, weil er unterwegs den Schafen „den Bauch aus dem Gestell reißt“ – und hinter dem sie in Wahrheit her sind, weil er eben noch nicht gezähmt ist. Er ist der Andere, der niemanden anzugreifen braucht, um gefährlich zu werden, es langt ja seine Existenz.

Nun aber, in der Konfrontation mit der ursprünglichen Natur des Hochgebirges, öffnet sich dem Dichter eine Tür, und er stellt sich vor: Irgendwo dort draußen, wohin es sie beide von weither zog, streicht sein Bruder Bruno durch den Wald – damit sie sich finden sollen. Die Steine, der Wald, der Himmel – all das ist real. Kein Gerücht. Keine Ware. Ohne Marke und Preisschild. Oder? Der Nebel der Käuflichkeit weicht dem Licht von Sonne und Mond.

Der Traum vom Echten ist selber etwa Echtes. So wie elementare Landschaften, wo der kleinste Schritt daneben, der geringste Fehlgriff, den Kontakt zu den tod­gefähr­lichen Elementargewalten wieder herstellt. Zonen wie Hochgebirge oder Meer legen unser Wesen frei, indem sie uns befragen, wie es in der Schachsprache heißt, die vom Kampf um das Ganze handelt. Big Game.

Der ergreifende Ton, in dem Falkners Dichter währenddessen die Natur reflektiert, läßt einen bisweilen an Stifters „Bunte Steine“ denken, und so wundert man sich nicht, daß auf seinem Schreibtisch in Berlin die Erzählung „Granit“ liegt, wenn er am Ende wieder zurück ist im Flachland an der Spree.
„Dieser Pechbrenner wollte in den höchsten Wald hinauf gehen,“ so schrieb Adalbert Stifter darin, „wo nie ein Besuch von Menschen hinkömmt, wo nie eine Luft von Menschen hinkömmt, wo alles anders ist als unten, und wo er gesund zu bleiben gedachte.“

Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ findet der Ich-Erzähler aus „Bruno“ ebenfalls dort auf dem Schreibtisch vor, denn er beabsichtigt, die Erzählung neu in unsere Sprache zu übertragen – was bestimmt keine schlechte Idee wäre, wenn man an die schrullige Art der alten


Übersetzung von Annemarie Horschitz-Horst denkt. Andererseits: Ist man nicht längst dankbar für alles, was noch (aus welchem Grund auch immer), einfach durch etwas persönlichen Charakter aus dem abgeglichenen Einheitsbrei ragt? Möchte man nicht kauzige Merkwürdigkeiten fast jeder Art, sogar Fehler, eher unter Schutz stellen, die es bis in die durchrationalisierte Gegenwart geschafft haben? So wie Bruno es geschafft hat, zu überleben. Vorerst.

Blättern auch wir noch einmal zurück – von Berlin in die Schweiz, der Dichter ist noch im Gebirge, zieht durch die Hochwälder und macht sich auf die Suche nach Bruno, dem Bären – nach sich selber. So wie Hemingways Fischer Santiago und so wie jeder ist er dabei ganz auf sich selbst gestellt. Er hat keine Chance, nur sein unbeugsamer Wille gibt ihm eine.
Anders als Santiago seinen Fisch, will er den Bären nicht töten, aber darauf kommt es gar nicht an. Denn die Liebe zum großen Tier, hinter dem beide her sind, liegt so oder so in der Nähe des Todes. Es ist immer ein Kampf auf Leben und Tod, für Mensch und Tier. Big Game. Die Gegenwart des Todes öffnet die Tür zur Wahrheit der eigenen Existenz. Fehltritte werden in dieser Auseinandersetzung nicht von gesellschaftlicher Moral untersagt: Bei der Suche nach dem eigenen Kern ist jeder alleine mit der Kraft, über die er verfügt, dem eigenen Willen, den Fähigkeiten, über die er gebietet.

Nur darum geht es – um den Blick in den Spiegel, und weil weder der Spiegel im Badezimmer noch das Spiegelbild in der Zeitung – und sie steht hier stellvertretend für die ganze Bewußtseinstechnik, mit der wir uns umgeben und die immer mehr in sich hineinsaugt wie ein schwarzes Loch, wo alles immer weiter verkleinert wird, bis es am Ende nicht mehr vorhanden ist. Weisgemacht werden soll uns dabei, jede weitere Minimalisierung und Entstofflichung bedeute in Wahrheit ihre maximale und umfassende Präsenz.

Fernsehen, Kino, Internet und so weiter – nichts davon erlaubt dem Dichter in der Novelle noch, sich in die Augen zu schauen und zu begreifen, wer er ist, und nun hofft er wie besessen, sich selber in den honiggelben Augen des Bären wiederzusehen (wenn man so sagen darf, denn immerhin ist es Sünde, nicht zu hoffen, wie der Fischer Santiago weiß, und trotzdem ist dieses Hoffen des Dichters von Besessenheit geprägt).

Der Dichter aber, den seine Suche nach dem Tier im nächtlichen Gebirge an die Schwelle des Todes bringt, der also vorbereitet ist auf die Begegnung mit dem Elementaren, bemerkt eines Tages tatsächlich seinen gefährlichen Bruder plötzlich direkt vor sich, ihm gegenüber im Wald. Er ist am Ziel.

Und als er sich nun zusammennimmt und in die Augen des anderen schauen will, hat er statt des Bären Bruno bloß ein Rindviech vor sich. „Einen Moment lang“, heißt es in der Novelle, „war ich mit mir zur Deckung gekommen, weil die Unmittelbarkeit der Wahrnehmung mit der Erwartung, dem Drang und der Selbstbereitschaft in Übereinstimmung geraten war, egal, wohin dies alles auch führen mochte oder geführt hätte. Einen Moment schien die gesamte Mannschaft, aus der meine unübersichtliche Person sich zusammensetzt, an Bord getreten, um einen Blick auf diese Inselchen der Spiritualität zu tun und sich zu einem einzigen Menschen zusammenzufassen. Und dann das. Es war keine Ernüchterung. Es war, als hätte mich die Pranke des Bären getroffen, auf den ich nicht gestoßen war.“

Als er ihn, Bruno, dann wirklich zu Gesicht bekommt, ist dessen Auge gebrochen und kein Spiegel mehr. Jäger im Auftrag der Weltordnung haben ihn erschossen. Kopfschuß. Träume trifft man im Kopf.

Es ist stets eine Feuerwehr zur Stelle, jeden Brand zu löschen: um zu verhindern, daß etwas Unkontrollierbares, wie es wahre Gefühle und eigene Gedanken immer sind, daraus werden kann. Wenn wir uns aber nicht in Gefahr begeben, kommen wir weder auf die Gipfel, noch in die Täler, wir bleiben in der Ebene. Da fühlen wir uns ja vielleicht auch wohl. Und sehen sie in Wirklichkeit noch nicht einmal mehr, die hellen Gipfel so wenig wie die finsteren Abgründe. Die Gefahren, die wir fliehen aber wären unsere: die wir suchten und fänden, so wie sie uns.

Aber wenn wir uns selber und gegenseitig nicht mehr abnehmen, ernstlich jemand zu sein, weil wir dort in der Ebene in uns allen nur die fahlen Spiegelbilder blinder Attrappen ohne Kern und Willen erkennen können, haben wir aufgehört, unser Schicksal bestimmen zu wollen.

Dann gibt es auch nichts in der Art von Politik mehr, und wozu wird dann noch etwas Altertümliches wie eine Geheim­polizei gebraucht? Wenn wir die Welt mit der Gewalt der Waren plattmachen, wozu brauchen wir dann noch Soldaten?

Und wenn wir alle kleine Gangster und große Angeber, halbe Nutten und ganze Verräter sein wollen, dann ändert sich schlag­artig die Aufgabe der Polizei. Sie ist nicht länger Wächter der Ordnung, sondern „Konflikt­lösungsteam“, Schieds­richter im großen bunten Hin und Her des Gewerbes von Verbrechern, die sich tummeln im Straßen- wie im Zahlungsverkehr, Mittler zwischen Partnern eines großen Spiels, die nur in verschiedenen Rollen agieren.

Einer hat dann ausgespielt: Der Ernst. Weil wir den Ernst aus unserem Leben zu verbannen entschlos­sen sind, suchen wir Unterschlupf in verzweifelter Infantilität, nur weg von uns selber, von einem Gegenüber, von jedem Gedanken und Gefühl.
Von allem, was einen Funken schlagen könnte, der die Welt in Flammen zu setzen vermag.

Da stehe nun also heute ich hier. Stellvertretend, wenn man so will, denn eigentlich sollen die zuletzt Ausge­zeich­neten über ihre Nachfolger reden. Der vorige Preisträger, Hans Wollschläger, wurde postum geehrt. Er lebt nicht mehr. Seine Texte schon. Lesen wir, was er uns hinterließ. Auch an Hans Wollschläger möchte ich an diesem – Heine möge verzeihen – untraurigen, eigentlich doch guten Novem­ber­tag denken.

An Wollschlägers Stelle, und trotzdem fühle ich mich nicht als sein Vertreter heute. Mir war es aus ganz eigenen Gründen wichtig, Ihnen bei dieser Gelegenheit ein paar Gedanken zur Verleihung des August Graf von Platen-Literaturpreises der Stadt Ansbach im Jahr 2009 an Gerhard Falkner vortragen zu dürfen.

Herzlichen Glückwunsch!
Lars Brandt, geboren 1951 in Berlin als zweiter Sohn von Willy Brandt, ist ein deut­scher Schriftsteller, Filmemacher und Künstler. 2008 erschien sein Roman Gold und Silber (Hanser, München).
Lars Brandt (2009)  02.08.2011   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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