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Ulrike Almut Sandig
B war ein anderer
Bericht über den 13. open mike der literaturWERKstatt
Berlin, November 2005

Bericht über den 13. open mike Was ich am unangenehmsten finde, ist der Begriff erfrischend. Amber Rusalka Reh sitzt mir gegenüber am Bartisch und kaut an ihrem Hähnchenschenkel. Erste Pause, es ist eng im Kulturzentrum „Wabe“, Prenzlauer Berg, wir sitzen am Bartischchen zwischen der Flügeltür zum Lesesaal und dem Buffett einer lächelnden Südamerikanerin, Sonnabend nachmittag und wir haben eben die ersten vier Teilnehmer des 13. open mike gehört.

Viele haben seit 1993 hier gelesen, jedes Jahr gewannen drei der eingeladenen Jungautoren; ein großer Teil davon hat auf diesem Weg eine literarische Laufbahn begonnen, die der eigenen Preisträgerschaft Recht gab. Manche der Gewinner dieser 12 Jahre sind mir sehr wichtig: Terézia Mora, Preisträgerin 1997, ihre Geschichten im Grenzland zwischen Ungarn und Österreich und in diesem Jahr ihr erster Roman „Alle Tage“, ein handwerklich schillerndes Kraftpaket über die Sprache, einen Einwanderer mit einem besonderen Gehirn und über das Vergessen. Markus Orths, Preisträger 2000: seine Kurzgeschichten bei Tropen, die Museumsräume, in denen der Regen nicht aufhört. Angefangen hat es nicht selten hier, vor dem Mikrofon, mit feuchten Händen und unter den Augen einer Jury aus Verlagslektoren und namhaften Autoren, nicht selten selbst ehemalige Preisträger des open mike wie etwa Karen Duve vor zwei Jahren. In diesem Jahr setzt sich die Jury aus Katja Lange-Müller, Peter Stamm und dem Lyriker Lutz Seiler zusammen. Lange-Müller und Stamm haben während der gesamten ersten Runde Kette geraucht, was sich bis zur Preisverleihung nicht ändern sollte. Lange-Müller murmelte in regelmäßigen Abständen vernehmlich vor sich hin, und außer mir schrieb das wieder nur die BZ auf.

In diesem Jahr will ich mir alles genau ansehen, die Lektoren und die von ihnen ausgewählten Teilnehmer, ich will gute Texte hören und den Juroren ins Gesicht schauen, wenn sie abwägen, welche drei Autoren eine Auszeichnung verdienen, die sie von heute auf morgen zu Vorzeigekindern von Presse und Verlagswelt macht. Und: ich begleite Carl-Christian Elze, Student am Literaturinstitut Leipzig und einer von drei eingeladenen Lyrikern in diesem Jahr. (Ich setze auf ihn, nebenbei.) Rusalka ist auch mitgekommen, auf ihrem Teller liegen verstreute Geflügelknochen, sie legt die Serviette zur Seite und sieht zufrieden aus. Hör gut zu, was sie alle reden, sagt sie, dann weißt du mehr. Eine große Frau kommt durch die Flügeltür, sie kommt mir bekannt vor, ihre Hand liegt auf der Schulter eines Teilnehmers, der seinen Beitrag eben hinter sich gebracht hat, sie sagt vernehmlich: Erfrischend, hat mir wirklich gut gefallen, warum melden Sie sich nicht einfach demnächst bei mir, erfrischend.

Doch. Der Messecharakter ist unübersehbar. Er verteilt sich als Händedruck in den kleinen Räumen des Kulturzentrums, er springt in den Gesprächen über und hinterlässt den Eindruck, dass es hier nicht nur darum geht, das Seltene herauszusieben, das einen in Überraschungen stürzt und die eigenen Gewissheiten kippen lässt, wie Wallstein-Lektor Thorsten Ahrend es formuliert. Nicht ausschließlich. Zu den Hauptfiguren in jedem open mike gehören auch die Verlagslektoren, die die TeilnehmerInnen persönlich ausgewählt haben und betreuen, in den Pausen regieren die Literaturscouts, Agenten und Kritiker, alle auf der Suche nach dem besonderen Stil, aus dem sich Bücher machen lassen, die sich gut verkaufen, richtig gut. Auch wenn die Entscheidung der Juroren im so genannten Turmzimmer fällt; dieser Wettbewerb findet nicht im geschützten Raum eines schlafenden Schlosses statt. Es ist eine knallharte, aber aussichtsreiche Angelegenheit: Preisträger oder nicht, es geht um die richtigen Telefonnummern, die ein junger Autor braucht, um aus dem eigenen Schubladenwald heraus und schließlich zu seiner Leserschaft zu finden. Herausragende Texte sind eine Voraussetzung. Eine andere ist, sie so vorzutragen, dass sie im Gedächtnis derer hängen bleiben, die in den Pausen Visitenkarten verteilen. Das gehört dazu, und das open mike ist eines der besten Foren für genau diese Zwecke. Aber es ist auch anstrengend. Rusalka unterbricht mich: B sieht viel charismatischer aus als auf dem Pressefoto. Ist das überhaupt B?

Dass es nicht einfach ist, seinen Text so vorzulesen, dass in den Pausen genau die Dinge passieren, die man sich wünscht, liegt auf der Hand und war den meisten Wettbewerbsteilnehmern anzusehen. Hände blieben auf Manuskriptseiten kleben, Münder waren ausgetrocknet, mehr als eine Stimme zitterte hörbar. Aber, und das kommt allen Beteiligten zugute, dieser Wettbewerb beruft sich nicht nur namentlich auf das US-amerikanische Leseshowbusiness, das sich im deutschen Raum längst zu einer eigenen Literaturform etabliert hat. Zwar funktioniert das Berliner open mike nach den festen Regeln des Literaturbetriebs und nicht nach denen eines offenen Mikrofons im Wortsinn, seine Teilnehmer sind aber durch diese Verschiebung der Literatur in den oralen Bereich geprägt, ganz gleich, ob sich unter ihnen ehemalige Slammer befinden oder nicht. Die Jahrzehnte, in denen der Beruf des Schriftstellers ausschließlich im Verfassen guter Literatur bestand, sind vorbei. Dass sich aus diesem Einzug der Literatur auf den Bühnen auch ein neues Berufsbild junger Autoren ergibt, konnte man fast ausnahmslos allen Teilnehmern des open mike anhören. Das erleichterte die Sache: vor ihnen saß ein hochkonzentriertes Publikum, dass bei aller Strenge und Geschäftigkeit mit der wirtschaftlichen Seite der Angelegenheit vor allem eines hatte: Spaß am Zuhören. Zwei Nachmittage, vom ersten bis zum achtzehnten Autor hatten sie alle die volle Aufmerksamkeit ihrer Leserschaft, und die hatten sie verdient.

Der erste Lesende am Sonnabend: PATRICK FINDEIS mit seinem Text Heute Abend Gute Nachricht. Findeis studiert am Literaturinstitut in Leipzig, wo er Mitherausgeber der Jahresanthologie Tippgemeinschaft ist. Ich kenne den Text aus dem Seminar und bin also zum zweiten Mal angetan über das Nüchterne dieser Geschichte von der Schweigsamkeit zwischen einem Jungen, der gerade einen Entzug hinter sich hat, und seiner mit der Lage überforderten Mutter. Patricks zurückhaltende Leseweise, das Fußtappen des einen auf dem Küchenboden, die kaputten Nerven der anderen, das gemeinsame Essen als letzter Pfeiler des Familienlebens. Es ist ein guter Start, die Messlatte liegt hoch, von vornherein.

CARL-CHRISTIAN ELZE hatte im Losverfahren um die Reihenfolge der Lesenden die Nummer vier gezogen, er las als letzter der ersten Samstagsrunde. An zentraler Stelle seiner fünfzehn Minuten stand das familienalbum, sechsteiliger, autobiographischer Zyklus über seinen Großvater, der nach dem Krieg nach Russland geordert wurde, um dort an russischen Raketen mitzubauen. Der leise Vorwurf des Lektorats, den jungen Autoren fehle es an historischem Bewusstsein und, oft gehört, politischem Blickwinkel, fand in Elzes Gedichten keinen Boden unter den Füßen. Gleichzeitig legten seine wortsalvenartigen Wechsel im Metrum eine Anspannung in seine Erzählgedichte, dass sie ihre traditionsbewusste Grundlage nicht verlassen mussten, um neuartig zu sein.

Dass eben dieser oft beklagte Mangel an Weltsicht nicht immer ein Wegweiser zu wirklich guter Literatur sein muss, testete SOMA AMOS in der ersten Leserunde am Sonntag mit einer Gedichtauswahl aus, die sich den Vorwurf gefallen lassen muss, mit Hilfe stilistischer Provokationen über die Eindimensionalität der Bildebenen hinwegzuflunkern.

Sicher nicht mit dem Prädikat politisch ausgezeichnet, dafür aber mit einer Gelassenheit im Sprachgestus, der dadurch nichts an seiner Präzision verlor, las KATHARINA BENDIXEN ihren Text Nur Italien, nur eine Straße – die Geschichte von einer, die auf der Landstraße allein gelassen wird, um einen Liebesbeweis zu erbringen, „einen richtigen Beweis, mit Körper und allem.“ Im September dieses Jahres gewann Bendixen mit diesem Text den Online-Debütpreis des Poetenladens. Spricht das für den Poetenladen oder für das Open Mike? Rusalka lachte. Für Katharina Bendixen natürlich.

Zweiter und ebenfalls aus dem Mund der älteren Generation nicht neuer Kritikpunkt an den Wettbewerbsteilnehmern war die auffallend geringe Zahl experimenteller Texte, die es in die engere Auswahl der 18 Eingeladenen geschafft hatte. Ahrend, der unmittelbar vor der Preisvergabe die letzten Worte des Lektorats sprach und die Nerven der gespannten Zuhörerschaft damit auf eine Zerreißprobe stellte – aber das gehört zur Show – deutete diese Tatsache als offenkundigen Mangel an Mut zur Provokation. Rusalka sah mich an, ich sah zu dem Typen von der Freien Presse neben mir, der die Stirn runzelte, und hatte plötzlich Lust aufzustehen, genau jetzt, und ein Banner hochzureißen, auf dem steht: You needn't to be new to be new.

Prompt erhielten auch die einzigen Autoren experimenteller Prosa die beiden zweiten Plätze. DAGRUN HINTZES Text Ich schreibt Anima beruft sich gekonnt auf eine jelineksche Exempelhaftigkeit ihrer Hauptfiguren: eine ausgestellt banale Liebesgeschichte zwischen einem Ich und einem Du, deren Wirkung auf den Konsens der Leserschaft, das Wir, im Kolumnenstil untersucht wird. JÖRG ALBRECHT trat eher ungewollt den Beweis an, dass auch eine unklare, aber immerhin experimentelle Sprechperfomance (während seines Vortrags spielte er Teile seiner Geschichte mit einem alten Aufnahmegerät ein) nicht über die hohe Textqualität hinwegtäuschen kann. Der Erzähler beschränkt sich auf einen Kamerablick mit voll aufgedrehtem Zoom: Im Sauerstoffblond einer Verschwundenen, in der kaputten Brille eines Freundes, in der Hitze eines amerikanischen Sommers, der keiner ist, weicht er die Abwesenheit von eigentlicher Figur und Motiv auf: Hier wird etwas vorausgenommen. Hier wird etwas wiederholt. Dass die nicht prämierten Texte von nicht minderer Qualität waren, spricht nicht gegen die Preisträger, aber es deckt ein steigendes Bedürfnis der älteren Generation in der Jury und im Lektorat nach Experiment und nach Politik im Text.

Um so erfreulicher also, dass LUCY TANJA FRICKE mit Winken bis nach Buenos Aires den ersten Preis des diesjährigen open mike gewann und damit ein Bedürfnis der jüngeren Autorengeneration nach solider, eindringlicher und schlichter Erzählweise bestätigte. Auch Fricke studiert am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, wie Patrick Findeis ist sie Mitherausgeberin der Tippgemeinschaft. Dass das Literaturinstitut keine Fußballmannschaft ist, die möglichst viele Spieler einsetzt, um möglichst viele Tore zu schießen, sondern offensichtlich gute AutorInnen an den Seminartischen sitzen hat, hat sich schon seit Rene Bechers Preis im letzten Jahr herumgesprochen und bestätigt sich auch mit Lucy Fricke. Dass es ihr darüber hinaus aber auch gelungen ist, ihre Geschichte von einer Frau, die zu ihrem krebskranken Vater fährt, um sich von ihm zu verabschieden, derart eindringlich klingen zu lassen, liegt an den sparsam eingesetzten Mitteln: ohne viel Hokuspokus hält sie sich an einen schlichten und traditionsbewussten Erzählton, der eben darum glaubwürdig ankommt. Trotzdem, einen Kratzer hatte ihr Text bezeichnenderweise da, wo die Sache irgendwie doch ausgestellt politisch wird: im Aidstod des Stiefbruders der Hauptfigur. Auf der amerikanisch-morbiden Leinwand dieser Geschichte wirkt genau das wie eine Schicht Farbe zuviel.

Es ist schon lange dunkel geworden vor der „Wabe“, es fällt nur spät auf. Ein Rest Presse steht verstreut in der sich auflösenden, müden Menge, man verbreitet schon die Ergebnisse des 13. open mike in den Abendtickern; wer noch hier ist, telefoniert. Lucy Fricke trägt ihre Sachen zum Turmzimmer, wo jetzt mit den Juroren Sekt getrunken wird, sie lächelt und sieht müde aus. Carl-Christian Elze ist an meiner Seite, sieht erleichtert aus und hat schon die Autoschlüssel in der Hand. Nein, wir hatten keine Helden. Keine Überflieger unter den Preisträgern im 13. open mike. Das spricht nicht gegen die Preisträger. Das spricht eher für die guten Texte der Teilnehmer, von denen sich abzuheben keine Leichtigkeit gewesen ist. Im Zweifel für – Rusalka stellt sich zu uns und lacht: Es war alles ganz anders, als wir gedacht hatten! B war ein anderer.

Preisträger
Von links nach rechts: Jörg Albrecht, Dagrun Hintze,
Lektorin Kerstin Gelba, Lucy Fricke (13.11.2005)
© gezett.de

open-mike 2006 | Bericht von Katharina Bendixen
open-mike 2007 | Bericht von Anjo Schwarz

Ulrike A. Sandig   27.04.2008    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen