poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Karen Duve
Grrrimm (Grimm)

Keine Rosen, nur Gestrüpp

Nicht immer märchenhaft: Karen Duve schreibt die Grimms neu
  Kritik
  Karen Duve
Grrrimm (Grimm)
Galiani Berlin 2012
152 Seiten, 19,99 €

Das Buch bei Amazon  externer Link


Irgendwie sind alle verdorben. Der Vater der „Froschbraut“ ist ein Gangs­ter, der mit seiner Tochter im Luxus­haus lebt und einen auto­ritären Erzie­hungs­stil pflegt. Der Zwerg ist ein raffgieriger und hinter­hältiger Klein­wüchsiger, der in „Zwer­genidyll“ seine Körper­größe mit ausgeprägtem Domi­nanz­verhalten kompen­siert. Rot­käpp­chens Familie in „Grrrimm“ ist gewalt­bereit und asozial. In Karen Duves Ver­sionen einer Aus­wahl der Grimmschen Märchen herr­schen Gemein­heit, Geiz und Lüge. Alles wenig erbau­lich. Doch dass Karen Duves Märchen­adap­tionen nicht aus Zucker­watte sind, war zu erwarten.

Rotkäppchen: eigentlich Elsie, wird von ihren Geschwis­tern gedisst und Feuer­an­zünder oder Blut­beule genannt. Mutter: Säuferin und Ex-Knasti, schlägt gern mit dem Leder­gürtel zu. Vater: herum­wimmernder Taugenichts. Das Leben ist hart, die Sitten verroht. Und dann kommen die Wölfe. Sie holen den Müll. Niemand sonst befreit diesen Ort von Spuren mensch­licher Zi­vili­sation. Seit die EU-Gelder aus­bleiben, versucht die Regie­rung zu sparen wo es geht. Die Müllabfuhr kam das letzte Mal vor Wochen und seit kurzem fällt auch noch täglich der Strom aus. In diesem Berg­dorf lebt Elsie mit ihrer Riesenfamilie. Sie bewoh­nen eine „Holz­baracke, durch deren Bretter der Wind pfeift“. Elsie hat das Leben nichts geschenkt. Doch irgend­wann hat sie die Gänge­leien der Ge­schwis­ter satt und schlägt zurück. „Und weil es sich so gut anfühlte, das zu tun, schlug ich sie gleich noch einmal und noch einmal, rechts, links, rechts, klatsch, klatsch, klatsch.“ Elsie verlässt ihr Eltern­haus und flieht in den Wald zur Groß­mutter. Wie sich heraus­stellt, ist die seit 30 Jahren als Wer­wolf unter­wegs, wird jedoch bald selbst von dem jüngeren Untoten Istvan erledigt, der darauf­hin die Groß­mutter in kleine Stücke hackt. Elsie und ihr Ver­ehrer Stepan nehmen den Kampf auf. Stepan zwingt die Hände des Un­toten in einen Schraub­stock und prügelt an­schlie­ßend mit einer Eisen­stange auf ihn ein, bevor Elsie ihm mit einem Beil den Kopf abtrennt, „eine Menge Blut sprudelt aus seinem Hals“. Das kann mit jedem Splatter­movie mit­halten.

Für ihre Sozialkritik im Märchengewand mixt die Autorin literarische Mittel. Realis­mus paart sich mit Komik und Phan­tastik: die goldene Kugel der Gangster­tochter wird von einem in einen Frosch verwan­delten Poli­zisten vom Teich­grund geholt, Rot­käpp­chens Brüder spie­len Com­puter­spiele und Schnee­witt­chen und ihr Prinz lassen sich nach einem Jahr scheiden, er könne nicht „bei einer Frau liegen, die wochen­lang mit sieben Männern (...) in einer Hütte im Wald zusammen­gelebt hätte, das müsste jeder ei­nsehen.“ Die titel­gebende Geschich­te setzt Maß­stäbe. Die anderen Märchen­varia­tionen können nicht immer mit­halten, Figuren bleiben blasser, die Hand­lungen näher an den Ori­ginalen und zuweilen geht es haupt­sächlich um die Ent­zau­berung der Märchen­welt. Platte Kalauer bleiben nicht aus.

Viel wichtiger ist jedoch, dass Duve das Märchen in einer Realität ankommen lässt. Ermög­licht die stereotype Per­sonage im klassi­schen Märchen ein­fache Gegen­über­stel­lungen von Gut und Böse, sind die Figuren in „Grrrimm“ mit Be­sonder­heiten aus­gestattet. Rotkäppchen ist kein namen­loses Inven­tar und der Wolf kein böser Wolf, nur damit schlussendlich die Moral­keule ge­schwun­gen werden kann. Elsie wirft die verhasste, rote Kappe ins Feuer und nimmt es mit einem Zombie auf. „Grrrimm“ ist die Ge­schichte einer Emanzipation. Auch die anderen weib­lichen Figuren teilen aus. Schnee­witt­chen lässt den per­versen Zwerg ab­blitzen und schnappt sich den Prinzen. Die Tochter des Gangs­ters verliert ohne Augen­zucken ihren Vater an die Polizei. „Wie kalt und herzlos du bist.“ „Was er­wartest du, ich bin deine Tochter.“ Ob sie herzlos ist, oder nur die Spielregeln ver­standen hat, das stellt Karen Duve zur Disposition. Die Autorin verhandelt, was gesell­schaft­liche Umstände her­vor­bringen, wer der böse Wolf ist, wenn domes­ti­zierte Wolf­hunde von mensch­lichen Werwölfen zer­fleischt werden. Wer lehrt hier wen das Fürchten? Auch Elsie wird ein Wer­wolf sein, „da hat Großmutter mich noch schnell ge­bissen“. Man kann ja nicht einfach aus dieser Welt heraus, in die man geboren wurde. Mit „Grrrimm“ hält die exis­ten­zielle Trost­losig­keit Einzug in die Scheinwelt der Märchen. Hier gibt es keine Rosen­ranken, nur Gestrüpp und braune Tümpel, Gewalt, Leere und Einsam­keit. Karen Duve psycho­lo­gisiert und seziert, befreit die Märchen­klassiker vom schwarz-weißen Schleier, färbt sie grau, macht sie bitter, macht sie „grrrimm“.

Zuerst veröffentlicht in der Literaturbeilage der Jungen Welt, 10.10.2012

Peggy Neidel   23.10.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Peggy Neidel
Lyrik