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Simone Unger
Echte Autoren und falsche Hasen
Ein Versuch über subversive Elemente im Literaturbetrieb
mdr wettbewerbBachmann-WettbewerbLiterarischer März
Pünktliches Schreiben

Der Weg zum Erfolg beginnt mit Disziplin. Mit Mäßigung, Ordnung und vor allem Pünktlichkeit. Egal ob Manager, Sportler oder Autor. Zehn Seiten à maximal 60 Zeilen, unveröffentlicht, einzureichen bis zum 31. Januar für den MDR-Literaturpreis, zum 16. Februar für den Bachmannpreis und zum 30. April für ein Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds. Wer als Autor Erfolg haben will, der muss sich Terminen beugen und seinen Text den Ansprüchen derer anpassen, die ihn fördern.

Déformation professionelle

Trotz jährlicher Kürzungen ist die Literaturförderung in Deutschland vergleichsweise hoch. Das Goethe-Institut ermittelte für Literaturpreise Ausgaben von rund 3,5 Millionen Euro im Jahr 2000 und zählte insgesamt 1331 Einzelvergaben. Die Höhe dieser Förderung hängt mit ihrer Bedeutung für den Literaturbetrieb zusammen: Literaturpreise sind die Membrane zwischen Außenwelt und Betriebskosmos, durch die erfolgversprechender Nachwuchs diffundiert. Bei soviel termingeschäftlicher Nachwuchsförderung drängt sich manchem Teilnehmer (und noch mehr einem Beobachter) der Verdacht auf, dass sich die Schreibmotivation an den Wettbewerbsdeadlines orientiert. Déformation professionelle würden die Betroffenen sagen. Banale These die jurierenden Insider.

Ausdauerndes Schreiben

Literaturagenten, Lektoren und Kritiker suchen stets eifrig nach immer neuen Stoffen und Motiven, literarischen Wenden und neuen Schreibstilen. Nicht jedoch nach einer neuen Autorenrolle. Der soll sich gut vermarkten lassen und dabei noch gut, wahr und schön sein. Gibt ein Autor freimütig zu, den Beitrag für einen Wettbewerb kalkuliert zu haben, ist die Empörung groß. Der Ernst der Autorenarbeit wird untergraben, der Literaturbetrieb fühlt sich verspottet.

Bachmannpreisträgerin Kathrin Passig schuf 2006 einen Präzedenzfall, als sie, die im ehernen Literaturbetrieb ein ungeschriebenes Blatt war, zugab, den Gewinnertext so humorlos wie möglich gestaltet zu haben, da ernste Beiträge besser bei der Jury ankämen. Plötzlich tauchten Fragen zum Thema Passig auf, wie: Ist überhaupt von einem Autor zu sprechen, wenn er mit taktischem Kalkül arbeitet? Eine reine Fingerübung sei das gewesen, kritisierte Jana Hensel und aberkannte Kathrin Passig die wahre Autorenstimme. Es scheint also, dass nicht nur der Text an sich zählt, sondern auch die Glaubwürdigkeit, mit der ein Autor ihn präsentiert. Die zu bemessen ist wiederum Aufgabe betriebsinterner Kritiker. Autor wird man schließlich nicht. Zum Autor wird man gemacht.

L`auteur, c`est moi!

Um als glaubwürdiger Autor eingestuft zu werden, bedarf es Ausdauer, Disziplin und Ernsthaftigkeit. Nur so wird allmählich das Vertrauen der Kritiker gewonnen. Platzt allerdings jemand herein mit den Worten „Das kann ich auch!“, gerät das ganze System in Gefahr. Schließlich könnte dann jeder mit etwas Taktiktalent kommen und sich als Autor präsentieren. Auch wenn der Autorenbegriff inzwischen überholt scheint, wird er von denjenigen verteidigt, die von ihm leben müssen. Das sind vor allem die ernsthaften, also die „wahren“ Autoren. Sie tragen dazu bei, dass jeder neu aufgenommene Betriebsteilnehmer seinen Beruf als Berufung versteht. Ist der talentierte Jungautor erst mal im Betrieb untergekommen, kann seine Professionalität bisweilen dazu führen, den Schreibprozess selbst zum Thema seines Werkes zu machen. Déformation professionelle würden diese Autoren wahrscheinlich sagen. Anderen allerdings erscheint der Betrieb langsam als ein künstlich geschütztes Biotop.

Ironische Autoren

Fragt man Kathrin Passig selbst nach ihrer Position, bezeichnet sie sich als „Autorin wider Willen“. Schließlich hat ihr der Preis nicht nur die gewünschten 25.000 Euro eingebracht, sondern auch Verträge mit dem Rowohlt Verlag. Zwar habe sie viele Ideen für Sachbücher, jedoch wenige für einen Roman. Anstatt Schreibmotivation zu simulieren, bekennt sie sich zur fehlenden Intention. Damit gleicht das Phänomen Passig einem Virus im System, der sich eingeschlichen hat, um den Betrieb aufzumischen und nebenbei bekannt und reich (besser gesagt: nicht arm) zu werden.

Kathrin Passig wird zu etwas wie einer „ironischen Autorin“: Frei nach ihrer Scheinarbeit bei der „ironischen Firma“, der Zentralen Intelligenz Agentur, einem Künstler-Netzwerk, das als quasi selbstkonstituierendes System darauf setzt, dass alle irgendwann davon erzählen. An der Schnittstelle zwischen Kunst und Unternehmen existieren verschiedenste Formen virtueller Scheinfirmen, vor allem mit dem Ziel, zu irritieren. Während bei nachgebauten Internetseiten von Firmen allerdings der Richter im Zweifelsfall über die Grenze zwischen Wahrheit und Fälschung entscheiden muss, legen im Literaturbetrieb die anerkannteren Mitglieder fest, wer von den weniger anerkannten ein wahrer Autor ist.

Demontage als Programm

In diesem Sinn feiert die Wettbewerbskultur weniger ihre Preisträger als vielmehr das eigene, allmähliche Versinken in Bedeutungslosigkeit. Damit eignen sich die Wettbewerbe hervorragend für subversive Unterwanderung. Die Ernsthaftigkeit der Juroren und Kandidaten ist es, die immer wieder Künstler zur Rebellion anstiftet. Nicht auszudenken, welche Autoren dieses Jahr aufbegehren, sollte wieder ein Querläufer versuchen, den Literaturbetrieb bloßzustellen. Vielleicht schleust sich 2007 ein komplett gefakter Literat mit einem computergenerierten Text ein, der nach dem Bachmann-Preis ein Enthüllungsbuch herausbringt, in dem er die Kommunikationswege für die Kandidatur enthüllt.

Zum Selbstschutz könnte eine interne Verjüngung auch der Wettbewerbsabteilung nicht schaden. Wie wäre es mit einem „ironischen Literaturbetrieb“!?

Der heilige Kandidat

So fest die Literaturförderung mit ihren 1331 Preisen jährlich im deutschen Literaturbetrieb verankert scheint, so brüchig erwiese sich das System, würde es den Glauben an die Autorenschaft verlieren. Um bestehen zu können, ist der Literaturbetrieb von der Ernsthaftigkeit seiner Autoren abhängig. Ist die Ironie zwar für rebellische Künstler geeignet, würde sie für Institutionen Selbstauflösung bedeuten. Die müssen sich ernst nehmen, um das eigene Fortbestehen zu legitimieren. Daher ist der Literaturbetrieb wie jedes andere Unternehmen bei seiner Förderung umso stärker angewiesen auf disziplinierte, das heißt auf fleißige, ernsthafte und glaubwürdige Kandidaten. Totale Deformation? Das ist der Preis.

Simone Unger      23.01.2007      Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

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Prosa