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Kaufen! statt lesen! Literaturkritik in der Krise?
Herausgegeben von Gunther Nickel

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Gunther Nickel (Hrsg.) | Kaufen! statt lesen!
Gunther Nickel (Hrsg.)
Kaufen! statt lesen!
Literaturkritik in der Krise?
Wallstein 2006 (2005)

Das Buch bei Amazon  externer Link
Literaturkritik steht wieder einmal im Kreuzfeuer ihrer selbst und betreibt Nabelschau im Namen der Selbstkritik. Schuld daran ist die sich ständig vervielfältigende mediale Öffentlichkeit, die die Relevanz der klassischen Literaturrezension in Frage stellt. Welche Position also für die altmeisterlichen Kritiker des Feuilletons bleibt, hat eine Podiumsdiskussion über Literaturkritik in der Krise auf der Leipziger Buchmesse zu bewerten versucht. Das Gespräch ist nun als Nachdruck mit dem Titel Kaufen! statt lesen! im Wallstein Verlag erschienen. Herausgekommen ist eine Selbstbespiegelung, die den Status der ehernen Literaturrezension zu verteidigen sucht.

Denn schuld an der Krise sei auch die Literaturkritik selbst, betonte Daniel Kehlmann 2002 in einem Vortrag und kritisierte darin die fehlenden eigenen Maßstäbe der Literarturkritik, die allenfalls Einfluss, aber keine Bedeutung mehr erlange. Auf diese Anklage bezieht sich Literaturkonferenzleiter und Herausgeber des Buches Gunther Nickel in seinem Vorwort und leitet darin das Nischendasein der Literaturkritik an der Geschichte ab. In Verteidigung gegen Daniel Kehlmanns Kritik verweist er auf ihre akute Existenzgefährdung.

Schuld sind die leserorientierten Kurz- und Kundenrezensionen, die die klassische Literaturkritik als Institution von ihrem Platz verdrängt haben. Von einer unterhaltungsorientierten Literaturvermittlung distanziert sich nicht nur Gunther Nickel. Im anschließenden Gespräch sind sich auch Ina Hartwig (Frankfurter Rundschau) und Tilman Krause (Die Welt) einig, dass man schließlich für eine Minderheit schreibe. Doch auch diese würde langsam wegbrechen. Schuld sei also das fehlende Bildungsbürgertum.

Einigkeit besteht aber vor allem über die sinkende Fachkompetenz der Journalisten. Schuld daran nun: Die Bildungsmisere. Gut schreiben könne ja heute jeder Idiot, so Krause. Was fehlt, sei die literarische Bildung.

Die einen nennen es also einen Niedergang, die anderen ein Gesundschrumpfen des Literaturbetriebs. Dazwischen gibt es großen Handlungsspielraum, den man zum Beispiel nutzen könnte, um sich neuen journalistischen Formaten zu nähern, wie es Thierry Chervel (Perlentaucher) fordert. Das literarische Feld hat sich verändert, dabei können die neuen Medien nicht übergangen werden. Schließlich finde, so Chevrel, inzwischen literarische Öffentlichkeit auch bei Amazon statt. Schuld sei seiner Meinung nach vor allem der Ereignis-Feuilleton, in dem „Walser-“ und „Suhrkamp-Affären“ zeigten, dass das Milieu unglaublich im eigenen Saft koche.

Egal, wo die Schuld liegt, und was dazu beigetragen hat, dass die klassische Literaturrezension auf dem Rückzug ist. Die Sorge um die gesellschaftliche Relevanz sollte weniger in Podien diskutiert, als in der Literatur selbst zurückerobert werden. Auch darüber ist man sich einig: Zurück zu den Büchern, zur Leidenschaft für Literatur, zurück zu uns.

Wer davon träumt, ins professionelle Literaturgeschäft einzusteigen, für den ist dieses Buch sicherlich interessant, um zu sehen, dass das Kritikerdasein weniger einen Beruf, als einen selbstquälerischen Charakterzug beschreibt.

Simone Unger     05.12.2006    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

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Prosa