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Dietmar Ebert (Hrsg.)

Das Glück des atonalen Erzählens – Studien zu Imre Kertész

Begegnung mit Kertész

Kritik
  Dietmar Ebert (Hrsg.)
Das Glück des atonalen Erzählens
Studien zu Imre Kertész
Mit Fotoessays von Jürgen Hohmuth
Dresden: Edition Azur
416 Seiten, 24,90 Euro

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Das Grauen fordert zur Dokumentation heraus, es beein­flusst in sarkas­tischer Weise seit jeher die Werke bedeutender Künstler. Was den Schrecken der Konzentra­tions­lager betrifft – er hat den Anstoß für eine ganze Reihe auf­rütteln­der Bücher geliefert. Martin Straub, einer der Nestoren der thürin­gischen Literatur­szene, sprach im Hin­blick auf das wohl symbolischste, dem Kultur-Mythos Weimars ent­gegen­gesetzte Lager seiner­zeit von einem »Dichterhaus Buchenwald« diese frühe Erfahrung sollte auch das gesamte Werk des ungarischen Erzäh­lers und Es­sayis­ten Imre Kertész prägen. Dessen langer Weg in die Öffent­lichkeit konnte sich im letzten Jahrzehnt dank höchster Eh­rungen konsolidieren, es wäre einem »Fiasko« gleich­gekommen, diesen Vertreter der Welt­literatur, der als Jugend­licher die Höllen von Auschwitz, Bu­chen­wald, Rehmsdorf über­stand, nicht gebührend zur Kennt­nis zu nehmen.
  Der Jenenser Kulturwissenschaftler und Autor Dietmar Ebert hat sich jahrelang mit dem großen und singu­lären Werk des ersten unga­rischen Lite­ratur­nobel­preis­trägers befasst, und er hat Lite­ratur­wissen­schaftler, Weg­gefähr­ten und Bewun­derer Imre Kertézs' zur Mitarbeit ein­geladen. Heraus­gekommen ist ein Kompen­dium über ein erschüt­terndes, reiches, beein­dru­ckendes Œuvre, das von frap­pierender Ge­nauig­keit ist und stilis­tische Paral­lelen zur Musik des zwan­zigsten Jahr­hunderts aufweist.
  Dabei kommen neben dem Herausgeber, der zugleich der Haupt­autor der Mono­grafie ist und durch das erzählerische wie essayistische Gesamt­werk des Ungarn mit fun­dierten, tief lotenden Auf­sätzen führt, zahlreiche, berufene wie pro­minente, Stimmen zu Wort. So berich­tet László F. Földényi von den Schwierig­keiten Kertesz', die er ange­sichts seiner zunächst als »einseitig« und nicht »reprä­sentativ« für sein Land apos­trophier­ten Bücher zu beste­hen hatte. Ilma Rakusa unter­sucht in ihrem Aufsatz die Ambivalenz des Lachens im »Galeeren­tagebuch«, in »Fiasko« und »Kaddisch für ein nicht geborenes Kind«, während Ingo Schulze den Einfluss von Imre Kertész auf das eigene Schreiben verdeutlicht. Bei­gegeben sind ein Gespräch mit Lothar Csoßek, Leiter der Ge­denk­stätte in Rehms­dorf bei Zeitz, dem ehe­maligen Außenlager von Buchenwald, fünf Fotoessays von Jürgen Hohmuth und sogar der Ver­such, Kertész zu »kom­ponieren«: Stefan Litwins Adaption findet sich in Noten­beispielen ab Seite 199.
  Ebert zeigt, wie sich Kertész dem zentralen Gegenstand seiner Erwägung nähert, er be­schreibt, wie der »Roman eines Schick­sals­losen« einen alles andere als einfachen Weg nimmt, um in der Literatur den ihm längst gebührenden Platz einzunehmen. Symptoma­tisch, dass die erste deutsche Übersetzung des Buches in den Wende­wirren unter­gehen musste – erst eine zweite, neu in Angriff genommene Über­tragung bringt die dem Buch ange­messene Aufmerk­samkeit. Ebert dazu: »In der Tat über­schlugen sich die politischen und wirtschaftlichen Ereignisse, und kaum jemand war in der damaligen Zeit ruhig genug, um mit klarem Blick zu erkennen, dass 1990 ein Werk von welt­litera­rischem Rang erst­mals in deutscher Über­setzung vorlag.« Vor allem beweist Ebert die Wucht und Wirkkraft jenes als »atonales Erzählen« gekenn­zeichneten Stils von Kertész, der es erst möglich macht, über das Erlittene in einer kühlen, mental fast unbewegten Tonart zu sprechen. Mit hohem musika­lischem Kompo­sitions­willen, auch jenseits des Moralisch-Men­talen gibt Kertész die wohl ungewöhn­lichs­ten Einblicke in die mögliche Ent-Indivi­duali­sierung des Menschen, er gibt der Trennung zwischen Leib und Geist, um zu über­leben, so erst eine Stimme.
  Dieses Buch, das versucht, die Quintes­senz des Kertész'schen Werks aus nahezu jedem Blick­winkel zu er­fassen, ist nicht nur die ideale Ein- und Seiten­führung zu den Büchern des Wahl-Berliners, es sollte nicht nur als Standardwerk zur weiteren Öffent­lich­keit einer großen Schrift­steller­persön­lich­keit beitragen, sondern auch als Nach­weis für die Möglichkeiten indi­vidueller Aufarbeitung, Erfassung des katas­tro­phischen zwanzigs­ten Jahr­hunderts mit absolut beson­deren Mitteln dienen.

 

André Schinkel    05.06.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
André Schinkel
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