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Ulrich Greiners Lyrikverführer
Eine Gebrauchsanweisung zum Lesen von Gedichten

Ein Verführer alter Schule
Kritik
  Ulrich Greiners Lyrikverführer
Eine Gebrauchsanweisung
zum Lesen von Gedichten
C.H. Beck 2009
222 Seiten, EUR 14,90

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Eine neue Einführung in die Lyrik? Eins ist klar: Ein solches Buch muss sich ganz besonders anstrengen. Wer heute einen Verführer zu etwas nicht wirklich Populärem wie Poesie auf den Markt bringt, braucht – damit dieser gelesen wird – gute Gründe. Ulrich Greiner, ehemaliger ZEIT-Redakteur des Ressorts Literatur, zurzeit Kulturkorrespondent und Herausgeber von ZEIT-Literatur, zudem Mitglied des PEN-Zentrums, schrieb 2005 bereits einen recht erfolgreichen Leseverführer zur Lektüre von Romanen.

Welches Verführungspotenzial hat Greiners neues Buch? Äußerlich kommt der Lyrikverführer in nett aufgemachter Ratgeberoptik daher. Der Umschlag lässt eine Nachtkästchenlektüre mit Herz vermuten. Das Vorwort lädt zum Überblättern ein, danach beginnt der Einstieg etwas steif mit Homer und den ersten 10 Zeilen der Odyssee; doch wer hier schon begonnen hat, mit den Augen zu rollen, wird noch im selben Abschnitt mit Les Murrays Fredy Neptune (2004) als Beispiel für ein modernes Versepos überrascht. Also auf der Höhe der Zeit? Ein moderner Verführer gar?

Im ersten Teil des Buches wird in 7 Kapiteln jeweils eine These untersucht, was denn nun bitteschön ein Gedicht genau sei: Erzählung, Lied, Spiel, Gefühl? Im zweiten Teil werden dazu 11 Inter­preta­tions­beispiele gegeben; wie sich die Theorie aus dem ersten Teil praktisch anwenden lässt. Die Gedichte dazu sind meist alt­bekannte. In Teil 1 folgen auf Homer und seine Distichen bedeutende Dichter wie Wolfram von Eschenbach, Matthias Claudius u. a. Greiner bespricht anschaulich Schillers Ring des Polykrates, Theodor Fontanes John Maynard – was man so aus der Schule kennt, später dann weniger geläufige Texte von Walt Whitman, Conrad Ferdinand Meyer, Charles Baudelaire bis hin zur Jetztzeit. Allen Klassikern gewinnt Greiner die besten Seiten ab und gelangt so zu modernen Dichtern wie Paul Celan, Ernst Jandl, Rolf Dieter Brinkmann und zuletzt einigen Zeit­genossen. Die Analysen sind immer stichhaltig, handfest und in sich stimmig, die Fakten gut recherchiert. Man erfährt fast ganz nebenbei die Grund­lagen der Metrik: endlich weiß man (wieder), was ein Jambus, was ein Trochäus ist und wie Jamben in Sonetten verwendet werden. Anschaulich wird erklärt, was Hexameter sind und dass man dieses Wort tunlichst auf dem langen a zu betonen habe.

Anfangs im Altphilolo­gentenor, zwischendrin im charmant-launigen Schmö­ker­tonfall bis hin zu etwas hölzernem Lexikon­deutsch geht es dabei oft auch wis­sen­schaft­lich zur Sache. So stehen ab und zu (Fach-)Begriffe wie „meta­phorisch“ neben hoch­gestochenem Vo­kabu­lar wie „Akze­le­ration“ und „Apo­theose“ recht unver­mittelt da und lassen sich auch im spärlich ausge­fallenen Glossar nicht finden. In gelegentlich alt­väterlichem Plauderton wird der Text mit einem süd­deutschen „halt“ oder mit einem augen­zwin­kernden Über­zeugungs-Ja umgangs­sprachlich gespickt. „Das weiß man ja, dass Schönheit und das ›schöne Lieben‹ weniger objektive Sachverhalte sind als Formen der An­schauung“, schreibt Greiner zu einem Eichen­dorff­gedicht, „(…) Insofern ist der Titel, wie ja die Poesie überhaupt, auch nur ein Spiel, wenngleich ein ernstes“. Überraschende und auch humorvolle Wort­neu­schöpfungen wie „Kunst­anstren­gung“, „Gefühls-Gefühl“ oder gar „besser­wisse­rischeres literarisch gebildetes Tantentum“ ent­schädigen gewisser­maßen dafür. Dennoch ist das Buch im Großen und Ganzen genau und sorgfältig in seiner Wortwahl.

Das Kapitel Das Gedicht ist ein Spiel widmet sich sehr überzeugend dem Thema, inwiefern sich in Gedichten kreative Energien auf sehr spielerische Art entladen können. Gleichzeitig wird im selbigen Kapitel so manches Klischee bedient, sprach­spielerische Lyrik sei ja doch nur launig-spleenig-über­kandidelte Spielerei. Zu Ernst Jandls „ottos mops“ lesen wir: „Die Aufgabe bestand offenbar darin, ein Gedicht zu schreiben, in dem als einziger Vokal das ‚o' erlaubt ist“ – ganz als würden Dichter sich Texte als Aufgaben vornehmen. Weiter unten schreibt Greiner: „Man kann das sinnlos finden, und das ist es in mancher Hinsicht gewiss, aber es ist ein Beweis für die Autonomie der Literatur – und ein schönes Spiel. Kinder jedenfalls lieben dieses Gedicht“ – vermutlich zielte Jandls „mops“ exakt auf eben diesen verhärmten Blick des erwachsenen Poesie­lesers ab, der sich seiner Freude am Spiel schämt, sich deshalb über Kinder recht­fertigen muss oder sich sogar insgeheim ärgert, dass so etwas (scheinbar) spielend Leichtes als hohe Literatur gehandelt wird. Einige von Greiners Thesen wirken wie Verein­fachungen, mit denen der Lyriker von heute immer noch schwer zu kämpfen hat, wie beispielsweise auch die immer noch häufig gehörte These: „(...) und in der Tat ist ein lite­rarischer Text, der keinen Rhythmus hat, eigentlich ein mangel­hafter Text, es sei denn, seine Absicht liege gerade darin, mit dem Rhythmus­losen etwas Bestimmtes ausdrücken zu wollen.“

Als Begründer der Konkreten Poesie wird lapidar Eugen Gomringer genannt. Das ist korrekt. Indes hätte in einem Satz erwähnt werden können, dass nicht zuletzt von Anna Ovena Hoyers im Frühbarock und vermehrt im Hochbarock visuelle Gedichte geschrieben wurden und dass Kurt Schwitters und andere die direkten Weg­bereiter der Konkreten Poesie gewesen sind.

Was fehlt dem Lyrikverführer? Immer wieder die Frauen. Dunkel glaubt man sich zu erinnern, im Zusammenhang mit Dichtkunst doch schon von Namen wie Sappho, Annette von Droste-Hülshoff oder auch von Else Lasker-Schüler gehört zu haben? Abgesehen vom Vorwort wird das erste Mal auf S. 67 zumindest die Möglichkeit erwähnt, dass Frauen vielleicht, unter Umständen sozusagen, auch schon Gedichte geschrieben haben könnten. Zum Text aus dem Mittel­hoch­deutschen, Du bist mîn, ich bin dîn …, schreibt Greiner: „Wer immer das geschrieben hat (es war wohl eine Frau, Genaueres wissen wir nicht).“ Bei den Inter­pretationsbeispielen werden sodann Gedichte von Elisabeth Borchers und Nadja Küchenmeister besprochen. Der Rest ist gewidmet dem „alten Friedrich Hölderlin“, dem „große[n] Matthias Claudius“ oder Herrn Joseph von Eichendorff, „diese[m]r wunderbare[n] Dichter“. Ein Altherrenbuch?

Keine „alte“ Sibylla Schwarz, keine „große“ Gaspara Stampa, keine „wunderbare“ Louise Aston, auch keine Ingeborg Bachmann und keine Rose Ausländer. Es wird ausführlich das Sonett erklärt, aber die Ode (deren eine Strophenform übrigens von Sappho entwickelt wurde) als aus der Antike wiederbelebte Form kommt nicht einmal beim ausführlichen Abriss über Hölderlin vor. Denn auch sie erlebte spätes­tens durch Marion Poschmann im 21. Jahrhundert eine Renaissance.

Keine Judith Zander, keine Juliane Liebert. Es fehlen auch Ulrike Almut Sandig, Karin Fellner, Anja Utler, Uljana Wolf – um nur ein paar zu erwähnen. Dichtung demnach von den Anfängen bis heute eine reine Männer­domäne? Vertreter aktueller Dich­tung sucht man beinahe ver­geblich. Wo Gottfried Benn steht, darf Thomas Kling nicht fehlen. Durs Grünbein, Ron Winkler, Tom Schulz, Björn Kuhligk, Jan Wagner, Steffen Popp und viele andere scheinen nicht existent und am lyrischen und poeto­logischen Diskurs unserer Tage nicht beteiligt.

So wird der romantisch anmu­tende Topos, Lyrik sei Sprachrohr für das „Unsagbare“, der auch bei Greiner ungebrochen anklingt, im aktuellen Poesiediskurs wiederholt kritisch besprochen. Zur Erklärung, warum die Lyrik irgendwann den Schwenk zur Moderne vollzog, wird ein Zitat aus einem Buch des „großen“ Freiburger Romanisten Hugo Friedrich von 1956 herangezogen. Die Gedanken zeit­genössischer Poeten scheinen in diese Lyrik-Gebrauchs­anweisung kaum eingeflossen zu sein. Zu Wolf Biermanns Text Kleines Lied zu den bleibenden Werten lesen wir: „Vielleicht haben Sie die Chance, das Lied auf einer Schallplatte gesungen zu hören“, was im Zeitalter der Video­portale und Livestreams doch ein klein wenig altbacken klingt. Auch wenn es tatsächlich keine URL gibt, die genau diesen Song auswirft – Biermann­songs gibt es im Netz en masse.

Nicht alles ist hundert­prozentig. Einmal verzählt sich Greiner bei der Angabe von rhythmisierenden Worten, findet ein weiteres Mal zweihebige Jamben, wo keine sind und verwechselt einmal die Reimform. Doch Bücher beurteilt man in der Regel im Hinblick auf ihre Leser, inwieweit diese bei der Stange gehalten werden; gelingt dies – und es gelingt – kann man über die paar Ungenauigkeiten, die der Experte hie und da findet, großzügig hinwegsehen.

Erotik kommt in Ulrich Greiners Lyrik­verführer urplötzlich ins Spiel. Da ist zu Paul Gerhardts Text O Haupt voll Blut und Wunden zu lesen: „Selbst christ­lichen Lesern wird diese erotisch getönte Inbrunst seltsam vor­kom­men“, später wird man(n) animiert, sich bei einem Gedicht von Friedrich Hebbel in eine „heiter-anzügliche Stimmung“ zu bringen, und nicht zuletzt erlebt das lyrische Ich in einem Text von Clemens Eich „das kurze Aufleuchten einer homo­erotischen Neigung“. „Jung liebt es sich halt schöner“, schreibt Greiner in einer Erläu­terung zu Eichendorff.

Von einem nach wenigen Zeilen lyrik­liebes­toll machenden Poesie-Aphro­disiakum ist Greiners Buch gleichwohl weit entfernt. Dazu hätte der gegen­wärtige poeto­logische Diskurs wenigstens in seinen Eck­punkten einfließen können und sollen. Der Blick für zeit­genös­sische Lyrik wird nicht wirklich geschult, die Optik bleibt durchgängig konservativ. Der Greinersche Rezep­tionsknigge empfiehlt übrigens im Umgang mit Gedichten, man möge ihnen „hinter­her­schmecken“. Na dann, guten Appetit – man lasse sich also zur guten Lyrik verführen!

Fazit: als Einführung, für Leser, die sich zum ersten Mal mit Lyrik befas­sen möchten, ist der Lyrikverführer bestens geeignet: ein sehr solides Buch. Immerhin gelingt Greiner der Spagat, die Vorzüge von Poesie und Metrik der Leser­schaft kurz­weilig und mit Herz anzu­empfehlen. Immer wieder wird das Traditio­nelle mit interes­santen Beispie­len aus der Moderne kon­trastiert, was das Buch durchweg spannend macht. Manch einer mag sich freuen: Der alte tra­ditions­reiche Blick auf die Lyrik ist hier noch nahezu ungebrochen. Der Experte und alle bereits zur Lyrik Verführ­ten haben bei dieser Gebrauchs­anwei­sung wenig Neues zu entdecken und auch einen etwas bitteren Nach­geschmack.
Armin Steigenberger   26.01.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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Lyrik